Flucht ans rettende Ufer

Es ist Sonntagmorgen, sieben Uhr, die Stadt schläft noch, ich sehe nur einige Spaziergänger, Jogger, Heimkehrer aus durchfeierter Nacht, die Tür einer Bäckerei öffnet sich und jemand schleppt mühsam und verschlafen eine Werbetafel nach draußen, Herbst liegt in der Luft, ein paar Blätter segeln mir unmissverständlich entgegen.
Ich nähere mich mit meinem kleinen, roten Fünfundsiebzig-PS-Halbfranzosen einer großen Straßenkreuzung, an der es zu einer außerordentlichen Begegnung einer Schicksalsgemeinschaft kommen wird, auf die mich die unspektakuläre Normalität dieses Morgens in keinster Weise vorbereitet hat.
Das gemeinsame Schicksal der fünf Menschen, die sich hier begegnen, ist schlicht und ergreifend dies: Da sie aus verschiedenen Richtungen kommend ganz unterschiedliche Absichten haben, was ihren weiteren Weg angeht und die Ampeln für alle gleichzeitig Grün zeigen, müssen sie sich einigen, wie sie am besten und unbeschadet aneinander vorbeikommen.
Als ich die Kreuzung erreiche, um nach links abzubiegen, bietet sich mir ein beeindruckendes Bild: ein wirklich schon sehr alter Herr überquert gerade den Zebrastreifen eben jener Straße, in die ich einbiegen will. Er hat bereits etwa ein Drittel der Strecke hinter sich gebracht. Nur mit kleinsten Schrittchen kann er gehen, mit dem rechten Arm stützt er sich dabei auf einer Gehhilfe ab, den Blick nach unten direkt vor seine Füße gerichtet. Man erkennt sofort die totale Konzentration, mit der er zu Werke geht, um die Aufgabe zu bewältigen, sicher auf die andere Straßenseite zu gelangen, dabei aber auch einen gewissen Eigensinn und Stolz: „Ich kann das!“
Das eigentlich Beeindruckende aber geht von der Fahrerin des Wagens aus, der mir gegenüber steht, also aus der mir entgegengesetzten Richtung gekommen ist. Die vielleicht fünfundfünfzigjährige Frau am Steuer will ihrerseits rechts abbiegen, ihre Absichten kreuzen somit ebenfalls den Weg des alten Herrn. Ungewöhnlich ist der Abstand, den sie zu dem Zebrastreifen hält und auch, dass sie ihren Blinker nicht betätigt hat. Ganz ruhig steht ihr Wagen da, wartend, es geht nicht nur keinerlei Drängen von ihm aus, vielmehr vermittelt sich eine Einladung, der mühsam sich Weiterbewegende möge sich alle Zeit der Welt lassen. Und jetzt sehe ich, wie diese Einladung den alten Herrn erreicht und dass er sie dankbar angenommen hat: es ist, als orientiere er sich an der Freundlichkeit der netten Dame, und bewege sich in eben jenem Raum, den sie für ihn geöffnet hält. Irgendetwas lächelt an ihm, auch wenn ich sein Gesicht nicht sehe, das weiter konzentriert nach unten blickt.
Auch ich schalte meinen Blinker jetzt aus – ich stehe mitten auf der Kreuzung und dass ich links abbiegen will, ist für alle offensichtlich – und versuche, mich in diese wunderbare Szene einzufügen. Alles ist gut so, ein Aussteigen und tatkräftiges Helfen ist nicht nötig, so empfinde ich, alles ist gut.
Hinter mir halten jetzt zwei weitere Wagen, die ebenfalls wie ich nach links weiterfahren wollen, und ich merke gleich, dass mein „Alles ist gut“ nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, Nervosität erreicht mich, Ungeduld.
Es kommt, wie man es sich nur in einem schlechten Witz ausdenken sollte: In dem Moment, als die Fußgängerampel für den mit höchster Gesammeltheit Weitergehenden – er hat inzwischen die Hälfte des Weges geschafft – auf Rot umspringt, fängt der Fahrer des hinter mir wartenden Wagens an zu hupen, mehrfach und anhaltend: „Es ist Rot, Du darfst da gar nicht mehr rübergehen!“
Der alte Herr bleibt einen Moment wie angewurzelt stehen, seine Gehhilfe hat er an sich gerissen wie etwas ihm Anvertrautes, das er noch vor sich selbst bereit ist zu retten, dann besinnt er sich und geht weiter, Schritt für Schritt. Ganz kurz hat er seiner Beschützerin einen Blick zugeworfen. Dann geht es wieder. Er lässt sich von ihr führen. Sie ist ganz bei ihm, ich kann das deutlich spüren. Sie entscheidet sich auch jetzt, nicht auszusteigen und ihn am zu Arm nehmen, sie hält ihn ganz sicher, ganz stark ist sie bei ihm, so deutlich und klar, dass das Hupen nach der ersten Schrecksekunde keine Wirkung mehr hat, auch auf mich nicht.
„Blöder geht’s nicht“, muss ich dennoch denken und habe mich damit leider sehr getäuscht, denn jetzt, als sei das Hupen das Startsignal, schert der kleine Smart, der hinter dem Huper gewartet hat, nach rechts aus und schießt an ihm und an mir in einem weiten Bogen vorbei, zieht dann nach links und ist im Begriff, vor mir in Richtung Zebrastreifen abzubiegen und hinter dem alten Herrn her über die Gegenfahrbahn seinen Weg fortzusetzen. Es ist ja Platz genug, man kann das machen, technisch ist es möglich.
Ich denke gar nicht nach, ziehe nur zwei Meter nach vorn und verhindere so das Manöver. Das Gesicht der blutjungen Frau am Steuer ist so gleichgültig wie das einer Spielerin, die einen Zug versucht hat. ‚Hat nicht geklappt‘, sagen ihre Augen, ‚ich denk‘ schon über den nächsten nach‘.
Natürlich, jetzt bin ich fast soweit, die Galle will hochkochen. Aussteigen, Tür aufreißen und zur Rede stellen!
Aber da ist diese andere Frau, der ich jetzt durch mein Vorfahren noch näher gekommen bin, und der alte Herr, der sich diesmal nicht hat erschrecken lassen, wie es scheint. Ich spüre ihre Verbindung. Viel stärker, viel stärker als jeder Zorn! Und schließe mich ihnen wieder an.
Endlich erreicht der tapfere Herr das rettende Ufer. Noch einmal hebt er kurz seinen Kopf und blickt seinen Schutzengel an, sie nickt nur leicht als Antwort. Dann löst sich die Situation auf.

Wut. Sie ist da, wenn sie da ist, daran gibt es nichts herumzudeuten. Aber sie sollte ein „Pro“ sein, das kein „Anti“ braucht.
Sie sollte sich nicht als „Für“ auf die Seite des alten Herrn schlagen, wenn sie ein „Gegen“ die Krawallfahrerin benötigt, um dieses „Für“ überhaupt aufzurichten. Sie sollte nicht „für“ Flüchtlinge wüten, wenn diese Energie ein „Anti“ braucht, das lieblos Handelnde niedermacht, um die eigene helfende Hand dazu im Kontrast sehen zu können.
Die junge Frau hatte die Chance, ein Exempel des Vertrauens in die Stärke unserer inneren Verbundenheit erleben zu können, das das Potenzial hat, sie aufzuwecken. Und nur dafür sollte unsere Wut den Kanal offen halten, den Kanal eines Vertrauens, dass wir den Weg zum Erkennen unserer essentiellen Verbundenheit als Menschen, als Lebewesen, nie ganz verlieren können, weil dieses unser Einssein unsere Wahrheit bleibt, was auch immer wir denken mögen.
In einer derart kanalisierten Wut hört endlich das „Gut – und – Böse – Denken“ auf! Dann hilft Wut, Fehler zu korrigieren, auch die Fehler von Hasspredigern und Mördern, ohne auch nur ein Quäntchen an Deutlichkeit des „No-Go“ ihrem Handeln gegenüber zu verlieren. Im Gegenteil: Vertrauen in die unkündbare Liebens – würdigkeit eines Jeden macht Deutlichkeit erst wahrhaftig, weil sie ihre innere Klarheit nicht an oberflächliche Emotionen verrät. Es ist das Vertrauen, das keine Ausnahmen kennt. Und das ist das Ende des „Bösen“ und des „Guten“, das das Böse braucht, um zu existieren.

Wer in die Tiefen des eigenen Glases geschaut hat, weiß von einer Wahrheit, um die hier niemand herumkommt, was auch immer er denkt. Das ist freilich eine Behauptung, die ich aber aus Überzeugung aufstelle:
Bevor Du Deinen schlimmsten Feind nicht in diesem Sinne freigesprochen hast, hast Du Deine allerschlimmste Befürchtung nicht überwunden: dass am Ende der Reihe der „Bösen“, noch hinter dem Huper, hinter der Smart-Fahrerin und hinter … dass ganz hinten als allerletzter Du selbst stehst und vergeblich auf Vergebung wartest.

Geben wir allen, die in Not geraten, die Hand, freundlich und auf die Kraft unserer Verbundenheit vertrauend, die wir niemals aufkündigen können, und die uns erlaubt, mit aller Deutlichkeit auf Fehler, Blindheiten und Selbstvergessenheiten zu schauen und auf sie zu zeigen, ohne einen „Bösen“ zu brauchen, der unser Gutsein spiegelt.
Ich meine, das ist die einzige Art, auch besagtem „Letzten in der Reihe“ zu zeigen, dass er sich nur geirrt hat, wenn er geglaubt hat, er sei nicht ganz und gar der Liebe wert.

Das ist meine Vision vom „Weltbürger“.

 

*

3 Gedanken zu “Flucht ans rettende Ufer

  1. Eine so wunderbare Vision, Michael! Ich wünschte, sie würde Kreise ziehen.
    Da ist es wieder, ganz Michael, der die Atmosphäre an einer einfachen Straßenkreuzung wahrnimmt, seine tiefen Gedanken dazu in wunderbarer Art aufschreibt, uns sie miterleben lässt und das verbindet mit einer ganz besonderen Weltanschauung, die der Welt gut tut.

    1. Herzlichen Dank, liebe Marion, für deine Worte!
      Es ist schon erstaunlich, wie anders man die Welt wahrnimmt, wenn man sich nur klarmacht, dass man überhaupt eine eigene Welt – anschauung hat, dass man nicht auf Objektives, Vorgegebenes schaut, sondern auf die eigenen Interpretationen der Wirklichkeit.
      Schauen wir vertrauensvoll!

      Michael

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