Pathophysiologie der Verliebtheit

Schon manches Mal ist von nachdenklichen Leuten, die unbedingt immer alles begreifen wollen, Verliebtheit phänomenologisch untersucht und nach gewissenhafter Prüfung als Form des Wahnsinns kategorisiert worden. Das nötigt üblicherweise dem praxisorientierten und lebensnahen Zeitgenossen lediglich ein augenbrauenhochziehendes Lächeln mitleidigen Bedauerns ab, in welchem wiederum der auf der Lauer liegende Psychologe und selbsternannte Seelenkundige gewohnt ist, ein leises Zögern zu entdecken, als habe sich da eine heimliche Zustimmung eingeschlichen zu der Gleichung: Verliebtheit = Wahnsinn.

Aber wie kommen sie darauf, diese wahrscheinlich aus Langeweile und mangelnder Gelegenheit, das Objekt ihrer Betrachtung aufs Leben anzuwenden, ins Theoretische verrutschte Anzweifler dieses reinen Spiegels, den Er oder Sie Ihr oder Ihm oder Er Ihm, Sie Ihr oder wie auch immer Wer Wem da gerade vorhält, auf dass Er/Sie/Es nur noch Liebe erblicken möge?

Schauen wir doch mal dem ansonsten ganz sympathischen Psychologenspanner über die Schulter, der da im Gebüsch fernglasbewaffnet gerade eine Sie ins Fadenkreuz seines wissenschaftlichen Interesses nimmt, wie Sie Seiner angesichtig wird, Der gerade um die Ecke biegt und auf Sie zukommt. Zum Glück macht unser Psychodramatiker ausgiebige Notizen in Schönschrift, so dass wir mühelos mitlesen können und erfahren, dass er sich mittels seiner hochentwickelten Empathie sozusagen in die Lage versetzt, aus Ihren Augen auf Ihn zu schauen und die Spezifika des verliebten Blicks auf diese Weise auszumachen hofft.

Sie sieht als erstes, dass Er nur und nur an Sie denkt und nichts anderes seinen Geist bewegt als nur Sie und Sie! Das sieht Sie und ist hocherfreut, denn ähnlich geht es Ihr auch, welcher Zusammenklang schon in der ersten kleinen Beobachtung! Und wie sich das in allem ausdrückt! Sein Gang, federnd, leicht, voller Anmut und Entschlossenheit, hat nie wirklich etwas anderes gewollt als ein Hilfsmittel zu sein, Ihr näher zu kommen, Seine Augen, die schon so viel erblickt haben, sehen jetzt, und erst jetzt endlich ihr Ziel, nach dem sie bisher nur gesucht hatten, seine Ohren vibrieren vom Klang ihrer Stimme, als sie seinen Namen ruft und die Luft, die Er einatmet, entstammt zu hundert Prozent ihren Lungen, wo Sie sie mit dem Licht und der Liebe angereichert hat, das und die Ihn jetzt vollkommen ausfüllt.

Alles an Ihm funkelt in diesem Licht. Als ein kleiner Windstoß eine Haarsträhne über Seine Stirn von links nach rechts fegt, sieht Sie die urtiefe Bedeutsamkeit dieses Vorgangs: Das zärtliche Winken seiner Haarpracht kann nur Sie meinen, es meint nur Sie! Eine Fliege umschwirrt Ihn und Sie kann milde lächelnd die Anziehungskraft verstehen, die Er auf das Insekt ausübt, ein Auto neben ihm fährt durch eine Pfütze und sie weiß, dass die Schlammspritzer an Seinem Mantel zu Gold werden, nur um Ihr zum Geschenk gemacht werden zu können, das Rot am Fußgängerüberweg der Straße, deren Kopfsteinpflaster ein Muster bildet, das die letzten Meter zu Ihr hilfreich vorzeichnet, dieses Rot ist das tiefste, eindeutigste Grün, das die Welt je gesehen hat und das Ihn geradezu auffordert, seinen Schritt nicht zu verlangsamen, sondern in eine Art Flugmodus überzuwechseln, in dem er diese letzte Distanz, die schon keine mehr ist, überwindet.

Und dann stehen sie voreinander und fassen sich an den Händen.

Unser akademischer Spanner im Gebüsch lässt vor Schreck den Griffel fallen und kehrt ruckartig in seine eigene Person zurück. Was er von dort aus sieht, ist zu seinem verwunderten Erschrecken, dass die Beiden sich tatsächlich gegenseitig ausfüllen mit … ihrem LICHT, und sein Herz beginnt zu klopfen und er schämt sich ein wenig. Die Sache verläuft anders, als er es sich ausgerechnet hat, Herzklopfen war nicht vorgesehen. Als aufrechter Wissenschaftler aber ist er prinzipiell bereit, umzudenken, das Ergebnis einer Untersuchung muss mit korrekten Mitteln erzielt werden, das ist ihm heilig, und so versucht er, seine cardiale Reaktion mitzubedenken. Er sieht, wie die Beiden engumschlungen von dannen gehen, registriert, wie ihn der Regen inzwischen vollkommen durchnässt hat, bemerkt die Autos, die weiter durch Pfützen fahren und die Passanten, die ihnen hinterherfluchen, meint sogar, besagte Fliege wiederzuerkennen, wie sie immer wieder gegen die Scheibe eines Lebensmittelladens anfliegt, ohne zu begreifen, dass es da für sie keinen Weg gibt und hätte sich fast – trotz aller Bemühungen, nüchtern die Fakten zusammenzutragen – dem Reflex gebeugt, seine durchfeuchtete Kladde in den übel riechenden Abfallkorb zu werfen, neben dem er, wie er erst jetzt bemerkt, die ganze Zeit über gekauert hat. Man ist ja doch auch nur ein Mensch.

Dann aber besinnt er sich noch einmal, gibt seinen Widerstand gegen den immer stärker werdenden Regen auf und setzt sich, ohnehin schon komplett durchwässert, die schmerzenden Knie aus ihrer Zwangshaltung erlösend auf das klatschnasse Rasenstück, gedankenlos und also planlos in der Frage, wie er in dem dadurch hervorgerufenen Zustand seiner heute Morgen noch ordentlich wirkenden Bekleidung nach Hause kommen solle, ohne als Erreger öffentlichen Ärgernisses verklagt und behandelt zu werden … und folgt mit seinen wieder neu aufkeimenden Gedanken diesem winzigen hellen Punkt, der immer noch da ist, auch wenn das, was sein Herzklopfen ausgelöst hat, längst die Szene verlassen zu haben scheint.
Wir schleichen uns jetzt – höchste Zeit! –  im Rückwärtsgang von unserem tapferen Beobachter weg, um nicht selbst in Verdacht zu geraten, hier aus voyeuristischen Beweggründen zu agieren und gehen auf sichere Distanz.

Von dort und also aus der Ferne sehen wir unseren derart Beeindruckten immer noch neben dem Abfallkübel sitzen und der Sache nachsinnen und machen uns zu allem Überfluss und um dem Eindruck entgegenzuwirken, wir seien nur mal so und ohne selbstständigen Impetus dabei, eigene Gedanken:
Integer, wie unser Beobachter trotz des etwas kläglich anmutenden Ambientes auf uns wirkt, können wir uns durchaus vorstellen, nein: sind uns sogar sicher, dass er als Ergebnis seiner Untersuchungen bei der Gleichsetzung von Verliebtheit und Wahnsinn bleiben wird!

Wir sehen mit ihm beim besten Willen keine Möglichkeit, eine gnädigere Bezeichnung für einen Vorgang zu finden, bei dem so etwas wie das LIEBESLICHT, dessen Wesen und Natur seine Uneingrenzbarkeit, Undinglichkeit und ewige Gegenwart ist, in ein Gefäß abzufüllen mit dem Ziel, es mit einem Partner der eigenen Wahl, den sich unsere Wunschträume kreiert haben und auf den wir so lange warten müssen, bis er tatsächlich um die Ecke kommt und auch nur in dem Fall, wenn das Ganze zufälligerweise gegenseitig erträumt ist, genüsslich auszutrinken, während die arme Fliege gegen die Scheibe knallt.

Doch ebenso wie den durchweichten Seelenforscher, der jetzt langsam aufsteht, behutsam seine Kladde einsteckt und davongeht, hat es auch uns warm erwischt, das muss eingestanden werden. Dieser helle Punkt, der ist auch für uns geblieben nach jener angenehmen Theateraufführung des Glücks. Und wenn die bedürfnisorientierte Begrenzung der LIEBE und der Raub IHRER FREIHEIT durch die eigenen Wunschträume noch so sehr DEREN WESEN leugnet, so scheint es uns nach allem, was wir hier erlebt haben, doch eindeutig so, dass die Traumformen, die dabei entstehen, immer noch ambitionierte Erzählungen von IHR sind, deren Motive und Bilder sich aus IHREN WAHREN IMPULSEN speisen, auch wenn sie sich … quasi zu wörtlich nehmen.

Und solch ein Impuls ist geblieben, jetzt, wo alle weg sind und nur noch wir selbst im Regen stehen, und umgibt – wieder in Freiheit athmend – tatsächlich und auch jetzt noch die Fliege, nicht mehr in Beziehung zu der Gedankenwelt des sich derzeit selbst genügenden Paares, sondern umgibt sie mit LIEBE für das, was sie selbst IST, und auch der Dreckspritzer wird tatsächlich zu Gold – wenn man das so sehen will, und wann will man das schon, könnte man hinzufügen – nicht im Anflug auf den Mantel des Verliebten, sondern in seinem Flug durch den selben ATHEM, DER ihm wie Allem SEINE EIGENTLICHE Bedeutung gibt.

Darüber war unser Psychologist wohl ein wenig erschrocken: Dass er nämlich so gesehen kein eindeutiges Urteil gegen die Verliebtheit fällen konnte. Ihr „Wahnsinn“ enthielt immer noch das WAHRE … und hatte ES sogar wieder in seine Erinnerung zurückgebracht, was ihn die Welt für einen Augenblick ganz anders hatte sehen lassen. Und so ist er wohl in einem ähnlich bedenklichen Zustand nach Hause gegangen wir wir das jetzt auch tun werden, nachdem wir uns in Dankbarkeit vor so viel wunderbarem Irrsinn verneigt haben werden.

P.S.: Der Schreiber dieser merkwürdigen Zeilen bekennt sich seit vielen Jahren gegenüber jedem, der es hören will und natürlich auch allen anderen gegenüber dazu, „dauerverliebt“ zu sein in seine eigene (!) Frau und muss sich jetzt doch fragen, ob er dafür nach diesen Überlegungen schon einen Arzt braucht oder damit noch selbst zurechtkommt. Um wohlmeinende Ratschläge wird gebeten!

 

*

18 Gedanken zu “Pathophysiologie der Verliebtheit

  1. Liebe ist die beste Medizin! Danke für die freundliche Impfung! 😉

    Es gibt eine dreibändige Jugendbuchreihe, die AMOR-Trilogie von Lauren Oliver, die eine dystopische Gesellschaft beschreibt, in der Liebe als Krankheit (amor deliria nervosa) definiert wird und sozusagen als Staatsfeind Nr. 1 gilt.
    Falls es Dich interessiert – hier entlang zu meiner Rezension der ersten beiden Bände:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/03/delirium/
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/24/pandemonium/

    Liebeslichte Grüße 🙂

    1. Da sieht man doch, dass sich auch andere mit diesem ernsten Thema konsequent beschäftigt haben! Na ja, „Staatsfeind Nr. 1“ scheint mir vielleicht einen Hauch zu drastisch zu sein, ich danke aber herzlich für die Auflistung weiterführender Literatur, die wir wie einst Morgensterns Palmström zur Frage der Rechtmäßigkeit seiner Überfahrenheit durch ein Automobil („eingehüllt in feuchte Tücher studiert er die Gesetzesbücher“) mit aller gebotenen Sorgfalt auf hifreiche Anregungen zu den aufgeworfenene Fragen hin untersuchen werden.

      Anbei der Impfpass mit dem neusten Eintrag,
      🙂 sei ebenso zurückgegrüßt,
      Michael

  2. Wohlmeinende Ratschläge zur Verliebtheit? Ich bitte Sie… und zwar zum Tanze! Radschläge hingegen kann ich maribeywärmstens empfehlen, da brauchen Sie keinen Arzt oder Apotheker!

    Mitternachtsmildschöngrüße, Ihre Käthe.

    1. Das nenn‘ ich eine Überraschung, Sie hier, verehrte Fau Knobloch, liebe Käthe? Gerne nehme ich ihre Einladung zum Tanze an, da kommt man doch gleich auf andere Gedanken! Und die tägliche Dosis Maibey ist ja längst Pflichtmedikation.
      Alles Gute für Sie, vor allem bei der Neueinrichtung Ihrer „Einraumwohnung“ und
      frühmorgendlichzurückwinkende Grüße,
      Ihr Michael

      1. Ich freue mich auch riesig, Käthe wieder einmal hier zu lesen. Und über eure Worte. Ich habe dir gestern schon hier geschrieben, doch irgendwo versteckt sich der Kommentar.

            1. Kaum frei gelassen, kommt er freiwillig zurückgeflogen. Ich mag es gar nicht aussprechen: im SPAM-Ordner war er. DEIN Kommentar! Ich bin erschüttert. Wie kam er da hin? Egal: Jetzt ist er wieder da, ganz oben, die Nummer eins, was sonst! 🙂

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