Der Herbst, der Herbst und seine Häufchen!!

Ich drehe da in aller Harmlosigkeit ein paar Runden in dem kleinen Park, als mich der mir vom Sehen und von kurzen Gelegenheitsgesprächen wohlvertraute ältere Herr keck unter seinem Strohhut hervorschauend – von was auch immer motiviert – derart anspricht:
„Na, und Sie streben wieder der Unsterblichkeit entgegen?“

‚Wie kann er das wissen?‘ frag ich mich im Stillen, während ich stehenbleibe, um ihm in scherzendem Tonfall zu antworten:
„Genau! Ich strebe der Unsterblichkeit entgegen, ich bin sogar schon in ihr, zusammen mit Ihnen, was mich besonders freut!“
Da rutscht ihm der Strohhut ein ganz klein wenig in die Stirn und sein Blick geht in die Weite. Dort aber erblickt er nicht das Unsterbliche, sondern seinen Hund, der sich in etwa fünfzig Metern Entfernung, am diametral unserem Standort entgegengesetzten Ende der Hundewiese – durch seine arttypische Haltung klar zu erkennend – gerade anschickt, dringende Geschäfte zu erledigen.

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Nun muss man wissen, dass hier auf dieser Wiese eine eiserne Disziplin herrscht, was die Entfernung von geschäftsbedingt entstandenen Häufchen durch den jeweiligen mit schwarzen Kleinplastiktüten ausgerüsteten menschlichen Hundebegleiter angeht. Obwohl hier täglch sicher mehr als hundert Hunde (das fällt mir jetzt doch auf, dass der „Hund“ in „hundert“ quasi schon drinsteckt, bevor er was von meiner Schätzung wissen kann!) Hundehaufen deponieren – was ja, wenn man das mal gedanklich zusammenlegt, einen veritablen Sch…haufen ergibt! – kann man dennoch erhobenen Hauptes diese Wiese im berechtigten Vertrauen überqueren, am anderen Ende nicht in die K…. getreten zu sein.

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Das ist schön für den vom nahegelegenen Supermarkt her den Park arglos durchquerenden Endverbraucher, den einfachen Spaziergänger, den hundelosen Mitmenschen – für den Hundebesitzer -begleiter oder -adjutanten aber bedeutet dieser unerbittliche Moralkodex ein erhebliches Maß an Sozialstress!

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Und so setzt sich mein Gesprächspartner auch sofort im Laufschritt in Bewegung, starr den Blick auf den Ort des hündischen Entsorgungsvorgangs gerichtet, und man sieht dem hektischen Wippen des Strohhuts eine gewisse Panik an, nicht rechtzeitig in die Nähe des Vierbeiners zu kommen, bevor dieser seinen Ortstermin beendet und sich vor Ankunft von Strohhut und Co bereits vom Tatort entfernt haben würde.

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Das kleine still vor sich hindampfende Häufchen könnte in diesem Fall dann möglicherweise schwer zuzuordnen sein oder überhaupt nicht mehr aufgefunden werden, was aus der Sicht des den Wiesenregeln erbarmungslos verpflichteten Zeitgenossen einer Katastrophe gleichkäme! Zöge man doch damit den Zorn der anderen Hundebegleiter auf sich, denen das nicht passiert. DAS NICHT!

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Wie ich da also das Ganze betrachtend am Wiesenrande stehe, will es mir so vorkommen, als entfalte sich vor mir die ganze Tragikkomödie unserer Getriebenheit, die aus Furcht, das eigene Häufchen aus Vergangenheitsbewältigungssch… und Zukunftssorgenka… auf der Wiese der Wahrnehmung nicht mehr lokalisieren und kontrolliert in den schwarzen Platiktüten der gültigen Moral entsorgen zu können, ja… was wollt‘ ich sagen? … ah ja: … die also aus blanker Angst vor der frischen Luft der rückstandslosen, schlackenfreien und wohlriechenden Gegenwart den Gesprächsfaden mit der Unsterblichkeit verliert. Kann doch sein, oder?

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2 Gedanken zu “Der Herbst, der Herbst und seine Häufchen!!

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