Ein schlechter Mensch

Ich muss diesen Weg gehen, an dir vorbei, und zwar mehrfach.

Du hockst in der eisigen Kälte am Boden und bettelst mich an, hältst mir den leeren Pappbecher entgegen, murmelst Unverständliches, im Tonfall Klage und Bitte, und ein kleines Drohen im Hintergrund: ich nenn‘ dich „schlechter Mensch“, wenn du nichts gibst!
Ich geb‘ dir nichts. Nicke dir zu, sage „guten Morgen“, sehe, wie dein Gesicht einsinkt, als habest du mich nie angesprochen. Bin ich eben ein schlechter Mensch!

Keine fünf Minuten später, ich komme wieder an dir vorbei. Du erkennst mich tatsächlich nicht wieder, jedenfalls hat alles diesen Anschein: Dasselbe Betteln, dasselbe Gemurmel, derselbe Tonfall, wieder hebt sich der Pappbecher und kippt ein wenig nach vorne, so dass man gut hineinblicken kann: immer noch leer, scheinbar sind inzwischen nur schlechte Menschen hier vorbeigekommen. Diesmal grüße ich nicht, das hatten wir schon.

Wieder drei Minuten später, ich muss da noch mal längs, ich merke, wie mir der Gedanke unangenehm wird. Was ist mir denn eigentlich unangenehm? Ich seh‘ ihn da vorne schon sitzen, auch er hat mich gerade wahrgenommen, und eins ist klar: das wird sich ganz genau nochmal so abspielen. Was könnt‘ ich dir denn geben, was wir nicht schon hätten? Wir sind aus dem selben Leben! Ich merk‘ jetzt, was mir eigentlich unangenehm ist: dass ich ihm nämlich von Herzen gern etwas geben würde, aber was ich nicht will, ist „geben“ mit „bezahlen“ verwechseln. „Guter Mensch – schlechter Mensch“, solche Unterscheidungen sind doch längst ausgerutscht auf unserem Denken, das glaubt, für irgendetwas bezahlen zu müssen. Ist ein Mörder ein schlechter Mensch? Das kommt ja wohl darauf an, wer das beurteilt!
„Ist das nicht bisschen kalt da unten?“ frage ich ihn, angekommen.
Er hebt mir sein Gesicht entgegen in offensichtlichem Bemühen, seine Deckung nicht aufzugeben, antwortet im Tonfall jetzt freundlich, aber immer noch absolut unverständlich, das ist auch keine mir fremde Sprache, das soll einfach nur nicht zu verstehen sein. Aber dann, er schafft es nicht ganz, er kriegt’s nicht hin, trotz zweifellos langer Übung fällt ihm sein Abwehrschild aus der Hand. Und hinter einem Berg von Wirrsinn schaut mich pure Normalität an, einfache Gesundheit, dieser leise Strom steter Kommunikation ist zu spüren zwischen … „guten Menschen“ muss ich denken und „willkommen zuhause!“.
Und da hab‘ ich auch den Euro schon aus der Hosentasche gekramt und lass‘ ihn in seinen Becher fallen.
Er hebt die Hand zum Dank und ich die meine, und ja: vielleicht haben wir uns da tatsächlich was gegeben, Bruder! Geben funktioniert einfach nicht als Einbahnstraße, selbst wenn beide „was davon haben“, ist es nur Berechnung, die den Verlierer braucht für ihre Gewinnformel. Aber wenn wir uns in den „guten Menschen“ teilen, wo ist dann der Verlierer?

*

14 Gedanken zu “Ein schlechter Mensch

  1. Eine hübsche Erzählung, die Fragen am Herzen des Wesentlichen aufwirft, mein lieber Michael!
    Was vermögen wir zu geben?
    Hierzu Friedrich Nietzsche: „Man sollte die Bettler abschaffen, denn wenn man ihnen nichts giebt, dann fühlt man sich schlecht. Und wenn man ihnen etwas giebt, dann auch.“
    Und welch sonderliche erste Bewertung seitens des Ich-Erzählers, er habe ihm, seinem bettelnden Nächsten, nichts gegeben, obwohl er ihm einen „Guten Morgen!“ wünschte! War das etwa nichts?
    Und dann die wichtige Unterscheidung: nenne der Name ‚geben‘ etwa das eine Selbe wie der Name ‚bezahlen‘? Was mag ‚geben‘ jenseits der Sprache ohne Liebe bedeuten? Ohne Liebe aber bleibt alles tot.
    Und so gelangen wir an die große Krankheit unter den Menschen: an den Tod, nicht an LICHT und LIEBE und ewiges LEBEN, sondern an das Geld als „Heilkraft“ oder „Lebensmotor“ zu glauben. Nur Geld wird gezählt und als das Zählende erachtet. Für Geist und Liebe ist nichts zu kaufen; somit gelten sie als „wertlos“. Das ganze Sein wird zu einem zu bezahlenden Wege, bis an dessen irdischem Ende doch gestorben wird. Ein Verlustgeschäfft?
    Aber wenn wir uns in den „guten Menschen“ teilen, dann ist kein Verlust. Lasset uns also wieder EINS werden, was wir einst waren!

    Lichtstrahl

    Was in mir „Ich“ zu denken mich bewegte,
    Gebrauchte Sprach‘, zu nennen jedes Teil,
    In das des EINEN Schau das Ich zerlegte,
    Zertrennend Traumbilds Ganzheit ohne Heil.

    Bedeutung nicht ist Iches in den Scherben,
    Darin nach Heimat es vergeblich wühlt;
    Bedeutung aber golden blüht den Erben
    Des Heils, wenn Traumbilds Trümmer sind verspült.

    Bedeutung wird in keinem Namen funden,
    Der nicht von Liebe ward zu Wort‘ gedacht.
    Die Teile nicht sind Teil, doch allverbunden
    In Lebens weihem Atem heil und sacht.

    Besten Gruß von
    Achim.

    1. Der Name, der von Liebe zu Wort‘ gedacht, wird erst bedeutsam. Das gefällt mir wohl, mein lieber Achim!
      Man muss ja in der Regel schon sehr oft mit der Bezahlstrategie gescheitert sein, bis man akzeptiert, dass der Gedanke des Bezahlens und Opferns nur in den Verlust führen kann, von seiner Anlage her schon, unausweichlich. Aber was hat die Kraft, dieses Prinzip auszuhebeln?
      Danke für deinen „Lichtstrahl“ auf diese Frage.

      1. Ja, was mag dies Princip auszuhebeln, mein lieber Michael? Du führst es ja Deinerseits schon an: sich in den „guten Menschen“ zu teilen. Hier steht weniger die Wertung „gut“ im Vordergrunde, als die EINSHEIT des Menschen, der, weil ohne dualistisches Gegenteil, auch nicht „schlecht“ sein kann. Wer nämlich sagt den vielen Menschen denn, sie seien verschiedene Wesen? Ihr cörpergläubiges Ich, das diese Auslegung nur auf die sinnliche Vernehmung des vergänglichen Cörpers stützt. Seelisch sind sie aber EINS (was den Ichen, als die sie sich erleben, als ein Albtraum vorkommt!). Welch andere, tiefere Nennleistung empfängt der Name ‚geben‘ aber mit einem Male? Was vermag je „ich“ je „dir“ (oder einem nur scheinbaren „Bettler“) zu geben? Die Liebe, die Du bist/er ist. Der Name ‚Bettler‘ wird zu dem einer Chimäre.
        Deshalb nenne ich die Beiden, nämlich den scheinbaren Bettler und den ihn so auslegenden Geldspender oder -verweigerer, ein

        Vergebungspaar

        Ein lumper Bettler sitzt am Straßenrande
        Und hält Dir seinen leeren Becher hin;
        Er denkt von Dir im sauberen Gewande,
        Du mög’st ihm geben Geld als „Lebenssinn“.

        Er kennt nur Iches Sinn, nur Cörpers Gieren;
        Kennst Du die Liebe? Denn nur sie allein
        Zu geben ist ohn‘ je sie zu verlieren,
        Wie sonst ist Geben-Nehmen-Weltspiels Schein.

        Die Liebe schaut die Unschuld unter Gleichen;
        Und diese Schau Euch beide heilend hebt
        Aus aller Weltenarmut hoch zu Reichen,
        In Unschuld denn Ihr allverbunden lebt.

        Die Allverbundenheit ist reine Fülle;
        Bedeutungsvoll sie Euch ist Heimat, Sinn.
        Nie mehr Euch Zorn entbrennt ob ek’ler Hülle,
        Denn EINS Ihr seid, und sie geht mit Euch hin…

        Schon der Name ‚Bettler‘ enthält eine Schuldigsprechung. Werten die meisten Menschen nicht ihn als den „schlechten Menschen“, weil er nicht arbeite, womöglich ein Versager sei oder uns einen uns schmerzenden Anblick biete? (Die ehrenwerte Florallaborantin, die gar Schuhe oder Herzensspeise schenkend mit den Darbenden ihr Brot bricht, nehme ich hier gern aus). Und schon Martin Luther auf dem Sterbebette sah dies plötzlich ein und raffte sich mit letzter Kraft auf, um aufzuschreiben: „Wir Alle sind Bettler!“, was jede zuvorige Verurteilung aufhob.
        Die Unschuldsschau auch eines vermeintlichen Bettlers aber enthebt aller Schuld, auch der je eigenen:

        Heiliger Augenblick

        Wer Schmerz Dir scheint zu geben, auszulösen,
        Dem schnell zurückzugeben ihn Du suchst;
        Und wer so tut, den zählst Du zu den Bösen,
        Den, wenn der Schmerz Dir bleibt, Du grimm verfluchst.

        Dereinst, vielleicht, wohl in entspannter Stunde
        Du einen Nächsten siehst zufügen Schmerz,
        Doch ohn‘ Dein Mitleid, weil in tiefstem Grunde
        Nicht wird geschadet dem Empfängerherz‘.

        Du weißt es plötzlich: er hat nicht geschadet
        Und handelte nur in des Werdens Strom
        Ohn‘ zu bemerken, dass er mit nur badet
        In Schicksals Woge als ein Seel‘-Atom.

        Kein Schaden, keine Tatkraft, keine Klage —
        Der anfängliche Schuldgedanke fällt
        In sich zusammen. Seiner statt zu Tage
        Tritt Unschuldsschau, die ihn und Dich erhellt.

        Mit seiner Unschuld magst auch Deine schauen,
        Denn Du im Werden mitströmst so, wie er;
        Nun wirst der Allverbundenheit fest trauen,
        Die EINS mit Dir und Allem um Dich her.

        Möge dies im Alltage einen Ort, eine Stunde des Geschehens finden! Dir, lieber Michael, und allen mit dem Herzen Mitlesenden, wünsche ich eine Begegnung mit einem solchen Menschen. Unschuld ist Reichtum. Geld hingegen ist die verfänglichste Attrappe des Reichtums.

        Achim.

        1. Das nenn‘ ich einen Kommentar! Wir sprengen hier liebgewordene Bloggertraditionen, mein Lieber! Die Firma „WordPress“ wird ihr Konzept überdenken müssen! Aber klar: ich sprenge gerne mit! Ist ja auch ein weites Feld. Die Sicht auf den anderen Menschen. Gelegenheiten, sie zu überdenken, gibt es immer wieder.
          Vielen Dank für deine vielfältigen Gedanken dazu!
          Micha
          P.S.: Das hat Martin Luther auf dem Sterbebett gesagt? Wir wollen für ihn hoffen, dass er’s so gemeint hat, wie du es interpretierst. Ich würd’s ihm ja zutrauen …

  2. Wenn ich, „ein guter Mensch,“einen Bettler sehe,
    gebe ich ihm immer“was“.Ich danke Gott das ich
    es kann, und das Ich nicht er bin.
    Für weitere Gedanken ist kein Platz in meinem Herzen.

    L.G. mein Freund
    Mirso

  3. Mal wieder schreibst du so, dass ich drin bin in der Geschichte und es miterlebe. Ich fühle die Gedanken des Menschen, der dort vorbei geht, die Kälte der Umgebung und das Stehen bleiben. „Wir sind aus dem selben Leben!“ ein starker Satz in einer starken Geschichte.

  4. Lieber Michael, was für ein schwieriges Thema und was für eine gelungene Annäherung, die eigenes Auseinandersetzen geradezu herausfordert. Also, was mache ich? Als erstes weigere ich mich anzunehmen, der bettelnde Armmensch würde mich als schlechten Menschen charakterisieren. Das tun nämlich die wenigsten. Die Profibettler, die für ihren Clanchef betteln und manchmal Gebrechen vortäuschen sehen ihr Tun als ihren Job und wir sind kwasi ihre „Kunden“. Da ist kein Platz für Gefühlseinteilungen. Der bettelnde Punk freut sich über ein nettes Gespräch, ’ne Zigarettenschachtel oder ein mitgebrachtes Bier. Ich suche generell Augenkontakt und bilde mir ein darin lesen zu können, was einer am nötigsten hat. So erwarb ich vor Jahren mal eine Isomatte, einmal einen Schal und vor kurzem gab es Schuhe statt Geld. Was zu essen kaufe ich auch gerne. Aber halt nicht jedem. Wer mir den Augenkontakt verweigert, mich nicht sehen will, dem kann ich nicht helfen. Mag jetzt harsch klingen, doch auch da gilt: Geben und geben lassen, Nehmen und nehmen lassen.
    Ich grüße herzlich samstagsfreundlich und danke für das heikle Thema und die Gedanken darob, Ihre Käthe.

  5. Schuhe, echt? Wunderbar, ich beglückwünsche jeden Bedürftigen, der Ihre Wege zu kreuzen das Glück hat, Verehrteste!
    Was mich angeht, so lief diese sehr spezielle Begegnung wie beschrieben und ich entkam meinem eigenen Dilemma, im Konflikt zu sein mit dem, was ich wollte und was nicht, indem ich zunächst etwas anderes mit dem Mann teilte als das, was er scheinbar haben wollte. Das passierte so und ich hab’s als Befreiung erlebt. Davon wollte ich erzählen.
    Ihnen auch, liebe Käthe, ein bonfortionöses Wochenende!

    1. Neinnein, nicht pauschalisieren bitte, mein Lieber. Ich kann nicht jedem helfen und tue es auch nicht. Die Beispiele ergaben sich immer aus der jeweiligen Situation und ich reagierte, wie mir angemessen erschien.
      Der Schuhbekommer ist ein stadtbekannter Armmensch, wir konnten ihn nicht in seinen total kaputtem Schuhwerk durch den Eisregen gehen lassen.

      Ihre Befreiung, sie ist herauzulesen und Sie haben es genau so richtig gemacht. Eben wegen dem Geben und geben lassen.
      Nochmals herzliche Grüße, Ihre Käthe, zugeneigt.

      1. Na trotzdem, ich halte meinen Glückwunsch für die knoblochwegekreuzenden Ärmeren unbedingt aufrecht! Sie werden von einem großen Herzen angeschaut.

        Liebe Grüße, mit dem Wochenende werden Sie ja keine Schwierigkeiten haben: es schneit!!!

        1. Schneeschneeschneeschnee… ich tanze dem Feierabend entgegen, mein Lieber! Ach so schee find ich den Schnee, juppideh~~~~~~~~~~
          Liebgrüße nochmals auch an Sie und dankend für die Wohlworte, schneelieblich zugetan, die Ihre.

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