Autor: Michael

Wegkreuzung

Adrian war nicht an der gewaltigen Aura von Traurigkeit vorbeigekommen, die von der gramgebeugten Gestalt ausging und den ganzen Park auszufüllen schien, und hatte sich einfach neben die kleine, schlicht gekleidete Frau auf die Bank gesetzt. An dem weißen Kragen, dem Kollar, das er trug, konnte man ihn als Priester erkennen. Ganz jung war er nicht mehr, im letzten Jahr hatte er seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert. Aber seine Augen waren hellwach, und freundlich hatte er sie auf die Frau gerichtet, während ihn eine Art abwartender Aufmerksamkeit umgab, in die nach und nach die Traurigkeit, die seine Banknachbarin eben noch ausweglos umstellt hatte, wie einzuströmen schien, um  einer namenlosen Nähe Platz zu machen.

Ohne dass sie noch ein Wort gesprochen hatten, war zwischen beiden schon reges Gespräch. In der rechten Hand hielt die vielleicht vierzigjährige Frau ein kleines, silbernes Kreuz, das sie behutsam in ihren Fingern hin- und herwendete und von dem ein Funkeln auszugehen schien – oder eher waren es wohl die Bewegungen ihrer Hand und ihrer Finger, die im Kontrast zu ihrem eingesunkenen, düsteren Habitus voller Zartgefühl von Vertrautheit und Dankbarkeit sprachen und damit dieses Funkeln hervorgebracht haben mochten.

Hierhin hatte Adrian seinen Blick gerichtet, als er sie schließlich ansprach: „Was bedeutet Ihnen das Kreuz?“, fragte er aufblickend und der Frau jetzt in die Augen schauend.
„Ich bin krank. Sie haben es mir gerade gesagt. Im letzten Jahr erst hab‘ ich meinen Mann verloren, er ist auf einer Bergtour abgestürzt. Und jetzt bin ich dran. Gibt wohl keinen Zweifel, sieht schlecht aus.“

Adrian wandte den Blick von ihr ab, lehnte sich zurück und schaute mit ungebrochener Aufmerksamkeit in die Kronen der Bäume, in die gerade ein Hauch von Grün eingezogen war. Eine ganze Weile schwiegen sie, als sei alles schon gesagt. Wie zwei Vertraute saßen sie da, und obgleich zwischen ihnen ein guter Meter Abstand war, schien es, als lehnten sich ihre Schultern aneinander an.

Schließlich ergriff Adrian wieder das Wort: „Viele wenden sich gerade deshalb vom Christentum ab, weil sie ihm vorwerfen, ein Folterinstrument als zentrales Symbol zu verwenden.“
„Die verstehen nichts“, antwortete die Frau neben ihm leise, „aber ich glaube nicht, dass ich die richtigen Worte habe“.
„Sie haben das Kreuz verstanden, nicht wahr?“, fragte er zurück, und es war ganz offensichtlich, dass er ihr keine Predigt halten wollte, sondern aufrichtig daran interessiert war, wie sie dachte.
„Ja, das Kreuz habe ich verstanden. Es hat Ihn nicht töten können“, hörte er sie sagen und atmete tief auf,  erleichtert, sich nicht in dieser äußerlich so unscheinbaren Frau getäuscht zu haben. Ganz offensichtlich sprach sie nicht von dem, was die Kirche verstand und vermittelte, sondern von ihrem eigenen Erleben. Und sie sprach von Ihm, von Jesus.
„Obgleich er gestorben ist“, fragend, fast provozierend sah er seine Nachbarin an.
„Sein Körper ist gestorben, ja.“

Adrian lehnte sich wieder zurück und schwieg. Auf seinem Gesicht lagen die Schatten der langen Geschichte seines Werdeganges. Nicht ohne Wehmut dachte er an die Begeisterung, die ihn damals ins Priesterseminar geführt hatte.  Dann aber waren die Hierarchien, Machtgelüste, weltfremden Rituale und Dogmen der Kirche sein Alltag geworden, und nur mit großer Mühe hatte er sich von dem erstickenden Denken im Umgang mit dem Mythos freihalten können, den für ihn die Sprache des Christentums gemeinsam mit ihren Bildern und Ritualen bildeten und der nur höchst selten und nur von Einzelnen überhaupt als solcher wahrgenommen wurde. Für seinen nach Freiheit hungernden Geist war das oft zur Quelle furchtbarer Qualen geworden. Sein Bedürfnis war es immer gewesen, das Gemeinsame mit anderen Religionen und spirituellen Traditionen zu sehen, sozusagen den Pfeil überall zu entdecken, der auf den einen Mittelpunkt zeigte, aber in einer Kirche mit tief verwurzeltem Alleinanspruch auf die Wahrheit fühlte er sich damit einigermaßen allein.

„Wissen Sie“, begann er wieder zu sprechen, „Ich bin nur wegen Ihm in der Kirche. Zu Jesus hab‘ ich eine Art familiäres Verhältnis, Er ist wie ein großer Bruder für mich. Ich hab‘ schon als Kind fest daran geglaubt, dass es für uns alle nur eine Wahrheit geben kann. Und daran glaube ich noch immer, das IST mein Glaube! Und so hab‘ ich Ihn auch verstanden!“

„Es war auch ein Kind, das mir dieses Kreuz hier geschenkt hat, als das mit meinem Mann passiert ist … lächelnd hielt die Frau Adrian das kleine Silberkreuz hin, der es behutsam in die Hand nahm. „Meine Nichte, sie ist erst acht, es war ihr eigenes, sie hat es mir einfach so gegeben …  da hat sich etwas getan in mir in diesem Moment, da hat sich was verschoben … auch wenn‘ s komisch klingt: seitdem ist in mir diese Ahnung, was das ist: die eine Wahrheit.“
Adrian wendete nun seinerseits das Kreuz in seiner Hand hin und her, und es war ihm, als könne er in der einfachen Struktur und der kühlen, glatten Oberfläche all das Feingefühl und die Liebe dieses Kindes spüren.
„Es hilft mir, mich zu erinnern, an das Gute, an mein eigentliches Leben. Wissen Sie, das mit der Krankheit, das werde ich einigermaßen verkraften. Aber da ist noch mehr. Ich bin in den letzten Wochen im Internet in etwas hineingeraten, das sie Shitstorm nennen. Es war nur ein kurzer Kommentar von mir in einem Blog, der das ausgelöst hat – sie haben mich geschlachtet. Sie haben meine Worte aus dem Zusammenhang gerissen und willkürlich verdreht, nur um mich weiter angreifen zu können, und es hat kein Ende genommen. Anfangs hab‘ ich noch versucht, mich zu erklären und Verdrehtes richtigzustellen. Viel zu spät erst hab‘ ich gemerkt, dass sie nur noch töten wollten, sie haben jede meiner Bewegungen einfach als Angriff definiert, auf den man schießen darf und sie haben immer auf mein Innerstes, mein Vertrauen in mich selbst gezielt. Ich bin vogelfrei für sie gewesen. Das ist … ich bin fast in Angststarre verfallen. Es sind auch viele dabei gewesen, mit denen ich mich schon länger austausche, die Intimes von mir kennen. Alles ist gegen mich geschleudert worden, das hat sich dann vollkommen  verselbständigt und leider weit herumgesprochen. Meine Nachbarn und Arbeitskollegen wissen auch davon. Es ist die Katastrophe. Die ausgesprochenen Bosheiten stehen im Raum, für niemanden mehr ist zu erkennen, ob und wie ich sie mir in irgend einer Weise verdient habe. Wenn ich das über einen anderen lesen würde, ich glaub‘ nicht, dass ich mich dem entziehen könnte: da muss ja was dran sein!  Ich bin geteert, gefedert und vor die Stadttore gejagt worden! Und damit komm‘ ich nicht zurecht, das geht mir an die Substanz, ich hab‘ kaum noch Boden  unter den Füßen!“
Während sie von diesen Vorkommnissen erzählte, schien die kleine Frau noch ein wenig mehr in sich zusammenzusinken, jetzt aber richtete sie sich etwas auf, als sie sagte:
„Und wissen Sie, was das Schlimmste ist: es ist mir klar, dass ich nicht unbeteiligt bin an dem Ganzen. Ich kann zu dem Kommentar stehen, es war eben meine Meinung zu einem gesellschaftlichen Thema, aber trotzdem war es lieblos, es war sogar gnadenlos und jedenfalls ohne jeden Raum für Vergebung, was ich da gesagt habe. Klingt komisch, nicht? Aber es ist wohl schon so, dass man die Dinge, die einem passieren, anzieht, finden Sie nicht auch?“
Adrian antwortete nicht, jedenfalls nicht mit Worten. Die Tür zwischen ihm und dieser Frau, die er noch nie zuvor gesehen hatte, stand sperrangelweit offen, alles was sie sagte, kam in gewisser Weise auch aus seinen Gedanken.

„Ich hab‘ überhaupt ziemlich viel falsch gemacht in meinem Leben!“, hörte er sie weitersprechen, „wir kreuzigen uns ja jeden Tag gegenseitig, wenn wir uns anfeinden und die Schuld immer beim anderen suchen und dafür unsere tausend Gründe finden … Es ist doch grotesk: das einzige, was nie in uns sterben kann, nageln wir ans Kreuz. Aus Angst. Es ist nur Angst. Aber genau damit sind wir ohne Liebe – nein,  so kann man das natürlich auch nicht sagen … nicht ohne Liebe, das geht nicht  … sie ist ja weiter da, aber wir glauben das dann nicht mehr … das ist das eigentliche Kreuz!“

Für einen Moment vertiefte sich die Traurigkeit wieder über ihrem Gesicht, sie zögerte, bevor sie, leise geworden, sagte: „Und wir werden krank, wie ich, weil wir an diesem scheinbaren Verlust verzweifeln. Ich kann mich nicht ausschließen. Mein Glaube ist da, aber er ist nicht sehr stark. Jesus war stark, Er hat den Glauben an die Liebe nicht aufgegeben, das spür‘ ich, Er ist im Leben geblieben! Das Kreuz hat ihm nichts anhaben können, Er hatte Vergebung als Antwort auf Gewalt. Gewalt ist nur Vergessen. Und das da, dieses kleine Geschenk von meiner Nichte, das erinnert mich. Die Liebe ist immer da. Für uns alle.“ Zögerlich, aber doch mit einer deutlichen Bitte zeigte sie jetzt auf das Silberkreuz, das ihr Adrian vorsichtig wieder in ihre Hand zurücklegte, wie einen großen Schatz.

„Was ist unsere Substanz, was ist unser Boden, was sind wir? … Kannst du dir vorstellen, dass wir beide in diesem Moment gar nicht krank sein können?“, Adrian hätte nicht sagen können, woher ihm diese Frage gekommen war, und auch nicht, was ihn dazu bewegte, plötzlich „du“ zu sagen, völlig unvermittelt sprach er aus, was ihm in den Sinn kam, und er blickte der Frau, die ihm jetzt viel größer und wie von einem weiten, offenen Athem umgeben vorkam, in ihr wieder hell werdendes Gesicht, das ihn und seine erstaunliche Frage in sich aufnahm, und das sich weiter öffnete und weiter und zur Antwort wurde, und als wolle er die letzten Schatten fragender Traurigkeit aus dem kleinen Park lösen, fegte ein kleiner Windstoß durch die Kronen der Bäume, deren junges Grün die letzte Starre des Winters abschüttelte und sein Einverständnis flüsterte.

*

Was geschieht?

Was geschieht,
Wenn einer von uns gehen muss?
Was das Auge sieht?
Ist Leben tot, ist Schluss?

Gibt es einen Schritt hinaus?
Wohin?
Meine Worte reichen nicht zur Antwort aus,
Doch Antwort IST, wo ohne Angst ich bin.

*

Am Ende einer Reise

Das zufriedene Lächeln einer stolzen Mutter lag auf Susannes Gesicht, als sie im Rückspiegel sah, dass Svenni eingeschlafen war. Sechs Jahre zählte er jetzt  – ‚unglaublich‘, dachte Susanne, ‚als wäre ich gestern noch mit ihm schwanger gewesen‘. Letzte Woche hatte er Geburtstag gehabt und sich eine Reise nur mit seiner Mama gewünscht.
Sie hatten drei Tage lang Hamburg unsicher gemacht, waren im Miniaturwunderland gewesen, hatten das Rathaus besucht, eine Hafen- und eine Stadtrundfahrt gemacht und, na ja – wieder schaute Susanne in den Spiegel, diesmal aber, um sich für einen Augenblick an dem unglaublichen Rot ihres neuen Lippenstifts zu weiden – shoppen war die Mama natürlich auch ein wenig.

Sie liebte ihren Sohn sehr, nach seiner Geburt waren die letzten Schatten eines alten Lebenszweifels von ihr abgefallen, der sie begleitet hatte, seit …
Sie war damals noch jünger gewesen als Svenni jetzt, knappe fünf, als ihre Eltern sie in ein Kinderheim gebracht hatten, um allein in Urlaub fahren zu können. Sie hatte an eine gemeinsame Reise geglaubt und plötzlich war da dieses Heim gewesen, und ohne jede Erklärung war sie dort zurückgelassen worden. Ein Schatten fiel über Susannes Blick, als sie an diesen Moment dachte, den sie noch so deutlich erinnern konnte. Sie wäre fast daran gestorben. Zwei Wochen lang hatte sie sich jede Nacht mehrfach übergeben müssen und wenn Püppi nicht gewesen wäre … die kleine Stoffpuppe, die ihr die Mutter auf der Fahrt ins Heim wortlos in die Jackentasche gestopft hatte, … sie hätte das nicht überlebt, dieses bodenlose Gefühl, dass alles, was sie dachte, sagte oder tat, dass jede ihrer Bewegungen das Rätsel in ihr größer werden ließ, für das sie einfach keine Antwort hatte. Einmal hatte sie in der Sandkiste angefangen,  den Sand zu essen, getrieben von einem diffusen Gefühl, damit vielleicht etwas rückgängig machen, kitten zu können … was fehlte, das hatte wohl den Namen „Mama“ gehabt, aber was wirklich passiert war, dieser Einbruch ihres fundamentales Vertrauen, das hatte sich nur so darstellen können – sprachlos, bewusstlos ein Äquivalent suchend, das keine Erlösung ihrer Qual brachte, aber wenigstens der Ohnmacht irgendeine Gestalt gab. Löffelweise hatte sie Sand gegessen.

Sie hatte auch später nie mit ihren Eltern darüber gesprochen, aber seit dieser Zeit hatte es in ihrem Fundament einen Riss gegeben, der ihr die Leichtigkeit genommen hatte und sie grüblerisch hatte werden lassen.
Aber er war geheilt! Susanne tauchte aus ihren Erinnerungen auf und blickte noch einmal kurz in den Rückspiegel: seit er da war, Svenni, war auch ihr Vertrauen wieder heil,  die Unsicherheit war nur noch zu spüren in ihrer Erinnerung, aber nicht in dem,was sie jetzt war, der Riss war geheilt, ihr Kind hatte sie wieder davon überzeugt, dass es gerechtfertigt war, an Vertrauen als den eigenen Boden zu glauben.

Sie trug ihren Eltern, die längst gestorben waren, schon lange nichts mehr nach. Erleichtert atmete sie auf, froh, dass diese Erinnerungen jetzt noch einmal aufgetaucht waren, weil sie dabei merken konnte, dass die Liebe, die sie zu ihre Eltern spürte, nicht mehr von diesen Erinnerungen verdeckt werden konnte.
Susanne hätte am liebsten geweint vor Glück in diesem Moment, aber sie fürchtete, Svenni werde aufwachen und zu viele Fragen stellen. Und überhaupt war sie froh, dass er schlief, er war von den vielen Eindrücken ziemlich aufgedreht gewesen in den letzten Stunden, der Schlaf tat ihm sicher gut.

Sie fuhr den Klosterwall hinauf in Richtung Hauptbahnorf und sah schon aus einiger Entfernung, dass an der großen Kreuzung ein Wagen bei Rot hielt, auf den von der Seite her eine beeindruckende Gestalt zuging, zweifellos ein Bettler, der die halbe Minute erzwungener Wartezeit ausnutzte, um die Fahrer um Geld zu bitten. Beeindruckend war die Größe des Mannes, ein Riese, sein vollkommen verwahrlostes Äußeres und das unglaubliche Chaos seiner Bewegungen, das nicht mehr nur mit Alkohol zu erklären war. Susanne drosselte unwillkürlich ihr Tempo und rollte ganz langsam weiter, zwanzig Meter waren es vielleicht noch, bis sie würde halten müssen. ‚Ein Verrückter‘, kam ihr in den Sinn, ‚was macht der da?‘, und sah, wie der Mann eine Art Veitstanz vor dem schon haltenden Wagen aufführte, dessen Fahrer durch das geschlossene Fenster mit heftig abwehrenden Bewegungen zu erkennen gab, dass er nichts zu geben entschlossen war.
Susanne hielt in ungewöhnlich großem Abstand zu ihrem Vordermann an, ‚vielleicht‘, dachte sie, ‚ist es ihm zu weit und er kommt gar nicht her‘, spürte aber , dass sie dabei einer Reaktion folgte, die gar nicht zu ihrer Gestimmtheit passen wollte. Sie fühlte in diesem Moment eigentlich nichts außer einer Art tiefer, offener Neugier.
Der Mann gab sein Ansinnen bei dem ersten Wagen auf und wendetet sich jetzt ihr mit einer ruckartigen Bewegung seines Kopfes zu,  sein langes wildes Haar schien dabei entgegen aller physikalischen Gesetze in eine selbstgewählte Richtung davonzufliegen.
Er schaute Susanne direkt in die Augen, hielt den Blick länger, als sie es ihm zugetraut hätte. Schließlich griff er  in seine Manteltasche, hatte plötzlich einen Apfel in seiner rechten Hand und holte weit aus, um ihn als Wurfgeschoss in ihre Richtung zu schleudern.

Im letzten Moment hielt er die Bewegung auf und ging auf ihren Wagen zu. Susanne konnte jetzt lesen, was auf dem Schild stand, das er sich um den Hals gehängt hatte, in krakeligen Buchstaben wurde da von einer kleinen Tochter berichtet, die er zu versorgen habe.
Susanne sah das Bild eines kleinen Mädchens neben diesem Mann vor sich und sie spürte die Neugier weichen und etwas Platz machen, das sie überraschte, weil auch jetzt, als er immer näher kam, ihr Eindruck nicht zu leugnen war, dass es ein Wahnsinniger war, der da auf sie zukam. Und deshalb staunte sie darüber, dass sie nicht den leisesten Hauch von Angst empfand, aber das war noch nicht das Eigentliche: sie empfand vielmehr, dass sie ihm etwas zu sagen habe, bzw. zu geben, ohne zu wissen, was das genau sei, und ohne zu zögern ließ sie ihre Fensterscheibe herunter.
Jetzt war er direkt neben ihr und wiederholte seinen unheimlichen Tanz, gestikulierte dabei wild mit seinen Armen und Händen, aus seinem zahnlosen Mund kamen unheimliche Laute und sein Gesicht verzog sich zu grotesken Grimassen, während er ihr   immer wieder kurz die Hand hinhielt: ’sprich mich nicht an, ich will nur Geld‘, las Susanne an der Oberfläche dieser traurigen Theatralik.

„Hör‘ mal“, sprach sie ihn dennoch  in einem milde-vorwurfsvollen Ton an, immer noch getragen von ihrem Gefühl, ihm etwas geben zu sollen, „du wolltest mit einem Apfel auf mich werfen, und jetzt willst du Geld von mir?“
Für einen Augenblick schien aller Wahnsinn von dem Riesen zu weichen, der mit seinen wirren Bewegungen und seinem Kauderwelsch schlagartig aufhörte und Susanne anschaute, als habe ihn seit vielen, vielen Jahren endlich einmal wieder jemand als einen verständigen Menschen angesprochen, … nein, das war noch mehr … als habe ihn jemand seit Urzeiten wieder als Mitmenschen angesprochen.
Susanne nahm einen Euro aus ihrer Geldtasche und hielt ihm die Münze hin. Langsam  formte er seine Hände zu einer Schale, so sorgfältig, als solle eine höchst wertvolle Flüssigkeit eingefüllt werden, von der nichts verloren gehen dürfe, und ließ sich von ihr das Geld hineinlegen. Dabei streifte ihre Hand die seine, und da war in diesem einen Moment … – Susanne war sich ganz gewiss – auch bei ihm: nicht ein Hauch von Angst. Und nicht die Spur von Wahnsinn.

Als sie weiterfuhr, schaute sie nach hinten zu Svenni, er hatte nichts mitbekommen, und Susanne war froh darüber. Im Außenspiegel sah sie noch, wie der Mann langsam wieder auf den Fußweg zurückging. ‚Du hast mehr Sand essen müssen als ich‘ dachte sie, ‚aber deswegen hab‘ ich Dich erkannt, es war derselbe Sand‘.

*

Kraft

Woher kommt die Kraft,
Die Alles
So erschafft,
Dass Leben wohl gelinge?

Welche Macht
Hat Adlern
Fliegen beigebracht,
Und dass die Amsel singe?

Wie kann es sein,
Dass du meine Worte
In der Tiefe noch
Verstehst,
Als sei’ns die Deinen?

Wo kommen unsre Tränen her,
Wenn wir um den Fremden weinen?

Das Lied der Amsel
Ist mir so vertraut
Wie des Adlers Flügelschlag,
Und ich hör‘ den Fremden in der Sprache,
Die mein Innerstes erkennt,
Dank jener Kraft und Quelle,

Die mir näher als mein Herz,
Das schlägt und fühlt und will,
Und unter allen Fragen, die ich stelle,
Wird diese eine still.

*