Macht nichts!

Eben kommt eine sehr alte Frau am Arm ihrer Tochter ins Café. Tippelnden Schrittes überwindet sie die lange Strecke bis zu dem freien Platz hinten auf der bequemen Bank.
Dort sitzt die erschöpfte Frau jetzt sehr allein, während ihre Tochter den Kaffee besorgt. Ihre Augen blicken leer in den Raum, ihr müdes Gesicht hat allen Ausdruck verloren.

Die Tochter kommt und bringt ihr eine kleine Tassee Kaffee auf einem Tablett, eine weiße Serviette liegt daneben.

Dankbarkeit erhellt das Gesicht der alten Frau. Sie nimmt … nein, nicht die Kaffeetasse, sondern die Serviette in die Hand, schaut sie eine Weile an und legt sie plan neben das Tablett auf den Tisch. Sie streicht das blütenweiße Papier mit einer unglaublich zärtlichen Bewegung glatt und kommt dann auf die Idee, ihm ein wenig Struktur zu geben. Sie zieht die Serviette sacht, aber kräftig genug über die Tischkante, so dass eine akkurate Knickfalte entsteht. Danach legt sie sie vor sich hin und versucht, die Falte wieder herauszustreichen.Es will nicht ganz gelingen, aber das inzwischen ganz und gar lebendige Gesicht der alten Dame bleibt hell und dankbar.
„Das macht nichts“ , sagt es.

Nein, das macht nichts.

 

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Nur als Zweiter angekommen und doch gewonnen!

Ist dir schon mal aufgefallen, dass dein Körper immer hinterhergeht? Kaum zu merken normalerweise, weil wir uns ja so entschlossen mit dem Körper identifiziert haben und mit einem Denken, das ihn im Zentrums unseres Selbstgefühls sieht. Nur deswegen kann ich auf die äußerst schräge Idee kommen, dass „Ich“ durch die Tür gehe oder „Ich“ zum Einkaufen gehe. Lächerlich. „Ich“ geht immer nur hinterher.

Keine ganz zeitgeistkonforme Erkenntnis, wo sich doch grade das bisher noch gültige „Wo ich bin, ist vorn“ vervollkommnet zu „Wo ich bin, ist!“ .

Aber trotzdem wahr. Wenn „ich vorn bin“, dann gehe ich ja schließlich auch hinterher, und zwar meinem Glauben, dass das möglich sei. Zum Wegschmeißen komisch!
In Wirklichkeit gehe ich aber, egal, was ich glaube, immer der GEGENWÄRTIGKEIT hinterher. DIE ist immer schon da, bevor ich mir auch nur vornehme, dorthin zu gehen.

Das ist jetzt gar keine abstrakte Idee, sondern banale Alltagserfahrung. Selbst als Betrachter Anderer kann man das sehen, z.B. bei einem Basketballspieler, wenn er den Ball im Korb wie ablegt, ohne dass der den Metallring berührt – und das Ganze von der Mitellinie des Spielfelds aus. Da musste er reichlich für üben, klar, aber was man in diesem besonderen Moment sieht, ist die Tatsache, dass der Ball „schon drin ist“ , bevor er abgeworfen wurde. Man sagt das dann nur nicht so, da käme man in Erklärungsnöte – aber ist es nicht so? Sichtbar werdende Momente des EINSSEINS.

In „Zen oder die Kunst des Bogenschießens“ sind dann doch Worte gefunden worden für dieses Erleben im Bereich des Sports. Gibt es überall, die 200-kg-Hantel ist auch schon oben, bevor sie hochgestemmt wird und der Degen ist im Ziel, bevor ich mir die Finte ausdenke, den „Gegner“ zu täuschen, um einen Treffer zu erzielen.

Da liegt auch schon der Hase im Pfeffer: Sobald ich „Gegner“ auch nur denke, sehe ich DEN nicht mehr, DEM ich in Wahrheit und Wirklichkeit immer hinterhergehe. Dann hab ich IHN sozusagen verlassen und bin das „Ich“, das sich mit anderen irgendwie in Beziehung setzt im Glauben an die Getrenntheit von ihnen. Ganz normal, könnte man sagen.

„Die Zeit ist irgendwie stehengeblieben“, sagen Manche zu solchen besonderen Erlebnissen eines Einswerdungsgefühls, aus welchem Alltagsbereich auch immer, ob in der Liebe, in einem tief werdenden Kneipengespräch oder auf dem Zahnarztstuhl, als statt der befürchteten Qualen nur eine wohltuende, ganz unmittelbare Verbindung zum Arzt zu spüren war. Oder beim Betrachten einer Blume, einfach beim Spazierengehen – wir kennen das alle, nichts Besonderes, aber schau mal genau hin: War es dann nicht immer so, dass der Körper und all sein Denken hinter der GEGENWÄRTIGKEIT herging? Er war noch da, aber irgendwie in zweiter Reihe, oder?
Wenn die Zeit „stehenbleibt“, bleibt auch der Körper bei ihr als ihr treuester Begleiter, und beide lassen DEN vor, DER immer “ schon da“ ist.

Die LIEBE ist immer schon da, unser EINSSEIN bleibt immer wahr, was auch immer wir davon denken. Manchmal sehen wirs sogar mit Augen, manchmal erleben wirs als Wunder, oft können wir es in uns spüren als den „tiefen Frieden“ und die Stille der wahren Normalität. Immer können wir es einander geben als unser Vertrauen in den Bruder. Und lernen können wir, den Körper samt der ihm gehorchenden Gedanken immer öfter anzusehen als einen der GEGENWÄRTIGKEIT Hinterhergehenden.

 

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Ist Leben nur eine Formsache?

Ist ja schon spannend, wie viele unterschiedliche Lebensformen so im Meer herumschwimmen. Dabei sind die Motive für die Entwicklung der Formenvielfalt eigentlich überschaubar: Einerseits treibt die Suche nach Partnern oder anderen Mitströmlingen zur Attraktivität, andererseits will jede Form schneller, stärker, unsichtbarer oder einfach zu groß oder zu klein sein für den Feind, der nichts anderes im Sinn hat als sich von unterlegenen Meeresmitbewohnern zu ernähren.

Haben wir uns dran gewöhnt. Ist nun mal so. Fressen und gefressen werden. Haben wir uns dran gewöhnt?

Nee, doch nicht, oder? Sonst gäbe es ja schließlich keine Veganer, die ja jedenfalls besten Willens sind, aus dieser Art Evolution auszusteigen.

Irgendwas drängt uns dazu, immer wieder ein friedliches Miteinander zu versuchen. Grade, weil das nie klappt, ist es umso erstaunlicher, dass wir da nicht nachlassen. Klappt es wirklich nie?

Man müsste mal von außen auf die ganze Welt, alle Gedanken, Gefühle, alle Motive und alle Taten schauen wie auf ein Aquarium. Und in diesem Schauen ruhig werden: Da ist noch ein anderer Zusammenhalt als der, den die Formen anstreben, um möglichst lange erhalten zu bleiben. Mit Liebe zu schauen, egal auf was, hat immer schon Wunder hervorgebracht. Stimmts? In deinem Leben nicht auch?

 

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Hinter Glas

Die Atmosphäre in Museen kommt mir oft vor wie eine seltsame Mischung aus einer stillen Entschlossenheit, etwas Interessantes zu finden und sein Wissen anzureichern – und einer ausgeprägten Ermattung, die sich gelegentlich bis fast zur Paralyse ausweitet, wenn sich die Besucher nur noch mit schleppendem Gang in den nächsten und wieder nächsten Raum retten und aus ihrem Blick das Fünkchen Hoffnung verloren zu gehen scheint, dass das nächste Exponat inspirierend auf sie wirken könnte.

Ich schließe mich da selbst nicht aus: Mein Trick ist, radikal durch alles durch, bis ich wirklich an etwas hängenbleibe, was mich interessiert. Klappt aber auch nicht immer.

Überrascht war ich allerdings schon, als ich dieselbe halb-gelähmte Stimmung auch in dem sehr abwechslungsreich gestalteten Ozeaneum in Stralsund vorfand. Nur die Kinder haben hier scheinbar ihren ungebremsten Spaß, wenn sie versuchen, mir den Fischen in den riesigen Aquarien zu kommunizieren und sich so herrlich freuen, wenn es zu klappen scheint.

Die Erwachsenen dahinter sind eher stumm. Wie die Fische.

Und da stell ich mir die Frage, ob es sein kann, dass wir uns hier wie in jedem Museum – so interessant auch alles sein mag, was da zu sehen ist – vor allem das zeigen, was uns auch außerhalb der Museen niederdrückt: die Tatsache nämlich, dass wir miteinander wie hinter Glas kommunizieren, in einem tiefen Schweigen über diese Einschränkung und todtraurig darüber.

Kann das sein? Sagt dir das was?

Wenn wir mal annehmen, dass wir zuinnerst alle in demselben Wasser schwimmen, in demselben Geist denken, in derselben Liebe leben, dann ist das für mich ein sehr sprechendes Bild: Wir kommunizieren irgendwie berührungslos, als sei diese wesentliche Verbindung nicht existent – wie hinter Glas.

Zu drastisch? Vielleicht. Aber manchmal helfen drastische Bilder, um sich überhaupt was klar zu machen. Und vor allem können sie helfen, die Alternative ins Auge zu fassen: Wie wäre es denn, das „Glas“ mal wegzulassen? Geht das?

Im Fall des Aquariums sicher nicht, oder nur mit erheblichen Unannehmlichkeiten sowohl für die Besucher als auch für die Fische.

Aber zwischen uns?

Wenn wir einfach mal – ich mein jetzt dich und mich, ganz konkret – die Glaswand, den ganzen gefühlten Abstand zwischen uns weglassen würden. Alle Gedanken darüber, dass wir uns doch gar nicht kennen, dass wir räumlich weit auseinander sind, dass du zeitlich das, was ich jetzt schreibe, erst zu einem späteren Zeitpunkt liest, dass du sowieso keinen Bock hast, dich auf sowas einzulassen etc. – einfach mal vorbeiziehen lassen. Und dann das Wasser spüren, in dem wir beide jetzt schwimmen. Den Geist, in dem wir jetzt gleichzeitig denken. Die Liebe, in der wir gemeinsam in diesem Jetzt leben.

Nur mal so als Idee. Muss ja nicht. Aber ich wär dabei.

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Macht Urlaub!

An sich ja nett, diese Aufforderung. Und so haben es wohl auch Viele empfunden, und sollten es auch so empfinden. Hier, in Prora auf Rügen, wo die Nazis dem gestressten Volke einen gigantischen Wohnungskomplex direkt am Meer gebaut haben, damit es sich erholen könne und nicht zu viele Fragen stelle.

Jetzt gibt es hier ein Dokumentationszentrum mit einer Ausstellung, die aus der sicheren Distanz des überwundenen Wahnsinns die Facetten der Manipulation, der Täuschung, Einlullung und des Grauens zeigt.
„Macht Urlaub“ steht über dem Eingang, wobei „Macht“ farbig hervorgehoben wird – aus dem Nazi-Spruch sollte ein entlarvendes Wortspiel werden.

Ungefähr drei Minuten nach Betreten des Gebäudes stelle ich mir die Frage, warum ich wohl hier bin. Ich bin ja jetzt auch schon ein bisschen (!) älter und hab den Kram gefühlt 12 Millionen Mal durchgekaut, mal unabhängig davon, was hängengeblieben ist, da gäbe es sicher noch reichlich Wissenslücken zu füllen.

Trotzdem: Wieso latsche ich hier durch? Das ist ja schließlich MEIN Urlaub, und da soll man sich doch erholen, oder? Von den sicher sehr klugen Analysen der perfiden Beeinflussung des Volkes, die hier im Rahmen des „Kraft durch Freude“- Programms erfolgreich praktiziert wurde, werde ich mich sicher nicht erholen. Ganz normaler Wahnsinn eben, in braunem Gewand, nichts wirklich Besonderes.

Und als ich dann noch in Minute vier in den ehemaligen Disko-Saal gerate, der Hausmeister mir in Minute fünf bis sechszehn den Umstand erklärt, dass es nicht an ihm liege, sondern auf Kompetenzfragen in punkto Elektrik zurückzuführen sei, dass man hier kaum was sieht, weil nur drei von zwanzig möglichen Lampen angeschaltet sind, und ich ferner konstatiere, dass hier eine Wanderausstellung aus Köln zum selben Thema zu sehen ist … beschließe ich, die Abküzung zur Kantine zu nehmen, die es hier dankenswerterweise auch gibt.

Und hier treffe ich auf die nette Dame, die mir einen durchaus trinkbaren bis wohlschmeckenden Kaffee zubereitet und mit der ich in Minute siebzehn bis vierunddreißig wunderbare Worte wechsle. Wir sind blitzschnell von der Plattform runter, auf der man sich darauf einigt, dass „heutzutage kaum noch vorstellbar ist, zu was der Mensch in der Lage ist“. Der aktuelle Krieg hilft da eigentlich, indem man vor sich selbst mit diesem Argument angesichts der Ähnlichkeiten kaum durchkommt. So einzigartig war das nicht.

Dann, Minute neunzehn, sind wir da, wo ich meinen Urlaub endlich fortsetzen kann: Das ist ja alles nur Oberfläche, Formenvarianten. Friede muss man in sich selbst finden, und dann muss man üben, ihn in sich zu halten, nicht wieder aufzugeben.

Ein großes JA ist zwischen uns, Minute neunundzwanzig, als wir es beide als Befreiung empfinden können, die Verantwortung für Krieg oder Frieden in uns selbst zu orten. Denn da ist sie ja schließlich auch, und nirgendwo sonst. Wir sind da beide schlagartig raus aus diesen grauen Mauern, die die Vergangenheit hochhalten, als solle sie eben NICHT vergehen, damit wir weiterhin die Schuldigen außerhalb von uns dingfest machen können.

Das führt nicht zur Erholung, definitiv! Aber Gespräch, Ehrlichkeit, Nähe, das schon. Und so verlasse ich Minute fünfunddreißig das Gebäude in dem schönen Gefühl, eine Dokumentation der unausrottbaren Wahrheit erlebt zu haben. Danke dir, Kantinenfrau, das war ganz groß!

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