Am Ende einer Reise

Das zufriedene Lächeln einer stolzen Mutter lag auf Susannes Gesicht, als sie im Rückspiegel sah, dass Svenni eingeschlafen war. Sechs Jahre zählte er jetzt  – ‚unglaublich‘, dachte Susanne, ‚als wäre ich gestern noch mit ihm schwanger gewesen‘. Letzte Woche hatte er Geburtstag gehabt und sich eine Reise nur mit seiner Mama gewünscht.
Sie hatten drei Tage lang Hamburg unsicher gemacht, waren im Miniaturwunderland gewesen, hatten das Rathaus besucht, eine Hafen- und eine Stadtrundfahrt gemacht und, na ja – wieder schaute Susanne in den Spiegel, diesmal aber, um sich für einen Augenblick an dem unglaublichen Rot ihres neuen Lippenstifts zu weiden – shoppen war die Mama natürlich auch ein wenig.

Sie liebte ihren Sohn sehr, nach seiner Geburt waren die letzten Schatten eines alten Lebenszweifels von ihr abgefallen, der sie begleitet hatte, seit …
Sie war damals noch jünger gewesen als Svenni jetzt, knappe fünf, als ihre Eltern sie in ein Kinderheim gebracht hatten, um allein in Urlaub fahren zu können. Sie hatte an eine gemeinsame Reise geglaubt und plötzlich war da dieses Heim gewesen, und ohne jede Erklärung war sie dort zurückgelassen worden. Ein Schatten fiel über Susannes Blick, als sie an diesen Moment dachte, den sie noch so deutlich erinnern konnte. Sie wäre fast daran gestorben. Zwei Wochen lang hatte sie sich jede Nacht mehrfach übergeben müssen und wenn Püppi nicht gewesen wäre … die kleine Stoffpuppe, die ihr die Mutter auf der Fahrt ins Heim wortlos in die Jackentasche gestopft hatte, … sie hätte das nicht überlebt, dieses bodenlose Gefühl, dass alles, was sie dachte, sagte oder tat, dass jede ihrer Bewegungen das Rätsel in ihr größer werden ließ, für das sie einfach keine Antwort hatte. Einmal hatte sie in der Sandkiste angefangen,  den Sand zu essen, getrieben von einem diffusen Gefühl, damit vielleicht etwas rückgängig machen, kitten zu können … was fehlte, das hatte wohl den Namen „Mama“ gehabt, aber was wirklich passiert war, dieser Einbruch ihres fundamentales Vertrauen, das hatte sich nur so darstellen können – sprachlos, bewusstlos ein Äquivalent suchend, das keine Erlösung ihrer Qual brachte, aber wenigstens der Ohnmacht irgendeine Gestalt gab. Löffelweise hatte sie Sand gegessen.

Sie hatte auch später nie mit ihren Eltern darüber gesprochen, aber seit dieser Zeit hatte es in ihrem Fundament einen Riss gegeben, der ihr die Leichtigkeit genommen hatte und sie grüblerisch hatte werden lassen.
Aber er war geheilt! Susanne tauchte aus ihren Erinnerungen auf und blickte noch einmal kurz in den Rückspiegel: seit er da war, Svenni, war auch ihr Vertrauen wieder heil,  die Unsicherheit war nur noch zu spüren in ihrer Erinnerung, aber nicht in dem,was sie jetzt war, der Riss war geheilt, ihr Kind hatte sie wieder davon überzeugt, dass es gerechtfertigt war, an Vertrauen als den eigenen Boden zu glauben.

Sie trug ihren Eltern, die längst gestorben waren, schon lange nichts mehr nach. Erleichtert atmete sie auf, froh, dass diese Erinnerungen jetzt noch einmal aufgetaucht waren, weil sie dabei merken konnte, dass die Liebe, die sie zu ihre Eltern spürte, nicht mehr von diesen Erinnerungen verdeckt werden konnte.
Susanne hätte am liebsten geweint vor Glück in diesem Moment, aber sie fürchtete, Svenni werde aufwachen und zu viele Fragen stellen. Und überhaupt war sie froh, dass er schlief, er war von den vielen Eindrücken ziemlich aufgedreht gewesen in den letzten Stunden, der Schlaf tat ihm sicher gut.

Sie fuhr den Klosterwall hinauf in Richtung Hauptbahnorf und sah schon aus einiger Entfernung, dass an der großen Kreuzung ein Wagen bei Rot hielt, auf den von der Seite her eine beeindruckende Gestalt zuging, zweifellos ein Bettler, der die halbe Minute erzwungener Wartezeit ausnutzte, um die Fahrer um Geld zu bitten. Beeindruckend war die Größe des Mannes, ein Riese, sein vollkommen verwahrlostes Äußeres und das unglaubliche Chaos seiner Bewegungen, das nicht mehr nur mit Alkohol zu erklären war. Susanne drosselte unwillkürlich ihr Tempo und rollte ganz langsam weiter, zwanzig Meter waren es vielleicht noch, bis sie würde halten müssen. ‚Ein Verrückter‘, kam ihr in den Sinn, ‚was macht der da?‘, und sah, wie der Mann eine Art Veitstanz vor dem schon haltenden Wagen aufführte, dessen Fahrer durch das geschlossene Fenster mit heftig abwehrenden Bewegungen zu erkennen gab, dass er nichts zu geben entschlossen war.
Susanne hielt in ungewöhnlich großem Abstand zu ihrem Vordermann an, ‚vielleicht‘, dachte sie, ‚ist es ihm zu weit und er kommt gar nicht her‘, spürte aber , dass sie dabei einer Reaktion folgte, die gar nicht zu ihrer Gestimmtheit passen wollte. Sie fühlte in diesem Moment eigentlich nichts außer einer Art tiefer, offener Neugier.
Der Mann gab sein Ansinnen bei dem ersten Wagen auf und wendetet sich jetzt ihr mit einer ruckartigen Bewegung seines Kopfes zu,  sein langes wildes Haar schien dabei entgegen aller physikalischen Gesetze in eine selbstgewählte Richtung davonzufliegen.
Er schaute Susanne direkt in die Augen, hielt den Blick länger, als sie es ihm zugetraut hätte. Schließlich griff er  in seine Manteltasche, hatte plötzlich einen Apfel in seiner rechten Hand und holte weit aus, um ihn als Wurfgeschoss in ihre Richtung zu schleudern.

Im letzten Moment hielt er die Bewegung auf und ging auf ihren Wagen zu. Susanne konnte jetzt lesen, was auf dem Schild stand, das er sich um den Hals gehängt hatte, in krakeligen Buchstaben wurde da von einer kleinen Tochter berichtet, die er zu versorgen habe.
Susanne sah das Bild eines kleinen Mädchens neben diesem Mann vor sich und sie spürte die Neugier weichen und etwas Platz machen, das sie überraschte, weil auch jetzt, als er immer näher kam, ihr Eindruck nicht zu leugnen war, dass es ein Wahnsinniger war, der da auf sie zukam. Und deshalb staunte sie darüber, dass sie nicht den leisesten Hauch von Angst empfand, aber das war noch nicht das Eigentliche: sie empfand vielmehr, dass sie ihm etwas zu sagen habe, bzw. zu geben, ohne zu wissen, was das genau sei, und ohne zu zögern ließ sie ihre Fensterscheibe herunter.
Jetzt war er direkt neben ihr und wiederholte seinen unheimlichen Tanz, gestikulierte dabei wild mit seinen Armen und Händen, aus seinem zahnlosen Mund kamen unheimliche Laute und sein Gesicht verzog sich zu grotesken Grimassen, während er ihr   immer wieder kurz die Hand hinhielt: ’sprich mich nicht an, ich will nur Geld‘, las Susanne an der Oberfläche dieser traurigen Theatralik.

„Hör‘ mal“, sprach sie ihn dennoch  in einem milde-vorwurfsvollen Ton an, immer noch getragen von ihrem Gefühl, ihm etwas geben zu sollen, „du wolltest mit einem Apfel auf mich werfen, und jetzt willst du Geld von mir?“
Für einen Augenblick schien aller Wahnsinn von dem Riesen zu weichen, der mit seinen wirren Bewegungen und seinem Kauderwelsch schlagartig aufhörte und Susanne anschaute, als habe ihn seit vielen, vielen Jahren endlich einmal wieder jemand als einen verständigen Menschen angesprochen, … nein, das war noch mehr … als habe ihn jemand seit Urzeiten wieder als Mitmenschen angesprochen.
Susanne nahm einen Euro aus ihrer Geldtasche und hielt ihm die Münze hin. Langsam  formte er seine Hände zu einer Schale, so sorgfältig, als solle eine höchst wertvolle Flüssigkeit eingefüllt werden, von der nichts verloren gehen dürfe, und ließ sich von ihr das Geld hineinlegen. Dabei streifte ihre Hand die seine, und da war in diesem einen Moment … – Susanne war sich ganz gewiss – auch bei ihm: nicht ein Hauch von Angst. Und nicht die Spur von Wahnsinn.

Als sie weiterfuhr, schaute sie nach hinten zu Svenni, er hatte nichts mitbekommen, und Susanne war froh darüber. Im Außenspiegel sah sie noch, wie der Mann langsam wieder auf den Fußweg zurückging. ‚Du hast mehr Sand essen müssen als ich‘ dachte sie, ‚aber deswegen hab‘ ich Dich erkannt, es war derselbe Sand‘.

*

6 Gedanken zu “Am Ende einer Reise

  1. Das hat mich sehr angerührt, ich habe auch mal Hände voll Sand gegessen und bin als Kleinstkind mehrmals krank geworden in einer Kinder-Einrichtung, weil ich nicht verstanden hatte, dass ich dort nur vorübergehend sein musste.
    Das alles ist mit meinem inneren Kind inzwischen in Liebe in meinem Herzen gut aufbewahrt, aber manchmal sind bestimmte Ängste und Verletzlichkeiten immer noch mal wieder spürbar.
    Ich bin froh, dass ich mich dann mit allem immer wieder in Gottes Hand legen kann.
    Vielen Dank für die Erzählung dieser Begebenheit und herzliche Grüße von
    Marina

    1. Manchmal fragt man sich, warum man eine spezielle Art von Leid erfahren muss. Für mich liegt da die Antwort, dass der individuelle Weg zu der Erfahrung, die du schilderst, dass nämlich LETZTLICH in Gottes Hand alles heil ist und bleibt, von uns nicht verstehbar und planbar, aber immer annehmbar ist.

      Herzliche Grüße von

      Michael

  2. Ich hab mich immer gefragt
    warum einige Leute überhaupt
    Kinder haben wollen.
    Dass ich die Anwort nicht kenne ist egal.
    Das schlimme dabei ist, dass sie es nicht
    wissen .
    Die Geschichte hast du ,wie immer,
    wunderbar erzählt.
    Kleinem Svenni und seine Mutter
    wünsche ich langes Leben, viel
    Liebe , und auch Sand ,aber nur am schönsten
    Stränden der Welt .
    L. G.
    Mirso

    1. Lieber Mirso, vielen Dank für deine Worte!
      Ein Kind braucht einen geschützten Raum, um zu gedeihen, da stimme ich dir zu. Es ist sicher besser, vorher zu überlegen, ob man das bieten kann.
      Und am Sandstrand finde ich den Sand auch am besten aufgehoben, keine Frage!

      herzliche Grüße
      Michael

  3. Keine Silbe zuviel, deine Geschichte lässt eintauchen. Eine Geschichte, die nicht zu Ende ist, wenn sie zu Ende gelesen ist. Sie hinterlässt etwas. Wie du dieses „Erkennen“ beschreibst, das ist förmlich zu spüren beim Lesen.

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