Ich bin durch

„Ich bin durch, gestern hatte ich die zweite“, sagt der alte Herr und blickt mich von unter seinem Strohhut her an, als wolle er überprüfen, ob ich ihm den Triumph in seiner Stimme glaube. Sein Hund winselt ein wenig dabei, er spürt, dass sein Herrchen grade keine allzu klare Botschaft versendet, was er als Hund nicht wirklich mag. Die beiden sind ein Herz und eine Seele, kann man sagen, da werden Unklarheiten in der Kommunikation als schmerzhaft empfunden.

„Ich gratuliere“, sage ich nur und gehe weiter, nicht ohne dem Hund einen beruhigenden Blick zuzuwerfen: Keine Angst, diesmal werde ich nicht stehenbleiben und philosophieren! Ein leises Knurren hinter mir genügt mir als Kommentar. Für heute ist alles besprochen.

Sind wir wirklich „durch“ mit der Impfung? Durch was denn? Durch das Minenfeld der Todesgefahr? Durch unsere Angst? Durch die Zeit der Verunsicherung?

Mit dem Virus ist ja eigentlich nur eine vermeintlich unausweichliche Tatsache mitten in unseren Lebensraum gerückt, die wir üblicherweise mit all unseren Kräften bemüht sind, an den Rand des jeweils eigenen Biotops zu drängen und dort zu halten, so lange es geht: Dass das Leben in jedem Augenblick prinzipiell von seinem Verlöschen bedroht ist, das kann man nicht wirklich bezweifeln. Wenn – und das wäre jetzt mein Einwand – wir glauben wollen, dass Leben etwas ist, das überhaupt verlöschen kann.
Falls wir daran festhalten, dass dem so ist – dass also weder der Millionenbetrag auf dem Konto noch die stählerne Gesundheit, die perfekte Beziehung oder der Porsche in der Garage uns vor dem Verlöschen des Lebens in uns bewahren werden – dann ist diese inzwischen fast schizophrene Gespaltenheit in der Beurteilung der Virusgefahr und der sogenannten Corona-Maßnahmen ja absolut verständlich! Was für eine Provokation! Das Ding ist nicht aus dem Zentrum unseres Lebens wegzukriegen, es passt sich all unseren Maßnahmen an, mutiert fröhlich vor sich hin und residiert dabei in einem Bereich unseres selbstdefinierten Königreiches, der die Provokation maximal werden lässt: im Unsichtbaren, Numinosen, Ungreifbaren. Man kann nicht mal so genau sagen, ob es sich bei dem Aggressor um echtes Leben handelt oder …. ja was? Ein Dingelchen eben, ein Irgendwas, aber unsichtbar und unbegreifbar.

Verständlich, dass die Frustration, des Feindes nicht habhaft werden zu können, dazu führt, auf Ersatzschauplätzen Siege einzufahren, die beweisen, dass die Überlebensstrategien noch funktionieren. Wenn ich eine Maskenträgerin im Supermarkt attackiere, weil sie ja die diktatorischen Machenschaften der Impfprofiteure unterstützt und das Volk also schamlos verrät, dann kann ich mich zumindest schon mal an einem sprachlos-verdutzen Gesicht weiden. Jeder Sieg zählt. Wenn die selbe Einkäuferin am nächsten Tag ohne Maske erscheint, könnte ich ihr asoziales Verhalten vorwerfen. Und jedes weinende Kind kann neuerdings mühelos als durch die Corona-Deprivation psychisch geschädigt irgend einem Verantwortlichen vorwurfsvoll hingehalten werden. Astra hat zu wenig und zu spät geliefert, die Russen haben bestimmt wieder was reingemixt in ihr Zeug, die Medienberichte aus Indien sind vermutlich frei erfunden, Abstandhalten führt zu sozialem Desinteresse und dazu, dass sich die Überbevölkerung noch unangenehmer bemerkbar macht und sogar sprachlich bringt diese Zeit auf dem ewigen Spielplatz der Beziehungskonflikte ein zuverlässiges Feindbild hervor: Während ein neutrales Virus (auch da streitet man sich allerdings gelegentlich, ob „der“ oder „das“ Virus richtig sei) dem geschlechtlich differenzierten Menschen ungeachtet seiner schillernden Unterschiedlichkeiten ein höchst einheitliches, aber desto existenzielleres Thema vor Augen zu führen versucht, halten die Chef-Innen, Postbot-Innen und Ministerialdirektor-Innen Einzug in die Normalität des Sprachgebrauchs und generieren winzige Pausen im Strom der Nachrichten, der Ansprachen und Wettervorhersagen, in denen die Guillotine der Korrektheit dem Bedürfnis nach einer Sprache, in der man noch den Athem der Schöpfung spürt, mit einem feinen Zischen den Kopf abtrennt. Der/die/das Virus zeigt sich von solch einer Machtdemonstration, die jahrtausendelang gewachsene Bedeutungsträger in Sekundenschnelle zu Kampfparolen verwandelt, höchst beeindruckt. Ich meine, neulich gelesen zu haben, dass die Inzidenz im Umfeld korrekt formulierender Nachrichtensprecher-Innen innen und außen und unabhängig davon, ob sie hinter der Maske für das Virus überhaupt als Er oder Sie zu unterscheiden sind, allein wegen der viruziden Schärfe der Aussprache, die für korrekt intonierende Sprecher-Innen unabdingbar ist, drastisch sinkt.

Was wäre eigentlich, wenn wir in diesem „Unsichtbaren“, dem wir so entschlossen auszuweichen versuchen, unsere allseitige Solidarität entdecken würden, mehr noch: unsere ewige Verbundenheit in der Quelle unseres Lebens, das ganz Verwegene meist ziemlich still geworden „Liebe“ nennen?
Dann würde vielleicht ein Nicht-Wissen zu uns zurückkehren, ein Nicht-Rechthaben, ein Nicht-Verurteilen, dass diese numinöse Mitte frei lässt, sich mit Vertrauen zu füllen in unseren gemeinsamen Weg, den wir vielleicht noch nicht kennen, an dessen Richtung, dass er nämlich ein Aufeinander-zu ist, wir aber nicht mehr zweifeln müssten. Dann wäre plötzlich auch das Virus „Einer von uns“, und wir könnten mit ihm so umgehen, dass es sich in diese vertrauensgeleitete Bewegungsrichtung einreihen und den Platz in unserer Mitte, an dem wir es selbst festgehalten haben, endlich wieder verlassen kann. Jedenfalls könnten wir schlagartig auf sämtliche Nebenkriegsschauplätze verzichten, weil es den wie die Hölle gemiedenen Hauptkriegsschauplatz nicht mehr gäbe.

Nächste Woche bekomme ich die zweite. Dann bin ich damit erstmal durch. Wenn ich den Hund dann wiedertreffen sollte in dem kleinen Park, werde ich ihn fragen, was er von meinen Gedanken hält. Vielleicht hat sein Herrchen auch Lust, mitzudiskutieren. Täte mich freuen.

*

5 Gedanken zu “Ich bin durch

  1. Ach, Michael, ja, wie sehr bin ich für ein Miteinander, wie du es schreibst. Ich habe gestern das Buch „Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger ausgelesen. Daran musste ich gerade beim Lesen deiner Zeilen denken. In dem Roman geht es um eine Epidemie und genau um diese Menschlichkeit.

    1. Klingt ja interessant, dein Buchtipp! „Miteinander“ ist das Zauberwort. Weiß eigentlich jeder, aber es es könnte ein wenig mehr gezaubert werden! Danke, liebe Maribey, fürs Mitzaubern!

  2. Ein feiner Text!
    Mitzaubern ist gut, und ganz besonders gut wäre, wenn sich die aggressiven, rundum beleidigenden Selbstdarsteller nicht nachträglich als wertschätzende, friedliche Diskutierer betrachten würden.

    1. Die Basis-Yoga-Übung an der eigenen Entwicklung aufrichtig Interessierter ist der behutsame Griff an die eigene Nase, der allerdings, obgleich er zu erstaunlich raschen und gründlichen Ergebnissen führt, derart unbeliebt ist, dass er meist ausgelassen wird. Gut, dass du mich erinnerst, liebe Myriade, ich muss heute noch meine Übungen machen! 🙂

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