Nur die Ruhe!

Irgendetwas in mir will ein großes Ding draus machen: „Das ist doch ungeheuer, was da grade passiert ist“, tönt es, „unglaublich, phänomenal, bizarr!“ –  nur zu gut kenn’ ich es, dies „Irgendetwas“, das immerzu darauf lauert, groß rauszukommen, Situationen für sich auszunutzen, Überlegenheiten herzustellen, den genialen Allesberechner, diesen vorlauten Mieter meiner Seele, dem ich längst gekündigt habe, der mir aber immer noch treu hinterherläuft wie ein Hund – wobei allerdings der Abstand von Tag zu Tag wächst, den er zu mir hält, und so überhöre ich die leise Dankbarkeit nicht, die mich durchzieht wie der sanfte Basston eines schlichten, unkomplizierten, aber ins Unendliche sich entfaltenden Klanges, als ich mit meinem Wagen aus eben jenem Tor wieder hinausfahre, durch das ich vor etwa einer halben Stunde schlecht gelaunt und voller Zweifel in die Halle einer Autowerkstatt eingefahren war.
Kurz zuvor war mir an einem der lautesten, unschönsten und von den unerbittlich drängenden, hektischen Verkehrsbewegungen zweier sich hier kreuzender Ausfallstraßen beherrschten Orte Hamburgs, nahe den Elbbrücken, in der Dunkelheit des winterlichen Berufsverkehrs eines der Abblendlichter ausgefallen. Normalerweise hätte ich vielleicht gedacht: ‚Halb hell ist besser als ganz dunkel’, aber mein Gemüt hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits von einem Zweifel gefangen nehmen lassen, der solche Aufmunterungssprüche nicht mehr hatte akzeptieren wollen. Gestern Abend war ich von einem guten Freund angerufen worden: es gehe ihm nicht gut. Seit langem schon leidet er unter den Folgen der Verengung seiner Herzkranzgefäße und muss sich regelmäßig zur Kontrolle bei einem Arzt einfinden. Die Beschwerden, die er in unserem Gespräch vorgetragen hatte, waren ihm durchaus vertraut, sie hatten ihn nicht sehr beunruhigt, er hatte lediglich von mir wissen wollen, ob ich ihm raten würde, dennoch gleich morgen zum Arzt zu gehen. Ich hatte das mit einem guten Gefühl bejaht, und es wurde vereinbart, dass wir uns heute Abend wieder sprechen wollten. An diesem Morgen aber hatten sich Zweifel bei mir eingeschlichen: was, wenn der Freund seine Beschwerden heruntergespielt hatte, was, wenn er besser gleich, noch am Abend, untersucht worden wäre, was, wenn …
Während meiner Fahrt zur Arbeit waren die Zweifel angewachsen und quälend geworden, und ich hatte beschlossen, bei nächster Gelegenheit zu halten und den Freund anzurufen, als mir, ja, so kann man wohl sagen: das Licht ausgegangen war. Die Werkstatt, die ich von einem mehrere Jahre zurückliegenden Besuch her kenne, hatte ich, als das passiert war, schon sehen können, und es war mir gerade noch rechtzeitig gelungen, mich einzuordnen, um auf den Hof des Werkstattgeländes abbiegen zu können. Vor dem geschlossenen Rolltor der Halle hatten zwei Mechaniker gestanden und vor ihrem Arbeitsbeginn noch genüsslich ihre Zigaretten geraucht. „Ich bin wohl ein bisschen früh?“, hatte ich einen der Männer gefragt, der überraschend freundlich geantwortet hatte: „Kein Problem, fahren Sie rein!“, während von seinem Kollegen das Rolltor geöffnet worden war.

Und dann fuhr ich also in die Halle hinein, die sich riesig vor mir öffnete – ich hatte das alles viel kleiner in Erinnerung! Auf der dem Tor gegenüberliegenden Seite sah ich die Durchfahrt zu mindestens einer weiteren Halle, rechts ging eine Eisentreppe hinauf zu einem in halber Höhe des Raumes wie schwebenden, großen, rundum verglasten Büroraum, und hinter und zwischen den zahlreichen Hebebühnen überall Autoteile, Werkzeug, Ölkanister und was hier sonst noch gebraucht wurde, und natürlich zahlreiche Autos, die auf ihre Reparatur warteten.
Kein ungewöhnliches Bild also, auffällig war allenfalls der Anblick der Männer: Die Mechaniker, alle wohl türkischer Abstammung – vielleicht waren es fünfzehn, die ich auf den ersten Blick sah – hatten ihre Arbeit noch nicht aufgenommen. Müde standen sie einzeln oder in kleinen Grüppchen herum, schlürften ihren Kaffee oder wechselten ein paar Worte miteinander. Nur gleich links, neben dem Rolltor, ganz in der Nähe der wunderbar einladend blubbernden Kaffeemaschine, hielt sich eine größere Gruppe von sieben oder acht Männern auf, die um den offensichtlich einzigen Stuhl herum einen Kreis bildeten, auf dem sich, wie ich nur flüchtig sehen konnte, ein älterer Herr mit grauen Haaren bequem ausgestreckt hatte, wohl der Seniorchef, der hier seine Audienz hielt, war meine Vermutung. Die Männer tranken gemütlich ihren Kaffee und plauderten miteinander, und irgendwie fühlte ich mich von diesem geradezu heimeligen Eindruck angezogen und lenkte meinen Wagen auf den ersten Platz direkt neben den Männern, obwohl ich ganz kurz überlegt hatte, ob es nicht klüger sei, etwas weiter entfernt von ihnen zu halten, um zu demonstrieren, dass ich bereit sei, noch zu warten, bis ihre Arbeitszeit begonnen hätte. Ich stieg aus, als einer der Männer sich aus der Gruppe löste und sehr freundlich auf mich zukam, und wir besprachen, was zu tun sei. Er stellte seinen Kaffeebecher ab und begann sofort mit der Arbeit. Derweil ging ich ein wenig auf und ab, wechselte auch hin und wieder ein paar Worte mit dem Arbeitenden, wenn mir schien, dass ihn das nicht störte – die Unsitte, Abblendlichter so einzubauen, dass man den halben Motor herausnehmen müsse, um sie zu wechseln, die Auftragslage im Allgemeinen, das Wetter im Speziellen und dergleichen – ging wieder auf und ab, schaute hierhin und dorthin – und merkte nichts. Ich merkte einfach nichts! Im Nachhinein ist das für mich noch das Erstaunlichste an der Situation: für mich war alles sozusagen normal, nichts wirklich Ungewöhnliches spielte sich hier ab – eine Autowerkstatt am frühen Morgen. Die Reparatur indes weitete sich etwas aus, der Mechaniker zeigte mir den Stecker des Abblendlichts, in dem die Kontakte gerostet und gebrochen und das Plastik des Sockels teilweise verschmort war, ein Anblick, der mich unangenehm  an meine Sorgen erinnerte, die mich auf der Fahrt hierher bedrängt hatten. Ich würde also noch etwas Zeit hier verbringen müssen und ging, nachdem ich einen Anruf entgegengenommen und etwa zwei Minuten telefoniert hatte, weiter auf und ab, man könnte sagen: mit der unschuldigen Wahrnehmung eines Blinden.
Etwa sieben bis acht Minuten waren jetzt seit meinem Eintreffen vergangen, als plötzlich das große Rolltor wieder aufging – einer der Männer, die mich empfangen hatten, musste es von außen geöffnet haben – und ein großer, leuchtend roter Rettungswagen der Feuerwehr ganz langsam durch das für ihn sehr enge Tor in die Halle einfuhr. Mein erster Gedanke war: ‚Auch Krankenwagen haben mal technische Probleme!’. Ich staunte noch über die Ästhetik dieses Anblicks: geradezu majestätisch stand der Rettungswagen jetzt zwischen all den schmierigen Autoteilen, Hebebühnen und seinen mehr oder minder lädierten Artgenossen.
Als aber gleich darauf ein kleinerer Notarztwagen in die Halle fuhr, begriff ich, dass hier irgendjemand größere körperliche Probleme haben musste – wahrscheinlich da hinten, dachte ich, in der zweiten Halle, in der ich jetzt auch, wie ich meinte, hektische Bewegung ausmachen konnte.
Dann aber wurde der Blinde endlich sehend: Sanitäter und Notärztin waren inzwischen ausgestiegen und eilten zügig, aber ohne jede Hektik, … was ist das, … auf mich zu? Ich? Nein, da sind sie schon an mir vorbei, ich drehe mich um, folge ihnen mit den Augen zu der Gruppe Männer neben mir, die ihren Kreis geöffnet haben, und jetzt sehe ich erst … der alte Mann auf dem Stuhl, er hat einen Herzinfarkt erlitten, gar kein Zweifel; aschfahl sein schmerzverzerrtes Gesicht, die linke  Hand am Herzen,  kämpft er ganz offensichtlich damit, bei Bewusstsein zu bleiben! Dazu habe ich „bequem ausgestreckt“ gedacht vorhin, ich fasse es nicht: ich stehe all die Zeit direkt neben ihm oder gehe an der Gruppe vorbei,  auf und ab, telefoniere, schaue mich um, und merke nicht, dass dieser Mann um sein Leben kämpft! Wenn auch nur einer der ihn Umstehenden unruhig geworden, irgendeine Art Nervosität entstanden oder Ungeduld beim Warten auf den Krankenwagen aufgekommen, … wenn hier Angst gewesen wäre:  ich hätte es sofort gemerkt und näher hingeschaut. Ich … ich trat einen Schritt zurück, vollkommen absorbiert zunächst noch von dieser Situation, die wie eine Inszenierung meiner sorgenvollen Bilder um meinen Freund auf mich wirkte, unfassbar: da schien er zu sitzen, genau so, wie ich ihn in meinen schlimmsten Befürchtungen vor mir gesehen hatte, und ich hatte ihm den falschen Rat gegeben! Aber wie in einer Art gutem Zorn, der nicht gegen etwas gerichtet ist, sondern die Wahrheit vor dem Untergang bewahren will, fegte ich diesen Gedanken aus meinem Sinn: nein, das hier war nicht das Bild meiner Befürchtungen, hier war alles anders: hier war eben keine Angst! Dieser Mann hatte große Schmerzen, er war kurz vor dem Kollaps, er kämpfte –  aber er blieb dabei absolut ruhig und gesammelt. Es schien, als habe sich die Ruhe der Männer, die ihn umstanden hatten, auf ihn übertragen, ihre – wie soll man sagen – Normalität. Jeder von ihnen hätte sich leicht dieser bedrohlichen Situation entziehen, hätte einfach weggehen können. Sicherlich, der Werkstattmeister hatte dableiben müssen, vielleicht noch ein oder zwei andere, aber alle acht waren sie geblieben, hatten einen schützenden Kreis um den Kranken gebildet und damit das Beste getan, was sie hatten tun können: ihm  ihre Ruhe gegeben wie einem Bruder, den man nicht alleinlässt, wenn er in Not geraten ist.
Das war es, was ich sah, nicht das Bild meiner Furcht, sondern die Kraft, die von dieser Ruhe ausging und dem so Gehaltenen sehr wahrscheinlich das Leben rettete. Ich werde nie den Blick vergessen, mit dem sich der alte Mann, während er auf einer Trage in den Rettungswagen geschoben wurde, bei denen bedankte, die ihm das Schicksal zur Seite gestellt hatte.
Eine Weile noch stand ich mit dem Werkstattmeister zusammen, und er erzählte, dass es sich um einen Kunden handle, der es gerade noch hierher geschafft und beim Aussteigen aus seinem Wagen den Infarkt erlitten habe. Erst unmittelbar vor meinem Eintreffen habe er die Feuerwehr angerufen. Wir sahen, während er erzählte, durch die Fenster des großen Rettungswagens zu, wie Notärztin und Sanitäter sich bemühten, den Kreislauf ihres Patienten zu stabilisieren, damit man ihn würde ins Krankenhaus transportieren können, was ihnen schließlich gelang. Alle atmeten auf, als die Wagen der Feuerwehr langsam aus der Halle rollten und einer der Sanitäter den Daumen hochhielt, um uns zu sagen, dass jedenfalls bis hierhin alles gutgegangen sei.

Der Meister nahm kein Geld von mir: „Das machen wir heute mal so“, sagte er einfach, und ich nahm das Geschenk an wie ein Verbündeter, ein Mitwisser um etwas Großes, Unbezahlbares, das immer noch für mich spürbar in dieser Halle anwesend war.

Und jetzt, da ich also wieder hinausfahre in den von seiner Gnadenlosigkeit halbverrückten Straßenverkehr – das Martinshorn ist in der Ferne noch zu hören – weitet sich die Dankbarkeit in mir aus, strömt als Gefühl großen Glücks durch mich hindurch und bis hin zu meinem Freund, an den mich nun nicht mehr meine ängstliche Sorge bindet, sondern vielmehr jene Ruhe, aus der das Vertrauen und die gute Kraft gekommen sind, die ich hier erlebt habe, …
… und die ich wohl erleben sollte, bevor ich ihn jetzt gleich anrufen werde.

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