Autor: Michael

Ich bin durch

„Ich bin durch, gestern hatte ich die zweite“, sagt der alte Herr und blickt mich von unter seinem Strohhut her an, als wolle er überprüfen, ob ich ihm den Triumph in seiner Stimme glaube. Sein Hund winselt ein wenig dabei, er spürt, dass sein Herrchen grade keine allzu klare Botschaft versendet, was er als Hund nicht wirklich mag. Die beiden sind ein Herz und eine Seele, kann man sagen, da werden Unklarheiten in der Kommunikation als schmerzhaft empfunden.

„Ich gratuliere“, sage ich nur und gehe weiter, nicht ohne dem Hund einen beruhigenden Blick zuzuwerfen: Keine Angst, diesmal werde ich nicht stehenbleiben und philosophieren! Ein leises Knurren hinter mir genügt mir als Kommentar. Für heute ist alles besprochen.

Sind wir wirklich „durch“ mit der Impfung? Durch was denn? Durch das Minenfeld der Todesgefahr? Durch unsere Angst? Durch die Zeit der Verunsicherung?

Mit dem Virus ist ja eigentlich nur eine vermeintlich unausweichliche Tatsache mitten in unseren Lebensraum gerückt, die wir üblicherweise mit all unseren Kräften bemüht sind, an den Rand des jeweils eigenen Biotops zu drängen und dort zu halten, so lange es geht: Dass das Leben in jedem Augenblick prinzipiell von seinem Verlöschen bedroht ist, das kann man nicht wirklich bezweifeln. Wenn – und das wäre jetzt mein Einwand – wir glauben wollen, dass Leben etwas ist, das überhaupt verlöschen kann.
Falls wir daran festhalten, dass dem so ist – dass also weder der Millionenbetrag auf dem Konto noch die stählerne Gesundheit, die perfekte Beziehung oder der Porsche in der Garage uns vor dem Verlöschen des Lebens in uns bewahren werden – dann ist diese inzwischen fast schizophrene Gespaltenheit in der Beurteilung der Virusgefahr und der sogenannten Corona-Maßnahmen ja absolut verständlich! Was für eine Provokation! Das Ding ist nicht aus dem Zentrum unseres Lebens wegzukriegen, es passt sich all unseren Maßnahmen an, mutiert fröhlich vor sich hin und residiert dabei in einem Bereich unseres selbstdefinierten Königreiches, der die Provokation maximal werden lässt: im Unsichtbaren, Numinosen, Ungreifbaren. Man kann nicht mal so genau sagen, ob es sich bei dem Aggressor um echtes Leben handelt oder …. ja was? Ein Dingelchen eben, ein Irgendwas, aber unsichtbar und unbegreifbar.

Verständlich, dass die Frustration, des Feindes nicht habhaft werden zu können, dazu führt, auf Ersatzschauplätzen Siege einzufahren, die beweisen, dass die Überlebensstrategien noch funktionieren. Wenn ich eine Maskenträgerin im Supermarkt attackiere, weil sie ja die diktatorischen Machenschaften der Impfprofiteure unterstützt und das Volk also schamlos verrät, dann kann ich mich zumindest schon mal an einem sprachlos-verdutzen Gesicht weiden. Jeder Sieg zählt. Wenn die selbe Einkäuferin am nächsten Tag ohne Maske erscheint, könnte ich ihr asoziales Verhalten vorwerfen. Und jedes weinende Kind kann neuerdings mühelos als durch die Corona-Deprivation psychisch geschädigt irgend einem Verantwortlichen vorwurfsvoll hingehalten werden. Astra hat zu wenig und zu spät geliefert, die Russen haben bestimmt wieder was reingemixt in ihr Zeug, die Medienberichte aus Indien sind vermutlich frei erfunden, Abstandhalten führt zu sozialem Desinteresse und dazu, dass sich die Überbevölkerung noch unangenehmer bemerkbar macht und sogar sprachlich bringt diese Zeit auf dem ewigen Spielplatz der Beziehungskonflikte ein zuverlässiges Feindbild hervor: Während ein neutrales Virus (auch da streitet man sich allerdings gelegentlich, ob „der“ oder „das“ Virus richtig sei) dem geschlechtlich differenzierten Menschen ungeachtet seiner schillernden Unterschiedlichkeiten ein höchst einheitliches, aber desto existenzielleres Thema vor Augen zu führen versucht, halten die Chef-Innen, Postbot-Innen und Ministerialdirektor-Innen Einzug in die Normalität des Sprachgebrauchs und generieren winzige Pausen im Strom der Nachrichten, der Ansprachen und Wettervorhersagen, in denen die Guillotine der Korrektheit dem Bedürfnis nach einer Sprache, in der man noch den Athem der Schöpfung spürt, mit einem feinen Zischen den Kopf abtrennt. Der/die/das Virus zeigt sich von solch einer Machtdemonstration, die jahrtausendelang gewachsene Bedeutungsträger in Sekundenschnelle zu Kampfparolen verwandelt, höchst beeindruckt. Ich meine, neulich gelesen zu haben, dass die Inzidenz im Umfeld korrekt formulierender Nachrichtensprecher-Innen innen und außen und unabhängig davon, ob sie hinter der Maske für das Virus überhaupt als Er oder Sie zu unterscheiden sind, allein wegen der viruziden Schärfe der Aussprache, die für korrekt intonierende Sprecher-Innen unabdingbar ist, drastisch sinkt.

Was wäre eigentlich, wenn wir in diesem „Unsichtbaren“, dem wir so entschlossen auszuweichen versuchen, unsere allseitige Solidarität entdecken würden, mehr noch: unsere ewige Verbundenheit in der Quelle unseres Lebens, das ganz Verwegene meist ziemlich still geworden „Liebe“ nennen?
Dann würde vielleicht ein Nicht-Wissen zu uns zurückkehren, ein Nicht-Rechthaben, ein Nicht-Verurteilen, dass diese numinöse Mitte frei lässt, sich mit Vertrauen zu füllen in unseren gemeinsamen Weg, den wir vielleicht noch nicht kennen, an dessen Richtung, dass er nämlich ein Aufeinander-zu ist, wir aber nicht mehr zweifeln müssten. Dann wäre plötzlich auch das Virus „Einer von uns“, und wir könnten mit ihm so umgehen, dass es sich in diese vertrauensgeleitete Bewegungsrichtung einreihen und den Platz in unserer Mitte, an dem wir es selbst festgehalten haben, endlich wieder verlassen kann. Jedenfalls könnten wir schlagartig auf sämtliche Nebenkriegsschauplätze verzichten, weil es den wie die Hölle gemiedenen Hauptkriegsschauplatz nicht mehr gäbe.

Nächste Woche bekomme ich die zweite. Dann bin ich damit erstmal durch. Wenn ich den Hund dann wiedertreffen sollte in dem kleinen Park, werde ich ihn fragen, was er von meinen Gedanken hält. Vielleicht hat sein Herrchen auch Lust, mitzudiskutieren. Täte mich freuen.

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Impfempfehlung

Er hat Todesangst, mein lieber Herr Q. Heute ist Impftermin. Er ist einverstanden, aber die Angst hat ihn seit Tagen mächtig im Griff.

Todesangst. Man muss verstehen, dass sie ganz obenauf liegt bei Menschen, die sich aus eigener Kraft kaum noch orientieren können, ständig in dem Gefühl leben, nicht genau zu wissen, wer und wo sie sind, sich nur noch rudimentär verständlich machen können und jede Veränderung der Umgebung als bedrohlich für ihre mühsam zusammengehaltene Ordnung erleben.

Impfen? Früh aufstehen? Ausweis? Impfzentrum? Nichts dabei, was bekannt wäre und irgendwie vertrauenswürdig sein könnte. Dass es einen „kleinen Piekser“ geben wird, das allerdings weckt Erinnerungen. Herr Q. hat schon viel physisches Leid erfahren und hat vom kleinen Piekser bis zur großen Operation alle Formen der hilfreichen Verletzung seiner körperlichen Integrität erlebt. Er hat aber auch die zerstörerischen Varianten kennengelernt, Schläge von Russen, die seinen Vater verschleppt haben, die gewaltsame Vertreibung aus der Heimat, Übergriffe von Menschen, denen er anvertraut gewesen ist, und – vor allem seit die Demenz sich angeschlichen hat – entwürdigendes Verhalten, ignorierendes Kommunizieren und lieblose Abwehr derer, die ihn gerade umgeben haben.

Impfpieks? Um was für eine Art Verletzung wird es sich handeln? Uneinschätzbar für Herrn Q., nicht vorwegzunehmen, er hört von uns: „hilfreich“ und findet in sich nur ein Fragezeichen. Todesangst. Vielleicht wird er heute umgebracht.

Trotzdem geht er mit, er spürt, dass es richtig ist und signalisiert sein Einverständnis: Er ist kein Waschlappen, er hat schon anderes gemeistert in seinem Leben als das hier, was auch immer es ganz genau sein mag! Er will da durch!

Und dann finden ihn natürlich wie immer alle bezaubernd, er ist sofort der Held im Impfzentrum, für ein paar ewige Momente vergessen Ärzte und Helfer das Impfen, stehen einfach nur um ihn herum und flirten ihn an. Es ist seine Aura, unwiderstehlich!

Den Pieks hat er gar nicht gespürt. Und jetzt zu Hause, gerade eben am Frühstückstisch, hebt er so gut er kann den vom Parkinson gebeugten Kopf und fängt an zu singen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergeh‘n!“ Wir würden Fahnen schwenken, hätten wir welche da – bleibt nur: Mitsingen!!!

Eindeutige Impfempfehlung von Herrn Q.: gar nicht so schlimm!

 

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Wir haben gut gesprochen!

„Das war ganz schön heilig!“ sagt Herr Q., als wir über den gestrigen Abend sprechen. Das heißt – als er darüber spricht, ich brauche eine ganze Weile, bis ich realisiere, um was es geht.

Herr Q. gilt als „demenzkrank“ und kann kaum noch auf „normale Art“ kommunizieren. Aber was heißt schon „normal“? Alle seine Äußerungen sind voller Bedeutung, gerade in ihren negativen, sämtliche gewohnte Formen scheinbar negierenden oder zerbrechenden Impulsen spürt man oft etwas Wesentliches, was nach Gehör sucht, nach Zuhören, nach wahrem Verständnis.

Das Wort „heilig“ hab ich aus deinem Mund noch nie gehört. Heute ist es dir wichtig. Du sprichst es nicht abfällig aus, auch nicht abgehoben, sondern ganz nüchtern, wie die korrekte Beschreibung eines Sachverhalts: Da war etwas heilig!

Ich weiß immer noch nicht, um was es geht, aber man lernt im Umgang mit Demenzkranken ein offenes Zuhören, das keine konkreten Ergebnisse oder logischen Zusammenhänge verlangt und eher auf Verbindung aus ist, auf Kommunikation an sich.

Dann aber wird klar: es geht um gestern Abend, als wir gemeinsam hier am Tisch gesessen haben und passiv, nur zuhörend und zuschauend an einem Zoom-Meeting von Freunden teilgenommen haben, „zwei Jungs und zwei Frauen waren dabei“ sagst du, „die eine heißt Theresa“.

Das stimmt nicht, könnte man sagen, aber was heißt das jetzt schon wieder? Wieso stimmt nicht, was genau so, wie es aus dir herauskommen will, nach Ausdruck verlangt? Sie heißt Theresa.

„Wir haben gut gesprochen, es ist alles so schön geflossen“, sagst du und da geht mir das Herz auf – die Worte stehen dir ja nicht mehr so zur Verfügung, wie wir es gewohnt waren oder sind. Aber – oder gerade deshalb – spürst du genau, wenn die Worte, die andere sprechen, nicht mehr miteinander in Konflikt sind, wenn sie die eigentliche, grundsätzliche Kommunikation nicht mehr behindern, sondern sie durchlassen und mit anderen deren Inhalt teilen. Wie du sagst: „WIR haben gut gesprochen!“ …. da versteht man von ganz innen, was das viel geschmähte Wort „heilig“ bedeuten kann!

Du wärst nicht Herr Q., wenn du nicht einen kleinen Test für mich parat hättest, ob ich nämlich alles richtig verstanden habe. „Aber es war für uns alles umsonst!“, sagst du und schaust traurig unter dich. Und obwohl ich jetzt auf die Idee kommen könnte, du meintest die Beschwernisse der Demenz, das Altwerden, die Sterbensnähe mit dieser Aussage, entgeht mir nicht dein fragender Seitenblick.

Ich frage mit ehrlichem Erstaunen nach: „Und du meinst wirklich, das war jetzt alles umsonst?“ Da schaust du mich lachend an, wie: „Ich wollte nur mal sehen, ob ich dich aufs Glatteis führen kann!“.

Nein, das war und ist nicht umsonst! Kein Augenblick konfliktfreier Kommunikation wird jemals wertlos. Herr Q. weiß das besser als ich, denn davon hat er wie im Untergrund gelebt, das war sein Lebenselixier in einem Leben, in dem er nicht „das Sagen“ hatte, aber die heimliche Weisheit über den wahren Inhalt dessen, was wir uns mitteilen. Dennoch ist er an der Angst eingeknickt, die die Heimlichkeit, das Verbergen dieses „Wissens“ macht, die Angst, es nicht teilen zu können in einer konfliktbeladenen Welt.

Wir sind sehr froh an diesem Morgen zusammen, alles ist gesagt! Du redest von den Weintrauben im Garten des Hauses, in dem deine Kinder groß wurden, weiße Trauben und rote, und wie sie beide, jede anders, aber so gut geschmeckt hätten. Und von dem großen Baum vor dem elterlichen Hof, wo du selbst aufgewachsen bist. Der Baum, der zwei Sorten Birnen trug, große und kleine und der die wärmsten Kindheitserinnerungen in dir weckt.

Wo wir gut miteinander sprechen, da ist unsere Heimat zu spüren, eine Heimat, deren Formen zerbrechen mögen, die an wechselhaften Orten und mit unterschiedlichen Menschen zu erleben ist, die aber von ihrer veränderlichen Äußerlichkeit nie aus dem Lot gebracht wird.

Und hier sind wir froh, ich kann es gerade bezeugen.

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An den einen Leser ….

… der hoffentlich das kleine Büchlein lesen wird, damit ich von ihm erfahre, was ich geschrieben habe:

Es ist jetzt im Buchhandel gemeldet und du kannst es auch schon direkt beim Verlag BoD oder bei amazon bestellen. Die Links dazu findest du auf der Homepage zum Buch: www.spirituelles-willkommen.de . In den nächsten Tagen wird es auch nach und nach in allen anderen gängigen Online-Shops auftauchen. Die Konvertierung zum E-Book ist aufwändig und wird noch etwas zwei bis drei Wochen dauern, dann erscheint auch diese Option in den Shops.

Wenn du dich auf der Homepage für den Newsletter anmeldest („Post für dich“), informieren wir dich darüber, wann genau das E-Book erhältich ist.

Ich danke dir, mein lieber Leser, der du vielleicht noch geboren werden musst, aber das ist nicht schlimm. Geduld, wenn sie unendlich ist, bringt sofort ein sicheres Ergebnis mit sich: die Freude über dich, der du mir einst schreiben und erzählen wirst, ob der Gedanke eines WIR, das uns auch durch schwierige Zeiten tragen und das unsere Egoismen heilen kann, in dem Buch transparent geworden ist. Nur das interessiert mich.

Dir und allen eine gute, friedliche Weihnachtszeit, in der wir in diesem Jahr eine besondere Chance haben, uns zu besinnen, was das eigentliche Virus zwischen uns ist, und uns für Heilung in Solidarität und Frieden zu entscheiden.

Alles Liebe euch und uns,

Michael

 

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