Adelheid

Sie heißt Adelheid, wie man eben so heißt, wenn man zweiundneunzig ist. Adelheid weiß, wo der Hammer hängt, das wusste sie schon damals, als sie sich in Schlesien in einer reinen Männerwelt durchzusetzen musste. Auf der Baustelle, als Kranführerin, na klar! Da hatte sie in ihrem von der Reichweite des Krans markierten Umkreis das Sagen, und die Männer hörten auf sie – sie taten auch gut daran, immerhin war sie oft genug sozusagen die Herrin des Damoklesschwerts, das sie in Form von tonnenschweren Lasten über den Köpfen der Bauarbeiter schweben ließ. „Es ist nie was passiert“, sagt sie, und ist stolz. Man muss gut zu denen sein, die man beherrscht.

Ihren Wumm hat sie mitgenommen ins Alter, und dann auch ins Seniorenheim, als „man“ ihr geraten hat, ihre geliebte Wohnung zu verlassen und in eine behütete Umgebung zu ziehen. Sie hat damals „ja“ gesagt, es ist ihr immer leicht gefallen, sich zu verändern, und man hat ihr die neue Wohnlösung schließlich ja sehr schmackhaft gemacht.

Dass es dabei vor allem um den Geschmack derer gegangen ist, die sie haben „gut unterbringen“ wollen, hat sie allerdings dann doch sehr schnell bemerkt. Nach einem Jahr ihres aufrichtigen Versuchs, sich anzupassen, ist die Erkenntnis unzweideutig: Behütet sein soll hier für sie bedeuten, ihre Autonomie aufzugeben und in zufriedener Dankbarkeit vor sich hinzusterben.

Und da ist Adelheid wieder ausgezogen, ohne zu fackeln. Just in dem Moment, als das Heim mit Druck eine rechtliche Betreuung für sie „anregt“, fangen die Dinge an, sich zu drehen: Während sie heimlich, aber wild entschlossen Umzugspläne schmiedet, taucht wie eine ungerufene Hilfestellung der himmlischen Regie eine sehr nette Frau aus der Gemeinde auf, die die wahren Bedürfnisse von Adelheid sieht und den Richter, der gerade dabei ist, die Lage zu beurteilen, mit Charme und ehrlicher Begeisterung davon überzeugen kann, dass ihre taufrische Allianz mit Adelheid die beste Betreuungslösung ist. Die beiden abenteuerlich verschworenen Sternenkinder finden innerhalb einer Woche eine passende und bezahlbare Wohnung und auch der Umzugswagen wird gleich bestellt. Davon haben sie dem Richter natürlich nichts gesagt, was beweist, dass ihnen neben einem sich gegenseitig potenzierenden Elan, gepaart mit einem Gran Wahnsinn, auch eine ordentliche Portion Weisheit zur Verfügung steht. Morgen geht’s los, mit fliegenden Fahnen, ab in die Selbstständigkeit! Das Heim ist sogar auch schon informiert worden, und der sich einigermaßen heftig sträubende Verwandte, der sich noch ein bisschen kümmert, ebenfalls. Jetzt, wo alles anscheinend problemlos läuft, strecken sie die Waffen: Es wird gut sein! Viel Glück! Hau rein, Adelheid, du bist der Hammer!

 

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