Offenes Gebet

Hirnblutung, Notoperation, Intensivstation, Koma …. da hat es Dich ja aus vollem Lauf erwischt, lieber Onkel Heinz! Gerade bist Du noch in Deinem Garten, gemeinsam mit Deiner Frau, den schönen Herbsttag zu genießen, und dann plötzlich diese Schwäche, das Blutdruckgerät fällt Dir aus der Hand, Rettungswagen, Krankenhaus. Und jetzt?

Jetzt stehst Du – ganz allein, so flüstert es ein dunkles Fürchten – ganz allein, ohne Begleiter, ohne die seit fast achtzig Jahren gewohnte Sicherheit, dass die Welt Dich schon irgendwie halten wird, in totaler Ungewissheit stehst Du allein …
… vor dieser Tür, die wir alle aus unseren bangen Träumen zu kennen glauben, und auf die es nur eine richtige Antwort zu geben scheint: sie zu fliehen, zu meiden, ihr möglichst fernzubleiben,
stehst allein vor dieser Tür, durch die es aus dem Leben hinauszugehen scheint, hinter der wir das vermuten, was wir am meisten fürchten.

Natürlich versuchen wir nach Kräften, Dich eben nicht alleinzulassen, aber unsere Begleitung hält sich erst einmal auf Distanz, so ganz nah ran wollen wir nicht.
Wir hoffen, bangen mit Dir, es ist ja noch nichts entschieden, es wird ja vielleicht doch noch alles gut! Oder zumindest erträglich. Reflexhaft erstellen wir eine Liste der Möglichkeiten, wie ein Leben nach dem Koma aussehen könnte, zwischen ganz gut bis sehr schlimm spannt sie sich auf und wir zeigen aufs Mittelfeld: das ginge doch!
Und da halten sich unsere Gespräche lange auf, bis in die Nacht, so viele Anrufe, die ganze Verwandtschaft, und immer wieder der Hergang, dann die Liste und das Prinzip Hoffnung. Und zunehmend spüren wir deren tiefe Trostlosigkeit.
Die Trostlosigkeit der Hoffnung. Wir müssen ja hoffen, wir können erst mal nicht anders, und wir stören uns nicht dabei, unterbrechen nicht unsere Hoffnungsworte, verstehen einander. Und dennoch bleibt eine Träne abgrundtiefen Unglücks: Wir lassen Dich diesen Schritt direkt vor die Tür, bis ganz nah hin, wo sie als Unausweichlichkeit gesehen wird, allein tun.
Auch dafür haben wir Verständnis, und eine andere Liste wird hochgehalten: die Zeitliste: Du bist schon alt, es ist jetzt Dein Schritt, den so viele vor Dir irgendwann haben tun müssen, und auch jeder von uns – und dieser Gedanke scheint uns für einen Augenblick ein starker Trost – wird diesen Schritt einst tun müssen. Solidarität.
Aber auch dieser Gedanke tröstet nicht dauerhaft, ist nur eine kurze, flüchtige Beruhigung, wir nehmen ihn mit in die Nacht, und träumen den Traum derer, die den Schritt noch nicht tun müssen. Den letztlich vergeblichen Traum, den Traum einer Hoffnung, die selbst sterben muss.

Am Morgen sind wir hart zueinander, abweisend, die Träne ist geblieben: Ich tröste mich nur selbst, ich lass‘ Dich allein!

Und dann steh’n wir plötzlich mit Dir da, an eben dieser so ängstlich gemiedenen Tür. Und reden nicht mehr. Schweigen mit Dir einen Augenblick, der ohne Hoffnung ist, doch niemals warst Du uns so nah.

Unendliche Ruhe, die keine Hoffnung braucht, weil in ihr nur Leben ist, nicht Tod, die keine Worte braucht, weil in ihr alles gesagt ist, die keine Listen mehr erstellt, weil in ihr jede Gleichung bereits aufgegangen ist.

Zögernd kehren wir zurück, in den Alltag, banal scheint alles im ersten Moment, und der Gedanke an Dich wird wieder eingefangen von den Bildern der Intensivstation, mit all den Schläuchen und piepsenden Apparaten, die wieder den Hoffnungsrahmen vorgeben, abwägende Gedanken, einteilende, urteilende, berechnende Gedanken bestimmen wieder die Wahrnehmung, die keine Tür kennen will, durch welche sie selbst verlassen werden soll, am Ende.
Welches Ende? Ist es vielleicht einfach nur das Ende einer unvollständigen Wahrnehmung zugunsten einer Wahrheit, die kein Ende kennt?

Eingefangen wieder die Gedanken, aber heller geworden ist Dein Anblick vor unserem inneren Auge, irgendwie heller.
Und ein Ahnen ist da, nein, es ist schon mehr als nur ein Ahnen, dass Du auch jetzt, da wir gemütlich beim Frühstück sitzen und uns auf den Tag vorbereiten, jeder auf den seinen, dass du auch jetzt nicht allein bist.
Wir haben Dich gesehen dort, und wir haben die Hoffnung für einen Moment mit einem Lächeln aufgeben können.

Danke, Heinz! Und nur wenn du willst, wir würden uns alle freuen, dann komm‘ doch noch mal zurück zu uns, den Hoffenden!

*

6 Gedanken zu “Offenes Gebet

  1. Ich möchte gerne etwas sagen, aber alles, was gerade in mir ist, kommt mir gerade so hohl vor … Nur dieses: ein sehr tiefer Text, der mich berührt und mich erinnern läßt. Danke. Herzlichst. Melanie

  2. Was du sagst, freut mich sehr. Wir haben eigentlich keine Worte mehr für diesen Bereich des Erlebens. Aber das ist nicht hohl, das ist einfach nur ehrlich. Und dann können wir uns eben doch berühren und erkennen, dass wir nicht allein sind. Auch dort nicht. Ich danke dir sehr. Michael

  3. Ein berührender und tiefer Text, lieber Michael, ich danke dir dafür. Er lässt mich gut hineinfühlen und mitempfinden. Und lässt erkennen, wieviel Dichtes und Tiefes und Kerngedanken in diesen Erfahrungen lebt!

  4. Gestern rang ich um Worte, sie fügten sich nicht, ich war zuvor zu albern unterwegs. Doch das Gelesene, Ihre Gefühle, Ihr Denken, es floß in mich hinein. In meinen Nachtgedanken sandte ich dann meine nichtgesagten Worte zu Ihnen und Ihren Lieben. Und heute diesen Wortgruß. Wir sind nie allein, das weiß auch ich. Liebe Grüße, Ihre Käthe.

    1. Herzlichen Dank für Ihr Dabeisein, ich bin fest davon überzeugt, dass alle wohlwollenden, liebevollen Gedanken ihren Weg finden und immer eine Hilfe sind. Deswegen habe ich das hier auch veröffentlicht. Wir sind nie allein, unsere Gedanken spiegeln, ob wir das glauben oder nicht. Grüße Sie herzlich, Michael

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