Autor: Michael

Phönix aus der Asche

Vor einigen Jahren wurde ich Zeuge eines Wohnungsbrandes hier in der Geschäftsstraße Hamburg-Eppendorfs, dem „Eppendorfer Baum“. Der ausgebaute Dachstuhl des sechsstöckigen Hauses brannte vollkommen aus, lange Zeit war danach das gesamte Haus unbewohnbar. Wer hatte Schuld? Der Mieter der brennenden Wohnung? Was wird aus den Mitbewohnern, die fluchtartig das Haus verlassen mussten?
Ich war stark beeindruckt von diesem Ereignis und schrieb daraufhin die Erzählung „Phönix aus der Asche“, in die ich andere Ereignisse mit einfließen ließ, die zu dieser Zeit eine große Rolle in meinem Leben spielten.

Jetzt ist mir diese Erzählung in einem für mich selbst zunächst überraschenden Zusammenhang wieder in den Sinn gekommen: Als Bücherschreiber hat mein nächstes Projekt das Thema „Schmerz aus spiritueller Sicht“. Und damit ist durchaus vor allem auch der konkrete, physische Schmerz gemeint, der Hals-, Knie-, Rücken- oder Kopfschmerz. Es soll ein schmaler Ergänzungsband zu dem Buch über die Angst werden und ich habe mich gefragt, wie ich das angehen solle. Und da ist mir der „Phönix“ eingefallen und mit ihm die Überschrift für meinen Text in dem geplanten Buch: „Schmerz, wo ist dein Stachel?“.

Erst allmählich ist mir klar geworden, was es eigentlich gewesen ist, das mir die Geschichte in Erinnerung gerufen hat. Physischer Schmerz spielt in der Erzählung offensichtlich keine Rolle. Es ist vielmehr die Antwort auf den Schmerz, die nicht zwischen physischem und seelischem Schmerz unterscheidet. Diese Antwort schimmert in der Begegnung von Anja und Jens durch und ist vielleicht am ehesten mit dem Begriff „wahre Nähe“ anzudeuten.

Jetzt bin ich selbst gespannt, wie ich schreibend aus dieser Nummer rauskomme. Als Poet darf man ein Gedicht einfach in die Luft hängen oder die Quintessenz einer Geschichte der Interpretation des Lesers überlassen. Vom Sachbuchautor wird dagegen Eindeutiges, Nachvollziehbares erwartet. Was hat der „Phönix“ also mit deinen Knieschmerzen zu tun?
Wir werden sehen.

So, wie das abgebrannte Haus inzwischen renoviert worden ist und längst wieder bewohnt wird, so habe ich auch die Erzählung … sagen wir „restauriert“, jedenfalls wiederbeathmet.
Hier ist sie noch einmal und gleichzeitig schon – als sehr vorgezogene Leseprobe eines Buches, das es bislang aber sowas von noch gar nicht gibt. 🙂 Für alle, die auch mal etwas längere Blogbeiträge lesen, also vor allem: für dich!!

 

*

 

Er war nicht zu Hause gewesen, als der Anruf gekommen war. Gut zwanzig Minuten hatte er gebraucht für die Fahrt zurück zum Eppendorfer Baum, die Straße war abgesperrt gewesen, wo hatte er eigentlich den Wagen geparkt? Das müsste er doch … gerade eben hatte er ihn abgestellt … unwichtig, total unwichtig! Es war offensichtlich möglich, zwanzig Minuten lang nichts zu denken, das war ihm neu. Er hatte die Zeit seit dem Anruf mit Nichtdenken überbrückt, und die untrüglichen Zeichen am wolkenlosen Sonntagshimmel ignoriert, die ihm die Nachricht der Katastrophe so anschaulich hatten illustrieren wollen. Jetzt erst, als er sich zu Fuß – jeden Schritt musste er fast mit Gewalt vor den anderen setzen – der bizarren Szene näherte, die sich ihm da bot, schien sein Denken wieder einzusetzen: ›Wo soll ich mich melden?‹ … Da vorne standen zwei Polizisten, da würde er hingehen. Jens vermied es, nach oben zu schauen, das würde er gleich tun, gleich, erst musste er sich melden! ›Mein Name ist Jens Gruber, mir gehört die Wohnung. Mein Name ist Jens …‹ – all die Leute, hunderte ›Schaulustige‹, das Wort kam ihm seltsam vor, und die Straße voller …. ›das sind bestimmt mindestens …‹, Jens begann, die Einsatzwagen der Feuerwehr zu zählen, während er auf die Polizisten zuging, die dem Haus am nächsten standen. Unmittelbar, bevor er sie erreichte, zog es ihm jedoch förmlich den Kopf in den Nacken, wie unter Zwang schaute er nach oben und blieb wie angewurzelt stehen:

Meterhohe Flammen schlugen aus sämtlichen Fenstern seiner Wohnung im obersten Stockwerk und krallten sich in das Dach des sechsstöckigen Wohnhauses, schmolzen es ein, rissen nieder, was sein Zuhause so lange geschützt und abgeschirmt hatte. Von innen her griffen sie sich die Holzkonstruktion des ausgebauten Dachstuhls und sprengten die Ziegeln erbarmungslos auseinander, rasend in ihrer vernichtenden Hitze und gleichzeitig ganz ruhig in der Gewissheit, dass ihnen nichts entkommen werde. Durch die Fenster sah man Teile der Decke herabstürzen, eines seiner Bücherregale! – er meinte es brechen zu sehen. Dichter, tiefschwarzer Rauch stieg auf und verdunkelte den Himmel, für dessen Licht es kein Durchkommen mehr zu geben schien. In diesem Anblick lag nicht einmal der Schimmer einer Hoffnung, dass hier noch irgendetwas zu retten war. Da oben verbrannte sein Leben, in diesem Inferno sah Jens sich selbst vergehen, und für einen Moment blickte er mitten in die Hölle einer bodenlosen Angst.

Dann aber fing er sich, zwang sich, den Blick abzuwenden, wieder nach unten, nach vorne zu schauen, setzte sich in Bewegung und ging wie unbeteiligt an den Polizisten vorbei, die ihn bisher nicht bemerkt zu haben schienen. Er machte einen großen Bogen um den Rettungsbus der Feuerwehr, durch dessen Fenster er einige seiner Nachbarn erkennen konnte, und floh in die Anonymität einer Gruppe von Zuschauern, die ihm sämtlich fremd waren. ›Nur fünf Minuten‹, sagte er sich, ›ich geh gleich hin, muss mich ja melden … fünf Minuten, nur fünf Minuten!‹, und er spürte, wie die Angst wich, so, als habe sie ein Eigenleben und die Macht, ihm diesen Aufschub zu gewähren. Jens wurde selbst zum Zuschauer, konnte sich wohl in die Lage des Wohnungsbesitzers hineinversetzen, aber das war er nicht mehr selbst – er gestattete sich, seine Identität vor sich selbst zu verleugnen, gewiss nur für fünf Minuten!

»Furchtbar, nicht?«, der Mann rechts neben ihm sprach ihn an, »die armen Leute – und das kurz vor dem Winter!«.

»Ja, furchtbar sowas!«, antwortete Jens mit einer bemüht distanzierten Anteilnahme, merkte aber, wie er sich noch keineswegs sicher im Griff hatte, eine ängstliche Frage drängte unaufhaltsam durch seine Maskerade und da hatte er sie auch schon gestellt:

„Ist jemand verletzt?“

Er spürte, wie sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten und ein Taumeln von ihm Besitz ergriff, was würde er jetzt hören, kam jetzt … kam jetzt der Todesstoß?

»Nein, verletzt ist Gott sei Dank niemand, sie haben alle rechtzeitig das Haus verlassen können!«

Jens atmete leise auf. Und als würde diese Nachricht die Berechtigung seines Verhaltens bestätigen, entspannte er sich und begann sich geradezu wohlzufühlen in seiner Zuschauerrolle.
Eine ganze Weile stand er so da und sah den Bemühungen der Feuerwehr zu, Herr über die Flammen zu werden und die Nachbarhäuser vor einem Übergreifen des Brandes zu schützen. Es schien ihnen zu gelingen, stellte er in einer jetzt schon fast kritischen Beobachterrolle fest, offensichtlich verstanden die Männer ihre Arbeit. Ab und zu wechselte er ein kommentierendes Wort mit dem einen oder anderen der zahlreichen Passanten, die stehenblieben, um sich an dem Schauspiel zu beteiligen. Wie in einem Traum nahm Jens alles aus sicherer Distanz wahr, blieb in einer Art Autismus vor sich selbst verborgen und überließ das Ende dieses Zustandes seiner inneren Uhr, die ihm wohl sagen würde, wann die fünf Minuten vorbei sein würden.

»Das ist Ihre Wohnung, nicht wahr?«

Sie stand schon eine ganze Weile neben ihm, das hatte er wohl bemerkt. Aber womit hatte er sich verraten? Egal, irgendetwas musste er ihr jetzt antworten. Jens riss sich vom Anblick seiner brennenden Wohnung los und blickte die Frau an, die ihn so unvermittelt angesprochen hatte. Auch in dieser außergewöhnlichen Situation konnte er seinen wie automatisch ablaufenden Mann-Frau-Check nicht zurückhalten: In sein Beuteschema passte sie eindeutig nicht, zu alt, zwischen fünfzig und sechzig, schätzte er, zu klein, etwas Müdes, Erschöpftes umgab sie, und ja, die Frisur! – die war ja schon ein bisschen eigenartig! Als Single mit jahrelanger Übung brauchte er für diesen filternden Blick, welcher gewöhnlich die Koordinaten des weiteren Gesprächs festlegte, nur den Bruchteil einer Sekunde: Seine normale Reaktion wäre sicherlich höflich, aber knapp und distanziert gewesen.

Wie fragend, was ihn da wohl von seinem üblichen Muster abbringe, hörte er sich selbst zu, als er sagte: »Oh, das haben Sie bemerkt? Respekt! Also ja, genau, ich bekenne: Sie sehen da gerade mein Hab und Gut in Flammen aufgehen! Ich hab mir hier eine kleine Auszeit genommen, bevor ich mich vor der Polizei oute … werden Sie mich verpfeifen?«

Es waren ihre Augen, die ihn diese für ihn selbst überraschend ausführliche und offenherzige Antwort hatten geben lassen, ihre Augen, die sich in die seinen senkten, als hätten sie alles gesehen, was ihn ausmachte, als kennten sie jeden Winkel seines Daseins, jedes Detail seiner Geschichte und jeden Abgrund seines Wesens, als sei ihnen das alles lange vertraut. Diese Augen, sie schauten in sein Innerstes und was das Erstaunlichste war: Sie schienen ihre Freude daran zu haben, was sie da sahen!

»Klar, ich werde Sie verraten, ausliefern werde ich Sie! Quatsch, ich hätte das genauso gemacht!«

Jens hätte diese fremde Frau umarmen können ob ihrer Sympathiebekundung, wurde dann aber doch unsicher und fragte nach:

»Kennen wir uns vielleicht, Sie müssen verzeihen« – er deutete mit einer kurzen Kopfbewegung auf das Inferno gegenüber, um seine eventuelle Gedächtnisschwäche vorsorglich zu entschuldigen.

»Ob wir uns kennen! – was für eine Frage!«, antwortete sie, etwas ernster werdend und dennoch mit einem geradezu verschmitzten Lächeln, das er der Situation eigentlich nicht für angemessen hielt.

»Kennen Sie denn sich selbst, kennen Sie Ihre Mutter, kenne ich Sie? Aber um Sie nicht zu verwirren: Nein, wir sind uns wohl bisher noch nicht begegnet.«

»Sie sind nicht besonders beeindruckt von dieser Situation, oder?« Jens merkte, wie er innerlich etwas auf Distanz ging, wollte er dieses Gespräch überhaupt? »Ich verliere da gerade alles, was ich habe, alles, was ich bin!«, ein Gran Ärger mischte sich in seinen Tonfall.

»Ja sehen Sie, das täuscht!«, sie war frech wie eine junge Göre, aber zugleich von einer solch unglaublichen Milde umgeben, dass Jens all seine Bedenken gleich wieder aufgab. Ja, er wollte dieses Gespräch, und wie er es wollte!

»Sie wissen wohl alles besser, was?«, versuchte er, sein unerschrockenes Gegenüber zu provozieren, und fuhr mit ernst werdender Miene fort: »Mein Auto habe ich irgendwo da hinten geparkt, das gehört der Firma, alles, was ich besitze – und manches bedeutet mir wirklich sehr viel! – befindet sich da oben, mein Klavier, meine Bücher, viele Erinnerungen. Und außerdem …«, Jens senkte den Blick, »außerdem weiß ich ja noch nicht, ob ich schuld bin an dem Brand, hab ich was angelassen, Kaffeemaschine, Herd, was weiß ich, hab ich diese Katastrophe ausgelöst? Ich weiß das ja noch gar nicht! Deshalb vor allem steh ich hier und trau mich nicht weiter. Da vorne in dem Bus!« – er warf einen kurzen Blick in Richtung des Rettungsbusses, vor dem man jetzt zwei seiner Nachbarn erkennen konnte, denen man ansah, dass sie sich hastig irgendetwas übergezogen haben mussten, bevor sie fluchtartig das Haus verlassen hatten – »vielleicht sitzen wegen mir jetzt zehn Familien auf der Straße und haben ebenfalls ihre Habe verloren!« Jetzt erst wurde ihm seine Situation voll und ganz bewusst und die Angst tauchte wieder auf mit der unmissverständlichen Botschaft, dass sie lediglich für eine kleine Weile und nur scheinbar verschwunden gewesen war. Und noch einmal war es, als schaue er ins Innere des Höllenfeuers: Vielleicht war er schuld!

»Irgendwas hat es ausgelöst, Sie werden ja sehen, inwieweit Sie beteiligt waren, absichtlich haben Sie’s ja wohl nicht gemacht! Es ist niemand verletzt, schon gehört?«

Wie beiläufig sprach sie mit ihm, als ginge es um Banalitäten, aber ihre Freundlichkeit umgab ihn inzwischen wie eine schützende Decke, sie hätte sich jetzt alles erlauben können zu sagen.

»Gott sei Dank, ja!«, Jens atmete auf, »das ist die Hauptsache!«

»Grund zur Freude, finden Sie nicht?«

»Ja .. schon …«

»Und Dankbarkeit!«

»Es bleibt genug, für das zumindest meine Nachbarn nicht dankbar sein werden!«

»Kennen Sie sie?«, es hatte etwas Erbarmungsloses, wie sie ihn da befragte!

»Wen?« – Jens stöhnte auf.

»Na, ihre Nachbarn!«

»Klar kenne ich … ja gut, natürlich nicht, ich weiß nicht wirklich, wie sie reagieren werden.«

Jetzt war es plötzlich, als würde die schützende Decke, die ihn eben noch so wohlig umgeben hatte, ein kleines Stückchen weggezogen, so, als bräuchte sie die kleine Frau einen Moment lang für sich selbst:

»Wir legen doch alle ständig Feuer, ohne es eigentlich zu wollen, ist es nicht so?«, sagte sie ein wenig traurig klingend, »wie oft verletzen wir einander und uns selbst! Unser Pochen auf Schuld, unser Vorwurf, unsere Lieblosigkeit lässt doch den Angstbrand zwischen uns erst entstehen! Was meinen Sie? Anstatt uns dafür zu verurteilen sollten wir einfach hingehen, um einander beim Löschen zu helfen! Gehen Sie nur, und gehen Sie im Vertrauen, Sie werden sehen, es wird auch viel Trost geben für Sie, und wenn man Sie angreift, dann helfen Sie beim Löschen, Sie verstehen das schon richtig, nicht wahr?«

Immer noch ging ein wenig Traurigkeit von der Frau aus, einen Moment lang entzog sie sich Jens’ Blick, der davon mehr erschrocken war als von dem weiter wütenden Feuer auf der anderen Straßenseite, und wie um sie zu sich zurückzuholen stieß er die hilflose Frage hervor:

»Wie heißen Sie? Mein Name ist Jens Gruber!«

»Anja«, sagte sie nur und schaute ihn wieder mit ihrer entwaffnenden Milde an: »Freut mich, Jens!«

Irgendwie ging diese Frau eine Abkürzung, so kam es Jens vor. Sie hielt sich nicht mit Unwesentlichem auf, als schaue sie auf ein nahes Ziel, von dem sie nicht mehr bezweifelte, dass sie es erreichen werde.

Eine Weile standen sie noch schweigend nebeneinander und sahen, wie die Bemühungen der Feuerwehr schließlich zu fruchten begannen: Man sah jetzt nur noch Rauch, keine Flammen mehr. Jens musste sich sehr beherrschen, die Frau neben sich nicht zu berühren. Der Gedanke, dass er jetzt gleich losgehen werde, um sich bei der Polizei zu melden, war ihm leicht geworden dank ihrer Hilfe, dank ihrer Arglosigkeit und ihres Vertrauens, woher auch immer sie das nahm, ganz fasste Jens noch nicht, was hier vor sich ging.

Jetzt aber war sie es, die seinen Arm anstupste: »Hier, nimm das! Da hinten liegt deine halbe Bibliothek auf der Straße, ich hab ein wenig drin herumgewühlt, viel war ja nicht mehr zu erkennen, aber das hier, ich dachte, das bring ich dir mit, das passt so schön! Ist deine Handschrift, oder?«

Jens schluckte seine Fragen herunter: Sie hatte also angeblich hundert Meter weiter in den verkohlten Papieren gestöbert, die unaufhörlich aus seiner Wohnung auf die Straße heruntersegelten, und wollte da schon gewusst haben, dass sie ihm begegnen werde? … Er merkte, wie er seine eigene Frage als störend empfand und nahm das angesengte Blatt neugierig entgegen, das Anja ihm reichte.

»Ja, das ist meine Handschrift«, ›… nix aus der Asche‹, konnte er noch lesen, darunter nur ein paar kryptische Satzteile. „… ‹Phönix aus der Asche‹, ja, das ist von mir, tatsächlich, das ist schon gute zehn Jahre her, ich wollte einer erkrankten Freundin ein Buch schenken, aber sie war leider vor meinem Besuch gestorben. Als ich von ihrer Beerdigung kam, war ich sehr erschüttert und schrieb, als ich wieder zuhause war, spontan ein kleines Gedicht in das Buch. Es hatte all die Jahre einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek. Aber aufgeschlagen habe ich es seitdem nicht mehr. Ja, das passt nun wirklich!«

Er befreite das Blatt so gut es ging vom Ruß, faltete es zusammen und steckte es in seine Jackentasche.

»Gut, dann habe ich das jetzt für dich aufgeschlagen, mach’s gut, Jens, mein Lieber! Und zweifle nicht daran, dass du nicht das bist, was da oben verbrennt!« Sie durfte so reden, Jens freute sich so sehr über diese Worte, dass er sie gehen ließ, ohne nach ihrem vollen Namen zu fragen; nicht, weil er sie nicht wiedersehen wollte, sondern ganz im Gegenteil, weil die Möglichkeit, dass er sie nicht wiedersehen könnte, in diesem Moment für ihn nicht existierte.

»Ja, du auch, Anja, und … danke!«

»Ich danke dir, mein Lieber!«, antwortete sie, und erst jetzt, als sie ging, und er sie gehen ließ, wurde Jens allmählich bewusst, was er die ganze Zeit schon gesehen, auch richtig eingeordnet hatte, was er aber bis jetzt doch nicht vollständig in sein Bewusstsein hatte vordringen lassen: Die seltsame Frisur, wie er das vorhin noch genannt hatte, war zweifellos eine Perücke, und Anjas Erschöpftheit … Tränen stiegen ihm in die Augen, er wollte ihr schon nachrufen, aber er meinte ihr »Nein« zu sehen … und in ihm ein alles überstrahlendes »Ja«: Es war alles gut so, alles war gut.

Als Jens abends in seinem Hotelzimmer saß und die Ereignisse noch einmal vor sich ablaufen ließ, fiel ihm die Buchseite wieder ein, die Anja für ihn gefunden hatte. Er griff nach seiner Jacke, holte das angekohlte Papier aus der Tasche und sah der Rußflocke nach, die ganz ruhig auf den Teppichboden segelte, wo sie in einer Zartheit lag, als wolle sie den Teppich nur berühren, keinesfalls aber beschmutzen. Sorgsam faltete er das Blatt auf, dachte einen glücklichen Moment lang an Anja, lehnte sich in seinem Sessel zurück und schlief ein.

*

Phönix aus der Asche

Hört‘ ich ein leises Rauschen,
Als teilte sanfter Flügelschlag die Luft,
Auf dass ich wahrhaft sehen möge,
Was nieder mir zu sinken schien in dunkle Gruft.

Und löste meine Augen
Von diesem Freude-Trauer-Wechselland,
Dein Haus, darauf gebaut gleich meinem,
Von Hoffnung sorgsam wohl umzäunt, war’s doch verbrannt.

Gab all mein banges Halten,
Mein Sehnen, Wünschen, Wollen gab ich hin,
Und sah, sah durch den Fächer Deiner Schwingen,
Dass Du mir immer nah, und ich Dir ewig bin.

*

 

Brüderchen erzählt ein bisschen was

Der „kleine Bruder“ ist jetzt lieferbar. Diesmal scheint es auch mit dem Druck der Bücher rasch zu gehen. Beim letzten Buch hat Corona ja die Auslieferung zum Desaster werden lassen.

Hier jedenfalls eine Leseprobe aus dem Kapitel „Füreinander heilsam sein: der Ausgang aus der Angst“:

„Die Orientierung an der Angst und der Schuld ist die mächtigste Bastion Egons (ich erlaube mir hier wieder, »das Ego« – das unser Getrenntheitsglaube als scheinbar alternativlose Autorität und Führung unseres Geistes hervorgebracht hat – als »Egon« zu bezeichnen, dann haben wir auch mehr Spaß daran, wenn wir ihn vor die Tür setzen, sorry, mein lieber Egon!).

Um unsere Wahrnehmung, die erst einmal – »von Haus aus« sozusagen – von Egons Ghostwriter-Direktiven und seinem scheinheiligen Wertekatalog bestimmt ist, mehr und mehr der Alternative einer heilenden Sicht auszusetzen, möchte ich gerne mit dir ein wenig hin- und herwandern zwischen drei Positionen: Ausgangssituation ist für uns alle eine Wahrnehmung, die sich auf Deutungen der Angst beruft, die in der Welt des fleißigen Hausmeisters unserer getrennten Identitäten »selbstverständlich wahr« sind. Von hier aus können wir unsere Position wechseln zu einem Infragestellen dieser »mitgebrachten« Deutungen aus einer zu Egon distanzierten Beobachtungshaltung heraus, die ein »Einssein im Geist« schon für denkbar hält. Und jetzt, mitten im Spannungsfeld dieses scheinbaren Konflikts sich widersprechender Sichtweisen, kann uns der Wechsel zu einer fundamental anderen, konfliktfreien Perspektive gelingen, deren einzige Deutung der Angst die ist, dass sie vergangen ist.

Nehmen wir uns beide vor, lieber Leser, eine solche »dritte« Perspektive zumindest für möglich zu halten, dann wird der »letzte Blick« auf die Angst eine Erfahrung der Liebe sein.
[…]

Gleichwohl erfahren wir Angst immer wieder, in uns oder in anderen, ihre prinzipielle Unheilbarkeit ist der ewig scheinende Triumph Egons, und er kann diese hohe Karte seines Lebensspiels in jedem Aspekt des Lebens ausspielen und tut dies auch, wer wollte das bezweifeln? Dennoch: Egon ist voll und ganz von meinem Glauben an ihn abhängig, ohne den er nicht existiert. Er ist nicht in der Wahrheit wie du und ich, er ist nicht in der Liebe, die immer bereit ist, uns als die zu spiegeln, die wir wirklich sind. Egon ist der dunkle Punkt einer wahnsinnigen Behauptung, es könne einen solchen Punkt außerhalb der ewigen Liebe geben. Nichts weiter. Wahr bleibt: Als Alternative zu diesem blinden Fleck der Hoffnungslosigkeit und des Todesurteils gibt es einen schattenlos hellen Orientierungspunkt außerhalb unseres Irrtums. Die Liebe kennt keine Dunkelheit. Und es ist nur ein kleiner, leicht zu korrigierender Irrtum unseres Denkens, zu glauben, dies bedeute, sie kenne uns nicht. Das bleibt wahr, wie hartnäckig wiederkehrend und wie scheinbar unendlich verwandelbar in ihren Formen die Angst auch sein mag. Sie ist in jedem Moment nicht existent, den ich der Ewigkeit hingebe, und dann ist sie nicht nur jetzt abwesend und nur für uns nicht erlebbar, sondern sie ist nie und für niemanden je gewesen, sie ist als Irrtum erkannt. Angst kann im Wortsinn »durchschaut« werden als die oszillierende Matrix eines Trugbilds: des Bildes, das wir uns von unserer Körper-Geist-Identität in einer dinglichen Welt selbst gemacht haben.“

[…]

http://www.spirituelles-willkommen.de

 

*

Bestellungen beim Universum

Spätestens seit Bärbel Mohrs gleichnamigem Buch wissen wir ja, wie’s geht, das Wunscherfüllen aus eigener Kraft: Wir denken uns den Traumpartner, den ersehnten Job und das satt gefüllte Bankkonto einfach herbei. Klappt garantiert, genauso wie das Verbiegen von Kaffeelöffeln per Geisteskraft seit Uri Geller für uns alle eine Selbstverständlichkeit ist.

Der Anfänger in der Disziplin des Wunscherfüllens beginnt seine Fähigkeiten klassischerweise mit dem Herbeidenken eines Parkplatzes an gewünschter Stelle zu erproben, erst auf dem Land, dann in der Vorstadt und schließlich mitten in der City einer Großstadt, wo die Anwohner bereits aus purer Not dazu übergegangen sind, ihre Fahrzeuge senkrecht an Bäume zu stellen und im Falle eines kosmisch günstigen Moments, in dem dann eben doch mal ein regulärer Parkplatz zu ergattern ist, ihr Auto dort bis zum nächsten Sommerurlaub stehen zu lassen. Es gibt ja überall jetzt in den Großstädten wunderbar ausgebaute Bus- und U-Bahnverbindungen.

Nicht so unser universeller Wunscherfüllungsadept, der gerade solche Situationen beginnt, reizvoll zu finden wie jeder Meisterschüler, der schließlich die Schwierigkeit sucht, um noch weiter in seinen Fähigkeiten wachsen zu können.

In meinem beruflichen Alltag fahre ich täglich durch die schönste Stadt, von der jeder weiß, dass sie an der Elbe liegt und ich brauche mehrmals am Tag … genau: einen Parkplatz, möglichst in der Nähe der Adresse, zu der ich unterwegs bin. Was das Wunscherfüllen durch Herbeidenken angeht, halte ich mich allerdings nicht mal für einen Anfänger, höchstens für einen Dilettanten, deswegen spiele ich auch nach entsprechend enttäuschenden Ergebnissen bei meinen tapsigen Versuchen, wenigstens mal drei oder vier richtige Zahlen herbeizudenken, seit Jahren kein Lotto mehr und verwende das Geld lieber zum Auffüllen von Parkuhren.

Erstaunlich allerdings ist eine unbestreitbare Tatsache: In den zwei Jahren, in denen ich jetzt derart in meiner Stadt unterwegs bin, hab ich nie länger als drei Minuten gebraucht, um auch in den parkraumbefreitesten Wohngebieten einen Platz mit meinem zum Glück eher kleinen Auto zu finden. Da hab ich aber nichts herbeigedacht und nicht einmal drüber nachgedacht. Es war einfach immer so, und das ohne Ausnahme.

Gestern also – jetzt kommt so langsam die eigentliche Geschichte, ich bitte um etwas Geduld! – bin ich wieder unterwegs in ein solches parktechnisches Horrorgebiet und versuche es gelassen zu nehmen. Wie gesagt, bisher … Was anders ist: Diesmal denke ich über das Phänomen nach. Mir fällt besagte Wunscherfüllungstechnik ein und ich frage mich, ob ich da so was Ähnliches vielleicht unbewusst mache. Erstaunlicherweise komme ich zu dem Ergebnis, dass mein „Denken“, was solche Wünsche angeht, eigentlich in eine ganz andere Richtung geht entsprechend dem, wie ich gewohnt bin, meinen Geist auszurichten: Ich weiß zwar, was ich an der Oberfläche „will“ – in diesem Fall einen Parkplatz, aber ich weiß auch und versuche dieses Eingeständnis in mir wach zu halten, dass ich keine Ahnung habe und keine haben kann, wozu die Situation, in der ich gerade einen Parkplatz suche, eigentlich gut ist, was sie soll und was mein Teil darin ist.

Und zum ersten Mal wende ich diese Geisteshaltung bewusst auf die Parkplatzsuche an. Holla! Als Erstes wird wir unangenehm klar, warum da eine gewisse Hemmschwelle zu bemerken ist. Irgendwas in mir will an dem offensichtlich funktionierenden System (ich finde ja immer einen Platz) nicht rühren. Klappt doch auch so. Wenn ich jetzt sage: Ich weiß aber eigentlich gar nicht, worauf die Situation im Gesamten hinauslaufen soll und wird, sag ich da nicht auch: Ich stell das mal anheim mit dem Parkplatz, wenn ich keinen kriege, soll das vielleicht so? Genau. Genau das sage ich damit. Und da ist die Hemmung: Mach ich jetzt meine gute Serie kaputt? Will ich den Parkplatz gar nicht so richtig, entlasse ich ihn aus meinem geistigen Fokus – und damit ist er weg? Ist das nicht gerade die Stärke der Bestellstrategie, die die Willenskraft bündelt, um das Universum dazu zu bringen, Platz für mich zu schaffen?

Boah. Ja. Da ist was dran. Ich entlasse tatsächlich den Parkplatz aus meinem geistigen Fokus und sage: Ich weiß nicht, was gut für mich ist in dieser Situation. Mein Fokus liegt jetzt darauf, zu erfahren, was ich hier soll – mit oder ohne Parkplatz. Zur Erinnerung: Ich habe einen Termin! Zu spät kommen ist gaaaanz schlecht. Und es wird langsam eng, denn – wen wundert’s? – diesmal finde ich natürlich keinen Platz, die drei Minuten sind seit zehn Minuten vorbei und ich kreise immer noch zunehmend zerknirscht um die Zieladresse herum und bestaune die vielen Senkrechtparker, Baustellen, dauerparkenden Wohnmobile und ähnliche Blockaden meines mir aus universeller Sicht zustehenden Parkplatzes.

Das Wohngebiet grenzt an die „City Nord“, ein isoliertes Gebiet mit Firmen- und Bürohäusern. Irgendwann fahre ich zum zigsten Mal an dem „Haus Nr. 54“ vorbei, und biege in die City Nord ab. Nach fünfzig Metern geht da noch eine Wohnstraße mit entsprechendem Parkstreifen ab und das ist meine letzte Hoffnung: Vielleicht habe ich da Glück. Nach gut zweihundert Metern tatsächlich: Ein Parkplatz, also jedenfalls so was Ähnliches, ein Dreiviertelplatz, mit dem Heck steh ich in einer Einfahrt, aber es ist Platz genug für alle und ich lasse das Auto da stehen, Thema durch, Parkplatz gefunden.

Jetzt muss ich natürlich die ganze Wohnstraße wieder zurückgehen, aus der City Nord raus und die Hauptstraße zurück bist zur „Nr. 54“. Unterwegs kommen mir Gedanken wie: Siehste, jetzt denkst du einmal nach über dein Parkplatzsuchen und wie du dich dazu einstellst und schon klappt es nicht mehr. Da liegt es doch nahe, den Schluss zu ziehen, dass der Wille durch dieses „Freilassen“ der Situation geschwächt wird und nicht mehr genügend fokussiert ist auf das Ziel: einen Parklatz zu finden. Der Gedanke ist nicht abzuweisen, aber was sich in mir durchsetzt, ist: Okay, dann lebe ich damit, ich will weiter wissen, was ich hier soll und das ist mein eigentliches Ziel! Das ist mir wichtiger. Den Zyniker, der mich jetzt verhöhnen will – „Was du hier sollst? Du sollst keinen Parkplatz finden und zu spät kommen!“ – überhöre ich einfach. Eine andere, sehr leise Stimme ist da auch, die sagt etwas ganz anderes. So in etwa: Warte es doch ab, du wolltest doch wissen, wozu du hier bist! Jedenfalls bedeutet das Ganze erst mal zehn Minuten Fußweg für mich. Das ist ja durchaus akzeptabel, aber im Vergleich zu allem, was ich bisher beim Parkplatzsuchen erlebt habe, das mit großem Abstand schlechteste Ergebnis. „Nr. 54“. Um genau zu sein: „Nr. 54 c“. Schließlich bin ich da.

Der Häuserblock steht quer zur Hauptstraße und „54 c“ ist der letzte Eingang. Ich finde den entsprechenden Namen am Klingelschild, merke aber, dass ich tatsächlich noch drei Minuten zu früh bin und gehe noch ein wenig vor der Haustür auf und ab. Da hinten, am Ende des Häuserblocks, wo mag das hingehen? Eine kleine Treppe – fünf Stufen nur – , führt in eine Art Garten, der begrenzt ist von einer etwa zwei Meter hohen Hecke. Ein schmaler Durchgang, wohin nur? Meine Neugier ist geweckt und ich gehe die Stufen hinunter und durch die Lücke in der Hecke und … und … das gibts nicht … stehe vor meinem geparkten Auto.

Klar, das ist alles kein Zauber, die Straße führt eben parallel zur Hauptstraße auch an dem Häuserblock vorbei, der mein Ziel war … zu erkennen ist das allerdings von dieser Seite her in keinster Weise, da ist nur hohe, grüne Hecke … kein Hinweis auf Hauseingänge, nichts. Kein Zauber, und doch stehe ich mit weit offenen Augen da, staunend über die unbezweifelbare Tatsache, dass ich genau vor der Haustür einen Parkplatz bekommen habe.

Hätte ich ihn beim Universum bestellt und derart „geliefert“ bekommen, würde ich mich jetzt beschweren: Was nützt mir der Parkplatz, wenn ich nicht erkennen kann, wie nah er dem Ziel gelegen ist. So aber, weil ich ihn eben nicht „herbeigedacht“ habe, sondern immer noch die einfache Frage stelle, wozu diese Situation eigentlich diene und was ich in ihr solle, empfinde ich etwas ganz anderes. Es ist einfach nur Dankbarkeit und Glück. Die Antwort und Hilfe ist immer mit mir. Und das ist … mehr als genug.

 

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Der kleine Bruder

Gregor und ich sind uns noch nie live begegnet, aber jetzt haben wir ein zweites Buch miteinander geschrieben. Das Besondere unserer „Beziehung“ ist, dass wir in den fast dreißig Jahren, in denen wir uns über Diskussionen in Gregors spirituellem Forum kennen, nahezu nie – in Worten NIE – einer Meinung waren in der Auslegung dessen, was man einen „spirituellen Weg“, wie ihn beispielsweise der „Kurs in Wundern“ beschreibt, nennen könnte. Das hat sich auch nicht wesentlich geändert, wir treffen uns jetzt neuerdings einmal die Woche in einem Zoom-Meeting, und da müssen wir beide oft noch die Luft anhalten.

Bücher können wir allerdings ganz offensichtlich zusammen schreiben, mit einem jeweils eigenen Teil darin und einer klaren Trennlinie zwischen Teil eins und Teil zwei. Gleichwohl hätten wir schon das erste Buch niemals zusammen veröffentlicht, wenn nicht ein frappierender Effekt eingetreten wäre, der wirklich nicht voraussehbar gewesen ist: Die Texte „klingen“ zusammen, da ist so etwas wie ein „gemeinsames Interesse“ spürbar, das sich durchsetzt und trägt.

Erstaunlich. Darin, nämlich in der Erfahrung, dass wir unabhängig vom äußeren Anschein von etwas getragen sind, das verbindet, das hilft, das aus scheinbar Unvereinbarem etwas Einheitliches und aus Teilen ein Ganzes werden lässt, haben wir uns an das Thema „Angst“ gewagt und uns die einfache Frage gestellt: „Wohin mit ihr“?

Und daraus ist jetzt unser zweites Buch geworden, das im Oktober auf den Markt kommt. Auf unserer Homepage stellen wir es schon mal vor, da gibt es auch reichlich Leseproben für die, die Interesse an dem Thema bzw. einer sicherlich ungewöhnlichen Betrachtungsweise der Angst haben. Und diesmal haben wir uns sogar getraut, als Teil drei des Buchs in einen direkten Dialog miteinander zu gehen, und zwar unter der Überschrift: „Heilung ist Integration“.

Hier die Internetadresse für die Homepage, ich würde mich sehr über Rückmeldungen dazu freuen: Fehlt euch da was, kann man sich gut orientieren, ist das Ganze aus eurer Sicht aussagekräftig? Sagt mal piep! http://www.spirituelles-willkommen.de

 

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Parkbaden

Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum es kein „Parkbaden“ geben soll, derweil „Waldbaden“ sich zu einem der Begriffe entwickelt hat, bei dem du deine Reputation riskierst, wenn du mit einem leisen Heben deiner Augenbraue andeutest, dass du keine Ahnung hast, wovon diese merkwürdige Vereinigung zweier assoziativ eher weit voneinander entfernter Wörter wie „Wald“ und „baden“ eigentlich sprechen will.

Während also an diesem sonnigen Sonntagmorgen vermutlich die halbe Nation mit Waldbaden verbringt, steht mir nur ein kleiner innerstädtischer Park zur Verfügung, um in eben jenen engen Kontakt mit der Natur zu treten, dem man mittels dieser Wortagglomeration gesundheitsfördernde, entschleunigende und allgemein roborierende Wirkungen nachsagt.

Ich komme in einem magischen Moment in meinen kleinen Park: Es ist noch sehr früh, das erste Licht der Morgensonne streift die Wiese, die Bäume, die hohen Gräser rund um den See. Wie ein schmaler Teppich liegt es auf dem vom Morgentau funkelnden Rasen, zeichnet ein Fenster auf das Wasser des Sees, schimmert durch einen kleinen Teil des leise sich regenden Blattwerks einer mächtigen Rotbuche, umspielt deren Stamm in seinem unteren Bereich mit tanzenden Figuren. Mein Blick bleibt fasziniert an dem einzigen Zweig einer ansonsten noch ganz im Dunkel liegenden Fichte hängen, der bereits vom einfallenden Sonnenlicht erfasst wird. Für einen Moment bin ich zutiefst … berührt. Und das im Wortsinn: ich fühle eine Berührung, es ist wie ein „hallo, grüß’ dich!“, ein Erkennen, ein Wiedersehen. Jede einzelne Nadel des kleinen Zweiges winkt mir zu, sieht mich, meint mich. Und dann …. veschattet sich das Ganze, wird irgendwie trübe, ist plötzlich nur noch ein von der Sonne hübsch beschienener Zweig. Ich weiß sofort, was passiert ist: Ich habe angefangen, über meine Berührung nachzudenken, und das „Licht“ ist sofort raus, das wahre Licht, für das die Sonnenstrahlen lediglich die Erinnerung gewesen sind. Die Erinnerung an das Licht der unmittelbaren Verbundenheit, die in dem Park wohl gerade dadurch in mir geweckt worden ist, dass ich staunend dieses und jenes und wieder ein anderes Detail der Landschaft … im immer selben Licht wie wach werden gesehen habe.

Als ich weitergehe, steht mir die Sonne im Rücken und wirft meinen Körperschatten auf eine Hecke vor mir. Das Licht hat jetzt eine scharfe Grenze, die von meinen Konturen gebildet wird. So leise und wie selbstverständlich schleicht sich der Schatten ein, der das Licht glaubt, begrenzen zu können. Und „ich“ bin es, der diese Grenze ist.

Wie, um mich erneut zu erinnern, tauchen vor mir zwei Fliegen auf, oder Motten, Mücken … ich kann sie nicht genau identifizieren. Sie sind ins Helle hineingeflogen und jetzt seh ich wahrhaftig vor Augen, was Wald-, Park- oder Lichtbaden bedeutet: Mit ihren scheinbar chaotischen Flugbewegungen kommen sie aus dem Dunkel ins Licht und verschwinden in ihm, tauchen auf, nähern sich einander, verschmelzen, trennen sich wieder, werden eins mit dem Licht und sind nicht mehr für mich auszumachen. Und es ist etwas absolut Ruhiges, Stilles in diesen rasenden Bewegungen, das in dies Verschwinden mündet und wie stehenbleibt, „da“ bleibt. Als Berührung der Verbundenheit.

Auf dem Heimweg kommt mir ein Mann entgegen und ich stelle mir vor, dass er umgeben ist von seinen Gedanken, was auch immer er gerade konkret denken oder fühlen mag. Und ich lasse unser beider Gedanken auffliegen in eben dieses Licht, lasse sie sich begegnen, vermengen, im Licht sich verlieren, wieder auftauchen, wie sie es wollen. Dann lade ich alle ein, die rundum in den Wohnungen noch schlafen oder beim Frühstück sitzen, bei diesem Lichtbaden mitzumachen. Und all die Gedanken in dieser mittlerweile beachtlichen Wolke lasse ich nichts anderes zu mir sagen wollen als woher sie kommen und wohin sie gehen und dass sie, wer auch immer sie gerade denkt, niemandem anderem angehören als … „uns“.

Tja. Parkbaden. Ich fürchte, meine Beschreibung davon wird nicht bei Wikipedia landen. Die haben da keine Landebahn für lichtvolle Gedanken. Dann versuch ich es erst gar nicht und freue mich an dem, was da unter „Waldbaden“ so zu lesen ist.

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