Viel Harmonie an der Elbe

Heute in der Dämmerung des Morgens hat man den ein oder andern gesehen, wie er mit Unverständnis in den Augen das Eis von den Scheiben seines Wagens gekratzt hat. Und trotz der Kälte zieht der Frühling viele durch die Nacht der Reeperbahn ins erste Licht des Tages, in dem sie sich mit all jenen treffen, die es geschafft haben, ihrem Bett um fünf Uhr oder noch früher zu entkommen, um dem Vorsatz von gestern Abend treu bleiben zu können, heute auf den Fischmarkt zu gehen. Noch oder schon etwas müde, schlendern hier Touristen, Einkäufer, Zuhälter und Partygänger einträchtig  nebeneinander her, während ihnen der kreischende Gesang der Möwen und die derben Sprüche der Marktschreier um die Ohren fliegen und die Reflexionen des aufkommenden Lichtes sie dabei freundlich ins Wachwerden locken.
Die Natur ringsherum hat sich endgültig dem Winterschlaf entrissen, es sprießt und blüht überall. Selbst die Elbphilharmonie  scheint aus ihrer jahrelangen Depression zu erwachen, in die sie Habgier, Klüngel und gnadenlose Unnachgiebigkeit getrieben haben. Inzwischen kostet sie das Zehnfache des anfangs angepeilten Betrages und niemand kann stolz sein auf die Jahre des Krieges zwischen den Beteiligten, die alle ja nur ihre heiligen Interessen vertreten wollten, ein Krieg, der in den Stillstand der Baustelle geführt hat, während nur noch vor Gericht miteinander gesprochen worden ist. Zum Glück hat sich irgendwann der Überdruss am fruchtlosen Streiten eingestellt und der hanseatische Pragmatismus ist zum Retter der Situation geworden. Seitdem läuft alles wie am Schnürchen, hört man – und voller Harmonie.
Und wer eben mal nachschauen möchte, ob er irgendwo noch zehn Millionen Euro herumliegen hat, der könnte sich, falls er fündig würde, die Wohnung ganz oben in der Elbphilharmonie kaufen und von dieser erhabenen Position aus auf den Fischmarkt blicken, wo die Sonne jetzt vom Rand der Welt aus herüberlugt, um ihr strahlendes Lächeln sicher auch dem zu schenken, dem die Harmonie zu viel geworden ist und der die Kohle deswegen in den Taschen der anderen sucht.  Sonntagmorgen in Hamburg.

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3 Gedanken zu “Viel Harmonie an der Elbe

  1. Die beliebte Harmonie, die manchmal trügerisch sein kann. Deine Zeilen zeigen es, deine Überschrift und Worte nehmen mit in das Erwachen des beginnenden Tages, eine besondere Atmosphäre entsteht und dann lässt du erkennen, dass da einer schreibt, der nicht von oben schaut, er blickt von da aus, wo das Leben stattfindet. Er streut gute und wichtige Fragezeichen in die Harmonie hinein. Diese Fragezeichen braucht es.

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