Monat: Dezember 2016
Weihnachtsgeschenk

Ich möcht‘ euch gern ein kleines Geschenk machen!
Aber erst mal will ich euch was fragen, das hat nämlich mit dem Geschenk zu tun!
Ich bin ja, wie manche schon wissen, seit ein paar Wochen bei mir zu Hause sozusagen festgenagelt, weil eine meiner Bandscheiben vorwitzigerweise partiell ihren angestammten Platz verlassen hat. Ich nehm‘ es ihr nicht übel, auch einer Bandscheibe muss man einen gewissen Freiheitsdrang zugestehen, und sie ist ja auch netterweise schon wieder auf dem Rückweg nach Hause, aber wie gesagt: das hat für mich doch Folgen! Z.B. auch die, dass – weil zu allem Überfluss meine liebe Frau über die Feiertage ihrer Mutter Gesellschaft leistet – ich hier für zwei Wochen eine Art Eremitendasein friste, mit genügend Lebensmitteln eingedeckt und quietschvergnügt, aber dennoch in einer irgendwie sonderbaren Situation.
Das ist alles noch nicht so interessant, gehört aber sozusagen zur Gebrauchsanweisung für das Geschenk, das ich euch so gern machen will. Ein wenig Geduld!
Also jetzt frage ich euch einfach, ob ihr das auch kennt:
Ihr sitzt am Fenster – wie ich das jetzt logischerweise überdurchschnittlich oft tue – und schaut hinaus, ihr seid vielleicht auch grade mal allein mit euch, niemand sonst da. Euer Blick fällt auf die Kronen der Bäume, die gegenüber auf der anderen Straßenseite stehen und verweilt schließlich an einem kleinen Zweig. Ihr könntet nicht sagen, warum gerade bei diesem, aber es ist eben so. Es ist ein hübscher Zweig. Nicht groß, nicht klein, fügt er sich so nett ein in diesen gigantischen Verbund des Geästs, der die Baumkrone bildet. Ein ganz harmloser Zweig, er hat absolut nichts Besonderes. Vielleicht gerade deswegen.
Und dann – eine ganze Weile ruht euer Blick jetzt schon auf dem kleinen Zweig – ist es, also ob … nein, eben nicht: es ist nicht, als ob, sondern ihr SEID da drüben bei dem Ast mit seinem Zweig! Nichts Spektakuläres, kein Aha und Oho: „Hallo Zweig!“, nein, nein!, eher etwas ganz Normales, Schlichtes, eher so, als merkt ihr durch die Ruhe, die sich zwischen euch und dem auserwählten Zweig breit gemacht hat, dass ihr euch sonst nur darüber hinwegtäuscht: ihr seid mal hier und mal da, und keinesfalls immer dort, wo euer Körper gerade sitzt oder geht und steht. Ganz normal. Ihr seid da, bei dem Zweig, nicht in Gedanken, nicht in eurer Phantasie, sondern tatsächlich!
Und dann kommt noch was: also es kommt nicht, sondern auch da merkt ihr: das ist eigentlich immer da, nur übertönt von all dem Lärm, den ihr den ganzen Tag macht, wenn ihr Position bezieht im Alltag oder sonst auch. Der Ich-Lärm ist weg. Und dann merkt ihr, wie diese unmittelbare Nähe zu dem Zweig, dieses Da-Sein, übertragbar ist auf Alles und Jedes, dass ihr überall sein könnt, nicht in Gedanken, sondern MIT euren Gedanken: bei euren Lieben, bei denen, die ihr vielleicht nicht so mögt, bei den Kindern von Aleppo, bei eurer Oma, die in einem ganz anderen Land lebt, selbst bei jedem einzelnen der vielen Menschen, die auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin gestorben sind am letzten Montag, bei ihren Lieben – ja, und sogar bei dem, den wir „Täter“ nennen, könnt ihr ganz lebendig SEIN, JETZT und tatsächlich. Und sie berühren mit eurer Nähe.
Das wollte ich also erst mal fragen: Kennt ihr das?
Ich bin nämlich unsicher, ob euch mein kleines Geschenk überhaupt Freude machen wird, aber sei’s drum, da soll man gar nicht lange fragen: mir macht es Freude, es euch zu schenken und deshalb schenk‘ ich’s euch einfach … ja, also das ist es dann, das Geschenk:
Mein kleiner Ahornzweig von gegenüber, zusammen mit einem heiteren Gedanken an jeden von euch, besonders aber an dich, der du dies gerade liest, und mit dem Wunsch, dass ihr eine Frohe Weihnacht haben möget.
Euer Michael
*
Adé
Als Du gegangen warst,
Blieb Stille,
Und Du darin …
… Und mit ihr blieb
Der Freude Wille:
Sie sei der Worte eigentlicher Sinn.
*