Die Würde des Menschen

Ich in mal so frei. Noch eine Leseprobe.

Wo in den Krankenhäusern wenigstens die Idee noch aufrechtzuerhalten ist, dass die meisten der Erkrankten mündig sind, ihre Rechte einfordern und ihre Bedürfnisse äußern können, ist Selbstbestimmtheit und die Würde des Menschen im Seniorenheim bereits ein Bereich, der eine hohe und außergewöhnliche Bereitschaft des Personals erfordert, aktiv für die ihnen Anvertrauten auf deren Grundrechte zu achten und für sie einzutreten.

Viele der Heimbewohner sind körperlich gebrechlich oder gelten als dement und werden damit in vielfacher Weise abhängig von ihrer sozialen Umgebung. Wenn die Frau, die mittags das Essen in die Zimmer bringt, nicht von der Verpflichtung einer besonderen Achtsamkeit dem Bewohner gegenüber durchdrungen ist, hat sie im schlimmsten Fall die Macht, durch eine flapsig hingeworfene Bemerkung, eine respektlose Geste oder eine ungeduldige Handlung das mühsam aufrechterhaltene Gebäude der Hoffnung auf einen würdevollen Zusammenhalt des Lebens komplett zum Einsturz zu bringen. Da alte Menschen keineswegs nur Engel sind, überfordert diese Aufgabe oft die Kräfte, und Kompromisse müssen genügen, die der Realität Rechnung tragen.

Eigentlich – und eigentlich kann man das Wort »eigentlich« auch weglassen – kommt man in diesem Bereich ohne spirituelle Perspektive nicht mehr aus. Das schwerwiegendste Tabu, welches das frei athmende Selbst, das wir zuinnerst sind, gefangenhält, ist das Thema »Tod«. Ohne die geistige Führung einer Sicht, die den Tod nicht sieht, werden alle Bemühungen um die Situation älterer und abhängiger Menschen zu Abkömmlingen des eigenen Kompromisses, der mit dem düsteren Schlussakkord unseres Lebens einen Deal eingeht: Wir dürfen ihn nach Kräften hinauszögern, aber wenn diese Kräfte erschöpft sind, muss sein Sieg über uns akzeptiert werden. In einer Annäherung der Phantasie an das ewige Leben gestehen wir uns allenfalls »Wiedergeburten« zu oder einen »Himmel«, der »nach dem Tod« zu betreten ist. Dass der düstere Gevatter eine Realität »ist«, bleibt dabei als fundamentaler Glaubenssatz im Geist akzeptiert: Der Tod ist das Einzige im Leben, das absolut verlässlich zu jedem kommen wird, die eine unverrückbare »Wahrheit«, das »absolut Gültige« unseres »Lebens«, das sich nur im Kontrast zu seinem Gegenteil erfahren zu können glaubt.

In der Wahrheit selbst ist der Tod nur ein Glaube, die Idee der Vernichtbarkeit, der Sterblichkeit des Geistes, der Getrenntheit von der ewigen Liebe, ein blasser, erschrockener Gedanke, der uns dazu verleitet hat, diesen furchtsamen Deal mit einem Traumgespinst einzugehen.

Hier begegnet mir Herr Q., fordert meine Solidarität in unserem gemeinsamen fundamentalen Irrtum über das Leben und reicht mir gleichzeitig die Hand der Erinnerung daran, was durch allen Irrtum hindurch ewig wahr bleibt: Die Liebe kennt keine Dunkelheit. Es ist nur ein kleiner, korrigierbarer Fehler in unserem Denken, zu glauben, dies bedeute, sie kenne uns nicht. In Ihr sind wir als das Eine Leben erkannt.

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