Begegnung

Was für ein bezauberndes Kind!
Vier Jahre ist er alt und spricht noch kaum, mehr als zehn Worte hab‘ ich nicht von ihm gehört in den letzten fünf Stunden.
Familientreffen. Elias ist mit seinen Eltern und dem drei Jahre älteren Bruder gekommen, um Tante C. zum Geburtstag zu gratulieren. Auch das macht er wortlos, stürmt sozusagen direkt in ihr Herz, ohne lange Vorrede.
Er hat ganz offensichtlich eine Art zu kommunizieren gefunden, die gänzlich ohne Sprache auskommt: Jede seiner Bewegungen, all seine Gesten sind so präzise, nein besser: sie sind so eindeutig und klar, dass man sofort weiß, was er „sagen“ will. Vieles erledigt er nicht nur wortlos, sondern auch sozusagen im Alleingang, z.B. die Exploration des Hängeschrankes hinsichtlich eventuell anzutreffender Süßigkeiten, und er zeigt dabei eine unglaubliche Körperbeherrschung, wenn er die notwendigen Kletterhilfen vor dem Schrank aufbaut und anschließend schwindelfrei und verantwortungsbewusst wie ein erfahrener Bergsteiger die erforderliche Höhe erklimmt.
Er fragt also nicht, ob er das tun darf, nicht mit Worten, aber alles an ihm bleibt ehrlich, offen, er setzt unser Einverständnis voraus, bei dem, was er unternimmt, würde sich aber jederzeit korrigieren lassen, so jedenfalls ist mein Eindruck.
Allmählich wird mir klar: genau das ist das Wichtigste für ihn: Dabei zu sein, mitzusprechen, in Kommunikation zu sein mit allen anderen, auf seine Art.
Als sein Bruder ihm ein Spielzugauto aus der Hand reißen will, wütend, weil es ihm gehöre, verteidigt er sich nur kurz, gibt es schließlich her, und dann … weint er. Ich habe noch nie ein Kind derart weinen sehen: ohne Gebrüll, ohne „aber ich!“, ohne Zorn. Er ist einfach nur traurig. Es geht ihm gar nicht um das Auto, er spürt vielmehr den Schnitt, die Abgrenzung, die Absage ans Gemeinsame, er spürt Rangordnung, Habenwollen, Besitzrecht, und er spürt die Anklage an ihn. Zutiefst betrübt lässt er sich von der Mutter nur allmählich wieder trösten. So stimmt die Welt nicht mehr für ihn.

Irgendwann sitze ich auf dem Sofa neben Tante C. Elias hat sich hinter ihrem Rücken angeschlichen, ist irgendwie auf die Rückenlehne geklettert und in dem Moment, als ich ihn entdecke, stürzt er sich von oben auf mich. Ich fang‘ ihn auf … oder er mich? Er lässt sich mit seinem vollen Gewicht auf mich fallen und doch … ganz behutsam landet er auf mir, sanft wie ein Feder. Unglaublich! Einen Moment lang schauen wir uns an wie Verbündete, die sich hinter dem Rücken der anderen zublinzeln: so ginge es auch, nicht wahr?

Was für ein bezauberndes Kind, das noch von keinem angriffslustigen „Ich“ vergiftet kommunizieren kann, noch nicht gelernt hat, mit den Fallgruben unserer Worte zu taktieren,  noch so … unmittelbar ist.

Er ist ein Segen für seine Familie, die den ersten Schreck, als klar wurde, dass Elias‘ Gene die besondere Konstellation der Trisomie 21 aufweist, vollständig erholt hat. Er hat etwas unsagbar Wertvolles für alle mitgebracht. Ich werd‘ Dich jedenfalls nie vergessen, kleiner Mann, und wie du mich mit deinem ganzen Wesen überfallen hast …

*

7 Gedanken zu “Begegnung

  1. Wunderschöne Beobachtung, noch schöner
    von dir beschrieben, Lieber Michael.
    Wir wären gerne Kinder geblieben , einige das ganze
    Leben lang . Das dürfen wir aber nicht .
    Schade eigentlich.
    L.G
    Mirso

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