Autor: Michael

Kleines Gespräch über einen vakuumverpackten Gott

„Man hat sich in meinem Freundeskreis schon gewundert, warum ich in letzter Zeit so viel von Gott spreche: ich sei doch eigentlich sehr intelligent!“
Sie lacht hell auf: „Eigentlich!! – na gut, ich versteh’s ja: die das sagten, wissen nichts von meiner Krankheit, aber dieses „eigentlich“ ist doch zu köstlich, finden Sie nicht auch? “
Sie hat mich angesteckt mit ihrer Heiterkeit und wir kichern eine ganze Weile vor uns hin wie Kinder, die wieder mal ein paar Erwachsene dabei erwischt haben, mit ernster Miene klugen Unsinn zu reden.
„Unsere Zeit kennt keinen Gott mehr, wir brauchen keinen“, sagt sie immer noch glucksend, „wir haben uns alle unsere Fragen selbst beantwortet.“
„Der Zeitgeist hat sich selbst gegoogelt“, erwidere ich und sie schaut jetzt etwas nachdenklich, als sie sagt:
„Ich empfinde das wie ein Vakuum. Da fehlt etwas ganz Essentielles. Es gibt eigentlich so etwas wie ein „Abendland“ gar nicht mehr, wir glauben doch nur noch an die Freiheit der digitalen Information und den Profit. Vielleicht kann man sagen, wir haben die arbaischen Flüchtlinge mit ihrem – ganz wertfrei gesprochen – noch existierenden ethisch-moralisch-religiösem Sozialverbund regelrecht gerufen, dieses Vakuum zu füllen. Das ist so …“
„Sprachlos“.
„Ja, sprachlos … wissen Sie, ich geh‘ da jetzt rein zu meinem Arzt. Er ist so rührend besorgt um mich. Er will mich unbedingt retten. Soll er auch, also, ich hab‘ nichts dagegen, aber es spricht nicht viel dafür, dass es klappt. Und dann sitzt er da und wühlt in seinen Unterlagen und dreht und windet sich und es ist ihm furchtbar unwohl. Bis ich ihm sage – und das tue ich immer wieder – dass er doch alles unternehme, was machbar sei, und dass der Rest nicht in seiner Hand liege. Dann atmet er auf und ist erleichtert.
Aber ich muss das jedesmal wiederholen. Er glaubt es von sich aus nicht. Dass wir in Gottes Hand sind, und dass uns das angstfrei machen kann, weil es die Hand der Liebe ist … für mich ist das wahr.“
„Ich glaube, wir sehen uns erst mal nur selbst“, sage ich, „und beschränken unsere Kommunikation auf das, was wir verstehen. Dass das, was wir nicht verstehen, die Kommunikation mit uns nie aufgegeben hat, das müssen wir erst erfahren, wie jetzt z.B.: wir kennen uns seit fünf Minuten und sprechen wie Vertraute über diese Dinge, ist das zu fassen?“
„Ist es nicht, mein Lieber, ist es nicht, machen Sie’s gut!“
„Sie auch, machen Sie’s auch gut, und hey, Sie! Eigentlich sind Sie ganz schön intelligent!

 

*

Ohne Wenn und Aber

In einem Raum ohne Schuld
Möcht‘ ich leben,
Vertrauen, unendliche Geduld
Erfahren und sie geben,

In einer Zeit ohne Angst
Will ich sein,
Seh’n, wonach in Wahrheit Du verlangst,
Nie mehr allein.

In einem Glück ohne Wenn
Bin ich Jetzt,
Kein Aber, keinen Einwand ich noch kenn‘,
So nah bei Dir und gänzlich unverletzt.

*

Engelskuss

Sie lacht immer noch, als sie an mir vorbeikommt. Immerhin sind es mindestens fünfzig Meter vom Ausgang der U-Bahn bis hierher, und mach‘ das mal: über fünfzig Meter ein fröhliches Lachen beibehalten!
Sie ist schon gut gelaunt die Treppen hochgekommen und mit ihren wehenden blonden Haaren an dem Bettler vorbeigestürmt, der auf der obersten Stufe sitzt und seinen Pappbecher hinhält. Nach ein paar Metern aber hat sie sich umgedreht und ist zurückgegangen, hat ihm etwas in seinen Becher hineingeworfen und ihm freundlich zugenickt. Der Bettler hat seinen Flachmann nur kurz abgesetzt, soweit ich gesehen habe, nichts weiter gesagt, und auch gleich wieder die Nähe seines flüssigen Freundes gesucht.
Seitdem lacht sie, wie alt wird sie sein? Fünfundzwanzig vielleicht. Und besteht im Moment grob geschätzt zu hundert Prozent aus Lebensfreude. Ein beruhigtes schlechtes Gewissen kann  auch mal lachen, denk‘ ich, als sie an mir vorbeikommt, aber das sieht anders aus! Es ist ihr die Freude einfach übergeflossen, und auch wenn der Bettler jetzt eine Miene macht, als habe er außer dem Geräusch der Münze, als sie in seinen Becher fällt, nichts weiter bemerkt, ist er doch wehrlos gegen diesen Überfluss, die Ungeschminktheit der jungen Frau hat seine Wand durchbrochen … ich kann es sehen, mit welchem Auge auch immer, ich sehe es ihm an, auch auf fünfzig Meter Distanz! So schnell kann eben kein Flachmann sein, einen Engelskuss zu verhindern!

*

In Allem Ein Gedanke

Als wir uns dachten,
Wir sei’n zwei,
War dieser Traum schon ausgeträumt
Und längst vorbei.

Ein einziger
Undenkbarer Gedanke,
Ungestört von der Idee,
Dass ein Jedes sich um sein Alleinsein ranke,

Blieb treu der Gegenwart
In jedem Stein, in jedem Tropfen Tau,
Und fragt mich still,
Worauf ich meine Zukunft bau‘;

Und seh‘ ich Dich mit and’ren Augen,
Die sich nichts ausgedacht,
In Allem Ein Gedanke
Hat sanft derweil des Träumens uns bewacht.

*