Autor: Michael
Excuse me
„Do you speak English?“, fragt er mich, sein Deutsch ist nicht besonders, und er will erzählen. Seine markanten Gesichtszüge, die davon sprechen, dass er in seinem Leben harte Entscheidungen getroffen hat, sind wie unterwandert von einer staunenden Milde, was seinem Antlitz etwas Geheimnisvolles gibt. Von Damaskus erzählt er zunächst, wo seine schöne Villa steht, „so ähnlich wie diese“, sagt er und zeigt stolz auf einen der prächtigen Altbauten, die den Hamburger Stadtteil Rotherbaum prägen. Lange war er jetzt schon nicht mehr in Syrien, „die Umstände sind nicht danach“. Hier wohnt er südlich der Elbe und verbringt dort jetzt den größten Teil seiner Zeit, auch wenn er trotz seiner zweiundsiebzig Jahre noch immer regelmäßig in sein Moskauer Büro fliegt. Und das, obgleich er dreimal in der Woche zur Dialyse muss, seine Nieren versagen ihm seit einem Jahr ihren Dienst.
„Die Krankenhäuser in Hamburg und in Moskau kooperieren“, sagt er, wiederum mit einer ordentlichen Prise Stolz, „um mir das Weiterarbeiten zu ermöglichen“. „Cooperation“ und „Communication“ sind seine Wörter, und sie sind ihm wichtig. Man hat sich sehr bemüht, herauszufinden, warum er seit der letzten Dialyse plötzlich starke Dauerschmerzen in den Muskeln und den Knochen hat, bisher ohne Erfolg, „aber sie werden es herausfinden“, meint er und holt tief Luft.
„Excuse me“, das wird er noch oft sagen, wenn er eine kleine Erzählpause macht und dann fortfahren will. Es wird ein Abriss seines Lebens und seiner Einschätzungen der Machtverhältnisse dieser Welt und man merkt: er hat eine Menge gesehen und erlebt. „Cooperation“ und „Communication“ sind die Eckpfeiler seines Glaubens an unsere Fähigkeit, in Frieden miteinander zu leben.
Syrien, Russland, die Ukraine, Putin, die Flüchtlinge, er holt weit aus. Und natürlich „Amerika“, wie er sagt, er sei nicht „anti“, aber er wolle Antworten auf seine Fragen.
Und dann macht er eine längere Pause. Und sein „excuse me“, bevor er zum letzten Teil seiner Erzählung kommt, klingt anders, es weint fast.
Er ist im Irak geboren. Von der Hochzeit erzählt er, die in der Nähe seines Heimatdorfes gefeiert werden sollte. Man habe Zelte errichtet, drei Tage und Nächte ein rauschendes Fest gefeiert und dabei auch, wie es der Brauch sei, in die Luft geschossen, Freudenfeuer.
„Sechshundert Menschen“, sagt er tonlos, „mussten sterben, als das Areal gezielt bombardiert wurde“.
„Excuse me, how can wie love them?“ fragt er und schaut mich an. Es ist die Frage eines Menschen, dessen Leben fast buchstäblich an seidenem Faden hängt und der mit dieser Frage nicht eine negative Antwort geben will, sondern ohnmächtig nach seinem eigenen Ausweg sucht. Ist da noch ein Weg? Die Milde hinter seinen harten Gesichtszügen spricht von einem „Yes“. Auch wenn es zögert.
*
Unter Linden
Ohne zu zögern hat er sofort nach dem Anruf für den nächsten Tag einen Flug von Barcelona nach Hamburg gebucht. Zwei Monate zuvor ist er zuletzt hiergewesen und hat beim Umzug seiner Schwester ins Altenheim geholfen. Jetzt haben ihn seine beiden Nichten angerufen, um ihm zu berichten, dass ihre Mutter wohl den Lebenswillen verloren habe, sie spreche nicht mehr, man wisse nicht, ob sie überhaupt noch jemanden erkenne, im Heim nenne man sie jetzt „debil“. Und seit einigen Tagen habe sie auch keine Nahrung mehr zu sich genommen.
In Hamburg angekommen, begibt er sich auf dem kürzesten Weg zu ihr, seiner Schwester. Er war immer der schräge Vogel der Familie gewesen, seine Schwester diejenige, die ihn beschützt und verstanden hat. Bei ihr hat er sich alles erlauben können. Jetzt, kurz vor dem Altenheim, überfällt ihn die Ohnmacht: wie das zurückgeben, wie ihr helfen? Will sie wirklich gehen? Soll er die Töchter auffordern, mehr für ihre Mutter zu tun? Gibt es dieses „Mehr“? Er selbst lebt seit dreißig Jahren in Barcelona, hat dort seine Familie und hätte gar nicht die finanziellen Mittel, viel für seine Schwester zu tun. Was ist richtig? Wer soll das wissen? Was wird diese Begegnung sein, ein reiner Pflichtbesuch? Er spürt es anders, etwas zieht ihn mit Macht zu ihr, er weiß nicht, was. Bangend betritt er ihr Zimmer.
Es ist schlimmer, als er es sich vorgestellt hat, sie regt sich nicht, schaut ihn nicht an, erkennt ihn nicht. Er legt die Blumen auf den kleinen Tisch am Fenster, und dann spricht er eine halbe Stunde lang mit ihr, erzählt von sich, von seiner Familie, richtet Grüße aus. Dann die gemeinsam erlebte Kindheit: „Weißt du noch …?“
Nichts.
Sie reagiert überhaupt nicht. Sie erkennt nichts wieder. Sein Besuch war umsonst. So denkt er und bleibt noch zwei Stunden bei ihr sitzen, hält ihr die Hand, erzählt ab und zu noch etwas, und versinkt dabei zunehmend in ein erbärmliches Gefühl der Hoffnungslosigkeit.
Dann steht er auf, um zu gehen. Sie reagiert nicht. Er geht bis zur Tür. Und kehrt wieder um, setzt sich wieder hin. Es ist ihm etwas eingefallen.
Er beginnt zu singen, die alten Lieder, die man in der Familie gesungen hat: „Der Jäger aus Kurpfalz“, „Das Wandern ist des Müllers Lust“, „Kein schöner Land“.
„… in dieser Zeit …“,
und da singt sie einfach mit: „… als hier das unsre weit und breit …“.
Sie blickt ihn an und da weiß er, warum er hergekommen ist.
„… Wo wir uns finden,
wohl unter Linden,
zur Abendzeit …“.
Später essen sie gemeinsam ein Leberwurstbrot. Es wird nicht viel gesprochen, und irgendwann merkt er, dass sie gerne wieder allein wäre und verabschiedet sich.
Ich treffe Klaus auf dem Weg zum Flughafen, er muss zurück. Die Unsicherheit bleibt, was aus seiner Schwester wird, aber seine Ohnmacht hat ihn verlassen.
„… Wo wir uns finden,
wohl unter Linden,
zur Abendzeit“.
*
Huuuup!
Friederich, der hupt so leidenschaftlich gern,
Ganz dicht bei und auch von fern,
Wenn ein Hindernis – ein Mensch, ein Rad,
ein Durchfahrtstrengstverbot –
Seine Wunschgeschwindigkeit und -richtung
dreist zu hemmen droht.
Was für Viele ist Verdruss,
Ist für Friederich Genuss,
Hupen sei befreiend, löse Stressblockaden,
Helfe gegen Aggressionsstau, Asthma, Zwicken
in den Waden,
Und man komme schneller auch zum Ziel,
Wenn man mal zum Beispiel rasch nach Hause will.
Ziemlich kurz und leidlich gut:
Drum Friederich gern hupen tut.
*
Eingebung
Was Du denkst, was Du weißt,
Sei Dein Geist?
Mir kam da eben die Idee:
Dass er ist,
Was Du bist!
*
Resonanz
Als ich nach Dir rief,
Und nur Dein Schweigen hörte,
Tief, so unauslotbar tief,
Als wenn es ewig Dich mir zu entziehen schwörte;
Und nicht erschrak, und hatte keine Angst,
Da konnt‘ ich seh’n, worum Du, meine Seele, bangst:
Dass ich dem Schweigen Glauben schenken könnte,
Und mich an Angst, Verlust und all den
bunten Zeitvertreib gewöhnte,
Ich sah Dein still nur lächelndes Gesicht,
Und hörte, was es sprach: „Sei Du nur ruhig,
denn ich verfehl‘ Dich nicht!“
*