Ein König in Deutschland

Das Thema geht mir schon den ganzen Morgen durch den Kopf und will mich nicht loslassen: Krieg, Not, Flüchtlinge, Asyl, Einwanderung, und vor allem: Hilfe, wo muss sie anfangen, wo darf sie aufhören, was ist überhaupt Hilfe, wofür ein „Ja“, wofür ein „Nein“. Das ist solch eine Gemengelage im Moment, dass mir der Kopf schwirrt und sich die Antworten anfangen, gegenseitig zu jagen.
Plötzlich alles rot, höchste Alarmstufe, gleich explodiert wahrscheinlich was, oder ich werde manövrierunfähig und knalle gegen den nächsten Baum oder … aber das signalrot hektisch blinkende Batterie-Symbol beruhigt mich mit seinem vertrauenerweckenden Plus und Minus: entweder ist die Batterie hinüber oder die Lichtmaschine, jedenfalls keine Lebensgefahr.
Was tun?
Es ist mal wieder, wie immer in solchen Fällen, Sonntag. Trotzdem versuche ich Elmir, meinen Werkstattmeister anzurufen – ein Genie unter den Schraubern – vielleicht hat er heute seinen Basteltag. Hat er nicht, aber wir erarbeiten gemeinsam die für mich zwar zeitaufwendige, aber immerhin zielführende Strategie, dass ich meinen Halbfranzosen jetzt gleich vor sein Werkstatttor fahre, ohne vorher noch einmal den Motor auszumachen, und er sich dann morgen gleich um ihn kümmern wird.
Und das heißt für mich, dass ich an diesem wunderschönen, sonnigen Sonntagmorgen, es ist zehn Uhr, statt zum Frühstücken in eine ganz besondere Gegend Hamburgs fahren werde: die Billstraße. Neulich gab es einen Artikel in der Zeitung, in dem die Billstraße als „Parallelwelt“ und „Billig-Basar“ bezeichnet worden ist. Und in der Tat sieht man hier wochentags schon auf dem Gehweg Möbel, Fahrräder und Kühlschränke stehen, und in den zur Straße hin offenen Hallen entdeckt man alles von der Taschenuhr bis zum zwei Meter hohen Grinse-Buddha. Auf den Hinterhöfen werden Elektrogeräte, Spielzeug und Kleidung gehandelt und wenn man noch weiter ins Hinterland vordringt, vorbei an Bergen gebrauchter Autoreifen, gelangt man zu den zahlreichen Garagen, in denen v.a. Autoteilehändler und Mechaniker auf engstem Raum ihrer Arbeit nachgehen. Wie eben auch Elmir, das Schrauber-Genie. Sein Nachbar, ein ausgesprochen lebenslustiger Russe, hat mich bei meinem letzten Besuch so angesprochen: „Bist du Deutscher? Der letzte Deutsche war vor zwei Monaten hier, und der musste wieder ausreisen, er hatte kein Visum!“ Und dann hat er sich über seinen eigenen Witz minutenlang ausgeschüttet vor Lachen und uns alle damit angesteckt. Es ist kein schlechter Begriff: Die Billstraße ist eine Parallelwelt.

Aber heute ist Sonntag, und wirklich niemand scheint hier zu sein: die Rolltore der Hallen sind heruntergelassen, keine Waren stehen auf den Gehwegen, die Bäckerei, in der ich schon manche Wartezeit verbracht habe und auch der Imbiss, den ich bisher nur als von Menschen umlagert kenne: geschlossen. Hier ist niemand. Menschenleer, die Parallelwelt ist heute eine wahre „Desert City“.
Nun, ich muss mit meinem havarierten Gefährt also besagten Weg über die Hinterhöfe nehmen, Elmirs Garage ist ganz hinten rechts. Einen Moment lang wollen Bedenken hochkommen: vielleicht ist es doch ein bisschen einsam, ist das hier sicher genug für mich? Aber nein, ich sage mal: die Sonne scheint. Und es ist Sonntag. Was kann denn da schon passieren!
Auch auf dem Hinterhof niemand zu sehen. Ich stelle meinen Wagen wie verabredet an seinen Platz, räume meine Sachen zusammen und will gerade gehen, als sich die Holztür eines kleinen gemauerten Gebäudes, das neben Elmirs Garage diese kaum überragt, quietschend öffnet. Heraus tritt ein junger Mann dunkler Hautfarbe ( ich werde nie lernen, wie man im Augenblick politisch totalkorrekt sagen soll ) also sehr dunkler Hautfarbe, in T-Shirt, rot-blau-gestreiften Boxershorts und Badelatschen, der mich freundlich grüßt, als sei ich hier der liebe Nachbar. Seelenruhig beginnt er, die nasse Wäsche, die er auf seinem linken Arm trägt, mit rechts zum Trocknen über eben jenen Drahtzaun zu hängen, der den Bereich der Garagen von dem Autoreifenareal trennt. Jede seiner Bewegungen sagt in absoluter, ungebrochener Sicherheit: „Ich bin hier zu Hause“, heimeliger kann ein Anblick nicht mehr sein.
Er fragt nicht, was ich hier wolle, alles ist o.k., wir sagen freundlich „tschüss“, wie nette Nachbarn das eben tun, und ich winke ihm noch mal von jenseits des Autoreifenberges zu, als ich wieder auf die Straße zurück gehe, um mir eine Taxe zu bestellen.
Da sitze ich nun wartend auf der Eisentreppe zur Rampe einer der Verkaufshallen, wo ich sonst oft den Chef habe sitzen sehen, wie er ein Bündel Geld durchzählt oder seinen Kaffee schlürft, und das kleine Erlebnis von eben bringt mir mein Thema dieses Morgens wieder in den Sinn: Multikulti: geht das? Wie geht das? So, im ganz Kleinen wie eben, geht’s schon mal, denk‘ ich.
Ich fange schon wieder an, die Fragen und Antworten durchzumischen, die dieses Thema hervorbringt, als ein ausgesprochen hübsch gekleidetes kleines Mädchen ebenfalls (sehr) dunkler Hautfarbe  plötzlich um die Ecke des Gebäudes kommt und etwas verstört zuerst,  mich auf der Treppe sitzen zu sehen, dann aber doch sein herrlichstes Kinderlächeln  schenkend  an  mir vorbeihüpft, gefolgt von drei in farbenfrohe Festtagsgewänder gekleideten Frauen, die sich angeregt unterhalten und meinen Gruß kurz erwidernd vorübergehen.
Und dann er! Zunächst denke ich, er gehöre gar nicht zu den Frauen und dem Kind, da er sich von der anderen Straßenseite her nähert. Er ist vielleicht fünfundvierzig Jahre alt, sein schlanker, kräftiger Körper ist in einen dunkel-anthrazitfarbenen Maßanzug gekleidet, der an ihm hinunterfällt wie Wasser, die Manschetten seines weißen Hemdes schauen aus den Jackettärmeln, als käme er gerade vom Stylisten, Krawatte und Einstecktuch feuerrot wie das Temperament, mit dem er jetzt mit Bewegungen, die ein Europäer niemals auch nur wird imitieren können, über das Kopfsteinpflaster dieser Billigweltstraße geht, und aus der Parallelwelt einfach mit seiner Präsenz die Welt macht, die einzige.
Als die Frauen ihn in ihrer Sprache anrufen, wirft er lachend den Kopf in den Nacken: Ein König in Deutschland, kein König der Asylanten oder Einwanderer, nein, auch kein König der Deutschen, für diesen einen Moment: ein König der Freude des Lebens an sich selbst.

Und für diesen selben einen Moment habe ich alle Antwort.

*

6 Gedanken zu “Ein König in Deutschland

  1. Wundervoll, lieber Michael. Ich kann die Menschen vor mir sehen und muß zurücklächeln. Es geht im kleinen, ja doch! Bis einer kommt, der dem anderen die Butter auf dem Brot nicht gönnt…
    Danke für das Teilen Ihrer Geschichte, sie öffnet weit das Herz und mit ihm öffnet sich der Horizont.
    Herzliche Grüße, Ihre Käthe.

    1. Ja, das war ein wirklich schönes Erlebnis und auf so wunderbare Weise die Antwort, die der Tag auf meine kopfkreisenden Fragen gegeben hat. Vertrauen, ohne dabei blind zu werden. Die Nichtgönnenkönner müssen halt wieder wachgerüttelt werden.
      Herzlichen Dank für Ihre Worte,

      Ihr Michael

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