Autor: Michael

Kirchgang

Wir kennen uns nur flüchtig, und er wäre sicher mit einem kurzen Gruß an mir vorübergegangen, wenn ich ihn nicht staunend ob seines edlen Sonntagsoutfits angeschaut hätte. So bleibt er kurz stehen und erklärt sich:
„Ich muss in die Kirche da hinten, Kindstaufe, kleine Familienfeier“, sagt er in einem Ton, der mir eindringlich vermitteln soll, dass er kein gewohnheitsmäßiger Kirchgänger sei, was ihm offensichtlich wichtig ist, klarzustellen.
„Ah!, ja dann wünsch‘ ich einen schönen Tag!“, antworte ich meinerseits in Tonfall und Gestik Verständnis bekundend für das Potenzial der Situation, in dieser Hinsicht Missverständnisse hervorbringen zu können.
Er hebt schon die Hand zum Gruß, um weiterzugehen, hält dann aber inne, nimmt die Hand wieder herunter und blickt zu Boden:
„Vielleicht“ sagt er jetzt mit einer ganz anderen Intensität, „vielleicht kann ich das aber auch nutzen, um zu beten …“ – ich weiß nicht, ob es die Überraschung ist, dieses Wort von ihm zu hören, oder ob ich wirklich … jedenfalls kommt es mir so vor, als habe ich noch nie jemanden derart bedeutungsvoll das Wort „beten“ aussprechen hören – „meine Frau will sich von mir trennen, sie will sich scheiden lassen!“
Jetzt schaut er mir mitten ins Gesicht, und da ist nur nackte Offenheit, nichts sonst: ‚Ich weiß nichts mehr, sag‘ Du!‘

Was ist „Beten“ anderes als das! Am Ende des eigenen Begreifens nach einem Raum zu suchen, in dem wieder Antwort ist.
Für einen Moment sind wir beide in der Kirche, sozusagen, ich nicht weniger als er, im prächtigsten Dom dieser Welt: im Erkanntwerden und Wohlwollen eines anderen Menschen.

*

Undichtung

Irma liegt schon in der Wanne,
– Über ihr wohnt die Susanne –
Als zu ihrem Schrecke
Fällt kalt es von der Decke
Ihr mitten auf den Kopf:
Tropf!
Ein Wasserschaden
Lässt sie nasser baden
Als sie gewollt,
Wovon sie grollt,
Und ahnungslos befüllt Susanne
Die eig’ne Badewanne.
Wozu das führt, das weiß ich nicht,
Irgendwas ist da nicht dicht!

*

Feentanz und Elfenreigen

Kannst Du das Schweigen hör’n,
Das Dich umhüllt,
Wenn scheinbar keine Antwort ist
Auf Dich?

Willst Du den leisen Reigen weiter stör’n,
Der Dich umtanzt,
Dich: Dein stolzes
Habenwollen-Ich?

Nie geseh’ne Elfen, ungehörte Feen,
Soll’n ewig ausweglos
Um Deine Klage sie
Ersterbend kreisen?

Würdest Du sie sehen,
Wie sie sich tanzend zu Dir neigen,
Dich alleine meinend,
Dir den Weg zu weisen,

Wäre Freude Deine Antwort nur
Und auf ihr Schweigen,
Und würdest hören und versteh’n,
Dass sie auf Dein Zuhause zeigen.

*

Sprachregelung

„Hallo? … Aahh, Yvonne, du! Ich bin gleich da, in a minute!
… Wie? … Nett, doch, sehr nett! Sie hat gleich bei mir angefangen, zwei Mal die Woche.
… Jaaa, doch, eine gaaanz Liebe, … vielleicht ein bisschen naiv …
… Hhm, hm … ja … genau! Naiv nicht, eher dümmlich, sie ist etwas dümmlich, wie? …
… Find‘ ich auch, das kann sie gaaar nicht, da ist sie einfach zu dumm. Sie ist dumm! Wenn man das mal erkannt hat, kann man auch sehen, wie uuunglaublich lieb sie ist! Dumm! Genau!
… Wie? Ja, ich freu‘ mich auch, ich seh‘ dich auch schon, huhu! … Jetzt gehen wir beiden Mädchen mal so richtig shoppen, was? … Ne, lieber zu Prada erst … Winkewinke, ich leg‘ jetzt mal auuuuuf!“

😦