Im Garten meiner Seele …

„Depressiv bin ich nicht, nein das würde ich nicht sagen. Ich war immer ein recht positiver Mensch, und das bin ich auch jetzt noch. Aber meine Energie ist weg. Da ist ein Raum um mich, aus dem alle Energie ausgelaufen ist, ein leerer Raum.

Selbstmord kommt für mich nicht in Frage, ist überhaupt kein Thema, aber was soll ich noch hier? Wissen Sie, im letzten Jahr ist mein Mann gestorben, wir waren sechzig Jahre verheiratet, ich bin jetzt fünfundachtzig, wow!, das ist nicht einfach, sag‘ ich Ihnen! Und dann kam die Krankheit, ich will Sie nicht mit Details belästigen, und jetzt müssen auch noch beide Augen operiert werden. Ich verwalte mich doch nur noch, und das mehr schlecht als recht!
Aber andererseits, wenn ich mir das so sage oder es wie jetzt erzähle, dann regt sich sofort auch etwas Anderes in mir und sagt nein!, das stimmt doch nicht, das ist nicht alles, was du empfindest, diese Leere, so schlecht ist sie gar nicht, ungewohnt vielleicht, aber auch … sehen Sie, und dann gehen mir normalerweise die Worte aus.
Letzte Woche allerdings ist mir etwas Ungewöhnliches passiert. Und seitdem hab‘ ich eine kleine Geschichte, mit der ich doch annäherungsweise sagen kann, was ich meine. Soll ich sie erzählen? Wollen Sie mir zuhören?“

„Ich höre zu“.

„Da saß ich also im Garten unserer Wohnanlage auf meinem Rollator – federleicht das Ding und sauteuer! – und schaute schon eine ganze Weile dem Gärtner und seinen Leuten zu, wie sie sich um die Bepflanzung kümmerten. Irgendwann kamen die Männer zusammen und besprachen etwas, woraufhin einer von ihnen sich aus der Gruppe löste – ein vielleicht vierzigjähriger Schwarzer, sagt man heute so? Ist das korrekt? Aber egal – der schließlich auf mich zukam.

Zu anderen Zeiten – glauben Sie mir!- hätte ich den Anblick wohl genossen, seinen federnden Gang, das Spiel seiner Muskeln: eine  einzige Hymne der Freude an der Bewegung! Jetzt aber bedrückte mich die Situation eher, als ich mir vorstellte, dass er im Näherkommen erkennen würde, dass mir die Haare fehlten und wie gebrechlich ich war. Trotzdem blickte ich ihn aufmunternd an, als er endlich vor mir stand, und da …
Wenn ich jetzt feige wäre, würde ich sagen: da nickte er mir kurz zu.

Aber das war es nicht. Mit einer ganz kleinen, feinen Bewegung seines Kopfes verneigte sich dieser Mann vor mir – und im selben Moment flog ihm meine Seele zu, verzeihen Sie, ich kann das jetzt nicht anders ausdrücken, meine Seele, die er in ihrer Gänze zu kennen schien, und die er wie umarmte, um ein einfaches „Ja“ zu ihr zu sagen: Ich erkenne Dich!

Ich weiß nicht, ob Sie so etwas schon einmal erlebt haben, aber ich sage „Seele“, weil ich das Gefühl hatte, in allen Tiefen ausgelotet zu werden, auch denen, die ich selbst nicht kannte, und vor allem mit all dem, wozu ich „nein“ sagte: meinen Fehlern, dem Scheitern, der Nähe meines Sterbens. Er hat es alles umarmt. In einem einzigen Augenblick, ohne eine Antwort zu wollen. Und dann hat er nur noch seine Frage gestellt …“

„ … und was hat er gefragt?“

„Wo die Müllsäcke mit dem Laub hinsollten, bis sie abgeholt würden, ob ich das wisse?“ Ich hab‘ es ihm gesagt und er ist gegangen.

Wissen Sie, er hat mich wohl gesehen in meiner Sorge, und ich glaube …“

„Das glaube ich auch!“

„Dass …?“

„Dass er keine Angst hatte“.

„Ja. Dass er keine Angst hatte. Und das hat diesen scheinbar leeren Raum sofort aufgefüllt mit dem, wofür ich keine Worte habe. Aber jetzt kann ich’s doch wenigstens mit dieser kleinen Geschichte erzählen.“

„Ja, das können Sie. Ich hab’s verstanden, und ich danke Ihnen dafür!“

„Und ich Ihnen. Fürs Zuhören. Machen Sie’s gut und … leben Sie wohl!“

*

2 Gedanken zu “Im Garten meiner Seele …

  1. „Ich höre zu“ – liegt es daran, dass dir immer so besondere Geschichten entgegen kommen? Ich glaube, dein Umfeld spürt es, auch die noch fremden Leute; du bist einer, der hört, auch zwischen den Zeilen.

    1. Ich höre gern zu. Nicht oft wird so direkt gesprochen wie hier. Aber auch im Alltäglichen, Banalen erzählen die Worte und Bilder auf einer zweiten Ebene eine Geschichte, die so individuell ist wie ein Daumenabdruck und doch auf den Ort zeigt, an dem wie uns jederzeit begegnen können.
      Hier fand ich so beeindruckend, dass die alte Dame erfasst, dass ein ihr völlig Fremder sie auf dieser Ebene anschaut und dass sie sofort alle Türen aufmacht.
      Danke, Marion!

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