Autor: Michael

Des Bettlers Gabe

Ich könnte nicht mehr sagen, wie er heißt, er hat es mir mal verraten, das ist bestimmt fünfzehn Jahre her. So lange kennen wir uns schon, nein, länger noch, zwanzig, vielleicht sind’s sogar fünundzwanzig Jahre. Früher hat er immer an der Hoheluftbrücke gesessen und ist dann irgendwann nach Eppendorf umgezogen, etwa vor zehn Jahren, denke ich. Seitdem hat man ihn immer an der selben Stelle gesehen, ganz in der Nähe der U-Bahnstation Eppendorfer Baum, dort, wo eine Straßenbrücke über den Isebekkanal führt. In den letzten Jahren hat er einen Rollator dabeigehabt, der ihm nicht nur beim Gehen geholfen, sondern ihn auch von der Not befreit hat, ständig auf dem Boden sitzen zu müssen. Sein Revier, den Eppendorfer Baum mit seinen vielen eher noblen Geschäften, hat er sich mit drei Anderen geteilt, einer blonden Frau in immer dem selben langen Mantel, die auf der anderen Seite der Straße ebenfalls auf der Brücke heimisch gewesen ist, und den Zwillingen, die vor dem Feinkostladen in der Nähe des Klostersterns auf sehr zurückhaltende und höfliche Art versucht haben, die Obdachlosenzeitschrift „Hinz&Kunzt“ zu verkaufen.

Mit einem ganz speziellen Blick hat er die Vorbeigehenden angeschaut, eben nicht bettelnd, sondern ausdrückend, dass er durchaus auch etwas zu geben habe. Und ist man dann stehengeblieben, hat er angefangen zu reden. Es ist niemals ein wirkliches Gespräch zwischen uns daraus geworden, weil er bei jedem meiner Versuche, mich sprachlich zu beteiligen, sozusagen einen Zahn zugelegt hat und aus seiner Rede erst einen Monolog und schließlich eine Art Litanei hat werden lassen, die inhaltlich zunehmend  schwerer zu fassen gewesen ist. Mein wahrscheinlich auch von ihm zugedachter Teil an der Begegnung hat also in der Regel lediglich darin bestanden, in meinen Hosentaschen nach Münzen zu kramen. Und doch ist tatsächlich in dem, was er dabei gesprochen hat, eine Art Geschenk für mich gewesen. Wie soll ich das sagen? Manchmal ist für mich zu empfinden gewesen, dass er nicht mehr und nicht weniger Bettler ist als ich.

Einmal öffnet er seine Jacke und holt einen schmierigen, dicht beschriebenen Zettel hervor. Er schreibt Gedichte, oder besser eine Art lyrische Prosa. Dieses Gedicht, das sei im letzten Jahr beinahe veröffentlicht worden, leider habe er denjenigen, der ihm das versprochen habe, einfach nicht mehr finden können, meint er ein wenig traurig und in ungewohnter Klarheit. Es ist ein sehnsuchtsvolles Gedicht über Ameisen, und jedes zehnte Wort ist „geschwisterlich“.
Diesen Punkt, den habe ich verstanden. Und damit meine ich: in mir wiedererkannt.

Jetzt ist er scheints verschwunden, wie auch seine drei Kollegen. Statt ihrer zählt man auf der Meile acht professionelle Bettler, die morgens mit einem Transporter hergebracht werden und dann ihre Behinderungen zur Schau stellen. Einer sitzt angelehnt an eine Schilderstange, mit dem Kopf unter dem Abfalleimer, der an ihr befestigt ist, direkt vor dem Eingang zum Supermarkt. Den mit der viel zu kurzen Krücke, die ein Gangbild erzwingt, das einen schaudern lässt vor so viel Körperverkrümmtheit, habe ich neulich quietschfidel über den Isemarkt hüpfen sehen. Andere haben tatsächlich teils erhebliche körperliche Behinderungen.
Es ist zwar anders. Betteln ist nicht gleich Betteln. Hier ist Habenwollen und Gebenmüssen zu spüren, die Show, die Taktik. Der Betrug. Und eine Eiseskälte. Aber ich frage Dich ….

… mein lieber verschwundener Poet, geben wir auf?
Geben wir auf, daran festzuhalten – mit einem Ameisengedicht über dem Herzen oder sonst irgendwie – dass unser Gefühl von Geschwisterlichkeit höchstens unter dem Müll von Hass, Schuldzuweisung und Angst verdeckt werden, aber nie ganz sterben kann … weil wir das SIND, egal, was wir denken: Geschwister?
Geben wir auf?

*

Nur ein Gedanke

Die digitale Revolution hat uns scheints die Rolle zugewiesen, ihre untiefen Definitionen vom Guten, Sicheren und Wertvollen und von dem, was das Ganze hier eigentlich soll, frag- und klaglos abzunicken. Klicken Sie auf einverstanden.
Sie kann sich allerdings ihren dringendsten und heimlichsten Wunsch, uns, den mysteriösen Faktor Mensch, als Störenfried unter die Guillotine zu legen, nicht endgültig erfüllen, weil nur wir selbst uns für überflüssig erklären können, und dafür braucht sie uns. Wir werden hier echt gebraucht!!!

*

Quantensprung

Eine kurze, unmerkliche Zeit lang
hielt die ganze Welt den Athem an,

Der Wind – er wurde still, Wolken harrten
in der Form des Augenblicks auf ihren Weiterzug,

Der Kuss auf Deine Lippen zauderte in dieser
nicht zu messenden Sekunde,
so wie der Dolch, den der Mörder schon erhoben für die Tat,

Das Wort, das Du dem Andren, der Deine Welt Dir störte, zugedacht,
einstweilen blieb es stumm,
genauso wie Dein Reden von der Liebe,

Kreise, die von Regentropfen auf den See gezeichnet,
in diesem Zwischenraum der Zeit
erstarrt,

Feuer, wütend um sich greifend, und Eis,
dabei, mit  lautem Knall zu reißen:
reglos wartend in diesem unbegreiflichen Moment,

Da Jeder und ein Jedes in denselben Spiegel blickend
nur ein Bild in tausend Formen sah
von der athemlos sich selbst gebärenden Idee,

Wir seien uneins miteinander.

Und tief und Alles gleichermaßen sanft berührend
strömt an dieser Traurigkeit vorbei
und löst sie auf in Freude:
des Lebens eigener Gedanke
von dem, was unser wahrer Athem sei
und heilt die Zeit.

*

Ein Herz und zwei Seelen

Es sind nur rund dreißig Meter von der Bushaltestelle bis zur Musikhalle, aber die haben es in sich! Luise und Martha, beide so um die zwölfundsiebzig, schicken sich an, kurz vor dem zu erwartenden Musikgenuss – Brahms, Beethoven, Tschaikowski – eben noch die letzten Fragen zu klären. Gut gelaunt sind sie dem Bus entstiegen und haben dabei ein Lächeln auf die Gesichter der anderen Fahrgäste gezaubert,  indem sie sich an der Tür aus lauter Höflichkeit erst nach zähen Verhandlungen haben einigen können, wer als Erste den Bus verlassen dürfe  und die schließlich derart ermittelte Inhaberin dieses Vorrechts sofort nach Kontakt mit Mutter Erde der Nachkommenden galant die Hand gereicht hat, um ihr bei der Überwindung des nicht unerheblichen Höhenunterschiedes zwischen der letzten Stufe und dem Gehweg eine Stütze zu sein.

Während der Bus sich mit einem kleinen Ruck wieder in Bewegung setzt, der ausreicht, das Lächeln auf den meisten Gesichtern wieder in Vergessenheit geraten zu lassen, haben sich die beiden Damen beieinander eingehakt und nehmen ihrerseits langsam Fahrt auf in Richtung Musikhalle.
„Es war hochinteressant“, knüpft Martha, noch ganz entzückt über die Handreichung ihrer Freundin, an ein Gespräch an, das wohl schon im Bus begonnen worden ist:
„Ein richtiger Professor! Man weiß das ja alles gar nicht! Leider, leider hab‘ ich meine Hörgeräte nicht so schnell gefunden …“
„Oh, das kenn‘ ich!“, tröstet sie Luise, „es läuft gerade was Interessantes und du kriegst nur die Hälfte mit, weil du die Dinger wieder mal irgendwo hingelegt hast … war das im NDR?“
„NDR Kultur, in der Reihe: ‚Glaube in unserer Zeit‘, und das Thema war: ‚Was ist die Seele?“
„Ohhh, die Seele“, Luise schaut sinnierend nach oben, lässt aber dann offen, was sie selbst von einer solch schwer zu fassenden Sache wie der Seele halten möchte: „Und was meint der Professor dazu?“, fragt sie ihre Freundin, ganz offensichtlich froh über die Möglichkeit, zunächst die angekündigte Meinung des Radioprofessors einfordern zu können, auf die sie ja dann gegebenfalls reagieren könnte.
„Also wie gesagt, ich hab‘ ja nur die Hälfte verstanden, aber die Seele scheint ganz unabhängig von den Genen zu sein, aus einem Zusammenspiel von Erziehung, Umwelteinflüssen und so zu entstehen“, meint Martha, etwas unglücklich über ihre Unfähigkeit, den Radiobeitrag nicht packender zusammenfassen zu können. Es entsteht so etwas wie ein leichtes Vakuum zwischen den beiden, in das aber jetzt für Luise eine glasklare Definition der Seele einzuströmen scheint:
„Also an eine Seele an sich … glaub‘ ich ja nicht“, sagt sie, um die Sache gleich mal im Wesentlichen einzugrenzen, „für mich ist die Seele das Miteinander von Gehirnzellprozessen und den Hormonen!“, meint sie, sehr entschieden jetzt, und Martha, ständig nach weiteren Details aus der Radiosendung kramend, erinnert sich:
„Auf jeden Fall ist sie angeblich sehr leicht zu beeinflussen!“
„Genau“, antwortet Luise, „mit Tabletten!“

Man hat sowieso gerade die Hälfte des zurückzulegenden Weges geschafft, aber auch ohne diesen äußeren Grund für eine kleine Verschnaufpause wäre Martha wahrscheinlich stehengeblieben, denn die letzte Bemerkung ihrer Freundin stürzt sie in wahre Verzweiflung, geht doch damit das Gespräch in eine Richtung, die ihr zu der Essenz der leider von ihr nur unvollständig rekapitulierbaren Radiosendung gegenläufig zu sein scheint.
„Luise!, nein!!, nicht mit Tabletten, mit guten Gedanken!!“, ruft sie geradezu aus, und man sieht ihr die Freude darüber an, dass ihr gerade zu rechten Zeit doch noch ein wesentliches Detail des Vortrags ins Gedächtnis gekommen ist: genau das hat er gesagt, der Herr Professor: „mit guten Gedanken“!

Luise lässt sich natürlich nicht so leicht von ihrer Position verdrängen, und während die beiden langsam weitergehen, schüttelt sie nachdenklich den Kopf:
„Also nein, gute Gedanken …. das ist ja schon fast mystisch … ich kann nur sagen, dass meine Seele auf eine kleine Schlaftablette abends bestens reagiert.“
Die arme Martha schwankt zwischen dem Stolz, eine wesentliche Aussage des Vortrags erinnert zu haben und der Faszination über die schlichte, aber ihr höchst einleuchtend erscheinende Position Luises, vor allem aber über die Beweiskraft chemischer Beeinflussung, die ja wohl nicht zu leugnen ist, und holt aus dem hintersten Winkel ihres Wissens über physiologische Zusammenhänge ein Faktum heraus, von dem sie sich verspricht, wieder auf Augenhöhe mit Luise zu kommen:
„Aber wenn du gute Gedanken hast“, sagt sie doch etwas tonlos, „dann wird ja auch z.B. Serotonin ausgeschüttet.“
Aber da ist nichts mehr zu machen, in Luises Gesicht spiegelt sich das Summa summarum des Gesprächs: Serotonin ist o.k., aber die Schlaftablette ist zuverlässiger!

Die beiden scheinen mir noch ein wenig näher zusammengerückt zu sein, als sie den Eingang der Musikhalle erreichen, und jetzt ist es natürlich Luise, die Martha die Tür aufhält und sie als Erste durchgehen lässt. Und dann tauchen sie ein in die Welt dreier Meister der Seelendurchflutung und rezeptfreien Serotoninspiegelerhöhung, und wer weiß, ob der Professor auch nur die leiseste Ahnung davon hat, wie sehr sich bewahrheitet, was er sagt, und dass auch scheinbar sich ausschließende Standpunkte, wenn sie einen kleinen Umweg übers Herz machen, ein und dasselbe meinen können: „Du tust mir gut, schön, dass du da bist!“

*

Angekommen

Jede Flocke Schnee findet ihren Platz,
Oder ist er Unsinn, dieser Satz?
Auf eben jenes Baumes Ast und Zweig,
Ist’s schon so, dass ich zum Fabulieren neig‘?
Der sie erwartet all sein Leben lang,
Das könnte wahr sein, mir wird bang!
Und schmilzt nach diesem Stelldichein dahin,
Mir geht’s partout nicht aus dem Sinn,
Es ist ein Bild! Ich irre nicht:
Das von der Wahrheit in uns spricht.

*