Autor: Michael

Rezension: „Lieben heißt die Angst verlieren“ von Gerald G. Jampolsky

Jerry Jampolsky hat mit diesem 1979 erstmals herausgegebenen kleinen Büchlein ein großes Buch geschrieben, und wer ihn in neuerer Zeit gemeinsam mit seiner Frau Diane Cirincione  bei einem ihrer Vorträge erlebt, sieht die Größe, die ich meine, zu voller Blüte gereift. Hier wird nicht über Liebe gesprochen, sondern Liebe praktiziert. „Love in action“ war der Lieblingsausdruck von Mutter Theresa, der Jerry in einer wichtigen Zeit seines Lebens begegnen und ihre Arbeit begleiten durfte und die ihn sehr geprägt hat, ebenso wie das spirituelle Werk „Ein Kurs in Wundern“ (Greuthof-Verlag), mit deren Verfassern (Helen Shucman und William Thetford) er befreundet war. „Lieben heißt die Angst verlieren“ ist Jerrys erster Versuch, dieses 1400 Seiten starke Werk auf seine Essenz herunterzubrechen und dessen Prinzipien, so wie er sie in sich wiedergefunden hat, in absoluter Kurzform darzustellen. Dabei war sein Anspruch, ohne die christliche Terminologie auszukommen, von welcher der Kurs in Wundern ausgeht, um sie von dort aus für uns in die allgemeine Sprache der Seele zu übersetzen. Jerry bedient sich einer einfachen Herzenssprache mit der Vision, für jedermann, unabhängig von dessen kulturellem Hintergrund und seiner Bereitschaft, ein komplexes spirituelles Denkgebäude zu durchdringen, den Einstieg in eine Korrektur seines Weltbildes zu finden, die vielleicht in dieser Aussage umschrieben werden kann: „Du kannst jederzeit wählen, ob du in Angst oder in Liebe auf dich und die Welt schauen willst“.

Diese Rezension ist für mich, der ich dem „Kurs in Wundern“ seit über zwanzig Jahren folge, eine Herausforderung in Demut: Ich lese diese „Kurzbeschreibung“ mit ihrer Darstellung des Zieles einer Neuorientierung, den von Jerry herausgearbeiteten Leitsätzen und seinen Auslegungen von 12 der 365 Lektionen des Kurs in Wundern, die hier nicht exemplarisch, sondern wie ein vollständiger Kurs präsentiert werden – und ich würde diese „Verkürzung“ ganz sicher ablehnen, wenn ich nur auf die Worte schauen würde, die ich lese. Ich weiß aus eigener Erfahrung, in wie vielen Facetten unser Ego seine schier uferlosen Möglichkeiten ausspielt, die Schlichtheit der Botschaft von einer „alternativen Sicht“ zu unterlaufen und habe die Hilfestellungen des „Kurs in Wundern“ in diesen „Verzweigungen der Täuschung“ zu schätzen gelernt.

Wenn da nicht … Jerry Jampolsky selbst zu spüren wäre zwischen diesen Worten. Als er 1975 mit dem Kurs in Wundern in Kontakt kam, war er bereits seit zwanzig Jahren tätiger Psychiater. Schon Wochen nach seinem Erstkontakt mit dem Wunderkurs gab er Kursseminare und 1979 schrieb er „Lieben heißt die Angst verlieren“. In vielen Beispielen aus seinem eigenen Leben, das stets der Hilfe für andere gewidmet war und immer noch ist, zeigt er in beeindruckender Weise, dass in ihm dieser „Kurs“ längst vorbereitet gewesen war, bevor er mit dem Buch in Kontakt kam. Er brauchte nur noch diesen „Kuss“, um die „Heilung des eigenen Geistes“ in der liebenden Hinwendung zu anderen sehen zu können.

Ich stehe also aus meiner Sicht vor diesem erstaunlichen Phänomen: ein Buch zu lesen, das mir als Darstellung des „Kurs in Wundern“ nicht ausreichen würde, wäre da nicht der Autor, der mit seinem Leben jetzt und auch damals schon für mich den Wunderkurs aufs Schönste vorlebt. Insbesondere sein liebevoller Einsatz für schwerst erkrankte Kinder spricht da Bände, die über einen Umfang von 1400 Seiten weit hinausgehen. Love in action.

Fünf Sterne, ohne jedes Zögern und aus großer Hochachtung für Jerry Jampolsky und seine Frau Diane Cirincione.

Liebe findet hinter den Worten statt.

*

Pathophysiologie der Verliebtheit

Schon manches Mal ist von nachdenklichen Leuten, die unbedingt immer alles begreifen wollen, Verliebtheit phänomenologisch untersucht und nach gewissenhafter Prüfung als Form des Wahnsinns kategorisiert worden. Das nötigt üblicherweise dem praxisorientierten und lebensnahen Zeitgenossen lediglich ein augenbrauenhochziehendes Lächeln mitleidigen Bedauerns ab, in welchem wiederum der auf der Lauer liegende Psychologe und selbsternannte Seelenkundige gewohnt ist, ein leises Zögern zu entdecken, als habe sich da eine heimliche Zustimmung eingeschlichen zu der Gleichung: Verliebtheit = Wahnsinn.

Aber wie kommen sie darauf, diese wahrscheinlich aus Langeweile und mangelnder Gelegenheit, das Objekt ihrer Betrachtung aufs Leben anzuwenden, ins Theoretische verrutschte Anzweifler dieses reinen Spiegels, den Er oder Sie Ihr oder Ihm oder Er Ihm, Sie Ihr oder wie auch immer Wer Wem da gerade vorhält, auf dass Er/Sie/Es nur noch Liebe erblicken möge?

Schauen wir doch mal dem ansonsten ganz sympathischen Psychologenspanner über die Schulter, der da im Gebüsch fernglasbewaffnet gerade eine Sie ins Fadenkreuz seines wissenschaftlichen Interesses nimmt, wie Sie Seiner angesichtig wird, Der gerade um die Ecke biegt und auf Sie zukommt. Zum Glück macht unser Psychodramatiker ausgiebige Notizen in Schönschrift, so dass wir mühelos mitlesen können und erfahren, dass er sich mittels seiner hochentwickelten Empathie sozusagen in die Lage versetzt, aus Ihren Augen auf Ihn zu schauen und die Spezifika des verliebten Blicks auf diese Weise auszumachen hofft.

Sie sieht als erstes, dass Er nur und nur an Sie denkt und nichts anderes seinen Geist bewegt als nur Sie und Sie! Das sieht Sie und ist hocherfreut, denn ähnlich geht es Ihr auch, welcher Zusammenklang schon in der ersten kleinen Beobachtung! Und wie sich das in allem ausdrückt! Sein Gang, federnd, leicht, voller Anmut und Entschlossenheit, hat nie wirklich etwas anderes gewollt als ein Hilfsmittel zu sein, Ihr näher zu kommen, Seine Augen, die schon so viel erblickt haben, sehen jetzt, und erst jetzt endlich ihr Ziel, nach dem sie bisher nur gesucht hatten, seine Ohren vibrieren vom Klang ihrer Stimme, als sie seinen Namen ruft und die Luft, die Er einatmet, entstammt zu hundert Prozent ihren Lungen, wo Sie sie mit dem Licht und der Liebe angereichert hat, das und die Ihn jetzt vollkommen ausfüllt.

Alles an Ihm funkelt in diesem Licht. Als ein kleiner Windstoß eine Haarsträhne über Seine Stirn von links nach rechts fegt, sieht Sie die urtiefe Bedeutsamkeit dieses Vorgangs: Das zärtliche Winken seiner Haarpracht kann nur Sie meinen, es meint nur Sie! Eine Fliege umschwirrt Ihn und Sie kann milde lächelnd die Anziehungskraft verstehen, die Er auf das Insekt ausübt, ein Auto neben ihm fährt durch eine Pfütze und sie weiß, dass die Schlammspritzer an Seinem Mantel zu Gold werden, nur um Ihr zum Geschenk gemacht werden zu können, das Rot am Fußgängerüberweg der Straße, deren Kopfsteinpflaster ein Muster bildet, das die letzten Meter zu Ihr hilfreich vorzeichnet, dieses Rot ist das tiefste, eindeutigste Grün, das die Welt je gesehen hat und das Ihn geradezu auffordert, seinen Schritt nicht zu verlangsamen, sondern in eine Art Flugmodus überzuwechseln, in dem er diese letzte Distanz, die schon keine mehr ist, überwindet.

Und dann stehen sie voreinander und fassen sich an den Händen.

Unser akademischer Spanner im Gebüsch lässt vor Schreck den Griffel fallen und kehrt ruckartig in seine eigene Person zurück. Was er von dort aus sieht, ist zu seinem verwunderten Erschrecken, dass die Beiden sich tatsächlich gegenseitig ausfüllen mit … ihrem LICHT, und sein Herz beginnt zu klopfen und er schämt sich ein wenig. Die Sache verläuft anders, als er es sich ausgerechnet hat, Herzklopfen war nicht vorgesehen. Als aufrechter Wissenschaftler aber ist er prinzipiell bereit, umzudenken, das Ergebnis einer Untersuchung muss mit korrekten Mitteln erzielt werden, das ist ihm heilig, und so versucht er, seine cardiale Reaktion mitzubedenken. Er sieht, wie die Beiden engumschlungen von dannen gehen, registriert, wie ihn der Regen inzwischen vollkommen durchnässt hat, bemerkt die Autos, die weiter durch Pfützen fahren und die Passanten, die ihnen hinterherfluchen, meint sogar, besagte Fliege wiederzuerkennen, wie sie immer wieder gegen die Scheibe eines Lebensmittelladens anfliegt, ohne zu begreifen, dass es da für sie keinen Weg gibt und hätte sich fast – trotz aller Bemühungen, nüchtern die Fakten zusammenzutragen – dem Reflex gebeugt, seine durchfeuchtete Kladde in den übel riechenden Abfallkorb zu werfen, neben dem er, wie er erst jetzt bemerkt, die ganze Zeit über gekauert hat. Man ist ja doch auch nur ein Mensch.

Dann aber besinnt er sich noch einmal, gibt seinen Widerstand gegen den immer stärker werdenden Regen auf und setzt sich, ohnehin schon komplett durchwässert, die schmerzenden Knie aus ihrer Zwangshaltung erlösend auf das klatschnasse Rasenstück, gedankenlos und also planlos in der Frage, wie er in dem dadurch hervorgerufenen Zustand seiner heute Morgen noch ordentlich wirkenden Bekleidung nach Hause kommen solle, ohne als Erreger öffentlichen Ärgernisses verklagt und behandelt zu werden … und folgt mit seinen wieder neu aufkeimenden Gedanken diesem winzigen hellen Punkt, der immer noch da ist, auch wenn das, was sein Herzklopfen ausgelöst hat, längst die Szene verlassen zu haben scheint.
Wir schleichen uns jetzt – höchste Zeit! –  im Rückwärtsgang von unserem tapferen Beobachter weg, um nicht selbst in Verdacht zu geraten, hier aus voyeuristischen Beweggründen zu agieren und gehen auf sichere Distanz.

Von dort und also aus der Ferne sehen wir unseren derart Beeindruckten immer noch neben dem Abfallkübel sitzen und der Sache nachsinnen und machen uns zu allem Überfluss und um dem Eindruck entgegenzuwirken, wir seien nur mal so und ohne selbstständigen Impetus dabei, eigene Gedanken:
Integer, wie unser Beobachter trotz des etwas kläglich anmutenden Ambientes auf uns wirkt, können wir uns durchaus vorstellen, nein: sind uns sogar sicher, dass er als Ergebnis seiner Untersuchungen bei der Gleichsetzung von Verliebtheit und Wahnsinn bleiben wird!

Wir sehen mit ihm beim besten Willen keine Möglichkeit, eine gnädigere Bezeichnung für einen Vorgang zu finden, bei dem so etwas wie das LIEBESLICHT, dessen Wesen und Natur seine Uneingrenzbarkeit, Undinglichkeit und ewige Gegenwart ist, in ein Gefäß abzufüllen mit dem Ziel, es mit einem Partner der eigenen Wahl, den sich unsere Wunschträume kreiert haben und auf den wir so lange warten müssen, bis er tatsächlich um die Ecke kommt und auch nur in dem Fall, wenn das Ganze zufälligerweise gegenseitig erträumt ist, genüsslich auszutrinken, während die arme Fliege gegen die Scheibe knallt.

Doch ebenso wie den durchweichten Seelenforscher, der jetzt langsam aufsteht, behutsam seine Kladde einsteckt und davongeht, hat es auch uns warm erwischt, das muss eingestanden werden. Dieser helle Punkt, der ist auch für uns geblieben nach jener angenehmen Theateraufführung des Glücks. Und wenn die bedürfnisorientierte Begrenzung der LIEBE und der Raub IHRER FREIHEIT durch die eigenen Wunschträume noch so sehr DEREN WESEN leugnet, so scheint es uns nach allem, was wir hier erlebt haben, doch eindeutig so, dass die Traumformen, die dabei entstehen, immer noch ambitionierte Erzählungen von IHR sind, deren Motive und Bilder sich aus IHREN WAHREN IMPULSEN speisen, auch wenn sie sich … quasi zu wörtlich nehmen.

Und solch ein Impuls ist geblieben, jetzt, wo alle weg sind und nur noch wir selbst im Regen stehen, und umgibt – wieder in Freiheit athmend – tatsächlich und auch jetzt noch die Fliege, nicht mehr in Beziehung zu der Gedankenwelt des sich derzeit selbst genügenden Paares, sondern umgibt sie mit LIEBE für das, was sie selbst IST, und auch der Dreckspritzer wird tatsächlich zu Gold – wenn man das so sehen will, und wann will man das schon, könnte man hinzufügen – nicht im Anflug auf den Mantel des Verliebten, sondern in seinem Flug durch den selben ATHEM, DER ihm wie Allem SEINE EIGENTLICHE Bedeutung gibt.

Darüber war unser Psychologist wohl ein wenig erschrocken: Dass er nämlich so gesehen kein eindeutiges Urteil gegen die Verliebtheit fällen konnte. Ihr „Wahnsinn“ enthielt immer noch das WAHRE … und hatte ES sogar wieder in seine Erinnerung zurückgebracht, was ihn die Welt für einen Augenblick ganz anders hatte sehen lassen. Und so ist er wohl in einem ähnlich bedenklichen Zustand nach Hause gegangen wir wir das jetzt auch tun werden, nachdem wir uns in Dankbarkeit vor so viel wunderbarem Irrsinn verneigt haben werden.

P.S.: Der Schreiber dieser merkwürdigen Zeilen bekennt sich seit vielen Jahren gegenüber jedem, der es hören will und natürlich auch allen anderen gegenüber dazu, „dauerverliebt“ zu sein in seine eigene (!) Frau und muss sich jetzt doch fragen, ob er dafür nach diesen Überlegungen schon einen Arzt braucht oder damit noch selbst zurechtkommt. Um wohlmeinende Ratschläge wird gebeten!

 

*

Hey!

Wie eine ruhige Anwesenheit.
Als sei nichts passiert. Alles gut.
Lass‘ die Gedanken gehen  … zurückkehren
In den Frieden, in dem Du auf mich wartest.
War nur
Ganz kurz
In Gedanken.
Verzeih‘!

*

Beim Namen genannt

Am Anfang war ein Klang,
Wie eine Antwort ohne Frage,
Der durch dein Herz und meins und alle Dinge drang,
Und glücklich waren diese Tage …

Dann nur noch Schall und Rauch,
Ein jeder folgte seinem eig’nen Willen,
„Des Glückes Schmied“, hieß es im Sprachgebrauch,
Zur Frage wurde alles, die Antwort starb im Stillen.

Doch immer wenn Dein Aug‘ in meinem ruht,
Berührt der totgeglaubte Klang erneut den Saum der Namen,
Der Ihre klingt in ihnen an und ewig klingt er gut:
Als unsre Liebe, unsre Gegenwart, und aller Dinge Amen.

*