Autor: Michael
Blindenhilfe
„Nö, wieso?“
Sie schüttelt erstaunt den Kopf auf meine Frage, ob ich ihr helfen könne.
„Ach deshalb!“, sagt sie und zeigt auf das Sehbehindertenzeichen an ihrer Jacke, „das geht schon, alles klar!“
Dass sie schon neunzig sei, erzählt sie dann und die Lebensfreude dennoch eher zunehme, „man muss sich für das Leben interessieren“, gibt sie ihr Geheimnis preis, und dann wirft sie die Arme in die Luft und krönt das Ganze mit der Schlussfolgerung ihres bis hierhin ja schon langen Lebensweges, die so manches ausgeklügelte Philosophiegebäude mit einem Lächeln milden Bedauerns zum Einsturz bringen und seine Trümmer der Sonne ihrer wunderbaren Heiterkeit aussetzen würde:
„Und der Geist, mein Herr, ich sage Ihnen, der ist nicht das Gehirn, der ist doch da und dort!“
Und dabei wirft sie ihre Arme den Bäumen entgegen, in die Wolken schleudert sie ihre ganze Lebensweisheit und über sie hinaus.
Zu guter Letzt gibt sie mir auch noch einen Buchtipp, „Junger Mann, das müssen Sie lesen!“: ‚Blick in die Ewigkeit‘, und ihr „Blindenzeichen“ scheint mich dabei geradezu anzugrinsen.
Ich wollte ja nur helfen ….
*
Das macht doch nichts …
„Weißt du, Martha, die ganze Situation hier … wenn jetzt jemand kommen würde und mir mitteilen müsste, dass ich nicht mehr lange zu leben hätte … ich würde nicht erschrecken! Was du da gestern noch zu ihm gesagt hast, das hat mir irgendwie die Angst vorm Tod genommen. Vielleicht kommt sie wieder, das halte ich sogar für wahrscheinlich, aber für den Moment …“
„Ich hab‘ nicht überlegt, ich hatte nicht einmal großartige Emotionen dabei, hab’s einfach gesagt, es … lag in der Luft … war da … ich hab’s nur ausgesprochen. Schon dass ich ihn letzte Woche nach dem Gespräch mit dem Arzt sofort mit nach Hause genommen habe, ist einfach so passiert, ich hatte das gar nicht geplant. Aber es war plötzlich ganz klar, dass ich das tun würde, dass es richtig war …“
„Martha, du musst nicht, das weißt du, aber würdest du mir sagen, worauf du ihm eigentlich geantwortet hast, was hat er dir ins Ohr geflüstert? Wir haben das ja nicht verstehen können.“
„Natürlich, Leo, vor dir hab‘ ich keine Geheimnisse! Er hat einfach nur gesagt: „Martha, Liebe, ich kann nicht mehr kämpfen.“ Und weißt du, das hab‘ ich auf eine ganz bestimmte Art gehört … ich war so in ihm drin, so … das kann man mit „Nähe“ gar nicht mehr beschreiben … ich hab‘ es wie eine Bitte gehört, etwas auszusprechen, worüber wir uns längst schon wortlos geeinigt hatten, es für euch, seine Freunde, auszusprechen. Ich hab‘ es gesagt, als sei es das Normalste der Welt: „Das macht doch nichts, wir haben dich alle schon losgelassen!“
„Danke, dass du mir das noch erzählt hast, Martha, er ist sehr friedlich gewesen danach, eigentlich gilt das für uns alle, wir sind alle friedlich geworden, nachdem du das gesagt hattest.“
„Ja, Leo, das sind wir, es war … es war einfach da.“
*

Berührung
Was denkst Du,
Sei es möglich,
Dass wir uns berührten,
Jetzt, in diesem Augenblick?
Kann ich glauben,
Dass Antwort
Auf die Frage,
Käm‘ als „Ja“ zu mir zurück
Durch ein Fließen
Hinter allen Dingen,
Jenseits unsres Denkens,
Das geheilt,
Von seinem Irrtum,
Das Wesen allen Lebens
Sei in tausend Teile aufgesplittert
Und zerteilt?
Und zerfalle einst ins Nichts?
Ist Dir zu trau’n?
Auch wenn du Dich verirrst,
An Tod und Teufel glaubst,
Das Böse und der Schrecken Dir Gefährten sind?
Bleibst du der einen Wahrheit Kind?
Berühr‘ Dich in Gedanken,
Die Antwort kommt gelind:
Dass es die Wahrheit sei,
Die ihre Kinder heil und unverloren wiederfind‘!
*
Begegnung
Was für ein bezauberndes Kind!
Vier Jahre ist er alt und spricht noch kaum, mehr als zehn Worte hab‘ ich nicht von ihm gehört in den letzten fünf Stunden.
Familientreffen. Elias ist mit seinen Eltern und dem drei Jahre älteren Bruder gekommen, um Tante C. zum Geburtstag zu gratulieren. Auch das macht er wortlos, stürmt sozusagen direkt in ihr Herz, ohne lange Vorrede.
Er hat ganz offensichtlich eine Art zu kommunizieren gefunden, die gänzlich ohne Sprache auskommt: Jede seiner Bewegungen, all seine Gesten sind so präzise, nein besser: sie sind so eindeutig und klar, dass man sofort weiß, was er „sagen“ will. Vieles erledigt er nicht nur wortlos, sondern auch sozusagen im Alleingang, z.B. die Exploration des Hängeschrankes hinsichtlich eventuell anzutreffender Süßigkeiten, und er zeigt dabei eine unglaubliche Körperbeherrschung, wenn er die notwendigen Kletterhilfen vor dem Schrank aufbaut und anschließend schwindelfrei und verantwortungsbewusst wie ein erfahrener Bergsteiger die erforderliche Höhe erklimmt.
Er fragt also nicht, ob er das tun darf, nicht mit Worten, aber alles an ihm bleibt ehrlich, offen, er setzt unser Einverständnis voraus, bei dem, was er unternimmt, würde sich aber jederzeit korrigieren lassen, so jedenfalls ist mein Eindruck.
Allmählich wird mir klar: genau das ist das Wichtigste für ihn: Dabei zu sein, mitzusprechen, in Kommunikation zu sein mit allen anderen, auf seine Art.
Als sein Bruder ihm ein Spielzugauto aus der Hand reißen will, wütend, weil es ihm gehöre, verteidigt er sich nur kurz, gibt es schließlich her, und dann … weint er. Ich habe noch nie ein Kind derart weinen sehen: ohne Gebrüll, ohne „aber ich!“, ohne Zorn. Er ist einfach nur traurig. Es geht ihm gar nicht um das Auto, er spürt vielmehr den Schnitt, die Abgrenzung, die Absage ans Gemeinsame, er spürt Rangordnung, Habenwollen, Besitzrecht, und er spürt die Anklage an ihn. Zutiefst betrübt lässt er sich von der Mutter nur allmählich wieder trösten. So stimmt die Welt nicht mehr für ihn.
Irgendwann sitze ich auf dem Sofa neben Tante C. Elias hat sich hinter ihrem Rücken angeschlichen, ist irgendwie auf die Rückenlehne geklettert und in dem Moment, als ich ihn entdecke, stürzt er sich von oben auf mich. Ich fang‘ ihn auf … oder er mich? Er lässt sich mit seinem vollen Gewicht auf mich fallen und doch … ganz behutsam landet er auf mir, sanft wie ein Feder. Unglaublich! Einen Moment lang schauen wir uns an wie Verbündete, die sich hinter dem Rücken der anderen zublinzeln: so ginge es auch, nicht wahr?
Was für ein bezauberndes Kind, das noch von keinem angriffslustigen „Ich“ vergiftet kommunizieren kann, noch nicht gelernt hat, mit den Fallgruben unserer Worte zu taktieren, noch so … unmittelbar ist.
Er ist ein Segen für seine Familie, die den ersten Schreck, als klar wurde, dass Elias‘ Gene die besondere Konstellation der Trisomie 21 aufweist, vollständig erholt hat. Er hat etwas unsagbar Wertvolles für alle mitgebracht. Ich werd‘ Dich jedenfalls nie vergessen, kleiner Mann, und wie du mich mit deinem ganzen Wesen überfallen hast …
*
Antwort an die Angst
antwort gebend
ob vertrauen oder angst
sei deine gabe an das leben
das als geschenk zu dir gekommen
zerreißt die kugel
die du dir als letztes wort erdacht
eines anderen herz
und ists doch auch dein eignes
das sich jetzt nicht mehr regt
erstarrt an deinem urteil
sinkst auch du in das
an was du
glaubst
den tod
und viele trifft die kugel noch
die diesen anderen geliebt
und dich geliebt
ja doch auch dich
du wärst nicht hier
wenn nicht der funke einer hoffnung
dich geboren
und trifft uns alle
als die eine selbe frage
…
Niemals kannst Du die Angst erschießen,
Sie kehrt zu Dir zurück,
Bis du die andre Antwort gibst;
Lass‘ sie ins unzerreißbar‘ Menschenherz zerfließen,
Aus dem Du kommst,
Nur aus dem einen Grund: damit Du liebst.
*