Kommunikation oder doch lieber Kommunion?

Wer einen Zugang zu „dementen“ Menschen bekommen will, muss sich mit dem, was zwischen uns als „Kommunikation“ gilt, auseinandersetzen. Und wer sich von diesen Menschen wahrhaft berühren lässt, erfährt von einer Ebene unserer Kommunikation, die immer da ist, aber in der Regel vergessen, agelehnt und tabuisiert wird. Wir übersehen nur zu gern, dass wir uns mit dem Mittel der Kommunikation vor allem auf Distanz voneinander halten.

Hier eine weitere Leseprobe aus dem Buch „Ich hab‘ auf dich gewartet, Bruder“:

Aller Beziehungsstress ist Kommunikationsstörung. Wenn wir uns »nicht mehr verstehen«, wird’s eng. Ein Heer von Psychologen lebt davon, uns zu erklären, wo die Störungen herkommen, wie man sie beheben kann und immer wieder neu: was Kommunikation überhaupt sei. Man musste uns sogar sagen, dass wir auf verschiedenen Ebenen miteinander sprechen – falls wir noch miteinander sprechen! In einem Satz sollen wir angeblich gleichzeitig Information, Selbstdarstellung, Einschätzung des anderen und unser an ihn gerichtetes Ansinnen, was er jetzt gleich tun soll (gemeint ist das Kommunikationsmodell des Friedemann Schulz von Thun) als Wortschwall abliefern: »Der Müll muss runter!«
Also gut, es ist was dran! …

Das erhellt jedenfalls die als Tatsache missverstandene Halbwahrheit, dass Kommunikation komplex und schwierig sei und eine Verständigung, die ihren Namen verdient hätte, letztlich als unmöglich angesehen werden müsse. Die Beziehung zwischen Frau und Mann ist ein gern herangezogenes Beispiel, um diese Annahme zu untermauern.

Um den Fallgruben gegenseitigen »Verstehens« zu entgehen, haben wir neuerdings die Verflachung der Sprache erfunden. Dazu hat die Digitalisierung der Kommunikation die Steilvorlage geliefert: Wenn die SMS abgeschickt ist und zwei Häkchen hinter der Whatsapp-Nachricht erscheinen, gelten sie als verstanden. Eine Grammatik, die – jedenfalls zu Zeiten, an die ich mich noch schemenhaft erinnere – die ganze Vielfalt der Zwischentöne aufgenommen und transportfähig gemacht hat, ist inzwischen unerwünscht. Und schleichend, aber unerbittlich, sind wir voreinander in virtuelle Räume ausgewichen, aus denen heraus wir zuerst festlegen, ob wir den nächsten digital sinnverkürzten Zwitscherer in eine Gruppe schicken, mit der wir sowieso im Konsens sind über Freund und Feind, oder lieber mal zur Abwechslung mit einem kernigen Statement in einen konfrontativen Kreis reinchatten wollen. Das Risiko, auf einen echten Menschen samt seiner spontanen, unvorhersehbaren und damit unberechenbaren Willensäußerungen zu treffen, ist fast auf null gesunken verglichen mit Zeiten, in denen der Bäcker-Azubi mir die Brötchen noch über den Tresen gereicht hat, ohne gleichzeitig seine Mails zu checken.
Die Kassiererin bei Aldi zieht längst die Waren über einen Scanner, was all die kleinen Gespräche über ihre frappierende Leistung, sogar die Nummer der gestern erst ins Sortiment aufgenommenen Dauerwurst auswendig zu wissen, überflüssig gemacht hat … das Fachsimpeln mit dem Automechaniker über das befremdliche Motorgeräusch entfällt, weil der Experte auf die Frage: »Was hat er denn wohl?« nur achselzuckend sein Diagnosegerät anstöpselt … und an der Fußgängerampel ist mal wieder fast eine Vollbremsung nötig, weil der mit seinem Smartphone flirtende Zebrastreifen-User erst im allerletzten Moment – einen Fuß hat er schon mal auf die Straße gesetzt – zu erkennen gibt, dass er genau wie ich weiß, dass ich Grün habe!

Dass in einem solchen Kommunikationsklima Beziehungen genauso sprachlos und austauschbar werden wie die Emojis, mit denen wir unsere Gefühlswelt mittlerweile zu vermitteln gewohnt sind, liegt auf der Hand. Beziehung ist Kommunikation.

Was dennoch inmitten all der hilflosen Versuche, unser Miteinander und Gegeneinander verständlich zu machen und dabei unsere Kommunikationsgewohnheiten einer technikhörigen Welt anzupassen, gelassen Sie Selbst bleibt, ist die Wahrheit, und sie ist unbeirrbar Kommunion. Unsere Verbundenheit in einer Liebe, die alles umfasst, jedem Ding seine eigentliche Bedeutung gibt und eines jeden wahre Identität ist, kann nur vergessen, nicht aber unwahr gemacht werden.

*

2 Gedanken zu “Kommunikation oder doch lieber Kommunion?

  1. Diese Leseprobe, lieber Michael,
    ist sehr ansprechend und streiflichtert bedenkenswert und feinfühlig durch die Etappen technisch veränderter Kommunikationsweisen und der damit verbundenen veränderten sozialen Bezogenheit bzw. Unverbindlichkeit. Die Aufmerksamkeitsspanne und WAHRnehmung beim Smartphone und auf sozialenmedialen Miniaturbühnen ist oft oberflächlich und buchstäblich „wisch und weg“.
    Gleichwohl kann man auch in einer technikhörigen Welt einen ECHTEN Kommunikationsstil kultivieren, wenn man sich auf WESENtliche Gesprächspartner und Themen konZENtriert und sich nicht in austasuchbarer Massenkommunikation verschwendet.
    Herzensgruß von mir zu Dir ❤

    1. Auf jeden Fall können wir das, liebe Ulrike, und du und dein Blog seid die besten Beispiele dafür!
      Diese Inseln wohltuender Sorgfalt im Umgang mit der Sprache erinnern aber mehr und mehr an das kleine gallische Dorf, das dem Ansturm der Römer trotzt, die die Welt sprüchekloppend und ihren siegeswilligen Egos folgend überrollen. Der Obelix unserer herzlichen Verbundenheit wird sie immer wieder aus den Sandalen hauen, davon bin ich überzeugt, liebe Ulrike! Und deswegen schreibe ich an einem Buch, in dem ich von der überzeugten und hoffentlich auch überzeugenden Anwendung dieses Zaubertranks berichte, der ja immer für uns zur Verfügung steht dank des unermüdlichen Mirakulix, und der eben auch da hilft, wo man glaubt, die Römer hätten schon längst gesiegt.
      Danke dir von Herzen für deinen wie immer gut gelaunten und wohltuenden Kommentar, bis bald,
      Michael ❤

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