3) Nachtrag zum Nachwort

Es hätte vielleicht eine ganz normale Beerdigung werden können, wenn der junge Priester sich nicht akribisch an die Regeln zur Durchführung eines katholischen Trauergottesdienstes gehalten hätte, wodurch sich die zwar eher kleine, aber dafür umso dunklere Gewitterwolke in aller Ruhe über dem Friedhof formieren konnte.
Ich muss gestehen, dass ich über den genauen Ablauf und Inhalt dieser Messe kaum Auskunft geben kann, da meine Gedanken, während der wohl aus dem indischen Sprachraum stammende Priester wegen der offensichtlichen Unvereinbarkeit seiner heimischen mit der hiesigen Sprechweise nahezu unverständlich die bei einer solchen Gelegenheit üblichen Trostworte sprach, abschweiften und an der Frage hängen blieben, wo sich eigentlich meine verstorbene Tante zur Zeit befände, denn zu sehen waren nur die Kränze, kein Sarg weit und breit. Es mag sein, dass ich mit halbem Ohr doch immer wieder hinhörte, was der Priester äußerte, aber außer einer um Trost bemühten, wenn auch etwas bizarren Bemerkung – die Verstorbene, die in den letzten Jahren unter Schwerhörigkeit gelitten habe, könne ja nun im Himmel sicher wieder besser hören und so auch den himmlischen Gesängen lauschen – vermag ich nichts zu wiederholen.
Ich hatte also ein Problem mit dem Aufenthaltsort meiner Tante und konnte es nicht lösen. Ich will nicht sagen, dass ich wirklich darüber beunruhigt war, zumal alle anderen Anwesenden zu glauben schienen, dass hier alles mit rechten Dingen zugehe, aber losmachen konnte ich mich von der Frage nicht: Wo ist sie?
Erst als die Sargträger nach Beendigung der Messe die Kränze beiseite räumten und ihren Transportwagen einfach durch die Wand, die meine Phantasie an der linken Seite des Altarraums errichtet hatte, hindurchschoben, in einen Nebenraum oder besser eine Ausweitung des Altarraums hinein, die ich von meinem Platz aus tatsächlich nicht hatte sehen können, erst da klärte sich das Mysterium auf geradezu banale Weise auf.
Jetzt verlief zunächst alles in gewohnter Ordnung, die Tür zum Friedhof wurde geöffnet und die Trauergemeinde schritt hinter dem Sarg her zum offenen Grab, wo man sich zum eigentlichen Begräbnisritual, das in dieser sehr katholischen Gegend sehr ausführlich ist, versammelte.
Auch an dieser Stelle muss ich bekennen, dass ich außer dem Absenken des Sarges und dem gemeinschaftlich gebeteten ‚Vater Unser’ nicht gerade viel mitbekam vom Verlauf des Rituals, da meine Anteilnahme wiederum von einem Rätsel absorbiert war, das mich, ähnlich dem ersten, nicht zur Ruhe kommen ließ; diesmal trieb mich die Frage um, ob es nach Lage der Dinge wirklich ratsam sei, einem der Messdiener, einem Knaben von vielleicht zwölf Jahren, die Aufgabe zu übertragen, ein großes Kreuz aus Metall an einem langen Stab in den Himmel zu halten. Besagte Wolke nämlich ließ keinen Zweifel daran, dass sie halten würde, was sie versprach, und jetzt wirbelten auch schon die ersten Turbulenzen durch die Baumkronen, und der ein oder andere Regentropfen klopfte an, um zu fragen, wie es hier weitergehen solle. Außer meiner Frau und dem für die akustische Anlage zuständigen Helfer schien sich wegen des Wetters und dessen Einflussmöglichkeiten auf den Verlauf des Zeremoniells niemand Sorgen zu machen, wobei die Befürchtungen des Technikers doch eher auf seine Gerätschaften zielten. Seine bittenden Blicke in Richtung des Priesters, er möge die Sache doch etwas beschleunigen, blieben indes unerhört, und alles ging seinen üblichen Gang, während der Knabe voller Stolz weiter das Kreuz in die Höhe hielt.
Ich muss sagen, dass es einen Moment dauerte, bis mir das Wort ‚Blitzableiter’ in den Sinn kam, aber mit dem Auftauchen dieses Wortes wurde es mir unmöglich, untätig zu bleiben. Ich ging zunächst zu den Sargträgern, die unmittelbar hinter dem Messdiener standen, um sie zu bewegen, den Knaben samt Kreuz zurück in die schützende Kapelle zu schicken, stieß aber dabei auf eine Front der Ablehnung. „Später“, hörte ich einen der Träger unwillig zischen, während der erste Blitz durch die Wolke zuckte und keine Sekunde später sein Donner zu hören war. Auch davon blieb die Gemeinde scheinbar vollkommen ungerührt, eher erlebte man wohl mich als schlimme Störung. Dieses Gefühl jedenfalls kam in mir auf, als ich mich jetzt direkt dem Jungen zuwandte, um ihm notfalls handgreiflich den Weg zu weisen.  Zu meinem großen Glück folgte dem zweiten Blitz und Donnerschlag aber ein derartig heftiger Wolkenbruch, dass die gesamte Trauergemeinde augenblicklich von ihren Selbstschutzreflexen in Bewegung gesetzt wurde, die ein weiteres Eingreifen meinerseits unnötig machten: als ginge ein Sog von der offenen Tür aus, bewegte man sich rückwärts, den Blick weiter auf den Priester gerichtet, der – Fels in der Brandung – immer noch sprach, auf die Kapelle zu, was auch den kreuztragenden, inzwischen völlig durchnässten Knaben mit sich zog. Wie in einem rückwärts laufenden Film ging alles sozusagen wieder auf Ausgangsposition.
Meine Frau wirft mir oft vor, ich könne nicht mehr als eine Sache gleichzeitig denken oder tun – und damit hat sie vollkommen recht! Umso dankbarer bin ich, dass sie dabei war, denn sie hatte trotz der gleichen Sorge um den Messdiener, die sie übrigens dazu bewog, dessen letzte zögerliche Schritte vor der Kapelle mit energischen Worten zu beschleunigen, im Unterschied zu mir gleichzeitig den Ausführungen des Priesters gelauscht und konnte jetzt den in der Kapelle Versammelten berichten, dass es ausgerechnet die Worte „Auferstehung“ und „Erlösung“ gewesen waren, die von den beiden himmlischen Donnerschlägen ihre besondere Betonung erhalten hatten, was sofort eine Diskussion unter den Anwesenden entfachte, inwieweit dies alles noch als Zufall durchgehen könne, oder ob man nicht gezwungen sei, Blitz und Donner als Ausdruck göttlichen Zorns zu werten.
Ob nun dieses unauslotbare Thema der Grund dafür war, dass die Gemeinde innerhalb kürzester Zeit auseinanderlief, oder andere Motive dafür wesentlich waren – einigen Teilnehmern fiel ein, dass sie zu Hause ein Fenster vergessen hatten zu schließen, andere bezweifelten einfach, dass der Regen in absehbarer Zeit nachlassen werde – vermag ich nicht zu sagen. Fest steht, dass der Priester irgendwann die Idee aufgab, die Zeremonie noch fortsetzen zu können, die Messdiener nach Hause schickte und sich seines Gewandes entledigte.
Und so blieb meine liebe Tante Elisabeth – jedenfalls nach katholischem Verständnis und natürlich nur zunächst – unbeerdigt. Irgendwann wird der Priester wohl noch einmal zurückgekehrt sein und alles Notwendige getan haben, um die Sache zu Ende zu  bringen, und dann werden auch die Friedhofshelfer –  davon dürfen wir getrost ausgehen –  das Grab geschlossen haben.

In mir bleibt von der ganzen Geschichte  ein Lächeln zurück. Es ist nicht eigentlich von mir, und wenn ich versuche, ihm ein Gesicht zu geben, ist es am ehesten das meiner Tante. Es ist wie ein Herunterlächeln auf den Priester, der sein Bestes gibt, auf die Gemeinde, die ihren Ritualen, an denen sie sich orientiert, treu ist, auch wenn diese Treue ihre Grenzen hat, ein Lächeln auf den Stolz des Jungen, das Kreuz tragen zu dürfen, und auf die Sargträger, die die heilige Handlung zu schützen versuchen, ein  Lächeln sicher auch auf mich, der ich mich so leicht ablenken lasse und nicht zwei Dinge gleichzeitig tun kann und auf meine Frau, die mich mahnend daran erinnert.
Ein Lächeln aber auch wie eine leise Berührung, die uns erinnern will, dass wir unsere Rituale samt der Worte, die sie begleiten, und auch die heiligsten unserer Symbole nicht dazu benutzen sollten, uns an sie zu ketten, als seien sie die Wahrheit selbst, sondern dass wir uns statt dessen dem öffnen könnten, was sie wirklich sind: Zeugen eben jener leisen Berührungen der Erinnerung an das Leben, das sich nicht in einen Sarg legen, nicht in ein Grab versenken und nicht mit Erde zuschütten lässt.
Ein Lächeln ohne Ende.

( 16.09.2012 )

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