Autor: Michael

Stabilität

Ob der Boden mich trägt, das Haus nicht einstürzt, die Sonne auch heute wieder aufgeht, meine Frau mich nicht verlässt und das Finanzamt sich nächstes Jahr wieder an mich erinnert – das ist eine Frage der Stabilität von Seinszusänden, denen ich Verlässlichkeit, Dauerhaftigkeit, eine Neigung zur Wiederholung oder eben Stabilität unterstelle.

Manchmal erweist sich auch etwas als stabil, was ich als äußerst instabil eingeschätzt hätte, wie zum Beispiel diese kunstvoll äqulilibristisch zusammengefügte Säule aus Steinen auf dem Foto. Unglaublich, welche Windböen sie übersteht! Von demjenigen, der die Steine aufeinandergelegt hat, ist weit und breit nichts zu sehen, sie steht also nicht erst seit fünf Minuten hier.

Da bekomm ich noch mal eine ganz andere Ahnung von „Stabilität“: Es ist letztlich ein Mysterium, das die Dinge zusammenhält, etwas lebendig-Feines, was grade wie die „Wirbelsäule“ der „toten“ Steine so gut zu sehen ist. Findest du auch?

Wenn ich jetzt von der Steinsäule weggehe und ganz allgemein meine Wahrnehmung aller Dinge betrachte, die mir so in den Sinn kommen, dann gibt es da auch dies Gefühl einer hauchzarten Mitte in allem, das ich sehe oder sonst mit Sinn und Verstand erfasse. Tatsächlich geht das Gefühl von Stabilität von dieser gefühlten Mitte aus. Dann ist dieses Stabilität also gar nichts, was den Dingen eigen ist, sondern kommt aus meiner Wahrnehmung, meinem eigenen Denken.

„Vertrauen“ kommt mir in den Sinn, Vertrauen ist das, was die eigentliche Stabilität hervorbringt. Kann man das so sagen?
Dann müsste ich auch Stabilität empfinden können, wenn das Haus doch zusammenfällt, wenn die Sonne nicht aufgeht und wenn das Finanzamt mich vergisst. Die Möglichkeit, dass meine Frau mich verlassen könnte, schließe ich hier mal ausdrücklich aus 🙂

Aber ernsthaft: Kann dann die Situation noch für mich „stabil“ bleiben, kann ich weiter vertrauen? Na klar kann ich!
Das ist dann eben die spannende Frage: Worauf genau vertraue ich in Situationen, die eigentlich Vertrauen nicht mehr zu rechtfertigen scheinen?

Was ist der innere Zusammenhalt dieser Steinsäule? Wirklich nur Physik? Oder athmet hier noch das Vertrauen dessen, der diese Steine zusammengelgt hat? Ist Vertrauen eine ganz eigene Kraft? Der eigentliche „Seinszustand“ aller Dinge und das, was uns im Innersten miteinander verbindet? Etwas, das man vielleicht nur bezweifeln, aber nie unwahr machen kann? Ich frag mich das grade. Was meinst du?

***

Hinterm Horizont

Wenn ich am Meer stehe, verstehe ich die Seefahrer früherer Zeiten, die es immer wieder hinausgetrieben hat in diese Weite. In die Weite und … über diese feine, sanft gewölbte Linie hinaus, die wir Horizont nennen und die auch heute noch die Frage in mir weckt: Was ist da, was ist dahinter?

Klar: Heute ist es nicht ganz so spannend wie früher, heute bilden wir uns zumindest ein, genau zu wissen, was „dahinter“ ist: eben noch mehr Meer und eine neue Horizontlinie, dann auch mal ein Kontinent und wieder Meer. Und da die Erde ja inzwischen rund sein darf, trifft sich das Ganze wieder treffsicher bei mir, dem Betrachter.

Das egozentrische Bewusstsein hat den Vorteil, dass es die Kräfte freisetzt für pragmatische Dinge, zum Beispiel die Frage, ob ich dem Mitbewerber da vorne noch den Strandkorb abjagen kann. Hat aber auch den Nachteil, dass ich vergesse, zu fragen, was „dahinter“ ist, hinter dieser Welt mit ihren bunten Strandkörben, in denen jeder so schön privat sein kann. Die Antworten sind uns vielleicht einfach zu langweilig geworden.

Ich find sie immer noch spannend, diese Linie – unseren Horizont. Ich spür sie auch in mir, in meinem Denken, das ja auch in alles Grenzen setzt, Linien zieht, und ebenso wie diese sichtbare Linie meine Welt, das Meer meiner Möglichkeiten, vom Himmel der Unendlichkeit und Grenzenlosigkeit trennt.

Da kann man auch einfach mal hinschauen, staunend, die Sonne des Bewusstseins auf- oder untergehen sehend, träumend vom „Dahinter“ und sehnsüchtig den Schiffen nachblickend, die hinter dem Horizont des Begreiflichen verschwinden.

Manchmal reise ich tatsächlich mit einem dieser Schiffe mit nach hinter den Horizont. Wenn ich es wieder mal über mich bringe, alle Furcht zu vergessen und dieses „Dahinter“ in mir frei, leer zu lassen von den eigenen Vorstellungen – und dabei weiter staunend und erwatungsvoll bleiben kann. Und immer treff ich dich da, in dieser unendlichen Nähe, die „hier“, in meiner selbstbegrenzten Welt, einfach nicht zu erfahren ist.

Ich schätze mal, das ist auch der Grund, warum ich wie die Seefahrer immer wieder „hinaus“will, hinter den Horizont, zu dir.

***

Was für ein Segen!

„Was für ein Segen“, sagt man manchmal so dahin, wenn’s gut läuft, wenn etwas, das dringend gebraucht wird, vielleicht überraschenderweise plötzlich im Überfluss da ist, wenn etwas empfangen wird, was man als wohltuend, bereichernd oder heilsam empfindet, und vor allem, wenn sich dabei das Gefühl des Unverdienten, des Geschenks, der Gabe ohne Gegenforderung einstellt.

Was für ein Segen ist schon das Wort selbst: Man kann es förmlich einathmen, weißt du, was ich meine?

Unangenehm ist mir eher die Vorstellung von „segnenden“ Priestern oder sonstigen Segnungsautorisierten. So ein in die Luft geschlagenses Kreuz kann definitiv was sehr Erstickendes, Bedrohliches an sich haben. In ganz wenigen Einzelfällen hab ich allerdings auch darin einen „echten Segen“ erleben können.

Wann wird ein Segen echt? Ich würde sagen, wenn er mein Herz öffnet, wenn er mich erreicht.

Ein Lächeln kann das manchmal, ein gutes Wort, eine Geste, der Anblick eines Baums, durch den dieses Mysterium zu mir kommt, das man versucht, mit „Segen“ in ein Wort zu fassen.

Wie geagt: Im Einzelfall kann auch ein Kreuzzeichen ein Segen sein, oder ein herabfallender Regentropfen, der Blick des Kranführers, kurz bevor er die Abrissbirne in die Hauswand krachen lässt, eine Krankheit, ein Verlust, ein Schmerz.

Seltsam, diese letzten Aussagen oder? Aber wann ist ein Segen echt?
Doch dann, wenn ich ihn nicht ausschließe. Kann nicht alles ein Segen sein, sogar die fällige Steuererklärung?

Wenn ich ihn nicht ausschließe, ist er da. Kann man das so sagen? Oder vielleicht sogar: Wenn ich den Segen gebe, indem ich ihn nicht ausschließe, ist er da, weil ich ihn in den Raum der Wirklichkeit gegeben habe.

Was gebe ich denn anderes als mein Vertrauen, dass alles, wie auch immer es aussieht, letztlich von Liebe geboren, getragen, genährt und erhalten ist.

Darin sich die Hand geben, das ist das Größte, was unter Menschen existiert. Himmel die Berge! Glaub ich das wirklich?

❤️✌️🤓🌷

Dieser Moment

Als ich gehe, dreh ich mich nochmal um und winke meiner Frau. die am Fenster steht und zurückwinkt. Und dann fliegen noch ein paar Luftküsschen zwischen uns hin und her.

Im Weitergehen kommen mir eine ältere Dame mit ihrer vielleicht fünfzigjährigen Tochter entgegen. Nicht nur, dass sie sich ähnlich sehen, sie wirken auch wie zwei zutiefst Vertraute auf mich.

Jetzt schauen sie sich an, und aus dem beidseitigen Grinsen will so gern ein Lachen werden: Sie haben mich gesehen, wie ich mich Küsschen werfend verabschiedet habe.

Als sie nah genug sind, sage ich: „Freut euch einfach mit!“

Und dann ist das Lachen da, bei uns allen Dreien, dieses herrlich helle und befreite Lachen, dass der Seele so gut tut. Wenn mal wieder allen klar wird, wie gut wir einander kennen, auch wenn wir uns noch nie zuvor gesehen haben.
Wenn „es“ durch alles durchgeht, einfach so, wie das Normalste der Welt.

❤️✌️🤓🌷

Zeitfaltengeplapper

Ich befinde mich in einer Art Auszeit. Einer Zeitfalte, die ich sehr genieße, die aber auch ihre eigenen Fragen aufwirft.

Irgendwann hab ich wie viele andere mein Weltbild in Frage gestellt und begonnen, nach so etwas wie der „Wahrheit“ zu fragen. Dass auf dieser Reise so manches Schiff an den Klippen unbeantwortbarer Fragen zerschellt ist, gehört zu der Geschichte der Menschheit wie die banale Tatsache, dass wir die Frage, was denn nun „wahr“ sei, selbst beantworten müssen – weil es sonst niemand tut. Oder mit anderen Worten: weil es keine objektive Wahrheit gibt. Alles, was uns hier als „wahr“ gilt, ist das lediglich auf der Basis eines Konsenses mit anderen, sozusagen als Absprache, böse Zungen behaupten sogar, als Absprache einer kriminellen Vereinigung 😉

Ob die Sonne die Sonne ist, das ist tatsächlich auch nur eine sprachliche Einigung zwischen uns, niemand hat sie selbst dazu befragt und schon gar nicht jemanden, der darüber wirklich objektiv Auskunft geben könnte.

Aber hier sieht man schon, dass man beim Philospohieren, Wahrheitssuchen und Weltanschauen sehr schnell in Bereiche kommt, die für den Alltag höchst unpraktisch sind, und deswegen ist die ursprüngliche Philosophie (die „Liebe zur Wahrheit“ ) auch eine stark vernachlässigte Disziplin der modernen Gesellschaften geworden, vergleicht man sie mal beispielsweise mit den Angeboten der „sozialen Medien“, die ja systemimmanent und programmgemäß auf einem Denken in vorgefertigten Schablonen gründen.

Was macht man also als jemand, der aber dann doch weitersuchen will nach dieser zwar unmodernen, aber vielleicht doch existenten „Wahrheit“ ?

Man schließt sich anderen an, die ähnliche sonderbare Bedürfnisse haben. Und höchstwahrscheinlich spezialisiert man sich dann auf eine bestimmte Richtung, ein spezielles Lehrwerk, ein spirituelles Konzept, um nicht zu sagen: man fängt an, so etwas wie einer „Religion“ anzuhängen, mit Vorpredigern, Zusammenkünften, einer Gemeinde und vor allem einer innerhalb dieser Gemeinschaft akzeptierten Sprache.

Das ist nicht unbedingt schlecht, hilft anfangs jedenfalls – sofern man zufälligerweise in einem einigermaßen seriösen Kreis gelandet ist – die noch seerosenartig verschlungenen und natürlich unbeantworteten Fragen, die sich bei dieser obskuren Sportart zwangsläufig einstellen, zu formulieren und in halbwegs geordneter Form mit anderen auszutauschem. In der Hoffnung, dass sich dabei auch irgendwie die Antworten ergeben.

Das Problem für sprachempfindsame Menschen – zu denen ich mich hier mal zähle – ist, dass sie in sprachlich vorgegebenen Systemen zu wenig Nahrung finden und immerzu auch wieder raus wollen aus dem „Gesetzten“ , Vorgegebenen.

Die „Wahrheit“ – da ist sehr schnell Einigung zu erzielen – ist nichts anderes als eine allumfassende Liebe, die wir letztendlich sozusagen SIND.
Aber diese Liebe liebt eben alles – und damit sowohl meine als auch deine Sprache, mit der wir SIE sowohl verschleiern als auch sehnsuchtsvoll suchen.

Tja. Und deswegen nehm ich mir grade eine Auszeit von meinen gewöhnlichen Pfaden, auf denen ich mich Antworten sammelnd fortbewege. Und plappere hier einfach mal so frei Schnauze vor mich hin. Wenn das okay ist.

Muss ja niemand hinhören! 🙂

❤️✌️🤓🌷