Er hat Todesangst, mein lieber Herr Q. Heute ist Impftermin. Er ist einverstanden, aber die Angst hat ihn seit Tagen mächtig im Griff.
Todesangst. Man muss verstehen, dass sie ganz obenauf liegt bei Menschen, die sich aus eigener Kraft kaum noch orientieren können, ständig in dem Gefühl leben, nicht genau zu wissen, wer und wo sie sind, sich nur noch rudimentär verständlich machen können und jede Veränderung der Umgebung als bedrohlich für ihre mühsam zusammengehaltene Ordnung erleben.
Impfen? Früh aufstehen? Ausweis? Impfzentrum? Nichts dabei, was bekannt wäre und irgendwie vertrauenswürdig sein könnte. Dass es einen „kleinen Piekser“ geben wird, das allerdings weckt Erinnerungen. Herr Q. hat schon viel physisches Leid erfahren und hat vom kleinen Piekser bis zur großen Operation alle Formen der hilfreichen Verletzung seiner körperlichen Integrität erlebt. Er hat aber auch die zerstörerischen Varianten kennengelernt, Schläge von Russen, die seinen Vater verschleppt haben, die gewaltsame Vertreibung aus der Heimat, Übergriffe von Menschen, denen er anvertraut gewesen ist, und – vor allem seit die Demenz sich angeschlichen hat – entwürdigendes Verhalten, ignorierendes Kommunizieren und lieblose Abwehr derer, die ihn gerade umgeben haben.
Impfpieks? Um was für eine Art Verletzung wird es sich handeln? Uneinschätzbar für Herrn Q., nicht vorwegzunehmen, er hört von uns: „hilfreich“ und findet in sich nur ein Fragezeichen. Todesangst. Vielleicht wird er heute umgebracht.
Trotzdem geht er mit, er spürt, dass es richtig ist und signalisiert sein Einverständnis: Er ist kein Waschlappen, er hat schon anderes gemeistert in seinem Leben als das hier, was auch immer es ganz genau sein mag! Er will da durch!
Und dann finden ihn natürlich wie immer alle bezaubernd, er ist sofort der Held im Impfzentrum, für ein paar ewige Momente vergessen Ärzte und Helfer das Impfen, stehen einfach nur um ihn herum und flirten ihn an. Es ist seine Aura, unwiderstehlich!
Den Pieks hat er gar nicht gespürt. Und jetzt zu Hause, gerade eben am Frühstückstisch, hebt er so gut er kann den vom Parkinson gebeugten Kopf und fängt an zu singen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergeh‘n!“ Wir würden Fahnen schwenken, hätten wir welche da – bleibt nur: Mitsingen!!!
Eindeutige Impfempfehlung von Herrn Q.: gar nicht so schlimm!
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