Meine Seele wohnt in Deiner Nähe

Eine ganze Weile sitze ich jetzt schon hier in einem sehr hübsch eingerichteten, geräumigen Zimmer und warte auf den Arzt. Ich muss an eine kleine Angst denken, die mich vorhin beschlich, als ich meine Wohnung verließ: wie schade wäre es, wenn ich hier einmal wieder ausziehen müsste, aus diesem Zuhause, das mir die Wohnung geworden ist. Und ich war ein wenig traurig geworden bei dem Gedanken, dass sich das Erreichte, das Sichere, das Schöne immer wieder mit der Angst vermischt, es verlieren zu können.

Wie eng sind doch unsere Wohnungen, die wir uns aus Angst gezimmert haben!

Was ist aus der unendlichen Weite, der Allumfassendheit geworden, die wir empfanden, als wir noch … wie soll man das sagen? … in  Deiner Nähe waren?

Bretterverschläge aus Vor-Teilen, ausgeschmückt mit Tand.

Wir haben Deine Nähe falsch verstanden, an Bedingungen geknüpft, abgeschirmt gegen Bedrohungen, verteidigt gegen die Gefahr, sie zu verlieren, wir haben sie mit unserer Abwehr klein gemacht, in ein Reservat gepfercht, das wir glauben, kontrollieren zu können.

Deine Nähe, Sie ist doch immer noch Hier, ist doch ewig! Wie konnte ich das vergessen? Die Angst, dies Gefühl des Abgrunds, des Verlustes, sie hat mich Sie vergessen lassen, Deine Nähe, in der Alles zu Hause ist.

Dieser Ton, den die Cellistin spielt auf dem Bild an der Wand, das ich betrachte, während ich im Zimmer des mir noch Unbekannten auf ihn warte, von dem ich mir einen guten Rat erhoffe – wir haben einen Termin, wie man sagt – dieser kleine, einzelne Ton, ein paar Luftschwingungen, mehr nicht, ein leises Vibrato, das aus tiefer Stille kommt, sie spielt ihn und hält sich mutig aufrecht hinter einer Wolke aus Angst, die tiefrot über ihrem Herzen immer dunkler wird und etwas Bedrohliches annimmt. Sie spielt ihn dennoch, er ist ihre Tür zur Erinnerung.

Wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man ringsumher all die Bürogebäude der Ost-West-Straße – da bekommt „Nähe“ einen anderen Sinn -, jedes nach außen gegen den Nachbarn und gegen die Straße drängend, auf der sechsspurig der Verkehr tobt, dies sich mühsam in Schach haltende Wutgebrüll. Nur der Turm des Michel überragt noch die Szene, ganz haben sie ihn nicht verstellen können.

Ein einzelner Celloton steht dem gegenüber. Hörst du das Lachen der einen Seite und siehst Du das Lächeln der anderen?

„Meine Seele wohnt auch in Eurer Nähe, die ihr so gründlich vergessen habt“, das singt dieser einzelne, lächelnde Ton.

Auch die Orchidee auf dem Schreibtisch hat sich in diesem Raum aufgerichtet, nichts wissend von Angst und Zorn ihrer Umgebung, in einer unendlich anmutigen Schwingung ist sie nach oben gewachsen, wo sie aus ihrem schlanken Kelch aus Blütenblättern das nach oben hin immer dunkler werdende Rot einfach … ausschüttet … in Deine Nähe.

So schön ist die Unschuld der Erinnerung, so heil ist das Leben, so wahr ist meine Liebe zu Dir.

 ( 20.07.2012 )

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