Autor: Michael

Impfempfehlung

Er hat Todesangst, mein lieber Herr Q. Heute ist Impftermin. Er ist einverstanden, aber die Angst hat ihn seit Tagen mächtig im Griff.

Todesangst. Man muss verstehen, dass sie ganz obenauf liegt bei Menschen, die sich aus eigener Kraft kaum noch orientieren können, ständig in dem Gefühl leben, nicht genau zu wissen, wer und wo sie sind, sich nur noch rudimentär verständlich machen können und jede Veränderung der Umgebung als bedrohlich für ihre mühsam zusammengehaltene Ordnung erleben.

Impfen? Früh aufstehen? Ausweis? Impfzentrum? Nichts dabei, was bekannt wäre und irgendwie vertrauenswürdig sein könnte. Dass es einen „kleinen Piekser“ geben wird, das allerdings weckt Erinnerungen. Herr Q. hat schon viel physisches Leid erfahren und hat vom kleinen Piekser bis zur großen Operation alle Formen der hilfreichen Verletzung seiner körperlichen Integrität erlebt. Er hat aber auch die zerstörerischen Varianten kennengelernt, Schläge von Russen, die seinen Vater verschleppt haben, die gewaltsame Vertreibung aus der Heimat, Übergriffe von Menschen, denen er anvertraut gewesen ist, und – vor allem seit die Demenz sich angeschlichen hat – entwürdigendes Verhalten, ignorierendes Kommunizieren und lieblose Abwehr derer, die ihn gerade umgeben haben.

Impfpieks? Um was für eine Art Verletzung wird es sich handeln? Uneinschätzbar für Herrn Q., nicht vorwegzunehmen, er hört von uns: „hilfreich“ und findet in sich nur ein Fragezeichen. Todesangst. Vielleicht wird er heute umgebracht.

Trotzdem geht er mit, er spürt, dass es richtig ist und signalisiert sein Einverständnis: Er ist kein Waschlappen, er hat schon anderes gemeistert in seinem Leben als das hier, was auch immer es ganz genau sein mag! Er will da durch!

Und dann finden ihn natürlich wie immer alle bezaubernd, er ist sofort der Held im Impfzentrum, für ein paar ewige Momente vergessen Ärzte und Helfer das Impfen, stehen einfach nur um ihn herum und flirten ihn an. Es ist seine Aura, unwiderstehlich!

Den Pieks hat er gar nicht gespürt. Und jetzt zu Hause, gerade eben am Frühstückstisch, hebt er so gut er kann den vom Parkinson gebeugten Kopf und fängt an zu singen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergeh‘n!“ Wir würden Fahnen schwenken, hätten wir welche da – bleibt nur: Mitsingen!!!

Eindeutige Impfempfehlung von Herrn Q.: gar nicht so schlimm!

 

*

Wir haben gut gesprochen!

„Das war ganz schön heilig!“ sagt Herr Q., als wir über den gestrigen Abend sprechen. Das heißt – als er darüber spricht, ich brauche eine ganze Weile, bis ich realisiere, um was es geht.

Herr Q. gilt als „demenzkrank“ und kann kaum noch auf „normale Art“ kommunizieren. Aber was heißt schon „normal“? Alle seine Äußerungen sind voller Bedeutung, gerade in ihren negativen, sämtliche gewohnte Formen scheinbar negierenden oder zerbrechenden Impulsen spürt man oft etwas Wesentliches, was nach Gehör sucht, nach Zuhören, nach wahrem Verständnis.

Das Wort „heilig“ hab ich aus deinem Mund noch nie gehört. Heute ist es dir wichtig. Du sprichst es nicht abfällig aus, auch nicht abgehoben, sondern ganz nüchtern, wie die korrekte Beschreibung eines Sachverhalts: Da war etwas heilig!

Ich weiß immer noch nicht, um was es geht, aber man lernt im Umgang mit Demenzkranken ein offenes Zuhören, das keine konkreten Ergebnisse oder logischen Zusammenhänge verlangt und eher auf Verbindung aus ist, auf Kommunikation an sich.

Dann aber wird klar: es geht um gestern Abend, als wir gemeinsam hier am Tisch gesessen haben und passiv, nur zuhörend und zuschauend an einem Zoom-Meeting von Freunden teilgenommen haben, „zwei Jungs und zwei Frauen waren dabei“ sagst du, „die eine heißt Theresa“.

Das stimmt nicht, könnte man sagen, aber was heißt das jetzt schon wieder? Wieso stimmt nicht, was genau so, wie es aus dir herauskommen will, nach Ausdruck verlangt? Sie heißt Theresa.

„Wir haben gut gesprochen, es ist alles so schön geflossen“, sagst du und da geht mir das Herz auf – die Worte stehen dir ja nicht mehr so zur Verfügung, wie wir es gewohnt waren oder sind. Aber – oder gerade deshalb – spürst du genau, wenn die Worte, die andere sprechen, nicht mehr miteinander in Konflikt sind, wenn sie die eigentliche, grundsätzliche Kommunikation nicht mehr behindern, sondern sie durchlassen und mit anderen deren Inhalt teilen. Wie du sagst: „WIR haben gut gesprochen!“ …. da versteht man von ganz innen, was das viel geschmähte Wort „heilig“ bedeuten kann!

Du wärst nicht Herr Q., wenn du nicht einen kleinen Test für mich parat hättest, ob ich nämlich alles richtig verstanden habe. „Aber es war für uns alles umsonst!“, sagst du und schaust traurig unter dich. Und obwohl ich jetzt auf die Idee kommen könnte, du meintest die Beschwernisse der Demenz, das Altwerden, die Sterbensnähe mit dieser Aussage, entgeht mir nicht dein fragender Seitenblick.

Ich frage mit ehrlichem Erstaunen nach: „Und du meinst wirklich, das war jetzt alles umsonst?“ Da schaust du mich lachend an, wie: „Ich wollte nur mal sehen, ob ich dich aufs Glatteis führen kann!“.

Nein, das war und ist nicht umsonst! Kein Augenblick konfliktfreier Kommunikation wird jemals wertlos. Herr Q. weiß das besser als ich, denn davon hat er wie im Untergrund gelebt, das war sein Lebenselixier in einem Leben, in dem er nicht „das Sagen“ hatte, aber die heimliche Weisheit über den wahren Inhalt dessen, was wir uns mitteilen. Dennoch ist er an der Angst eingeknickt, die die Heimlichkeit, das Verbergen dieses „Wissens“ macht, die Angst, es nicht teilen zu können in einer konfliktbeladenen Welt.

Wir sind sehr froh an diesem Morgen zusammen, alles ist gesagt! Du redest von den Weintrauben im Garten des Hauses, in dem deine Kinder groß wurden, weiße Trauben und rote, und wie sie beide, jede anders, aber so gut geschmeckt hätten. Und von dem großen Baum vor dem elterlichen Hof, wo du selbst aufgewachsen bist. Der Baum, der zwei Sorten Birnen trug, große und kleine und der die wärmsten Kindheitserinnerungen in dir weckt.

Wo wir gut miteinander sprechen, da ist unsere Heimat zu spüren, eine Heimat, deren Formen zerbrechen mögen, die an wechselhaften Orten und mit unterschiedlichen Menschen zu erleben ist, die aber von ihrer veränderlichen Äußerlichkeit nie aus dem Lot gebracht wird.

Und hier sind wir froh, ich kann es gerade bezeugen.

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An den einen Leser ….

… der hoffentlich das kleine Büchlein lesen wird, damit ich von ihm erfahre, was ich geschrieben habe:

Es ist jetzt im Buchhandel gemeldet und du kannst es auch schon direkt beim Verlag BoD oder bei amazon bestellen. Die Links dazu findest du auf der Homepage zum Buch: www.spirituelles-willkommen.de . In den nächsten Tagen wird es auch nach und nach in allen anderen gängigen Online-Shops auftauchen. Die Konvertierung zum E-Book ist aufwändig und wird noch etwas zwei bis drei Wochen dauern, dann erscheint auch diese Option in den Shops.

Wenn du dich auf der Homepage für den Newsletter anmeldest („Post für dich“), informieren wir dich darüber, wann genau das E-Book erhältich ist.

Ich danke dir, mein lieber Leser, der du vielleicht noch geboren werden musst, aber das ist nicht schlimm. Geduld, wenn sie unendlich ist, bringt sofort ein sicheres Ergebnis mit sich: die Freude über dich, der du mir einst schreiben und erzählen wirst, ob der Gedanke eines WIR, das uns auch durch schwierige Zeiten tragen und das unsere Egoismen heilen kann, in dem Buch transparent geworden ist. Nur das interessiert mich.

Dir und allen eine gute, friedliche Weihnachtszeit, in der wir in diesem Jahr eine besondere Chance haben, uns zu besinnen, was das eigentliche Virus zwischen uns ist, und uns für Heilung in Solidarität und Frieden zu entscheiden.

Alles Liebe euch und uns,

Michael

 

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Mal endlich richtig rum!

Heut‘ gieß‘ ich den Eimer ins Wasser

Und den Topf in die Milch,

Schenk‘ Karlchen ‘ne Rose, dem Blumenhasser,

Seh‘ einen Riesen im Knilch;

Ich schreib‘  heut‘  ‘ne Oper mit nur einem Ton,

Und nur ein einziges Wort hat mein Buch,

Gefunden ist längst, was vermisst war schon,

Und nie ging verlor’n, was ich such‘;

Erblick‘ nur das Schöne in Dir

Und das Dollste am Schluss:

Da danke ich mir

Und geb‘ mir ‘nen Kuss!

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