Gespräch mit einem Freund

Das Schicksal wollte es, dass wir plötzlich beide eine Menge Zeit hatten: du hattest dein Rentenalter erreicht und mich zwang ein Problem mit meinem Rücken in den Krankenstand. So gesehen war ich es, der den Aspekt der Krankheit in unser Gespräch einbrachte, das wir seit gut dreißig Jahren führten und das sich jetzt für etwa eineinhalb Jahre erheblich intensivieren sollte. Zunächst trafen wir uns beinahe jeden Tag in einem Café auf dem Marktplatz unseres Stadtteils, genau auf der Hälfte des Weges zwischen unseren Wohnungen, die etwa achthundert Meter auseinanderlagen.  

Etwa ein dreiviertel Jahr genossen wir dieses Privileg der Wohlbehütetheit und sprachen wie immer über Gott und die Welt. Wir nannten uns beide „Christen“, du warst in traditionellen lutheranischen Kreisen gedanklich zu Hause und betreutest an zwei Tagen der Woche alte Menschen in einem christlichen Seniorenheim, ich war mehr der Philosoph, der von Gott immer dachte, man müsse ihn ohne spezielle Terminologie und ohne sperrige Rituale erreichen, um an Ihn als etwas Wahres glauben zu können.  

Jesus Christus aber war für uns wie eine Wegkreuzung, wo wir uns immer wieder trafen und an unseren besten Tagen, mein Freund, da bemerkten wir schon, dass, wie auch immer wir argumentierten, die Wahrheit eine einzige sein und für alle gelten musste, wenn sie irgend einen Sinn ergeben sollte. 

Wie passen Gott und die Welt zusammen? Ist angesichts der Krisen, Konflikte, Grausamkeiten und vor allem der Endlichkeit des Lebens Vertrauen in einen Gott der Liebe gerechtfertigt oder machen wir uns einfach nur etwas vor, wenn wir an ein ewiges, heiles und unverletzliches Leben in liebevoller Geborgenheit glauben?

*

Die Zeit des in angenehmer äußerer Umgebung geführten Gesprächs ging mit deinem Schlaganfall jäh zu Ende. „Krankheit“ baute sich als unumgängliches Thema vor uns auf und wurde riesengroß, schien unser Gespräch in die Knie zwingen und erdrücken zu wollen, indem es alles an sich riss und beherrschte. Du konntest anfangs kaum sprechen, das Essen fiel schwer, Alltäglichkeiten wurden zur Mühsal. Dann wurde eine große Herzoperation notwendig, von der du dich nur schwer erholtest und schließlich, als es gerade aufwärts zu gehen schien, fiel eine weitere Krankheit über dein Herz, das es noch mehr schwächte.  

Krankheit. Es schien nur noch ein Thema zu geben, das sich an Zwischenzielen, körperlichen Perspektiven und ärztlichen Heilmaßnahmen orientierte.

Und dennoch war die Frage, ob Vertrauen gerechtfertigt sei, zwischen uns ausgesprochen und nicht mehr zu leugnen. Und die Antwort war immer mit uns.  

Einmal leuchtete sie auf, als du drei Tage lang nach deinem Schlaganfall ohne Wörter und ohne klaren Gedanken warst und dir ein anderer Freund, der selbst schwer erkrankt war, eine Tondatei mit vertrauten Liedern, die du bei deiner Arbeit in deiner Gemeinde mit der Gitarre begleitet hattest, schickte und dich an allen Einschränkungen vorbei am Ort deines tiefsten Verstehens erreichte und unendlich damit tröstete.
Die eine Antwort, die uns nur wie tausend Fragen vorgekommen war, sie war in allen neuen Schwierigkeiten, in allen Begegnungen mit Ärzten und Therapeuten, mit deiner Frau, deiner Schwester… ja, und auch mit mir: sie war in jedem Wort, jeder Geste, jeder Berührung, jedem Winken, wenn ich wieder mal dein Krankenzimmer verließ: bis morgen, mein Lieber!  

Sie war in allem in dem Maß, in dem wir das so sehen wollten. Und dort …. war sie tatsächlich!  

Als du starbst, waren deine Lieben um dich, und die Antwort wurde ebenso groß wie zuvor die Fragen, die still und stiller wurden und einem einfachen, alles erklärenden Frieden Platz machten.
Und jetzt, mein Freund, bin ich hier allein. Unser äußeres Gespräch ist zu Ende gegangen, unsere Fragen sind alle gestellt und vergangen. Aber die Antwort ist nach wie vor da und in ihr können wir nicht getrennt werden. Leb‘ wohl! Wir gehen gemeinsam!

 

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2 Gedanken zu “Gespräch mit einem Freund

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