Wo ist mein Zuhause?

Eine kleine Leseprobe aus dem Buch „Ich hab‘ auf dich gewartet, Bruder“, das ich zusammen mit einem Freund gerade dabei bin zu schreiben und das in etwa einem Monat erscheinen wird. Mein Teil darin ist, mit einer spirituellen Perspektive auf die „Demenz“ zu schauen und dabei dem Gedanken der „Heilung“ nachzugehen.

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Die Heimaten, die wir uns ersinnen in Anpassung an unsere jeweils erlebten Realitäten, sind vielfältig, wechselhaft und stets vorläufig. Der eine findet sein Zuhause in der Familie, ein anderer an einem bestimmten Ort, in der Hierarchie des Berufslebens, in besonderen Fähigkeiten seines Körpers oder in geistigen Inhalten. Das alles aber ist »Heimat auf Zeit« und entbehrt eines Elementes, nach dem wir uns wohl alle zutiefst sehnen: der Gewissheit. Wo bin ich wirklich – oder noch deutlicher gefragt: wahrhaft – geborgen, zu welchem Ort kann ich sagen: Hier bin ich von allem erkannt und hier erkenne ich alles? Wer bin ich … eigentlich?

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Wir können die Beantwortung dieser Frage genauso weit hinausschieben, wie die Elastizität unserer Fähigkeit zur ausgrenzenden Interpretation reicht. Eine selbstdefinierte Heimat braucht die Fremde, gegen die sie sich abheben kann, um »vertraut« zu werden.

Für diejenigen aber unter uns, die »demenzkrank« genannt werden, eben weil diese Fähigkeit – vielleicht nur ein wenig – nachgelassen hat, ist eine solche vorläufige Heimat als Spiegel der eigenen Identität keine zufriedenstellende Option mehr.

Kein Wunder ist es also, wenn »Heimat« zur Kernfrage des Demenzkranken wird, die er mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, subtil oder geradeheraus jedem stellt, der ihm begegnet und die er in seinem gesamten Verhalten zum Ausdruck bringt.

»Wo bitte gehöre ich hin, wo bin ich zu Hause? Kannst du mir da weiterhelfen?«

Die Angebote, die ihm begreiflich machen wollen, dass er im Hier und Jetzt – da, wo er gerade lebt – sein Zuhause gefunden hat, fruchten meist wenig: Zu sehr irritiert die Vergesslichkeit, und zu viel Misstrauen den Auskünften anderer gegenüber hat sich aufgebaut. ›Wie soll ich glauben, an einem Ort zu Hause zu sein, an dem jemand, den ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, behauptet, er kenne mich seit Jahren oder sei sogar mit mir verwandt? Genauso wenig kann ich doch ein Haus meine Heimat nennen, in dem irgendwelche Leute täglich, wahrscheinlich auch nachts, die Möbel gegen andere austauschen, meine besten Hemden klauen und mich zum Zähneputzen zwingen wollen. Sie nennen diesen Ort vielleicht »Seniorenheim«, aber ich habe meine berechtigten Zweifel: Warum zum Beispiel wird hier ständig alles so umgebaut, dass man sich nicht mehr zurechtfindet? Ein »Heim« ist doch wohl etwas ganz anderes! Gerade gestern beispielsweise haben sie die Tür zum Garten einfach zugemauert und mein Zimmer auf eine andere Station verlegt. Natürlich glaubt mir niemand, wenn ich mich beklage. Und diesen Leuten soll ich mein Vertrauen schenken, wenn sie mir sagen wollen, wo ich zu Hause sei? Das Dumme ist nur: Es ist niemand anderer hier, den ich fragen könnte … vielleicht meine Tochter, wenn sie heute Abend kommt …. sie kommt doch heute Abend? … ich habe doch eine Tochter? … wie heißt sie nur? …‹

Vielen Demenzkranken steht die Frage, wohin sie gehören und wer sie sind, den ganzen Tag über stumm flehend ins Gesicht geschrieben – vielleicht fragen sie dich gerade, wie spät es sei oder ob es schon Mittagessen gebe – und ihr Tonfall bezeugt dabei bereits die tausendfach enttäuschte Hoffnung, dass irgendwann einmal die eigentliche Frage beantwortet werden wird. »Es ist zwölf Uhr, Sie können gern schon in den Speisesaal gehen!« Dann hörst du als Antwort auf deine bemühte Auskunft möglicherweise ein artiges »Danke«, welches das Potenzial hat, Herzen zu brechen: ›Nein, du hast es mir wieder nicht sagen können, wo ich hingehöre. Trotzdem danke‹.

Für den demenzkranken Menschen wird die Frage nach seinem Zuhause und seiner Identität unaufschiebbar.

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6 Gedanken zu “Wo ist mein Zuhause?

  1. Mein lieber Michael die Frage-
    Wo bitte gehöre ich hin, wo bin ich zu Hause stellen wir uns auch wir alle, die sich nicht für Demenz krank halten.
    Und wir leben alle in eine Heimat auf Zeit, glaube ich.
    Die Frage ist, wo gehen wir hin. Hoffentlich in eine Heimat ohne Zeit und ohne Krieg.Hass, Neid und, und…
    L.G.
    Mirso

    1. Mein lieber Mirso, wie schön, wieder einmal von dir zu hören! Wo gehen wir hin? Vielleicht einfach in eine Erinnerung an unsere Verbundenheit, in der die Zeit nicht mehr das Sagen hat.
      Danke für deine Worte, auf bald!

      Michael

  2. Danke, Herr Feuster, die Worte berühren mich und erinnern mich an den Prozess des Abschiednehmens von meinem 2007 verstorbenen Vater. Demenz ist so ein Wort… für mich ist er vor seinen Kriegserinnerungen flüchtend in andere Sphären gereist. Manchmal war er ganz präsent und glasklar. In dieser Phase konnte ich ihm nah sein und ihm vergeben, was zu Lebzeiten nie möglich war, weil er uns Kinder verprügelt hat. Somit hat diese Phase ihre heilsamen Effekte.

    Das ICH ist ein Konstrukt für mich, spüre ich in mich hinein ist da ein ewiges Vibrieren, eine Energie, aber keine abgetrennte Entität mehr, das ist ein langer Weg der Introspektion … so wie wenn man den Verstand fragt, wie es ihm geht…Die drei Buchstaben verursachen viel Leid…eine hochspannende Frage… der Menschenfamilie fühle ich mich nicht wirklich zugehörig. Sie sehen, viele Fragen und Anrührung durch Ihre Geschichte. Vielen vielen Dank, Iris Hesse

    1. Ganz herzlichen Dank, liebe Frau Hesse, für Ihre Worte, die erkennen lassen, dass Sie die Zuspitzung der Frage nach der Heimat kennen, die die „Demenz“ so leidvoll sein lässt. Aber eben auch die unendliche Nähe, die plötzlich möglich wird, wo vorher der Vorwurf, die Schuld, das ganze Aufrechnen der Vergangenheit war. Es ist eben nicht die Frage der „Dementen“, sondern unser aller Frage: Wo bin ich zu Hause und wer bin ich eigentlich? Danke Ihnen sehr!
      Ich merke gerade, dass es auch mal wieder gut tut, sich auch beim Bloggen zu siezen, dennoch ist das „Du“ unter Bloggern eher üblich. Es sei Ihnen also angeboten, ich gehe aber auch gerne mit dem Sie weiter mit! Alles Gute und willkommen „on air“.

  3. „Wir sind nur Gast auf Erden
    und wandern ohne Ruh
    mit mancherlei Beschwerden
    der ew’gen Heimat zu…“

    „Ein Tag der sagt dem ander’n
    mein Leben sein ein Wandern
    zur großen Ewigkeit..
    o Ewigkeit
    so schöne,
    mein Herz an dich gewöhne
    mein Heim ist nicht in dieser Zeit.“

    Diese Zitate sollen keineswegs schauerlich an ein Jenseits mahnen,
    sondern dem ein wenig Ausdruck geben, was in unserer übermaterialisierten Zeit
    uns Menschen nun fast völlig abhanden gekommen ist:
    Die Gewissheit der VERWURZELUNG, also der Herkunft aus dem Reich des Lichtes,
    und die Gewissheit, dort auch wieder hin zu gelangen, gereifter, der Wahrheit näher.

    Also, mein wirkliches Zuhause ist nicht irgendwo ausserhalb, sondern in ewiger Verbindung mit Allen und Allem im All in mir. So ist es Gottes Wille, welcher sich mit unseren Buchstaben so schwer ausdrücken lässt.

    „Hier bau’n wir nur ein Nest,
    im Himmel aber fest.“

    So stand es oft in Holz geschnitten über den alten Häusern
    unserer Großeltern und Urgroßeltern.
    Sie wussten besser, was und wo das Zuhause ist, als wir heute….

  4. Wunderbar, herzlichen Dank, lieber Heinrich, für diese Beispiele, die belegen, dass das Wissen um unsere wahre Heimat immer in und mit uns ist! Willkommen „on air“.

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