Hinter Glas

Die Atmosphäre in Museen kommt mir oft vor wie eine seltsame Mischung aus einer stillen Entschlossenheit, etwas Interessantes zu finden und sein Wissen anzureichern – und einer ausgeprägten Ermattung, die sich gelegentlich bis fast zur Paralyse ausweitet, wenn sich die Besucher nur noch mit schleppendem Gang in den nächsten und wieder nächsten Raum retten und aus ihrem Blick das Fünkchen Hoffnung verloren zu gehen scheint, dass das nächste Exponat inspirierend auf sie wirken könnte.

Ich schließe mich da selbst nicht aus: Mein Trick ist, radikal durch alles durch, bis ich wirklich an etwas hängenbleibe, was mich interessiert. Klappt aber auch nicht immer.

Überrascht war ich allerdings schon, als ich dieselbe halb-gelähmte Stimmung auch in dem sehr abwechslungsreich gestalteten Ozeaneum in Stralsund vorfand. Nur die Kinder haben hier scheinbar ihren ungebremsten Spaß, wenn sie versuchen, mir den Fischen in den riesigen Aquarien zu kommunizieren und sich so herrlich freuen, wenn es zu klappen scheint.

Die Erwachsenen dahinter sind eher stumm. Wie die Fische.

Und da stell ich mir die Frage, ob es sein kann, dass wir uns hier wie in jedem Museum – so interessant auch alles sein mag, was da zu sehen ist – vor allem das zeigen, was uns auch außerhalb der Museen niederdrückt: die Tatsache nämlich, dass wir miteinander wie hinter Glas kommunizieren, in einem tiefen Schweigen über diese Einschränkung und todtraurig darüber.

Kann das sein? Sagt dir das was?

Wenn wir mal annehmen, dass wir zuinnerst alle in demselben Wasser schwimmen, in demselben Geist denken, in derselben Liebe leben, dann ist das für mich ein sehr sprechendes Bild: Wir kommunizieren irgendwie berührungslos, als sei diese wesentliche Verbindung nicht existent – wie hinter Glas.

Zu drastisch? Vielleicht. Aber manchmal helfen drastische Bilder, um sich überhaupt was klar zu machen. Und vor allem können sie helfen, die Alternative ins Auge zu fassen: Wie wäre es denn, das „Glas“ mal wegzulassen? Geht das?

Im Fall des Aquariums sicher nicht, oder nur mit erheblichen Unannehmlichkeiten sowohl für die Besucher als auch für die Fische.

Aber zwischen uns?

Wenn wir einfach mal – ich mein jetzt dich und mich, ganz konkret – die Glaswand, den ganzen gefühlten Abstand zwischen uns weglassen würden. Alle Gedanken darüber, dass wir uns doch gar nicht kennen, dass wir räumlich weit auseinander sind, dass du zeitlich das, was ich jetzt schreibe, erst zu einem späteren Zeitpunkt liest, dass du sowieso keinen Bock hast, dich auf sowas einzulassen etc. – einfach mal vorbeiziehen lassen. Und dann das Wasser spüren, in dem wir beide jetzt schwimmen. Den Geist, in dem wir jetzt gleichzeitig denken. Die Liebe, in der wir gemeinsam in diesem Jetzt leben.

Nur mal so als Idee. Muss ja nicht. Aber ich wär dabei.

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