Phönix aus der Asche

Vor einigen Jahren wurde ich Zeuge eines Wohnungsbrandes hier in der Geschäftsstraße Hamburg-Eppendorfs, dem „Eppendorfer Baum“. Der ausgebaute Dachstuhl des sechsstöckigen Hauses brannte vollkommen aus, lange Zeit war danach das gesamte Haus unbewohnbar. Wer hatte Schuld? Der Mieter der brennenden Wohnung? Was wird aus den Mitbewohnern, die fluchtartig das Haus verlassen mussten?
Ich war stark beeindruckt von diesem Ereignis und schrieb daraufhin die Erzählung „Phönix aus der Asche“, in die ich andere Ereignisse mit einfließen ließ, die zu dieser Zeit eine große Rolle in meinem Leben spielten.

Jetzt ist mir diese Erzählung in einem für mich selbst zunächst überraschenden Zusammenhang wieder in den Sinn gekommen: Als Bücherschreiber hat mein nächstes Projekt das Thema „Schmerz aus spiritueller Sicht“. Und damit ist durchaus vor allem auch der konkrete, physische Schmerz gemeint, der Hals-, Knie-, Rücken- oder Kopfschmerz. Es soll ein schmaler Ergänzungsband zu dem Buch über die Angst werden und ich habe mich gefragt, wie ich das angehen solle. Und da ist mir der „Phönix“ eingefallen und mit ihm die Überschrift für meinen Text in dem geplanten Buch: „Schmerz, wo ist dein Stachel?“.

Erst allmählich ist mir klar geworden, was es eigentlich gewesen ist, das mir die Geschichte in Erinnerung gerufen hat. Physischer Schmerz spielt in der Erzählung offensichtlich keine Rolle. Es ist vielmehr die Antwort auf den Schmerz, die nicht zwischen physischem und seelischem Schmerz unterscheidet. Diese Antwort schimmert in der Begegnung von Anja und Jens durch und ist vielleicht am ehesten mit dem Begriff „wahre Nähe“ anzudeuten.

Jetzt bin ich selbst gespannt, wie ich schreibend aus dieser Nummer rauskomme. Als Poet darf man ein Gedicht einfach in die Luft hängen oder die Quintessenz einer Geschichte der Interpretation des Lesers überlassen. Vom Sachbuchautor wird dagegen Eindeutiges, Nachvollziehbares erwartet. Was hat der „Phönix“ also mit deinen Knieschmerzen zu tun?
Wir werden sehen.

So, wie das abgebrannte Haus inzwischen renoviert worden ist und längst wieder bewohnt wird, so habe ich auch die Erzählung … sagen wir „restauriert“, jedenfalls wiederbeathmet.
Hier ist sie noch einmal und gleichzeitig schon – als sehr vorgezogene Leseprobe eines Buches, das es bislang aber sowas von noch gar nicht gibt. 🙂 Für alle, die auch mal etwas längere Blogbeiträge lesen, also vor allem: für dich!!

 

*

 

Er war nicht zu Hause gewesen, als der Anruf gekommen war. Gut zwanzig Minuten hatte er gebraucht für die Fahrt zurück zum Eppendorfer Baum, die Straße war abgesperrt gewesen, wo hatte er eigentlich den Wagen geparkt? Das müsste er doch … gerade eben hatte er ihn abgestellt … unwichtig, total unwichtig! Es war offensichtlich möglich, zwanzig Minuten lang nichts zu denken, das war ihm neu. Er hatte die Zeit seit dem Anruf mit Nichtdenken überbrückt, und die untrüglichen Zeichen am wolkenlosen Sonntagshimmel ignoriert, die ihm die Nachricht der Katastrophe so anschaulich hatten illustrieren wollen. Jetzt erst, als er sich zu Fuß – jeden Schritt musste er fast mit Gewalt vor den anderen setzen – der bizarren Szene näherte, die sich ihm da bot, schien sein Denken wieder einzusetzen: ›Wo soll ich mich melden?‹ … Da vorne standen zwei Polizisten, da würde er hingehen. Jens vermied es, nach oben zu schauen, das würde er gleich tun, gleich, erst musste er sich melden! ›Mein Name ist Jens Gruber, mir gehört die Wohnung. Mein Name ist Jens …‹ – all die Leute, hunderte ›Schaulustige‹, das Wort kam ihm seltsam vor, und die Straße voller …. ›das sind bestimmt mindestens …‹, Jens begann, die Einsatzwagen der Feuerwehr zu zählen, während er auf die Polizisten zuging, die dem Haus am nächsten standen. Unmittelbar, bevor er sie erreichte, zog es ihm jedoch förmlich den Kopf in den Nacken, wie unter Zwang schaute er nach oben und blieb wie angewurzelt stehen:

Meterhohe Flammen schlugen aus sämtlichen Fenstern seiner Wohnung im obersten Stockwerk und krallten sich in das Dach des sechsstöckigen Wohnhauses, schmolzen es ein, rissen nieder, was sein Zuhause so lange geschützt und abgeschirmt hatte. Von innen her griffen sie sich die Holzkonstruktion des ausgebauten Dachstuhls und sprengten die Ziegeln erbarmungslos auseinander, rasend in ihrer vernichtenden Hitze und gleichzeitig ganz ruhig in der Gewissheit, dass ihnen nichts entkommen werde. Durch die Fenster sah man Teile der Decke herabstürzen, eines seiner Bücherregale! – er meinte es brechen zu sehen. Dichter, tiefschwarzer Rauch stieg auf und verdunkelte den Himmel, für dessen Licht es kein Durchkommen mehr zu geben schien. In diesem Anblick lag nicht einmal der Schimmer einer Hoffnung, dass hier noch irgendetwas zu retten war. Da oben verbrannte sein Leben, in diesem Inferno sah Jens sich selbst vergehen, und für einen Moment blickte er mitten in die Hölle einer bodenlosen Angst.

Dann aber fing er sich, zwang sich, den Blick abzuwenden, wieder nach unten, nach vorne zu schauen, setzte sich in Bewegung und ging wie unbeteiligt an den Polizisten vorbei, die ihn bisher nicht bemerkt zu haben schienen. Er machte einen großen Bogen um den Rettungsbus der Feuerwehr, durch dessen Fenster er einige seiner Nachbarn erkennen konnte, und floh in die Anonymität einer Gruppe von Zuschauern, die ihm sämtlich fremd waren. ›Nur fünf Minuten‹, sagte er sich, ›ich geh gleich hin, muss mich ja melden … fünf Minuten, nur fünf Minuten!‹, und er spürte, wie die Angst wich, so, als habe sie ein Eigenleben und die Macht, ihm diesen Aufschub zu gewähren. Jens wurde selbst zum Zuschauer, konnte sich wohl in die Lage des Wohnungsbesitzers hineinversetzen, aber das war er nicht mehr selbst – er gestattete sich, seine Identität vor sich selbst zu verleugnen, gewiss nur für fünf Minuten!

»Furchtbar, nicht?«, der Mann rechts neben ihm sprach ihn an, »die armen Leute – und das kurz vor dem Winter!«.

»Ja, furchtbar sowas!«, antwortete Jens mit einer bemüht distanzierten Anteilnahme, merkte aber, wie er sich noch keineswegs sicher im Griff hatte, eine ängstliche Frage drängte unaufhaltsam durch seine Maskerade und da hatte er sie auch schon gestellt:

„Ist jemand verletzt?“

Er spürte, wie sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten und ein Taumeln von ihm Besitz ergriff, was würde er jetzt hören, kam jetzt … kam jetzt der Todesstoß?

»Nein, verletzt ist Gott sei Dank niemand, sie haben alle rechtzeitig das Haus verlassen können!«

Jens atmete leise auf. Und als würde diese Nachricht die Berechtigung seines Verhaltens bestätigen, entspannte er sich und begann sich geradezu wohlzufühlen in seiner Zuschauerrolle.
Eine ganze Weile stand er so da und sah den Bemühungen der Feuerwehr zu, Herr über die Flammen zu werden und die Nachbarhäuser vor einem Übergreifen des Brandes zu schützen. Es schien ihnen zu gelingen, stellte er in einer jetzt schon fast kritischen Beobachterrolle fest, offensichtlich verstanden die Männer ihre Arbeit. Ab und zu wechselte er ein kommentierendes Wort mit dem einen oder anderen der zahlreichen Passanten, die stehenblieben, um sich an dem Schauspiel zu beteiligen. Wie in einem Traum nahm Jens alles aus sicherer Distanz wahr, blieb in einer Art Autismus vor sich selbst verborgen und überließ das Ende dieses Zustandes seiner inneren Uhr, die ihm wohl sagen würde, wann die fünf Minuten vorbei sein würden.

»Das ist Ihre Wohnung, nicht wahr?«

Sie stand schon eine ganze Weile neben ihm, das hatte er wohl bemerkt. Aber womit hatte er sich verraten? Egal, irgendetwas musste er ihr jetzt antworten. Jens riss sich vom Anblick seiner brennenden Wohnung los und blickte die Frau an, die ihn so unvermittelt angesprochen hatte. Auch in dieser außergewöhnlichen Situation konnte er seinen wie automatisch ablaufenden Mann-Frau-Check nicht zurückhalten: In sein Beuteschema passte sie eindeutig nicht, zu alt, zwischen fünfzig und sechzig, schätzte er, zu klein, etwas Müdes, Erschöpftes umgab sie, und ja, die Frisur! – die war ja schon ein bisschen eigenartig! Als Single mit jahrelanger Übung brauchte er für diesen filternden Blick, welcher gewöhnlich die Koordinaten des weiteren Gesprächs festlegte, nur den Bruchteil einer Sekunde: Seine normale Reaktion wäre sicherlich höflich, aber knapp und distanziert gewesen.

Wie fragend, was ihn da wohl von seinem üblichen Muster abbringe, hörte er sich selbst zu, als er sagte: »Oh, das haben Sie bemerkt? Respekt! Also ja, genau, ich bekenne: Sie sehen da gerade mein Hab und Gut in Flammen aufgehen! Ich hab mir hier eine kleine Auszeit genommen, bevor ich mich vor der Polizei oute … werden Sie mich verpfeifen?«

Es waren ihre Augen, die ihn diese für ihn selbst überraschend ausführliche und offenherzige Antwort hatten geben lassen, ihre Augen, die sich in die seinen senkten, als hätten sie alles gesehen, was ihn ausmachte, als kennten sie jeden Winkel seines Daseins, jedes Detail seiner Geschichte und jeden Abgrund seines Wesens, als sei ihnen das alles lange vertraut. Diese Augen, sie schauten in sein Innerstes und was das Erstaunlichste war: Sie schienen ihre Freude daran zu haben, was sie da sahen!

»Klar, ich werde Sie verraten, ausliefern werde ich Sie! Quatsch, ich hätte das genauso gemacht!«

Jens hätte diese fremde Frau umarmen können ob ihrer Sympathiebekundung, wurde dann aber doch unsicher und fragte nach:

»Kennen wir uns vielleicht, Sie müssen verzeihen« – er deutete mit einer kurzen Kopfbewegung auf das Inferno gegenüber, um seine eventuelle Gedächtnisschwäche vorsorglich zu entschuldigen.

»Ob wir uns kennen! – was für eine Frage!«, antwortete sie, etwas ernster werdend und dennoch mit einem geradezu verschmitzten Lächeln, das er der Situation eigentlich nicht für angemessen hielt.

»Kennen Sie denn sich selbst, kennen Sie Ihre Mutter, kenne ich Sie? Aber um Sie nicht zu verwirren: Nein, wir sind uns wohl bisher noch nicht begegnet.«

»Sie sind nicht besonders beeindruckt von dieser Situation, oder?« Jens merkte, wie er innerlich etwas auf Distanz ging, wollte er dieses Gespräch überhaupt? »Ich verliere da gerade alles, was ich habe, alles, was ich bin!«, ein Gran Ärger mischte sich in seinen Tonfall.

»Ja sehen Sie, das täuscht!«, sie war frech wie eine junge Göre, aber zugleich von einer solch unglaublichen Milde umgeben, dass Jens all seine Bedenken gleich wieder aufgab. Ja, er wollte dieses Gespräch, und wie er es wollte!

»Sie wissen wohl alles besser, was?«, versuchte er, sein unerschrockenes Gegenüber zu provozieren, und fuhr mit ernst werdender Miene fort: »Mein Auto habe ich irgendwo da hinten geparkt, das gehört der Firma, alles, was ich besitze – und manches bedeutet mir wirklich sehr viel! – befindet sich da oben, mein Klavier, meine Bücher, viele Erinnerungen. Und außerdem …«, Jens senkte den Blick, »außerdem weiß ich ja noch nicht, ob ich schuld bin an dem Brand, hab ich was angelassen, Kaffeemaschine, Herd, was weiß ich, hab ich diese Katastrophe ausgelöst? Ich weiß das ja noch gar nicht! Deshalb vor allem steh ich hier und trau mich nicht weiter. Da vorne in dem Bus!« – er warf einen kurzen Blick in Richtung des Rettungsbusses, vor dem man jetzt zwei seiner Nachbarn erkennen konnte, denen man ansah, dass sie sich hastig irgendetwas übergezogen haben mussten, bevor sie fluchtartig das Haus verlassen hatten – »vielleicht sitzen wegen mir jetzt zehn Familien auf der Straße und haben ebenfalls ihre Habe verloren!« Jetzt erst wurde ihm seine Situation voll und ganz bewusst und die Angst tauchte wieder auf mit der unmissverständlichen Botschaft, dass sie lediglich für eine kleine Weile und nur scheinbar verschwunden gewesen war. Und noch einmal war es, als schaue er ins Innere des Höllenfeuers: Vielleicht war er schuld!

»Irgendwas hat es ausgelöst, Sie werden ja sehen, inwieweit Sie beteiligt waren, absichtlich haben Sie’s ja wohl nicht gemacht! Es ist niemand verletzt, schon gehört?«

Wie beiläufig sprach sie mit ihm, als ginge es um Banalitäten, aber ihre Freundlichkeit umgab ihn inzwischen wie eine schützende Decke, sie hätte sich jetzt alles erlauben können zu sagen.

»Gott sei Dank, ja!«, Jens atmete auf, »das ist die Hauptsache!«

»Grund zur Freude, finden Sie nicht?«

»Ja .. schon …«

»Und Dankbarkeit!«

»Es bleibt genug, für das zumindest meine Nachbarn nicht dankbar sein werden!«

»Kennen Sie sie?«, es hatte etwas Erbarmungsloses, wie sie ihn da befragte!

»Wen?« – Jens stöhnte auf.

»Na, ihre Nachbarn!«

»Klar kenne ich … ja gut, natürlich nicht, ich weiß nicht wirklich, wie sie reagieren werden.«

Jetzt war es plötzlich, als würde die schützende Decke, die ihn eben noch so wohlig umgeben hatte, ein kleines Stückchen weggezogen, so, als bräuchte sie die kleine Frau einen Moment lang für sich selbst:

»Wir legen doch alle ständig Feuer, ohne es eigentlich zu wollen, ist es nicht so?«, sagte sie ein wenig traurig klingend, »wie oft verletzen wir einander und uns selbst! Unser Pochen auf Schuld, unser Vorwurf, unsere Lieblosigkeit lässt doch den Angstbrand zwischen uns erst entstehen! Was meinen Sie? Anstatt uns dafür zu verurteilen sollten wir einfach hingehen, um einander beim Löschen zu helfen! Gehen Sie nur, und gehen Sie im Vertrauen, Sie werden sehen, es wird auch viel Trost geben für Sie, und wenn man Sie angreift, dann helfen Sie beim Löschen, Sie verstehen das schon richtig, nicht wahr?«

Immer noch ging ein wenig Traurigkeit von der Frau aus, einen Moment lang entzog sie sich Jens’ Blick, der davon mehr erschrocken war als von dem weiter wütenden Feuer auf der anderen Straßenseite, und wie um sie zu sich zurückzuholen stieß er die hilflose Frage hervor:

»Wie heißen Sie? Mein Name ist Jens Gruber!«

»Anja«, sagte sie nur und schaute ihn wieder mit ihrer entwaffnenden Milde an: »Freut mich, Jens!«

Irgendwie ging diese Frau eine Abkürzung, so kam es Jens vor. Sie hielt sich nicht mit Unwesentlichem auf, als schaue sie auf ein nahes Ziel, von dem sie nicht mehr bezweifelte, dass sie es erreichen werde.

Eine Weile standen sie noch schweigend nebeneinander und sahen, wie die Bemühungen der Feuerwehr schließlich zu fruchten begannen: Man sah jetzt nur noch Rauch, keine Flammen mehr. Jens musste sich sehr beherrschen, die Frau neben sich nicht zu berühren. Der Gedanke, dass er jetzt gleich losgehen werde, um sich bei der Polizei zu melden, war ihm leicht geworden dank ihrer Hilfe, dank ihrer Arglosigkeit und ihres Vertrauens, woher auch immer sie das nahm, ganz fasste Jens noch nicht, was hier vor sich ging.

Jetzt aber war sie es, die seinen Arm anstupste: »Hier, nimm das! Da hinten liegt deine halbe Bibliothek auf der Straße, ich hab ein wenig drin herumgewühlt, viel war ja nicht mehr zu erkennen, aber das hier, ich dachte, das bring ich dir mit, das passt so schön! Ist deine Handschrift, oder?«

Jens schluckte seine Fragen herunter: Sie hatte also angeblich hundert Meter weiter in den verkohlten Papieren gestöbert, die unaufhörlich aus seiner Wohnung auf die Straße heruntersegelten, und wollte da schon gewusst haben, dass sie ihm begegnen werde? … Er merkte, wie er seine eigene Frage als störend empfand und nahm das angesengte Blatt neugierig entgegen, das Anja ihm reichte.

»Ja, das ist meine Handschrift«, ›… nix aus der Asche‹, konnte er noch lesen, darunter nur ein paar kryptische Satzteile. „… ‹Phönix aus der Asche‹, ja, das ist von mir, tatsächlich, das ist schon gute zehn Jahre her, ich wollte einer erkrankten Freundin ein Buch schenken, aber sie war leider vor meinem Besuch gestorben. Als ich von ihrer Beerdigung kam, war ich sehr erschüttert und schrieb, als ich wieder zuhause war, spontan ein kleines Gedicht in das Buch. Es hatte all die Jahre einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek. Aber aufgeschlagen habe ich es seitdem nicht mehr. Ja, das passt nun wirklich!«

Er befreite das Blatt so gut es ging vom Ruß, faltete es zusammen und steckte es in seine Jackentasche.

»Gut, dann habe ich das jetzt für dich aufgeschlagen, mach’s gut, Jens, mein Lieber! Und zweifle nicht daran, dass du nicht das bist, was da oben verbrennt!« Sie durfte so reden, Jens freute sich so sehr über diese Worte, dass er sie gehen ließ, ohne nach ihrem vollen Namen zu fragen; nicht, weil er sie nicht wiedersehen wollte, sondern ganz im Gegenteil, weil die Möglichkeit, dass er sie nicht wiedersehen könnte, in diesem Moment für ihn nicht existierte.

»Ja, du auch, Anja, und … danke!«

»Ich danke dir, mein Lieber!«, antwortete sie, und erst jetzt, als sie ging, und er sie gehen ließ, wurde Jens allmählich bewusst, was er die ganze Zeit schon gesehen, auch richtig eingeordnet hatte, was er aber bis jetzt doch nicht vollständig in sein Bewusstsein hatte vordringen lassen: Die seltsame Frisur, wie er das vorhin noch genannt hatte, war zweifellos eine Perücke, und Anjas Erschöpftheit … Tränen stiegen ihm in die Augen, er wollte ihr schon nachrufen, aber er meinte ihr »Nein« zu sehen … und in ihm ein alles überstrahlendes »Ja«: Es war alles gut so, alles war gut.

Als Jens abends in seinem Hotelzimmer saß und die Ereignisse noch einmal vor sich ablaufen ließ, fiel ihm die Buchseite wieder ein, die Anja für ihn gefunden hatte. Er griff nach seiner Jacke, holte das angekohlte Papier aus der Tasche und sah der Rußflocke nach, die ganz ruhig auf den Teppichboden segelte, wo sie in einer Zartheit lag, als wolle sie den Teppich nur berühren, keinesfalls aber beschmutzen. Sorgsam faltete er das Blatt auf, dachte einen glücklichen Moment lang an Anja, lehnte sich in seinem Sessel zurück und schlief ein.

*

Phönix aus der Asche

Hört‘ ich ein leises Rauschen,
Als teilte sanfter Flügelschlag die Luft,
Auf dass ich wahrhaft sehen möge,
Was nieder mir zu sinken schien in dunkle Gruft.

Und löste meine Augen
Von diesem Freude-Trauer-Wechselland,
Dein Haus, darauf gebaut gleich meinem,
Von Hoffnung sorgsam wohl umzäunt, war’s doch verbrannt.

Gab all mein banges Halten,
Mein Sehnen, Wünschen, Wollen gab ich hin,
Und sah, sah durch den Fächer Deiner Schwingen,
Dass Du mir immer nah, und ich Dir ewig bin.

*

 

3 Gedanken zu “Phönix aus der Asche

  1. Geliebter Bruder Michael,
    ergreifend ist die Erzählung, endend mit einem Poem, das sprachlos stimmt. Diese Sehnsucht, nach dem Erkennen – wer und was wir wirklich sind, ist kaum noch auszuhalten. Gott sei Dank, dass Er die Stille und den Frieden gibt und auch das Atmen in uns übernimmt, wenn man in diesen Schwebezustand gleitet, in dem die scheinbare Wirklichkeit ungewohnt bedeutungslos wird. Danke fürs Teilen und wundersamen Erfolg mit dem Buch, dies in vielfacher Hinsicht, wünsche ich dir mit ganzem Herzen.
    Sei gesegnet, Bruder
    C.

    1. Danke von Herzen, liebe Luxus. für dein geschwisterliches Mitgehen. In dem Bedürfnis, zu erfahren, wer wir wahrhaft sind, erkennen wir uns, eben WEIL es ein gemeinsames Bedürfnis ist. „Gott sei Dank“, ja, „dass Er die Stille und den Frieden gibt“ und … wow, aber ja, so fühlt es sich an: „auch das Athmen in uns übernimmt“. Danke für deine mitathmenden Worte! 🌷🌈❤️

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s