Wunderbar

Man könnte es ein Wunder nennen, wenn man wollte. Ein kleines Wunder. Klein, weil es geradezu schüchtern daherkommt, als wolle es mich fragen, ob ich es als Wunder anerkennen wolle. Es gebe auch die Option, es zu übersehen, so klein sei es, „Zufall“ zu ihm zu sagen ginge selbstverständlich ebenfalls durch, kein Problem. Als klopfe es an die Scheibe meiner Wahrnehmung und frage, ob es als es selbst eintreten dürfe oder hinter einer passenden Maske, die mir helfen könne, es abzutun. Es wolle nicht stören. Das auf keinen Fall. Insofern eine kleine, unaufdringliche Begebenheit, die mich entscheiden lässt, wie ich sie ansehen will.

Ich sitze am frühen Morgen, noch nicht ganz wach, in der Muckibude auf dem Trainingsfahrrad neben Klaus, einem Schicksalsgenossen. Während wir, eigentlich noch viel zu müde für solche Betätigungen, versuchen, unsere Muskeln auf Betriebstemperatur zu bringen, beobachten wir durch die Fenster, was sich draußen so tut. Der Straßenverkehr hat wieder deutlich zugenommen, die Ferien gehen in Hamburg langsam zu Ende und die Urlauber kommen wieder zurück.

„Die Meisten sehen eher frustriert aus, wenn sie aus dem Urlaub kommen“, sage ich und  Klaus bestätigt diese Beobachtung. „Aber warum nur?“ fragt er und ich komme auf die Idee: „Plötzlich mit der Familie den ganzen Tag zusammen zu sein, geht nicht bei vielen gut“.

Ich überlege, wie das denn bei mir sei und sage: „Also ich freu‘ mich immer, wenn ich mit meiner Frau zusammen sein kann, oder wenn wir getrennt sind und sie wieder auftaucht – und sie kann von mir aus jederzeit und überall auftauchen, wenn du verstehst, was ich meine.“ Er versteht und grinst sich eins, dann zieht er sich etwas zurück aus dem Gespräch, wer weiß, warum.

Unsere Wege trennen sich schließlich und wir arbeiten jeder für sich weiter am Aufbau der Olympiareife.

Meine Gedanken beschäftigen sich dabei mit dem Erlebnis, das ich vor ein paar Tagen hatte, bei dem ich in der Welt der Superreichen einen Moment der Nähe miterleben konnte. Der Text, den ich dazu geschrieben hatte, war nicht vielen positiv aufgefallen, und ich stelle mir die Frage, ob „Geld“ als Symbol so stark sein könne, dass die Vorstellung, ein im Überfluss damit Gesegneter könne ( oder dürfe?) eine Begegnung echter Nähe haben, für die Meisten etwas Unmögliches darstelle.

Da kommt  eine ältere Mittrainierende, deren Namen ich nicht einmal kenne und die wohl vorhin gelauscht hat, auf mich zu und flüsternd sagt sie: „Das, was Sie vorhin über Ihre Frau erzählt haben, das fand ich toll!“ Wir reden ein wenig darüber, dann geht sie wieder, dreht sich aber noch mal um, kommt zurück und sagt: „Wissen Sie, das sind die Dinge, die man mit Geld nicht bezahlen kann!“

Hoppla.

Einigermaßen gerührt beende ich mein Training, und als ich zu den Umkleiden will, kommt mir wer entgegen? Meine Frau, die einfach überlegt hat, sie könne mich ja mal abholen. Zum ersten Mal in all den Jahren an diesem Ort.

Und wo ist jetzt das Wunder? Wenn ich’s festhalten will, um es zu zeigen, ist es immer schon weggeflogen, verflixt noch mal!

*

Reichtum

Unverdient find‘ ich mein Glück,

Einfach ist’s, ganz leise, unspektakulär und schlicht:

Mit Dir

Im selben Licht.

*

4 Gedanken zu “Wunderbar

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