Kriegskinder

Sie wusste sofort, was er vorhatte, sah es an seinem Gang, der zu einem letzten Weg bereit war, an den harten, nickenden Bewegungen seines Kopfes, die jeden Zweifel verboten, an der Entschlossenheit, mit der er auf den Eingang des Einkaufszentrums zukam: alle Brücken hinter sich abgebrochen und nur noch ein einziges, das einzige Ziel vor Augen.

Genau so war ihr Sohn, der Jüngste, damals aus dem Haus gegangen, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen. Genau so.
Sie sah ihren Sohn, erkannte den Wahnsinn und roch den Tod.

Sie hatte alle verloren, ihren Mann, die drei Söhne, alle hatte der Krieg getötet. Und sie … sie war übriggeblieben, ihr Körper wenigstens war übriggeblieben, von der Seele war sie sich nicht mehr sicher, ob sie noch existiere. Ein Rest Hoffnung hatte sie am Leben gehalten und hierher geführt, in eine Art gelobtes Land, ohne Krieg, ohne Diktatur und ohne diese permanente Angst, in ein Land, in dem es Meinungsfreiheit gab und alle im Wohlstand lebten. So jedenfalls war ihr gesagt worden vor ihrer Flucht und jetzt saß sie fast jeden Tag ein paar Stunden lang vor dem Einkaufszentrum nahe ihres Flüchtlingslagers, um sich selbst ein Bild zu machen, ob stimme, was sie gehört hatte. Und … um sich zu erinnern.
Es gab wohl so etwas wie eine blasse Erinnerung in ihr, was das sei: ein glückliches Leben, wie  auf ein altes Foto schaute sie, um sich zu beweisen, dass es diesen Ort des Glücks einmal in ihr gegeben hatte. Als die Kinder noch zur Schule gegangen waren, da hatte die Sonne fraglos über ihrem Leben gestanden, ihr Mann war ein geachteter Ingenieur gewesen, und dann … war plötzlich Krieg. Und alles hatte sich gedreht.
Der Jüngste war an die falschen Freunde geraten und nach und nach unansprechbar geworden. Und selbst ihr Ältester, der für die Vernunft auf die Straße gegangen war, hatte nur noch vom Hass erblindete Phrasen der Gerechtigkeit auf den Lippen, als er in ihren Armen starb.
Der Krieg hatte in ihnen allen etwas derart verdunkelt, dass es schon ausgelöscht erschien, auch in ihr, bis heute hatte sich daran nicht viel geändert …. was ist das, das Leben? Wozu sind wir hier? Welchen Sinn hat das alles?
Sie war sich ganz sicher, dass ihr die Antwort darauf einmal selbstverständlich gewesen war, und auch, dass diese Antwort unabhängig von Äußerlichkeiten war. Aber als sie hatte erleben müssen, dass sie ihre Lieben damit nicht erreichen konnte, dass sie sie nicht vom Hass und vom Wahnsinn abhalten konnte, war ihre Sicherheit zerbrochen.
Jetzt war da nur noch … ein blasser Funke.

Und sie schaute auf und dem jungen Mann, der ihr Enkel hätte sein können und der im Begriff war, an ihr vorbeizustürmen, wiederum an ihr vorbeizustürmen, mitten ins Gesicht.

*

Seit Tagen war kein Zweifel mehr in ihm aufgekommen: er würde es tun! Die Angst empfand er wie ein Rauschmittel und mit den heiligen Worten seines Glaubens hatte er sich durch die Tage der Vorbereitung gepeitscht, alle Einwände im Keim erstickend oder sie als verabscheuungswürdige Schwächen aus seinem Bewusstsein verjagend, den Blick nur noch auf den Lohn gerichtet, der ihm verheißen war: Ruhm und Ehre in einer besseren Welt, in der ihn Anerkennung und Freundschaft erwarten und Friede herrschen würde. Und Liebe. Auch die war ihm versprochen.
Ein paar wenige Meter lagen noch vor ihm bis zu seinem Ziel und seine Hand umschloss fast zärtlich den Funksender. Das Gewicht auf seinem Rücken fühlte sich gut an, Euphorie machte sich in ihm breit, während sein Herz raste und das Glück in immer schnelleren Stößen in seinen Kopf pumpte.

Und dann traf ihn ihr Blick.
Wie angewurzelt blieb er stehen und musste geschehen lassen, dass etwas Undefinierbares ganz ruhig an den Minenfeldern seiner rasenden Gedanken vorbei sich den Strömen brennenden Blutes nicht widersetzte, um unter die heiligsten seiner Worte zu sinken und wie ein fallendes Blatt den Boden und die eine Stelle in ihm fand, zu der der Wahnsinn keinen Zugang hatte.

Wer bist du, Mensch, wer bin ich? Sei meine Antwort!

 

*

8 Gedanken zu “Kriegskinder

    1. Danke, Ulrike! Dieses Thema, es ist dir vertraut, wie ich weiß, auch in den vielen konstruierten Kunstformen, es misszuverstehen: Ganzheitlichkeit. Wir können die Weite, die uns ganz macht, nicht erreichen, aber wir können uns für SIE öffnen, durchlässig werden. Dann findet SIE den Weg zu uns.
      Danke dir sehr für deine geschwisterlichen Worte!
      Michael

  1. „Was sei das Leben? Wozu sind wir hier? Welches Sinnes reisen wir hier wohin?“
    „Mensch, sei Du meine Antwort!“
    Schön, lieber Micha!

    „Was ich meinem Bruder sage,
    Geistlos oder liebentlich,
    Antwort ist auf meine Frage,
    Was des Lebens Sinn für mich.“

    Dieser liebende Geist möge jedem Verzweifelten begegnen!

    1. Wie schön, dass diese Deine Zeilen hier auftauchen, ich kenn‘ sie ja schon seit Jahren aus einem Deiner Gedichte, und sie gehören zum Berührendsten, was ich von Dir gelesen habe!
      In diesem Sinne: vielen Dank, Achim, dass Du Teil meiner Antwort bist!
      So ein Zusammenklang ist für mich eines der Wunder, die den Weg zeigen und nicht durch irgendwelche als wünschenswert beurteilten Effekte überzeugen, sondern durch das unabweisbar sich einstellende Gefühl, von einem Großen Ganzen begleitet zu sein.
      Alles Liebe Dir,
      Micha

    1. Das tut es und soll es, weil es nur dort, unter der Haut, die Quelle des Schmerzes findet, die auch die Quelle der Heilung ist: Dich.
      Vielen Dank fürs Lesen, könnt ich banalerweise sagen, aber Du schreibst selbst, und du weißt, wie ich’s meine: für’s Lesen!

      herzlichen Gruß von Michael

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s