Parkbaden

Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum es kein „Parkbaden“ geben soll, derweil „Waldbaden“ sich zu einem der Begriffe entwickelt hat, bei dem du deine Reputation riskierst, wenn du mit einem leisen Heben deiner Augenbraue andeutest, dass du keine Ahnung hast, wovon diese merkwürdige Vereinigung zweier assoziativ eher weit voneinander entfernter Wörter wie „Wald“ und „baden“ eigentlich sprechen will.

Während also an diesem sonnigen Sonntagmorgen vermutlich die halbe Nation mit Waldbaden verbringt, steht mir nur ein kleiner innerstädtischer Park zur Verfügung, um in eben jenen engen Kontakt mit der Natur zu treten, dem man mittels dieser Wortagglomeration gesundheitsfördernde, entschleunigende und allgemein roborierende Wirkungen nachsagt.

Ich komme in einem magischen Moment in meinen kleinen Park: Es ist noch sehr früh, das erste Licht der Morgensonne streift die Wiese, die Bäume, die hohen Gräser rund um den See. Wie ein schmaler Teppich liegt es auf dem vom Morgentau funkelnden Rasen, zeichnet ein Fenster auf das Wasser des Sees, schimmert durch einen kleinen Teil des leise sich regenden Blattwerks einer mächtigen Rotbuche, umspielt deren Stamm in seinem unteren Bereich mit tanzenden Figuren. Mein Blick bleibt fasziniert an dem einzigen Zweig einer ansonsten noch ganz im Dunkel liegenden Fichte hängen, der bereits vom einfallenden Sonnenlicht erfasst wird. Für einen Moment bin ich zutiefst … berührt. Und das im Wortsinn: ich fühle eine Berührung, es ist wie ein „hallo, grüß’ dich!“, ein Erkennen, ein Wiedersehen. Jede einzelne Nadel des kleinen Zweiges winkt mir zu, sieht mich, meint mich. Und dann …. veschattet sich das Ganze, wird irgendwie trübe, ist plötzlich nur noch ein von der Sonne hübsch beschienener Zweig. Ich weiß sofort, was passiert ist: Ich habe angefangen, über meine Berührung nachzudenken, und das „Licht“ ist sofort raus, das wahre Licht, für das die Sonnenstrahlen lediglich die Erinnerung gewesen sind. Die Erinnerung an das Licht der unmittelbaren Verbundenheit, die in dem Park wohl gerade dadurch in mir geweckt worden ist, dass ich staunend dieses und jenes und wieder ein anderes Detail der Landschaft … im immer selben Licht wie wach werden gesehen habe.

Als ich weitergehe, steht mir die Sonne im Rücken und wirft meinen Körperschatten auf eine Hecke vor mir. Das Licht hat jetzt eine scharfe Grenze, die von meinen Konturen gebildet wird. So leise und wie selbstverständlich schleicht sich der Schatten ein, der das Licht glaubt, begrenzen zu können. Und „ich“ bin es, der diese Grenze ist.

Wie, um mich erneut zu erinnern, tauchen vor mir zwei Fliegen auf, oder Motten, Mücken … ich kann sie nicht genau identifizieren. Sie sind ins Helle hineingeflogen und jetzt seh ich wahrhaftig vor Augen, was Wald-, Park- oder Lichtbaden bedeutet: Mit ihren scheinbar chaotischen Flugbewegungen kommen sie aus dem Dunkel ins Licht und verschwinden in ihm, tauchen auf, nähern sich einander, verschmelzen, trennen sich wieder, werden eins mit dem Licht und sind nicht mehr für mich auszumachen. Und es ist etwas absolut Ruhiges, Stilles in diesen rasenden Bewegungen, das in dies Verschwinden mündet und wie stehenbleibt, „da“ bleibt. Als Berührung der Verbundenheit.

Auf dem Heimweg kommt mir ein Mann entgegen und ich stelle mir vor, dass er umgeben ist von seinen Gedanken, was auch immer er gerade konkret denken oder fühlen mag. Und ich lasse unser beider Gedanken auffliegen in eben dieses Licht, lasse sie sich begegnen, vermengen, im Licht sich verlieren, wieder auftauchen, wie sie es wollen. Dann lade ich alle ein, die rundum in den Wohnungen noch schlafen oder beim Frühstück sitzen, bei diesem Lichtbaden mitzumachen. Und all die Gedanken in dieser mittlerweile beachtlichen Wolke lasse ich nichts anderes zu mir sagen wollen als woher sie kommen und wohin sie gehen und dass sie, wer auch immer sie gerade denkt, niemandem anderem angehören als … „uns“.

Tja. Parkbaden. Ich fürchte, meine Beschreibung davon wird nicht bei Wikipedia landen. Die haben da keine Landebahn für lichtvolle Gedanken. Dann versuch ich es erst gar nicht und freue mich an dem, was da unter „Waldbaden“ so zu lesen ist.

*

Alles ganz harmlos!

Wann warst du zum letzten Mal in einem Zustand vollkommener Harmlosigkeit? Kannst du dich erinnern? Diese Überlegung ist keineswegs einfach mal so angestellt, sie ist Teil einer Hausaufgabe und daher eine ernste Sache (https://gotteslieblingmensch.com/2021/08/26/himmelsschule-3/) !

Also streng dich mal an, das ist kein Spaß hier! Es geht sogar um ein „harmloses Miteinandersein“, das ist noch eine Steigerung! Gibt es das überhaupt? So ganz und gar ohne Harm zu sein, ohne zumindest einen Hauch von Groll, der wie ein laufender Motor immer bereit ist, mein Rechthaben in Gang zu bringen und zu halten? Ohne diese klitzekleine Überlegenheit dir gegenüber, die doch wichtig ist als heimliches Trumpf-Ass, falls es mal plötzlich um Alles oder Nichts gehen sollte zwischen uns? Muss ja nicht, kann ja aber!

„Vollkommene Harmlosigkeit!“, das ist ja lebensgefährlich!

Zum Glück hat die liebe Christiane, die Quelle besagter Hausaufgabe, ein Beispiel genannt, das mir bei dieser Frage persönlich jetzt grade hilft: Der Banknachbar in der Schule! Tatsächlich waren da die meisten davon, soweit ich es erinnere, ziemliche Giftspritzen, neidisch, missgünstig, unkollegial. Aber gelegentlich … tatsächlich, da war es harmlos zwischen uns. Als wollten wir sagen: „Was kommt da jetzt? Was für Wahrheiten will der Lehrer uns jetzt vermitteln? Lass es uns gemeinsam erfahren!“. Da war die Wand weg, an der sich Harm aufbauen kann, um den anderen auf Distanz zu halten. Da waren wir den ganzen Harm los. Könnte man sagen. Und haben doch nicht die ganze Bedeutung dieser Erfahrung erfasst. Der Harm ist nach der Stunde wieder zu wichtig geworden, beim Fußballspielen zum Beispiel.

Und das ist er ja auch geblieben: wichtig. Wir haben gelernt, dass wir alles aufgeben können, nur nicht den ganzen Harm. Teile vielleicht, wir können lernen, friedlicher zu werden, aber bitte nicht ganz friedlich! Das heißt doch seinen Willen aufzugeben!

Die Hausaufgabe ist nun, ganz friedlich mit sich selbst zu werden, indem man sich einfach mal selbst umarmt. Mach das mal! Was stellst du fest? Genau, geht mir auch so: Du fehlst mir dabei. Ich kann nicht wirklich friedlich werden ohne dich! Denn deine ewige, harmlose NÄHE hab ich mit meinem Harm, meiner Abgrenzung gegen dich geleugnet. Wenn ich das als „mich“ umarme, fehlt mir was am Friedlichsein.

Also mal ablegen den Harm, den ganzen Groll, jedes Urteil über dich. Wenn ich jetzt die Arme um mich lege, umarm ich dich gleich mit, dann ist es gut.

Dann ist es wie früher in der Schulbank, wenn wir beide nach vorne geschaut haben, was da kommen mag, und uns bewusst waren, dass der andere genauso unwissend und in gespannter Erwartung schaut wie man selbst. Und dass gut sein wird, was da kommt, weil es nur etwas sein kann, das keinen Harm rechtfertigt. Weil wir entschieden haben, es ohne Harm anzuschauen, wenn es auftaucht. Aus der NÄHE, sozusagen.

*

Ich liebe dich!

Ich gab einer Laune nach und sagte im Vorbeigehen zu einem Fahrrad, das da achtlos an eine Mauer gelehnt worden war und so wirkte, als wolle ihm gleich alle Luft aus den Reifen entweichen: „Ich liebe dich!“

Ich war schon vorbei, als hinter mir ganz leise, nur angedeutet, eine Fahrradklingel ihr helles, freundliches „schrill“ von sich gab, das es gerade noch bis an meine Ohren schaffte. Ich weiß natürlich nicht zu sagen, ob das nämliche Fahrrad für diese akustische Nettigkeit verantwortlich war oder irgend ein anderes und will damit deutlich machen, dass es mir nie in den Sinn käme, zu behaupten, Antwort bekommen zu haben auf mein allzu spontanes Liebesbekenntnis, und so gesehen bin ich selbstverständlich der festen Überzeugung, dass es sich um einen allerdings sehr schönen Zufall handelte.

Gleichwohl war ich wie infiziert von der Idee, allem, was sich nicht wehrte, mein „Ich liebe dich“ entgegenzudenken, und da dies lautlos geschah, wehrte sich auch nichts.

Ich schwur einem Abfalleimer meine Liebe, einem krumm gewachsenen Baum und einer weggeworfenene Bierdose, eine Parkbank überzog ich mit meiner Zuneigung und dem Hundehäufchen gab ich die Ermutigung mit, dass auch es nicht vergessen ist: „Ich liebe dich“ ging mir immer besser von den gedanklichen Lippen.

Und auch, wenn kein weiteres Antwortklingeln mehr zu hören war, der Abfalleimer mich nicht anlächelte, der Baum nicht gerader wurde und das Hundehäufchen sich nicht in Gold verwandelte, schien mir doch alles irgendwie freundlicher geworden zu sein. Und … ja, da wirds ein bisschen prekär … ich würde sagen: „teilnehmender“, auch wenn ich mir da jetzt wirklich nichts Konkretes drunter vorstellen will. Ich könnte auch sagen: Ich fühlte mich „gekannter“, aber auch da gerät man schnell auf Glatteis, wer will schon davon erzählen, von einer Parkbank erkannt oder gekannt worden zu sein oder von einer Bierdose? Da kommt man eindeutig in den Bereich, in dem man schweigen sollte. Und das tue ich jetzt auch, nicht ohne dir zu sagen: „Ich liebe dich!“.

*

Gott kommt immer von vorn …

… und immer bist Du bei IHM.

Was soll also der Blick zurück im Zorn?

Was soll ich mich umdrehen, um in der Vergangenheit nach Aspekten zu suchen, die sich dafür eignen, Dir meine Rechnung aufzumachen: Da hast du zu viel …, da hast Du zu wenig…, da bist du mir etwas schuldig geblieben.

Du kommst mir gerade in diesem Augenblick entgegen! Mit IHM an Deiner Seite. Dieses ständige: „Moment bitte, ich muss eben noch in meiner alten Beurteilungskiste Ordnung schaffen, damit ich mir das rechte Bild von Dir machen kann, bevor ich Dich begrüße!“, das bin ich leid.

So allmählich wird mir klar: Mein Blick zurück im Zorn ist identisch mit meinem Blick nach vorn in Angst. Das ist ein und dasselbe: Die Angst, wenn ich pur nach vorne blicke, nichts gegen Dich in der Hand zu haben, auch kein winziges Trumpf-Ass nur für den Notfall, nicht einmal die Karo sieben. Nada.
Letztlich ist es die Angst vor dem, der alle Trümpfe in der Hand hat, irgendwer muss sie ja haben! Und er wird mich im selben Moment, wenn ich meine Kontrolle über Dich ganz aufgebe, übertrumpfen, besiegen, auslöschen, ins Nie-Gewesen schicken. Ich hab dich gebraucht in meinem alten Denken, damit ich wenigstens noch eine Karte der Überlegenheit in der Hand behalten kann, und wenn es die unterste ist, dann bist du eben derjenige, der gar keine hat.

Wenn ich still werde, ist da vorne nichts … jedenfalls greift dort keiner dieser Gedanken, die offensichtlich bisher meine berechnende, schuldverteilende Weltsicht gerahmt haben. Da vorne ist dieser Rahmen nicht mehr …
Einen Moment anhalten und vertrauen, die Bedingung, die Berechnung, die konkrete Erwartung, den alten Groll: die Angst nicht mitnehmen dorthin, hier hat sie nichts mehr zu suchen. Hier findet sie keinen Boden mehr.
Athmen.

Mit IHM, in DESSEN Begleitung Du gerade jetzt auf mich zukommst, um mich Willkommen zu heißen, um mich mit Deinem eigenen Namen zu nennen.
Da vorne ist nichts …. außer LIEBE, und Du, und ich, und Gott.

*

Sorry!!!

Sorry an alle, die jetzt eine Menge Benachrichtigungsmails bekommen haben, die ins Niemandsland geführt haben! WordPress hat jetzt endgültig den Klassischen Editor für mich unerreichbar gemcht und das heißt, dass die schöne Präsentation der Fotos wie bisher nicht mehr möglich ist. Dadurch musste ich etwas herumprobieren. Tut mir leid, bitte um Nachsicht! 🙂 Danke!