Vertrauen

Ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, kommt in das Café gelaufen. In ihrem knallbunten Kleidchen und mit ihren wilden Haaren, denen es egal zu sein scheint, dass jemand versucht hat, sie mir einer roten Schleife zu so etwas wie einer Frisur zu bändigen, wirkt sie auf mich wie Pippi Langstrumpf in klein, dem herrlich unerzogenen Gör aus dem Märchenland.

Oder viel mehr noch wegen ihres Blicks: Ihr Mund steht halb offen, während ihre Augen groß und rund einfach nur quietschneugierig in die Welt schauen, in die sie da gerade hineinläuft.

Da kommt es mir ganz natürlich vor, um sie herum einen lichten Raum zu sehen, in dem das ganze Universum das kleine Mädchen zu umtanzen scheint und vor Freude über diesen sich in einem kleinen Körper ausdrückenden Teil seiner selbst in die Hände klatscht.

Solche Momente kennen wir doch alle, oder? Fraglose Freude, fragloses Miteinander aller Aspekte. Leichtigkeit, die nicht von dieser Welt ist.

Leichtigkeit, Helligkeit und Freude, die das Mädchen mit in diese Welt gebracht hat, um uns und sich selbst damit an die Freude des Lebens zu erinnern. Und hier, in der Welt, beginnt auch ihr Weg in die Gewissheit, dass ebendiese Welt auch mit all ihren lichtabgewandten Aspekten diese Freude letztendlich nicht trüben kann.

Sie steht jetzt mitten im Raum, und es ist, als habe sie mit allem und allen eine urvertraute Freundschaftsbeziehung – bis ihr selbst die ersten Zweifel kommen. Denn ab einem von ihr empfundenen ganz bestimmten Zeitpunkt an hätte eigentlich die Mutter in ihrem Rücken zu spüren gewesen sein müssen, um ihr Vertrauen zu beschützen. Die aber kommt erstmal nicht. Sie ist wohl vor dem Café kurz aufgehalten worden. Jetzt fängt das Kind an, die Dinge um sich herum etwas ängstlich zu mustern, als wolle sie sie fragen, ob sie Kenntnis hätten vom Verbleib ihrer Mutter und ob sie wenigstens noch in der Nähe sei. Nach kürzester Zeit hat sie ganz offensichtlich den deutlichen Eindruck, dass weder das Mobiliar noch die Anwesenden, welche sie – wie ich auch – durchaus freundlich anblicken, in der ihr wichtigen Frage auch nur irgendeinen sachdienlichen Hinweis geben können, dreht sich herum und fängt an, auf die Eingangstür zuzulaufen. Und da kommt ja auch schon die Mutter und nimmt sie zärtlich in den Arm. Ganz sanft legt sie ihre große Hand auf den Kopf des Mädchens, das diese Berührung zweifellos als tröstend und angenehm bestätigend empfindet. Ganz eng schmiegt sie sich an die Mutter.

Deren Hand ist wirklich sehr zärtlich und behutsam, und doch legt sie auch wie einen Filter vor das Licht, das zuvor um das Mädchen wahrzunehmen gewesen ist wie etwas ganz Natürliches, zu ihr Gehöriges.

Die Mutter weiß, dass sie ihr Kind in der Welt der „Dinge“ beschützen muss, die uns eben keine oder zumindest unterschiedliche und teilweise höchst verwirrende Antworten auf die Frage geben, ob die Quelle des Vertrauens noch in der Nähe sei. Sie kennt auch die Antworten, die diese Frage und ihr inneliegendes „Ja“ anzugreifen und mit großer Entschlossenheit zu verneinen scheinen: die Drohnen und Bomben am Himmel unserer mitmenschlichen Kommunikation, das Schweigen und das Nicht-Antwort-Geben. Da braucht es die physische Anwesenheit eines vertrauten Menschen, um das Gefühl der fraglosen Sicherheit aufrechtzuerhalten. Die Mutter gibt es ihrem Kind, auch wenn sie dabei den Schatten akzeptiert, den die „Dinge“ in der Welt dem Licht der Freude entgegenzusetzen scheinen, und sie damit die Antwort auf die Frage, ob vielleicht doch grenzenloses Vertrauen auf die Liebe, die uns umgibt, gerechtfertigt sei, für sich selbst und für ihr Kind auf später verschiebt.

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