Wir haben gut gesprochen!

„Das war ganz schön heilig!“ sagt Herr Q., als wir über den gestrigen Abend sprechen. Das heißt – als er darüber spricht, ich brauche eine ganze Weile, bis ich realisiere, um was es geht.

Herr Q. gilt als „demenzkrank“ und kann kaum noch auf „normale Art“ kommunizieren. Aber was heißt schon „normal“? Alle seine Äußerungen sind voller Bedeutung, gerade in ihren negativen, sämtliche gewohnte Formen scheinbar negierenden oder zerbrechenden Impulsen spürt man oft etwas Wesentliches, was nach Gehör sucht, nach Zuhören, nach wahrem Verständnis.

Das Wort „heilig“ hab ich aus deinem Mund noch nie gehört. Heute ist es dir wichtig. Du sprichst es nicht abfällig aus, auch nicht abgehoben, sondern ganz nüchtern, wie die korrekte Beschreibung eines Sachverhalts: Da war etwas heilig!

Ich weiß immer noch nicht, um was es geht, aber man lernt im Umgang mit Demenzkranken ein offenes Zuhören, das keine konkreten Ergebnisse oder logischen Zusammenhänge verlangt und eher auf Verbindung aus ist, auf Kommunikation an sich.

Dann aber wird klar: es geht um gestern Abend, als wir gemeinsam hier am Tisch gesessen haben und passiv, nur zuhörend und zuschauend an einem Zoom-Meeting von Freunden teilgenommen haben, „zwei Jungs und zwei Frauen waren dabei“ sagst du, „die eine heißt Theresa“.

Das stimmt nicht, könnte man sagen, aber was heißt das jetzt schon wieder? Wieso stimmt nicht, was genau so, wie es aus dir herauskommen will, nach Ausdruck verlangt? Sie heißt Theresa.

„Wir haben gut gesprochen, es ist alles so schön geflossen“, sagst du und da geht mir das Herz auf – die Worte stehen dir ja nicht mehr so zur Verfügung, wie wir es gewohnt waren oder sind. Aber – oder gerade deshalb – spürst du genau, wenn die Worte, die andere sprechen, nicht mehr miteinander in Konflikt sind, wenn sie die eigentliche, grundsätzliche Kommunikation nicht mehr behindern, sondern sie durchlassen und mit anderen deren Inhalt teilen. Wie du sagst: „WIR haben gut gesprochen!“ …. da versteht man von ganz innen, was das viel geschmähte Wort „heilig“ bedeuten kann!

Du wärst nicht Herr Q., wenn du nicht einen kleinen Test für mich parat hättest, ob ich nämlich alles richtig verstanden habe. „Aber es war für uns alles umsonst!“, sagst du und schaust traurig unter dich. Und obwohl ich jetzt auf die Idee kommen könnte, du meintest die Beschwernisse der Demenz, das Altwerden, die Sterbensnähe mit dieser Aussage, entgeht mir nicht dein fragender Seitenblick.

Ich frage mit ehrlichem Erstaunen nach: „Und du meinst wirklich, das war jetzt alles umsonst?“ Da schaust du mich lachend an, wie: „Ich wollte nur mal sehen, ob ich dich aufs Glatteis führen kann!“.

Nein, das war und ist nicht umsonst! Kein Augenblick konfliktfreier Kommunikation wird jemals wertlos. Herr Q. weiß das besser als ich, denn davon hat er wie im Untergrund gelebt, das war sein Lebenselixier in einem Leben, in dem er nicht „das Sagen“ hatte, aber die heimliche Weisheit über den wahren Inhalt dessen, was wir uns mitteilen. Dennoch ist er an der Angst eingeknickt, die die Heimlichkeit, das Verbergen dieses „Wissens“ macht, die Angst, es nicht teilen zu können in einer konfliktbeladenen Welt.

Wir sind sehr froh an diesem Morgen zusammen, alles ist gesagt! Du redest von den Weintrauben im Garten des Hauses, in dem deine Kinder groß wurden, weiße Trauben und rote, und wie sie beide, jede anders, aber so gut geschmeckt hätten. Und von dem großen Baum vor dem elterlichen Hof, wo du selbst aufgewachsen bist. Der Baum, der zwei Sorten Birnen trug, große und kleine und der die wärmsten Kindheitserinnerungen in dir weckt.

Wo wir gut miteinander sprechen, da ist unsere Heimat zu spüren, eine Heimat, deren Formen zerbrechen mögen, die an wechselhaften Orten und mit unterschiedlichen Menschen zu erleben ist, die aber von ihrer veränderlichen Äußerlichkeit nie aus dem Lot gebracht wird.

Und hier sind wir froh, ich kann es gerade bezeugen.

*

5 Gedanken zu “Wir haben gut gesprochen!

  1. Wie schön ist es, dich hier zu lesen. Nicht nur, weil es einfach schön ist, dich wieder einmal zu lesen, auch deshalb weil deine Geschichte wieder ganz besonders ist und berührend-schön.

    1. Ja, das ist wirklich gut, dass sich unsere Wege wieder einmal kreuzen, liebe Marion. Was waren das für inspirierende wordpress-Zeiten mit dir, Frau Knobloch und Co! Aber man sieht: nichts Wesentliches geht verloren! Freu mich auch sehr, von dir zu hören!

        1. Leise lächelnd denke ich nun beim Rückwärtslesen: Nein, nichts Wesentliches geht wirklich verloren.
          Schön, daß es Menschen wie euch gibt! Mutanreger, Lächelnmacher, Fädenspinner und Gedankenanrührer. Ich webe in mein Lächeln Dankbarkeitsseide mit ein.
          Alles Liebe, eure Käthe Knobloch.

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