„Nahostkonflikt“, ein Wort, das mich seit meiner Kindheit begleitet. Der „Osten“, das waren nicht wir, das waren die anderen, die Chinesen zum Beispiel. Geheimnisvoll fand ich das „nah“ im Wort. „Nah“, das hat schon immer Kraft gehabt für mich, das ist schon immer ein Versprechen gewesen.
Gestern ist das erste Wort, das über den Nachrichten steht, den Nachrichten über die aktuelle Formvariante immer noch desselben Konflikts: „Waffenruhe“. Eine halbe Stunde später, im selben Radiosender, in den nächsten Nachrichten, heißt es „Feuerpause“.
Seltsam ist das Leben und wir darin mit unseren Namen und Versuchen, die Hoffnung auf Veränderung von etwas auszudrücken, das wir zuinnerst für unveränderlich halten: den Konflikt. Er scheint ein Fakt zu sein, der Konflikt zwischen den Staaten, den Ideologien, den Religionen, den Wirtschaftssystemen, der Konflikt zwischen mir und dir. So ganz sind wir miteinander nie eins geworden, stimmts? Wir wissen insgeheim, dass wir lügen, wenn wir „Waffenruhe“ sagen, unsere Waffen können nicht ruhen, eine „Feuerpause“ ist drin, das ist ehrlich.
Der Konflikt scheint uns heilig zu sein, unveränderlich, unantastbar wie angeblich die „Würde des Menschen“, die wir uns in den Artikel eins unseres Grundgesetzes hineingeschrieben haben, um sie in den Stand einer Tatsache zu erheben. Der Konflikt zwischen Leben und Tod, in unseren Altenheimen wird er oft virulent, ebenso wie der Konflikt zwischen Anspruch und Umsetzung, wenn es um die „Würde des Menschen“ geht.
Was, wenn wir einräumen, dass „Konflikt“ zwar ein zentrales Thema unter uns ist, aber ebensowenig eine unhinterfragbare Tatsache wie die „Würde“ oder der „Friedenswille in Nahost“.
Was, wenn wir uns an die eigene Nase fassten und den Finger dort ließen, bis wir bei dem Eingeständnis angelangt wären, dass wir es sind – jeder einzelne von uns – die den Konflikt hineintragen in die wahren Tatsachen unseres Lebens, nämlich in dessen eigenen Frieden, in seine unverrückbare Würde, seine abwehrlose Ruhe – einfach dadurch, dass wir nicht an sie glauben, dass wir sie ablehnen, dass wir Nein zu wahren Tatsachen sagen?
Wir machen Fehler, schreckliche teilweise. Nimmt sich da jemand von uns aus? Würden wir die Tatsache eines permanent gültigen, unkündbaren und stets anwesenden Friedens auch nur in Betracht ziehen, kämen wir nie auf die Idee, aus Fehlern, wie dramatisch sie auch sein mögen, Schuld zu machen, die Bezahlung fordert und Rache rechtfertigt. Wir würden hingehen und helfen, den Fehler zu korrigieren. Im Auftrag eines Friedens, an den wir nicht aufhören würden zu glauben und den wir auch in dem noch bezeugen wollten, der den Fehler gerade begeht. Ist das nicht vertraut als Möglichkeit? Im Kleinen haben wir das alles schon erfolgreich praktiziert. Aber es gibt ja die Konflikte, die anscheinend zu groß sind, zu gewaltsam, als dass sie bloß als „Fehler“ bezeichnet werden könnten!
Wer sagt das? Der, der gerade den Finger von der eigenen Nase genommen hat, um damit auf einen anderen zu zeigen: Da ist der Böse, der darf ausgesondert werden, der hat mehr als einen Fehler gemacht, auf dem hat sich alle Schuld versammelt, den können wir opfern, und müssen es auch, damit wieder Frieden einkehren kann.
Das ist schon ein paar Runden so gelaufen in der Historie des Zusammenlebens von uns Menschen, kann das sein? Und? War es erfolgreich?
Eins steht fest: So werden wir uns nie nahe kommen, und nur in deiner Nähe finde ich meinen Frieden, weil ich nur da sehe, dass es dir mit mir genauso geht, egal, wie verquer es gerade zwischen uns läuft.
„Nahost“, das hat schon immer gut geklungen.
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