Gedankenabgrund

Eine Wolke aus Gedanken
Umgab den Unglücksort,
Unfassliches hielt wabernd sie in Schranken,
Bis endlich sie das Urteil formte: es war Mord!

Weltweit die Gedankennetze:
„Killer“ las man, „Psychopath“,
Schlagzeilen, Storys, Kommentargehetze
Gegen den, der höchstvermutlich Ungeheures tat.

Über eine bodenlose Schlucht,
Dunkler noch als der Gestorb’nen Grab,
Ward „Schuld“ geschrieben, „Sei verflucht!“,
Einen nur der Angst zum Opfer stieß man gnadenlos hinab.

Ruhig jetzt der Gedanken Athem wieder,
Das Schreckgespenst gebannt,
Erschöpft legt Trauer ihre Blumen nieder,
Entschieden nun der Name ist des Schuldigen genannt.

*

Unten steht im dunklen Tale
Will Verlor’nem nahe sein,
Sieht nach oben, ob der Himmel ihm ein  Bild noch male,
Ein von aller Welt Verlass’ner ganz allein.

Eine Wolke, weiß wie Schnee,
Er aus tiefstem Blau enstehen sieht,
Und wie sie über alles Ach und Weh,
Tränenlos und ohne Klagen sanft  hinüberzieht.

Eine Wolke aus Gedanken,
Die frei von Angst und Schuld
Nicht im Sog der Gnadenlosigkeit versanken,
Sich verbunden blieben in unendlicher Geduld.

Und dem das Liebste schien verloren,
Dankbar fühlt er sich verwandt,
Als sei sein Geist hier neu geboren,
Sieht er den Selbstvergess’nen ohne Schuld
und reicht ihm seine Hand.

*

13 Gedanken zu “Gedankenabgrund

  1. In den ersten vier Strophen erzählst Du den üblichen Versuch der Ungetrösteten, die Schuld loszuwerden, indem sie in einen Sündenbock geschoben oder proiciert wird. So bleibt ihnen die Schuld als Wertungsgrundmasse der Welt stets im unaufgeräumten Keller der Iche erhalten.
    In den zweiten vier Strophen beträumst Du die einzige Alternative zur Schuld: Die weiße Wolke des Vergebens der Weltwertung der Angst und des Mangel, der Schuld und der Trauer. Diese Vergebung ist dessen, dem seine Welt schon verloren ist, sodass er frei geworden für eine neue, andere Wertung als seine immer war: Nun ist in ihm die Stimme einer lächelnden Liebe, die aller Vergänglichheit ungeachtet bleibend ist. Wer diese Stimme erhören mag, der ist nun auferstanden von den Toten und ihrer immerwährenden Weltschuld, in der sie gedanklich wohnen, ohne dies zu bemerken.
    In diesem Sinne wünsche ich Dir und allen Leserinnen und Lesern Deines Doppelgedichtes: Frohe Ostern!

    1. Danke Dir herzlich für diese Kom – mentierung. Ja, das ist ein „Beträumen“ der Alternative, das hast Du schön gesagt. Aber dieser Traum bemerkt bereits, dass wir grundsätzlich die Wahl haben, was wir in der Welt sehen und was wir in sie hineindenken. Auch Dir: Frohe Ostern!

      Michael

  2. Und wenn ich das richtig behalten habe, hat da heute jemand Geburtstag?
    Auf diesem Wege ganz liebe Glückwünsche dir und ein wunderbares neues Lebensjahr!

    1. Das ist ja …. sehr nett! Herzlichen Dank für deine guten Wünsche! Vor lauter Freude habe ich ein Frühlingsgedicht geschrieben, extra für dich! Moment, muss es noch reinstellen! Es ist nicht ganz jugendfrei! 🙂
      Liebe Grüße
      Michael

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