Und dennoch fand ich Dich dort …

 

„Sei du gewiss, wenn Worte Atem sind
Und Atem Leben ist …“

lässt Shakespeare die Mutter Hamlets, Gertrud, diesem entsetzt entgegnen, als ihr Sohn sie gerade mit einer unfassbaren, bodenlosen Tirade aus Vorwürfen traktiert hat, die in ein unauflösliches Konglomerat aus messerscharfen, nadelspitzen, in sich widersprüchlichen Wortattacken mündet, was die Mutter schließlich vollends in die Ohnmacht jagt:

„ …hab’ ich kein Leben,
Das auszuatmen, was Du mir gesagt.“

Er scheint alles über uns gewusst zu haben, Shakespeare, der große Magier des Wortes, auch dies: dass Worte vernichtend sein können, wenn die Angst groß genug ist. Es steht zu vermuten, dass es die persönlichen Erfahrungen einer empfindsamen Seele mit Gewalt dieser Art gewesen sind, die ihn angetrieben haben, ein Universum aus Worten zu schaffen, ein Universum der Begegnung des Menschen mit sich selbst, dem Anderen und der Welt in all ihren Facetten, das wohl vollständiger nirgends in der Literatur zu finden ist. Er hat mit der Macht des Wortes die von Gewalt und Willkür bedrohte und zerbrochene Welt wieder in sich aufgerichtet, sein persönliches Königreich geschaffen, in dem trotz aller Dramen der Gedanke der Gerechtigkeit siegt.
Als Magier hat er sich selbst gesehen, was eines seiner letzten Stücke, ‚Der Sturm‘, zeigt, in dem er sich unzweifelhaft selbst beschreibt:
Prospero, der den Künsten und Wissenschaften zugetane Herzog von Mailand, wird von seinem herrschsüchtigen Bruder hintergangen und zusammen mit seiner schönen Tochter Miranda auf eine Insel verbannt. Dort vervollkommnet er seine magischen Fähigkeiten, wobei ihm der Luftgeist Ariel  zur Seite steht, der dem Ankommenden zur Begrüßung einen Spiegel vorhält, in dem wir wohl auch Shakespeares Bild von sich selbst und seiner Macht über den Geist erkennen können:

„Heil, großer Meister! Heil dir, weiser Herr!
Ich komme, Deinen Winken zu begegnen.
Sei’s fliegen, schwimmen, in das Feuer tauchen,
Auf krausen Wolken fahren: schalte nur

Durch dein gewaltig Wort mit Ariel
Und allen seinen Kräften.“

Mit Ariels Hilfe bringt Prospero die Übeltäter in seine Gewalt und stellt nicht nur die rechtmäßigen Herrschaftsverhältnisse wieder her, sondern verhilft auch den Liebenden, Miranda und dem Königssohn Ferdinand, zu ihrem Glück. Auch hier ist die Welt also wieder aufgerichtet, in den Grenzen der Vorstellungen Shakespeares von dem, was man eine ‚heile Welt‘ gewohnt ist zu nennen.
Aber ist sie denn geheilt, eine Welt, in der im Namen der Gerechtigkeit auch viel vergolten, verachtet und getötet wird, um  eigentlich immer nur dem Adligen, dem besonderen Menschen gewissermaßen wieder auf den Thron zu helfen?

Und was ist eigentlich mit Gertruds stockendem Atem?
Geht sie wirklich derart in sich verloren, erdolcht von Worten, erdrückt vom rasenden Zorn ihres Sohnes? Ist da etwas endgültig unheilbar in uns, gibt es wirklich kein Leben, in das wir auch unsere Ohnmacht hinausatmen können?

Shakespeare jedenfalls beantwortet Ohnmacht letztlich  immer mit Macht, und seine Antwort auf die Schuld, die dunkelste Ecke des Menschseins, bleibt Vergeltung und Gerechtigkeit. Gleichwohl hat ihn das Wort selbst  immer wieder an dessen eigene Grenze geführt, wovon die vielen mystisch anmutenden Stellen zeugen. In vielen Dialogen und in einigen der verwendeten Prophezeiungen kann man die Hoffnung auf einen Weg aus Ohnmacht, Schuld und Irrtum ahnen, der nicht Macht ist, Hoffnung auf einen Raum, in dem man nicht verloren gehen kann, aber  bei dieser Ahnung bleibt es.

So findet etwa, nachdem Krieg, Täuschung, Verrat und Schuld seine Welt zerschlagen haben, Posthumus Leonatus, der Held in ‚Cymbeline‘,  im Kerker seinen Tod erwartend, ein Buch mit einer Prophezeiung, die kommendes Heil verkündet.
Was auch als das Hindeuten auf die Heilkraft der die Welt und unser Denken über sie übersteigenden Liebe gelesen werden kann, lässt Shakespeare einen Wahrsager als verklausulierte Vorwegnahme kommender realer Ereignisse deuten. So bleibt Shakespeare der Magier, behält das letzte Wort, das keine höhere Macht über sich duldet:

„Wenn eines Löwen Junges, sich selbst unbekannt, ohne Suchen findet, und umarmt wird von einem Stück zarter Luft; und wenn von einer stattlichen Zeder Äste abgehauen sind, die, nachdem sie manches Jahr tot gelegen haben, sich wieder neu beleben, mit dem alten Stamm vereinen und frisch empor wachsen: dann wird Posthumus‘ Leiden geendigt, Britannien beglückt und in Frieden und Fülle blühend.«

*

Aus den Lautsprechern kommt von Klaviermusik begleiteter Gesang – wir sehen heute eine Aufführung des ‚Macbeth‘ von Shakespeare. Die Schauspieler haben bisher alles gegeben und mit beeindruckender Intensität die Atmosphäre von Verrat, Mord, Hoffnung und Verzweiflung auf die Bühne gezaubert. Wir sind an der Stelle, als der Königsmörder Macbeth zum zweiten Mal die Hexen aufsucht, um sich seine Zukunft prophezeien zu lassen. Eine der Hexen wird von Maike gespielt, der 22-jährigenTochter einer Familie, mit der ich in langjähriger Freundschaft verbunden bin. Das Leben hat ihr, wie auch den meisten ihrer Schauspielkollegen, ganz besondere Aufgaben zugeteilt, die sie gemeinsam mit ihrer Familie lernen musste zu meistern. Ein Rollstuhl hilft ihr, mobil zu sein und sie hat erreicht, so zu sprechen, dass man sie mit etwas Konzentration sehr gut verstehen kann. Das Theaterspielen ist eine ihrer Leidenschaften geworden, und sie hat hier im Theater viele neue Freunde gefunden, die gemeinsam mit ihr das Stück, das wir jetzt sehen, einstudiert haben.
Gerade ist also die Hexenszene gespielt worden, die bekannt geworden ist wegen ihrer täuschenden Prophezeiung: Macbeth hört, dass er nicht gefährdet sei, bis der Wald von Birnam auf seine Burg zukäme und er nicht getötet werden könne von einem Menschen, der von einer Frau geboren sei. Es sind Worte, die Macbeth sehr beruhigen, zu Unrecht, wie sich später herausstellen wird: das feindliche Heer wird sich getarnt mit Ästen und Zweigen aus dem Wald von Birnam der Burg nähern, und der ihn tötet, wird der per Kaiserschnitt geborene Macduff sein.

Die Schauspieler verharren in ihren Positionen, als die Szene beendet ist und die Musik beginnt.

Einen Moment lang muss ich denken: ‚Das geht nicht, das passt nicht zusammen, die Stimme hat einfach nicht die Möglichkeiten, die sie bräuchte, um das Lied zu singen’, aber mein Zweifel zerfällt zu Staub, als sich nach und nach die ganze Schönheit des Gesangs entfaltet, die Schönheit des Miteinanders von Klavier und Stimme, von Vater und Tochter, denn es ist Maikes Vater, der da spielt – er hat mir nichts davon erzählt, aber ich erkenne sein Spiel – und es ist ihr Gesang. Eine Träne steigt mir ins Auge, so viel Schönheit ist ihm fast zu viel, und es will verschleiern, was es sieht.
‚Yet I found you there’ … hat sie das wirklich gerade gesungen, am Ende des Liedes?

„Wenn eines Löwen Junges, sich selbst unbekannt, ohne Suchen findet und umarmt wird von einem Stück zarter Luft; und wenn von einer stattlichen Zeder …“

Als die Musik verklingt, scheint da eine wahrhaft mächtige Zeder zu stehen, die weiter hinaufreicht als Worte es je könnten, und ihr fehlt nicht der kleinste Zweig. Ein letztes Wort, so luftig schon, dass Magie es nicht mehr fassen kann, streicht sanft durch ihr Geäst:
„Du bist mein Atem, wenn ich liebe.“

( 10.11.2012 )

 

 

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