Hohes Gericht

Die  Verhandlung würde erst in etwa einer Stunde beginnen, aber er hatte es nicht mehr ausgehalten zu Hause, endlich, endlich! war der Tag gekommen, würde Gerechtigkeit geübt, das Urteil gesprochen und die Strafe festgelegt werden! Ein halbes Jahr hatte er auf diesen Tag warten müssen, und es war ihm die längste Zeit seines Lebens geworden.

Stefan stand auf dem Gang, dem Verhandlungsraum gegenüber, an einem der hohen Fenster, die auf den tristen Hof des Justizgebäudes hinauswiesen, und trommelte mit den Fingern nervös auf der Fensterbank. ‚Das sind höchstens fünf Meter’, dachte er und taxierte den Abstand zwischen Fensterbrett und dem Asphaltbelag des Hofes; seit Monaten schon spielte er alle denkbaren Methoden durch, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, mechanisch, emotionslos, fast war es eine Art Sport geworden: Er hatte sich ertränkt, erhängt, vergiftet, erschossen, war aus großer Höhe in die Tiefe gesprungen oder an einen Baum gefahren, hatte sich erstochen und erstickt, und war dabei immer erfinderischer geworden. Diese Gedanken beruhigten ihn, wie Mantras, die er ständig vor sich hinbetete.
Die Verhandlung war seine einzige Chance, die Sache noch bezahlbar zu machen. Aber was, wenn das nicht mehr möglich war, wenn sie nicht aufhören wollte, auf ihn zu starren wie ein Tier, das, bereit ihn zu fressen, nur notdürftig angekettet war: seine Schuld! Was dann? Er wollte wenigstens vorbereitet sein auf diese Möglichkeit und irgendeine der Notbremsen, die er sich in allen Details ausgedacht hatte, ziehen können, als seine letzte Sicherung.

Nur ein Augenblick! Dreißig lange Jahre besaß er den Führerschein schon, und nie war ihm auch nur das Geringste passiert! Ein Augenblick der Unaufmerksamkeit. Er war im Ärger gewesen über seinen Nachbarn, den er nicht sonderlich mochte, schon weil das Treppenhaus immerzu nach dessen Rauchexzessen roch. Und eben dieser Nachbar hatte ihn gebeten, hatte ausgerechnet ihn gebeten, ihm eine Stange Zigaretten von der Tankstelle mitzubringen, als er Stefan ins Auto hatte steigen sehen. ‚Hätte ich nur ‚nein’ gesagt!’ Tausende Male hatte er sich inzwischen gefragt, wie es sein konnte, dass eine so kleine, derart unbedeutende Sache, ein ‚Ja’ statt eines ‚Nein’ zu einer belanglosen Bitte, dass so etwas Unwesentliches, Marginales, eine solch vernichtende Wirkung hatte haben können. ‚Das Leben ist ein Würfelspiel’, dachte er resigniert, ‚und ich habe eindeutig die falsche Zahl gewürfelt!’

Es war Sonntagmorgen gewesen, kaum ein anderes Fahrzeug war ihm begegnet, und als die Tankstelle auf der linken Seite aufgetaucht war, kurz vor dem Flughafen, waren ihm diese verfluchten Zigaretten wieder eingefallen und er war … Mein Gott! Unfassbar! Er hatte einfach nicht in den Spiegel geschaut! Nein, nein, er hatte gar nicht geschaut! Sein Anwalt riet ihm, das anders darzustellen, aber er würde die Wahrheit sagen: er hatte nicht die geringste Anstrengung gemacht, sich nach hinten zu orientieren, als er von der rechten Fahrbahn der vierspurigen Alsterkrugchaussee einfach nach links über alle Spuren hinweg zur Tankstelleneinfahrt abbiegen wollte. Was für ein Fehler! Welch eine unglaubliche Dummheit! Wie hatte er einfach annehmen können, allein auf der Straße zu sein, nein, schlimmer noch: wie hatte es sein können, dass ihm nicht einmal der Gedanke gekommen war, dass er sich das zu fragen habe?

Stefan hörte das leise Geräusch sich ihm nähernder Schritte hinter sich, versuchte es zu überhören, zu ignorieren, spürte aber deutlich, dass man ihn ansprechen würde, falls er nicht reagierte, und drehte sich um. Vor ihm stand der Vater! Er erkannte ihn sofort. Sie waren sich nur einmal kurz während der zahlreichen Vernehmungen begegnet, und Stefan hatte den ohnmächtigen, verzweifelten Blick nicht vergessen, den der Vater der Motorradfahrerin, an deren Tod er schuldig geworden war, ihm zugeworfen hatte. Jetzt stand er vor ihm, ein stattlicher Mann zwischen siebzig und achtzig, schlank, trotz seines Alters sehr kräftig wirkend, gut einen Kopf größer als Stefan, stand vor ihm und blickte ihn mit seinen klaren, intelligenten Augen direkt an, während die Furchen seines ausdrucksstarken Gesichtes und der Schatten, den der Kummer des letzten halben Jahres über ihm ausgebreitet hatte, die Geschichte erzählte, die Stefan nur zu gut kannte und von der er immer gefürchtet hatte, dass er sie eines Tages noch einmal aus dem Munde eben jenes Mannes werde hören müssen, der jetzt vor ihm stand.

Aber er war in der Pflicht, das auszuhalten, es war ein notwendiger Teil seiner Hoffnung, seine Schuld doch noch abbezahlen zu können.
„Wir kennen uns ja, ich hatte gehofft, Sie noch vor der Verhandlung hier anzutreffen, hätten Sie ein paar Minuten Zeit für mich?“ fragte der alte Herr mit fester Stimme, die verriet, dass er Stefan mit einem klaren Ziel ansprach, von dem er nicht leicht abzubringen sein würde.
„Aber ja, aber ja natürlich!“, antwortete Stefan mit leicht zitternder Stimme, „fragen Sie nur, ich werde ihnen jede Frage beantworten.“
Sein Gegenüber schien einen Augenblick lang irritiert, erkannte dann aber die Lage Stefans und antwortete: „Sie missverstehen mich, ich will Sie nicht ausfragen über das Wie und Warum. Ich bin gekommen, um Ihnen von etwas zu berichten. Von mir zu berichten. Ich halte es für wichtig, das zu tun, für uns beide, und ich bitte Sie nur, mir zehn Minuten zuzuhören. Wären Sie damit einverstanden?“
„Selbstverständlich!“ antwortete Stefan und erlebte ein Wechselbad aus Furcht vor dem, was da auf ihn zukommen würde, und der beruhigenden Wirkung der Ankündigung, dass er nicht ausgefragt werden solle.
„Ich werde Ihnen zuhören.“
„Gut“, die Züge des Vaters, die von großer Traurigkeit sprachen, entspannten sich, und er schien sich jetzt mit all seiner Kraft zu sammeln.
„Ich werde kein Blatt vor den Mund nehmen: Sie können sich denken, wie es in mir ausgesehen hat in den letzten Monaten!“

Stefan wich unwillkürlich einen Schritt zurück, natürlich konnte er sich das vorstellen, er hatte sich immer wieder hineinversetzt in die Gefühlswelt der Familienangehörigen seines Opfers – nein, nicht Opfers, dieses Wort hatte er sich vorgenommen, zu vermeiden: sein Opfer war sie nicht, es war doch ein Unglück gewesen! Aber er konnte nachempfinden, dass die Angehörigen es so sahen: er war der Täter! Er konnte das verstehen.  Die meisten seiner Albträume waren aus diesem Stoff gewoben, ein Stoff, der inzwischen in Fetzen über seiner Seele hing! Einmal hatte er den Versuch gemacht, den Vater, der allein in einem großen Haus wohnte, aufzusuchen, um mit ihm zu sprechen und ihn um Verzeihung zu bitten. Aber als er dem Haus nähergekommen war und sich vorgestellt hatte, dass er jetzt dort zur Tür hineingehen solle, durch dieselbe Tür, durch die … Entmutigt war er umgekehrt und nach Hause gelaufen, quer durch die ganze Stadt, über drei Stunden hatte er gebraucht.
„Ja, das kann ich, das kann ich glaub’ ich sehr gut!“ antwortete er aufrichtig und senkte den Blick, aber sein Gegenüber verkürzte nun die Distanz zu ihm, indem er einen Schritt vortrat, und sprach mit großer Deutlichkeit:
„Nein, bitte schauen Sie mich an! Ich sagte, dass ich kein Blatt vor den Mund nehmen werde, doch ich versichere Ihnen, dass ich Sie mit diesem Gespräch nicht angreifen möchte. Ich will, dass Sie mir einfach nur ruhig zuhören!“
Zögernd hob Stefan wieder den Blick, und dabei berührte ihn ein Hauch, eine leise Ahnung, dass er vertrauen könne, dass keine Gefahr ausgehe von diesem Mann, dem er nichts als seine Bitte um Gnade entgegenzusetzen hätte, würde er ihn töten wollen. Er spürte, dass es hier nicht um ein Abrechnen, nicht um Rache ging, sondern um etwas ganz anderes, etwas, das irgendwie schon da, aber für Stefan noch vollkommen unfassbar war.

„Ich habe Sie gehasst, ja!“, jetzt war es der alte Mann, der seinen Kopf ein klein wenig senkte: „Ich habe Sie in die Hölle gewünscht, Sie waren für mich die Ursache allen Unheils, der Zerstörer meines Lebens. Bis gestern. Am Morgen noch hatte ich beschlossen, Sie genau hier und jetzt aufzusuchen, um Ihnen all meinen Gram an den Kopf zu werfen, meine Verzweiflung loszuwerden, endlich diese schier untragbare Last von mir zu schleudern, die mich fast umgebracht hätte nach Susannes Tod. Ich bin vierundsiebzig Jahre alt, ich hätte es wirklich fast nicht überlebt! Und an allem waren Sie schuld, nur Sie!“

Stefan schaute dem derart Klagenden immer noch in die Augen und sah und hörte zu seinem großen Erstaunen und zu seiner noch größeren Erleichterung, dass dieser heftigen Rede ganz offensichtlich die Spitze fehlte, die sich eigentlich hätte gegen ihn richten müssen: Das war nur noch die Erinnerung an eine Anklage gegen ihn, die ihn aber nicht mehr traf, an eine Anklage, die jetzt nicht mehr wirksam war!

„Gestern Abend ging ich früh zu Bett. Lange fand ich keine Ruhe“, fuhr der Erzählende fort, „es wurde weit nach Mitternacht, bis ich endlich einschlief. Und mir träumte von Susanne. Ich sage: träumte, und das war auch so, es war ein Traum! Aber ich war wohl nie wacher als in dieser Zeit des Träumens. Ich hatte das durchdringende Gefühl, ja die Gewissheit, dass diese Begegnung mit ihr tatsächlich geschah, ich wusste sogar, dass ich träumte, und dennoch war ich meiner Tochter so nah wie in den intensivsten Momenten mit ihr, als sie noch lebte. Sie sprach von Anfang an sehr eindringlich mit mir, so, wie ich jetzt mit Ihnen – es kommt mir überhaupt so vor, als gäbe ich nur weiter, was ich heute Nacht erlebt habe, als sei ich lediglich eine Art Vermittler – aber gut: Anfangs ließ sie mir noch ein wenig Raum, ich wollte mich so gerne mit ihr an all die alten Geschichten erinnern, die uns verbinden. Sie müssen wissen, wir hatten eine sehr liebevolle Beziehung, die etwas Ruhiges und Leises hatte, wir verstanden uns ohne viele Worte, es war stets dies Unauslöschliche zwischen uns, ja: Liebe, auch wenn wir dieses Wort nie in diesem Zusammenhang aussprachen. Jetzt taten wir es. Jetzt, in diesem Traum, sprachen wir über unsere Liebe. Und da wurde Susanne plötzlich ernster, ich spürte, dass sie ihr Ziel schon sah, dessentwegen sie mich in dieser Nacht aufsuchte. Sie sagte plötzlich: ‚Vater, die gemeinsame Zeit war sehr schön, wir haben Liebe zwischen uns erlebt, aber – und hör’ mir jetzt gut zu!‘ – so sprach sie mit mir! – ‚hör‘ mir gut zu: wir haben die Liebe dennoch vollkommen falsch verstanden!‘
Ich war sehr irritiert, ‚aber Kind!‘, antwortete ich, ‚wie kann das sein, wie haben wir die Liebe falsch verstehen können, wenn wir sie doch erlebt haben?‘
„Wir haben sie nicht überall gesehen, sondern nur hier und da und zwischen uns beiden“, sagte sie einfach und schwieg dann, und ich schwieg ebenfalls, verstand nicht, ahnte höchstens, wohin dieses Gespräch gehen sollte; vor allem aber spürte ich, dass ich alles andere als sicher war, ob ich verstehen wollte. Und dann, dann kam sie behutsam und dennoch sehr energisch auf mich zu, vollkommene Sicherheit sprach aus jeder ihrer Bewegungen, als gäbe es nur diesen einen Weg noch, den sie zu gehen hätte, machte die wenigen Schritte auf mich zu, die zwischen uns zu gehen blieben, und als sie unmittelbar vor mir stand, sprach sie diesen einen Satz, der mich in den Abgrund stieß: ‚Vater, nimm das sehr ernst, was ich dir jetzt sage: Wenn du deinen Vorwurf, mit dem du Stefan‘ – sie sagte ‚Stefan’, als seien Sie ihr seit langer Zeit vertraut! – ‚mit dem du Stefan seit unserem Unfall belastest, dieser unglücklichen Begegnung, die aus Selbstvergessenheit geschah, seiner und auch meiner, wenn du dein Denken, er sei schuldig, nicht vollständig – und ich meine wirklich ohne jeden Rest! – von ihm fortnimmst, dann wirst du es sein, der mich getötet hat!‘

So sprach sie, und ich stürzte in den Abgrund dieses Wortes, aber es war ein Abgrund des Verstehens: in einem Gefühl totaler Bodenlosigkeit, und dennoch von Susannes unendlicher Liebe getragen begriff ich … alles, begriff das Leben in seiner Gänze, seiner Totalität, seiner Unversehrtheit – und vor allem sah ich seine tiefe, absolute Schuldlosigkeit. So wachte ich auf, man könnte sagen: in Susannes Armen.“

Hier atmete der Erzähler tief durch, er hatte sein Ziel erreicht, er hatte gesagt, was er hatte sagen müssen, und fügte nur hinzu:
„Ich werde keine weiteren Versuche machen, das alles zu erklären oder zu deuten; so weit reichen meine Worte und nicht weiter. Ich glaube aber zu sehen, dass Sie mein Bericht nicht unbeeindruckt gelassen hat …  es würde mich jedenfalls aufrichtig freuen.“

Stefan hatte in der Tat nur noch staunend zugehört, war gänzlich wehrlos erfasst von dem, was ihm da gesagt worden war, bis an den Rand eben jenes Abgrundes geraten, aus dem das Wesentliche der Erzählung des jetzt sichtlich erleichterten Vaters gekommen zu sein schien.
„Ich denke, da will Sie noch jemand sprechen,“ sagte dieser jetzt in das Schweigen Stefans hinein, indem er auf dessen Anwalt deutete, der schon seit geraumer Zeit ungeduldig, aber in respektvollem Abstand abwartend die beiden Männer beobachtet hatte.
„Ja, es wird wohl Zeit“, antwortete Stefan, der wieder der Situation gewahr wurde, in der er sich befand, „ich … ich danke Ihnen von Herzen!“
„Leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen alles Gute für die Verhandlung und werde an Sie denken“, der alte Herr reichte Stefan die Hand und verabschiedete sich von ihm, und Stefan, dessen Gedanken nur langsam zu ihrer gewohnten Ordnung zurückfinden wollten, blieb noch einen Augenblick lang stehen, um ihm nachzuschauen, wie er aufrecht und festen Schrittes in Richtung Treppenhaus davonging.

Dann begrüßte er seinen Anwalt, der ihn mit fragenden Blicken, die unbeantwortet blieben, anschaute, betrat den Saal, in dem über ihn gerichtet werden sollte, sah sich gründlich um in dem Raum, den ihm seine Furcht in den letzten Monaten immer wieder ausgemalt hatte – und atmete auf.

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