Hinterm Horizont

Wenn ich am Meer stehe, verstehe ich die Seefahrer früherer Zeiten, die es immer wieder hinausgetrieben hat in diese Weite. In die Weite und … über diese feine, sanft gewölbte Linie hinaus, die wir Horizont nennen und die auch heute noch die Frage in mir weckt: Was ist da, was ist dahinter?

Klar: Heute ist es nicht ganz so spannend wie früher, heute bilden wir uns zumindest ein, genau zu wissen, was „dahinter“ ist: eben noch mehr Meer und eine neue Horizontlinie, dann auch mal ein Kontinent und wieder Meer. Und da die Erde ja inzwischen rund sein darf, trifft sich das Ganze wieder treffsicher bei mir, dem Betrachter.

Das egozentrische Bewusstsein hat den Vorteil, dass es die Kräfte freisetzt für pragmatische Dinge, zum Beispiel die Frage, ob ich dem Mitbewerber da vorne noch den Strandkorb abjagen kann. Hat aber auch den Nachteil, dass ich vergesse, zu fragen, was „dahinter“ ist, hinter dieser Welt mit ihren bunten Strandkörben, in denen jeder so schön privat sein kann. Die Antworten sind uns vielleicht einfach zu langweilig geworden.

Ich find sie immer noch spannend, diese Linie – unseren Horizont. Ich spür sie auch in mir, in meinem Denken, das ja auch in alles Grenzen setzt, Linien zieht, und ebenso wie diese sichtbare Linie meine Welt, das Meer meiner Möglichkeiten, vom Himmel der Unendlichkeit und Grenzenlosigkeit trennt.

Da kann man auch einfach mal hinschauen, staunend, die Sonne des Bewusstseins auf- oder untergehen sehend, träumend vom „Dahinter“ und sehnsüchtig den Schiffen nachblickend, die hinter dem Horizont des Begreiflichen verschwinden.

Manchmal reise ich tatsächlich mit einem dieser Schiffe mit nach hinter den Horizont. Wenn ich es wieder mal über mich bringe, alle Furcht zu vergessen und dieses „Dahinter“ in mir frei, leer zu lassen von den eigenen Vorstellungen – und dabei weiter staunend und erwatungsvoll bleiben kann. Und immer treff ich dich da, in dieser unendlichen Nähe, die „hier“, in meiner selbstbegrenzten Welt, einfach nicht zu erfahren ist.

Ich schätze mal, das ist auch der Grund, warum ich wie die Seefahrer immer wieder „hinaus“will, hinter den Horizont, zu dir.

***

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s