Autor: Michael

Blind date

„Mein Brustbein ist gebrochen!“, sagt sie,  fast ein wenig stolz,  weil sie schon wieder so tapfer unterwegs ist,  schließlich ist sie ja schon vierundachtzig! Ihr hohes Alter, meint sie lächelnd, sei allerdings wohl auch der Grund dafür,  dass die kleine Polizistin die Augenbrauen hochgezogen und „das muss ich eigentlich melden“ gemurmelt habe, und dann noch: „Na ja, wir werden sehen“.

Die alte Dame ist noch sehr beeindruckt von den Ereignissen der letzten Woche und erzählt in aller Ausführlichkeit, wie sie den auf der Linksabbiegerspur auf eine Gelegenheit zum Losfahren wartenden Wagen glatt übersieht und mit Tempo 40 ungebremst auffährt. Vor allem aber, und noch ausführlicher, erzählt sie von dem „netten Herrn“, der nach dem Unfall „einfach da ist“ und sich um sie kümmert, während die Polizei anderthalb Stunden verstreichen lässt, bis sie am Unfallort erscheint: „Er ist die ganze Zeit bei mir geblieben und hat mich getröstet“, sagt sie noch ganz gerührt davon, „den Schrecken hab‘ ich dabei fast vergessen. Er hat sogar noch zwei Stühle aus einem Restaurant besorgt und Wasser, und dann haben wir da eigentlich ziemlich gemütlich gesessen und über die Sache ganz ruhig gesprochen, so ein netter Mensch!“ „Das find‘ ich aber auch!“, sag‘ ich ganz aufrichtig und staune nicht schlecht, als sie hinzufügt: „Wenn Sie bedenken, dass ich da gerade in seinen Wagen reingerauscht war!“

Oho! Aha! Ich begreife erst jetzt, dass es sich bei dem „netten Herrn“ um den „Unfallgegner“ handelt, wie ihn die Versicherungen nennen werden, ganz zu Unrecht, wie ich meine, als Gegner hat er sich ja wahrlich nicht erwiesen!
„Er hat mich inzwischen auch schon angerufen“, sagt sie noch, und setzt nach einer kleinen Atempause hinzu: „Und ich ihn dann auch … ich glaube, wir sind befreundet!“

Da lacht sie hell auf, und ihr Lachen kommt aus großer Tiefe, wie bei jemandem, der schon lange weiß, was „befreundet“ wirklich bedeutet.

*

Grausam

Grausam weidest Dich an Bruders Schmerzen,
Einsam suchst Du endlich auszumerzen,
Was zu seh’n Dich ängstigt bis zum Grund,
Wo Du selbst gequält am Boden liegst und seelenwund,
Dort, wo einst desselben Bruders Hand
vertrauentlich in Deiner lag,
Welche Zeit –  was ist gescheh’n?  – dazwischen liegen mag?

*

Wohin des Weges?

Beide Mitte fünfzig, schätze ich, ein Ehepaar. Woran erkennt man das eigentlich immer so treffsicher? Sie haben vom Hotel Fahrräder ausgeliehen, ich nehme mal an, um eine Sommersonnentour durch die Schönste Stadt zu machen. Aber der Start gelingt noch nicht ganz: Sie bemerkt schon nach wenigen Metern, dass die Einstellung des Sattels auf die physiologischen Gegebenheiten ihrer Körperstrukturen nur suboptimal angepasst ist und steigt wieder ab, um dies zu korrigieren. Mir fällt auf, dass sie dabei keinerlei Kontakt zu ihrem Mann aufnimmt, nicht nur kein Wort an ihn richtet, sondern ihn mit keiner Geste in die Situation einbezieht. Aber das ist ja auch nicht nötig, sage ich mir, einen ersten klitzekleinen Verdacht verjagend, das erklärt sich hier ja schließlich alles von selbst! So scheint das ihr Mann im übrigen auch zu sehen, denn mit stoisch – gelassener Miene beginnt er jetzt, seine Frau weiterradelnd zu umkreisen, während diese sich daran macht, den Sattel in eine geeignetere Position zu bringen. Um den Erfolg ihrer Korrekturmaßnahmen zu überprüfen, sind dann natürlich kleine Testfahrten nötig, derer es viele werden, sehr viele, vom Beginn meiner Zählung an bis zur definitiven Abfahrt sind es sieben! Derweil kreist der Ehemann weiter in der Warteschleife, zunächst mit gleichbleibend gelassenem Gesichtsausdruck, der sich aber deutlich verschattet, als er zum ersten Mal eine dieser Testfahrten als geglückt missdeutet, aus dem Wartekreis nach Art eines Ragattastarts losfahren will, und dieser befreiende Impuls durch den Anblick seiner Frau erstickt wird, die erneut vom Sattel rutscht, der doch noch einen Tick zu hoch eingestellt scheint. Das hätte vielleicht nicht ein zweites Mal passieren dürfen, aber genau das tut es, und jetzt sieht man düstere, sehr düstere Wolken, die sich über der Stirn des Getäuschten zusammenbrauen, ein ohnmächtiger Groll umgibt ihn, und sie sprechen immer noch kein Wort miteinander.
Sie weiß genau, wann ihre Testfahrten ihr glückliches Ende finden werden, und sie erwischt einen wahrhaft genialen Augenblick: er hat sein Fahrrad angehalten, sein Kreisen aufgegeben und steht jetzt wie vollkommen erschöpft mit dem Rücken zu ihr da, die Räder weisen jeweils exakt in die Gegenrichtung. Das ist der Moment, in dem sie losfährt.
Sie kennen sich gut, sehr gut, muss ich denken, ist es das, was Ehepaare oft ausmacht, dass sie sich so gut kennen?
Er hätte, um ihr unmittelbar folgen zu können, das Rad auf der Stelle wenden müssen, wie ungelenk das, speziell bei Männerrädern aussehen kann, hat man vor Augen. Aber das tut er nicht, sondern, als habe die Abfahrt seiner Frau ihn mit einem neuen Lebensimpuls beseelt, steigt er nun vollends ab und beginnt seinerseits, die Höhe seines Sattels auf ihre orthopädisch sinnvolle Einstellung hin zu untersuchen.
Seine Frau indes radelt direkt auf mich arglos die Szene Beobachtenden zu und als sie genau auf meiner Höhe ist, schreit sie mir förmlich ins Gesicht: „In welche Richtung müssen wir überhaupt?“
Es antwortet niemand, ich nicht, weil ich mit einiger Berechtigung davon ausgehen kann, dass ich nicht gemeint bin mit dieser Anfrage, auch wenn die körperliche Nähe zu der Fragerin das vielleicht im ersten Moment vermuten lässt, und ihr Mann auch nicht, weil der sich inzwischen von seinem Fahrrad, an dem er sattelruckend seine Korrekturen vornimmt, schlingernd hinter eine der großen, formschön zugeschnittenen Hecken des Hotelvorplatzes hat ziehen lassen, von wo aus er erstens für eine Antwort auf die Frage seiner Frau nicht mehr zur Verfügung steht und von ihr, wenn sie sich jetzt gleich umdrehen wird, zweitens gar nicht mehr gesehen werden kann.
Sie kennen sich gut. Seine Frau ist wohl überrascht, dass er nicht hinter ihr ist und ihr antwortet – davon ist sie tatsächlich ausgegangen – verlangsamt aber einfach nur ihre Fahrt, stoppt, stellt einen Fuß aufs Mäuerchen, und … schaut sich eben nicht um! Er wird gleich kommen. Wie immer. Er wird hinter ihr auftauchen und auf ihre Fragen antworten. Sie muss sich nicht umschauen.
Das dauert dann auch noch mal gefühlt eine Minute, wahrscheinlich sind es nur fünfzehn Sekunden. Irgendwann gibt er auf, kommt hinter der Hecke hervor, setzt sich aufs Rad und fährt los. Allerdings nicht auf dem Gehweg, den sie vorausgefahren ist, sondern auf der Straße, ganz auf der anderen Seite. Beziehungsloser hab‘ ich nie Zweie, die sich irgendwie kennen, aneinandervorbeikommen sehen! Er kennt sie gar nicht. Fünfzig Meter ist er voraus, da folgt sie ihm.
Immerhin, die richtige Frage ist ja eigentlich gestellt worden: „In welche Richtung müssen wir überhaupt?“
Ich täte mal sagen: „In die andere!“

 

*

 

Anmerkung: Dieses und Solches und Ähnliches sammle  ich jetzt auch auf meiner Homepage http://www.luftzumathmen.de, und zwar unter der Rubrik „Funk(en)stille“, direkt neben „Funkenflug“, wo wiederum das in freiem Flug zu beobachten sein soll, was in Beobachtungen wie den hier erzählten ein wenig vom Ersticken bedroht ist! Nur mal so am Rande.

Athem

Als noch Luft genug war,
Hoffnung noch im Raum,
Wenig zwar,
Mehr als ein Seufzen kaum,

Lebte auch Dein Wollen noch,
Den Räuber zu besiegen,
Und nahm er Dir den letzten Atem doch,
Es schien, als würd‘ Dein Wille endlich ihm erliegen,

Als Du den Dieb um seinen Sieg noch brachtest,
Wehrlos und für einen and’ren Athem jetzt bereit,
An all Dein Lieben, all den Segen Deines Lebens dachtest,
Sanft durchweht allein von Dankbarkeit.

*

Mal rein pflanzlich gesehen

„Warum reden die nicht miteinander?“
Fragt Karl-Otto die Babette,
„Ach, weißt du, das sind Menschen:
Bisschen spinnert, sonst ganz nett!“

„Sind sie!“: pflichtet Theobald ihr bei,
„Und sie denken doch tatsächlich,
Hübsch sei’n wir Pflanzen wohl,
Doch intellektuell zu oberflächlich!“

Gerlinde stutzt und wird ganz traurig:
„Warum glauben die das denn?
Halten mich für blind und taub,
Nur weil ich Sokrates nicht kenn‘?“

„Ach, Gerlinde, Liebe, sieh’s mal so
( Die Rosenälteste Clotilde ):
Sie denken sich in hundert Welten,
Die Eine seh’n sie nicht, sei milde!“

Und schweigen nun die Rosen,
Nur fein bewegt ihr Blätterkleid vom Wind,
Mit andren Augen schau’n sie jetzt auf die,
Die  vielleicht klüger, doch sicherlich verirrter
als die Pflanzen sind.

*

Stimmt’s?

Zum Klavier kommt heut‘ der Stimmer,
Der kommt immer,
Wenn die Töne schrägen
Und schmerzhaft in die Ohren sägen.

Manchmal denk‘ ich, wenn die Leute reden,
Missversteht ja Jeder Jeden,
Und das wird doch immer schlimmer!
Die bräuchten auch so’n Tonfallstimmer!!

*