Autor: Michael

Weihnachtssegen

Im priesterlichen Gewand stehst Du vor mir und hebst Deine Hände, um mich zu segnen.

„Brauchen wir Gott?“, fällt mir ein, der Titel der neuen „Geo“, und darunter gleich die Antwort der so Befragten: „Eher nicht!“, köstlich! Ein Hintertürchen lässt man sich eben doch gerne mal offen, wenn man mit dem Zeitgeist trompetet: wir können allein, und wir sind stolz drauf!

Ich hab‘ Dir ganz gerne zugehört: Weihnachten, wie das zu denken sei, Ostern, das ganze Bild, Deine Lesart. Militärpfarrer seist Du, hör‘ ich später, nur ausgeliehen von der kleinen Dorfgemeinde, Du hast nachgedacht, scheint mir, das sind keine Phrasen, Deine Ideen, wie man das Verhältnis von einem Gott zum Menschen verstehen könnte.

Aber die Frage ist eben: brauchen wir Gott überhaupt? Können wir das Leben nicht selbst?

Ich nicht. Jedenfalls kann ich nicht singen. Erfreulicherweise gibt es beim Mitsingen von Kirchenliedern die Möglichkeit, speziell in prallvollen Kirchen, die gesungenen Töne sozusagen bereits in der eigenen Aura kollabieren zu lassen, so dass sie die Gehörgänge der Mitanwesenden erst gar nicht erreichen und sie so zu Mitleidenden machen können. Peinlich, aber das hat heute weder Dir noch mir gelingen mögen. Hör‘ mal, Du singst aber auch, bei allem Respekt: grottenschlecht!! Ein lautloses Lachen hat sich zwischen uns ausgebreitet, zwischen mir und meiner zufälligen Banknachbarin für eine Stunde, und sofort haben wir uns geeinigt: raus damit, die Welt soll uns hören! „Es ist ein Ros entsprungen“, und zwar volle Kanne! Man staunt ja immer wieder: wir haben trotzdem bleiben dürfen!

Wer bist Du, dass Du mich segnen darfst? Es ist ein Teil des Rituals, wie oft hab‘ ich es als unangenehm empfunden, uninspiriert, als leere Geste, und arrogant obendrein, wer darf sich das herausnehmen? Deine Hände aber, das fällt mir auf … das ist mehr als nur eine Geste …. da steckst Du irgendwie drin, mit dem, was Du sagst und meinst: „Er will uns unter die Haut gehen!“ Du sprichst von Gott, und ich bleibe an diesem Ausdruck wie kleben, „unter die Haut“.

Gestern, als wir Dich im Krankenhaus besucht haben, wo Du seit Deiner Hirnblutung liegst. Es scheint Dir nicht schlecht zu gehen, du erkennst uns, zweifellos, und es gibt Wörter, die Deine Augen kurz leuchten machen, „Weihnachten“ gehört dazu und „Mohnklöße“. Und ja, tatsächlich: Du winkst uns, als wir tschüss sagen und gehen!

Das ist mir allerdings ziemlich unter die Haut gegangen.

Und am Abend, wie Du weinst, als Du Dich erinnerst: wie Du als kleines Mädchen ohne Essen warst, Kriegskind, Vertriebene, nur noch Haut und Knochen, das rechte Ohr entzündet, Höllenschmerzen – wie Du weinst, weil Dich etwas überwältigt, was Du in den über sechzig Jahren danach nur hast überdecken, nie ganz hast heilen können: die Furcht, dass jenseits der eigenen Macht jederzeit der Lebensfaden zerrissen werden könnte von, von ….

Diese ungeheilte Angst, die auch, die ist mir auch unter die Haut gegangen.

Natürlich Du. Du gesellst Dich zu mir bei diesen Gedanken, Du, die Du lange schon Weihnachten nicht mehr mit mir feierst. Und schaust mich gleich ziemlich schräg an: oh Bruderherz, Du denkst das immer noch? Dass ich Weihnachten nicht mit Dir feiere? Ja, Du, Du weißt es besser.

Und noch ein Bild steigt in mir auf, als ich Deine Hände sehe, die mich segnen wollen. Vielleicht das stärkste Bild, das mir jemals vor Augen gekommen ist, das ist sehr subjektiv, natürlich, aber ich bin immer noch überwältigt in der Erinnerung, viele Jahre ist das ja jetzt schon her: Da hast Du als Richter in einem Kriegsverbrechertribunal gerade das Urteil gesprochen, über einen vielleicht 25-jährigen Mann, der Schreckliches getan hat, Tausende hat er getötet, Kinder darunter, im Wahn, im Rausch, in nicht zu bremsender Arroganz vor dem anderen Leben: der Angeklagte sieht sich selbst so, fordert die Strafe, will nicht geachtet sein, hat sich längst selbst verurteilt. Er sei ein Wahnsinniger, sagt er, und hat keine weiteren Worte mehr. Und Du sprichst jetzt das Urteil, das nach Menschenmaß gerechte Urteil, und dann ist der Fernsehbericht auch schon vorüber, der Abspann läuft, der Ton ist schon weg, als man eben noch sehen kann, wie Du, unglaublich, wie Du Deinen Richterstuhl verlässt und hinuntergehst zu dem Täter – und ihm Deine Hand reichst.

Da bist Du mir vielleicht zum ersten Mal wirklich unter die Haut gegangen, denn verstanden hab‘ ich das nicht, aber erkannt.

Gott. Ich sage für mich: ich brauche Dich! Als Brücke über unsere Furcht und als unsere eigentliche Verbindung. Ich brauche Dich, um glauben zu können. Bei allem, was wir an unterschiedlichen Räumen mit Leben anfüllen, mehr oder weniger verstrickt in unsere Irrtümer, eins will ich ganz sicher nicht mehr glauben: dass ich den Lebensfaden mit meinem kleinen, urteilenden Verstand in der eigenen Hand halten könnte. Das macht ihn erst zerreißbar! Wo anders könnte Angst herkommen? Und das will ich auch nicht mehr glauben: dass es irgendeine Etage der Angst gibt, die für ihre Heilung unerreichbar sein könnte. Den Lebensfaden, ich geb‘ ihn Dir zurück, und gerne, jetzt, immer wieder.

In diesem Sinne, und nur in diesem, nehm‘ ich auch Deinen Segen an, Priester, durch Deine Hand, aber aus Seiner Wahrheit.

Als die obligatorische „Stille Nacht“ gesungen ist, und ja, die Orgel, wow!, die war auch schlecht drauf heute, du meine Güte!, schauen wir uns an und das Lachen wird breit und laut: haben wir gut gemacht, unbekannte, vertraute Mitsängerin, haben wir gut gemacht!! Frohe Weihnacht!

*

Weihnachtslied

Immer wieder ward von uns dies Lied gesungen,
Von uns Menschen aller Zeiten,
Unser’n Ohren war’s in tausend Formen wohl erklungen,
Der Verstand indes wollt’s als das Selbe stets bestreiten.

Und meist betäubte uns ein greller Lärm,
Verloren schien’s so oft an unser tiefes, uferloses Schweigen,
Doch immer wieder wollten wir Es hör’n,
Bewegtheit war in Ihm ein lauschend-sanfter Reigen.

Als wir schmerzgekrümmt und krank zu Boden sanken,
Hab und Gut verloren, verstrickt in Schuld,
Wollt‘ dieses Eine Lied sich immer noch bei uns bedanken,
In unfassbarer, nicht endender Geduld.

Als wir gar litten unter Folterqual,
Hoffnungslos umstellt von Angst und Aggression,
Geknechtet, eingekerkert, auf der Stirn bereits  das Todesmal,
War doch Sein Klang noch da, Sein nur auf Leben eingestimmter Ton.

Durch alle Zeiten ist’s das Selbe Lied, das Heilung bringt
und uns zu uns zurück,
Als eigentliche Melodie in allem, was geschieht,
Das Lied, das hinter jedem einzel’n Spiegel Wahrheit bleibt
und unser Glück,
Wenn unser blind gewordener Gesang nur Schrei und Klage, der Resonanz beraubt nur selbst sich sieht.

*

Weihnachtswunsch

Offen seien meine Hände,
Die zu greifen suchten, was Wert’s genug, es festzuhalten,
Sich Lebensraum ertasteten entlang der Wände,
Die selbst sie halfen, aufzustellen und Bilder ihrer Träume
an sie malten.

Offen sei mein Herz,
Das Freund und Feind zu trennen sorgsam lernte,
Liebe suchte diesseits jeden Abgrunds, frei von Schmerz,
Den Rhythmus seines Wollens hielt, auch als sich
seinem Fühlen der Liebsten Herz entfernte.

Offen sei mein Geist,
Der sich die Welt und auch das „Ich“ darin
in engen Grenzen dachte,
Den selbst erschaff’nen Globus so, als sei’s das All, in das die eig’ne Wahrheit eingeschweißt,
Zu einem Kerker seiner Seele, und ohne es zu merken, machte.

Werde weit, mein Fühlen und mein Denken,
Lerne geben, Hand, und fürchte, Herz, nicht Deinen Feind,
Lass‘ Dich von seinem Innersten her lenken,
Das offen, weit und liebevoll wie Du,
und als Dein Bruder ist gemeint.

*

Geheilt

„Unheilbar“, haben sie gesagt,
Du senkst den Blick,
Hebst dann tapfer wieder Deine Lider,
Deine Augen, matt und traurig, eine einz’ge stumme Frage,
Wartest, wartest eine Ewigkeit, wartest, ob ich etwas …
… was ich sage.

Lange, endlos lange sag‘ ich nichts,
„Unheilbar“ will auch mich, will meine Sprache
Zum Verstummen bringen: Letztes Urteil,
Tut uns leid, akzeptier‘, was nicht zu ändern, sieh‘:
so ist es eben
Mit diesem gottverdammten, todgeweihten Leben.

Hat uns da etwas berührt? … Von wo und wie?
Unerwartet, kaum zu glauben,
An diesem Ort der ängstigenden Finsterkeit,
Bloß ein Hauch, ganz zart, ganz still: „Unheilbar“, flüstert’s, ist nur Sie, unzerstörbar ist die Liebe,
Was, wenn Ihr Euch täuschtet, und das Leben ewig bei Euch bliebe?

Aug‘ in Aug‘, so steh’n wir da,
Immer noch kein Wort gesprochen,
Doch geht ein Funkeln jetzt an aller Dunkelheit vorbei,
Als habe sich das letzte Urteil, das von Absolutheit sprach,
im Lichte selbst gebrochen.

*

Jahresrückblick

Angestoßen von der wunderbaren Idee Sarahs (fuerhilde.wordpress.com :Happy 2014), einen Jahresrückblick zu schreiben, und vor allem inspiriert von ihrem eigenen Text, den sie in ihrer unverwechselbaren Vitalsprache ( möcht‘ ich das mal nennen ) verfasst hat, Chapeau!, und in dem sie mit einem „Dankeschön“ auf das verfließende Jahr schaut, habe ich mangels Zeit, es ihr nachzutun, Herrn Fröhlich, einen mir sehr gewogenen Mitmenschen, gefragt, ob er nicht mal … Hier sein „Jahresrückblick“:

Sinnierend sitzt Herr Fröhlich nächtens
unterm Himmelszelt,
Blickt meditierend auf sein Schicksal
und das jenige der Welt;
Da kommt von ungefähr ihm ein Gedanke:
Ein Jahresrückblick, meint er, wär‘ doch schön,
Für dies und das, was so gewesen, mal ein „Danke“,
Da sollte man die Dinge doch gleich anders sehen!

Doch blinkt nicht da, er kann sich irren, so wie ein Lächeln,
Ein Stern ihn an? Um zu verwirren? Nein, eher um zu sagen:
„Oh schön, da hat’s doch endlich jemand satt, die ewig alten Fragen durchzuhecheln,
Ein „Danke, Welt!“, da scheint’s ja einer
wirklich mal zu wagen!“

Da wird’s Herrn Fröhlich doch ein bisschen blümerant,
ein leichtes Schwanken,
Was harmlos nur als kleiner Rückblick war geplant,
und unverbindlich,
Hat von vorn und oben ihn im Innersten erkannt,
um ihm zu danken;
Nun weiß er nicht, ob weinen oder lachen, er ist ein wenig, soll man sagen … na: empfindlich.

*

Herzenskorrektur

Wo Feindschaft war,
Da hab‘ ich mich versöhnt,
An die Einsamkeit des Siegens
Niemals mich gewöhnt,

Wo tiefer Graben war –
Eine schmale Planke hab‘ ich nur gebraucht,
Aller Groll, aus dunklem Abgrund aufgestiegen,
ist augenblicks verraucht.

Wo mein Recht zu wohnen schien,
Da hab‘ ich plötzlich Deins geseh’n:
Dir gehört die Hand, die ich Dir reich‘,
Um sicher über jeden Abgrund hin zu geh’n.

Geheimnisvoll das ‚Wie?‘,
Doch hab‘ ich ganz gewiss die Wahl zu jeder Zeit,
Leichten Herzens wähl‘ ich
Ewig unverbrüchliche Verbundenheit.

*

Warum!

In diesem einen Augenblick war ihm die Welt geborsten, hatte schlagartig ihren Zusammenhalt verloren und all seine Wahrheiten waren in ein Kaleidoskop unzusammenhängender Aspekte zersplittert, durchzogen von einem dichten Nebel der Angst, der sich da, wo eben noch seine Mitte, wo eben noch er gewesen war, zu einem stummen Strudel verdichtet und damit gedroht hatte, seinen Verstand in unauslotbare Tiefen hinabzuziehen. In diesem einen Augenblick, als er vollkommen unvorbereitet einen Gedanken zugelassen hatte, der mit der Stabilität seiner Weltsicht nicht mehr vereinbar gewesen war, unaushaltbar, undenkbar.

Aber er hatte ja standgehalten, … er? Nein, nein, nicht er, nicht er! Irgendetwas in ihm hatte, ja, hatte gebetet in diesem Moment, seit gut dreißig Jahren zum ersten Mal hatte es wieder  in ihm beten wollen, er hätte nicht einmal sagen können, zu wem oder was, „Gott“, hatte er dennoch geflüstert, „Gott“, als sei dies das einzige Wort, was ihm noch geblieben war, obwohl seit so vielen Jahren unbenutzt, belächelt, verachtet. Gott.

„Hilf‘ mir“ hatte er in dieses Wort hineingefleht, „lass‘ mich nicht in diese Schwärze stürzen!“ Und da war etwas Unglaubliches geschehen, unglaublich aus seiner bisherigen, gewohnten Sicht, die sich immer sorgfältig in den Grenzen der Vernunft aufgehalten hatte und auch aus der jetzigen, das musste er sich eingestehen, aus einer Sicht,  die bereits auf diese ungewöhnliche Erfahrung zurückblicken konnte, die er vor nicht ganz zwei Stunden erst gemacht hatte. Es war ihm, als habe er erstmals in seinem Leben erfahren, was Normalität sei, so schlicht, so einfach, so natürlich war  ihm  erschienen, wozu er jetzt, wenn er ehrlich sein wollte, wieder „unglaublich“ sagen musste.

Behutsam drückte Rolf die Hand seines Sohnes, er schlief ganz fest, und das war gut so.  Er würde überleben, endlich hatten die Ärzte sich festgelegt: „außer Lebensgefahr!“ Und nicht nur das, sie sagten, es sei zu erwarten, dass der Junge körperlich  vollständig wiederhergestellt sein werde. Rolf richtete sich unwillkürlich auf. Was für ein Glück!  Körperlich. Wenigstens das. Nein, nicht wenigstens. Er spürte die Dankbarkeit in sich groß werden und konnte und wollte diese Einschränkung einfach nicht stehen lassen: Timmy würde es schaffen, zusammen mit seiner Familie, er würde wieder froh werden, sie würden es schaffen, gemeinsam!

„Ich hab‘ dich da einsteigen lassen, verzeihst du mir?“ fest umschloss die Hand des Vaters die seines Sohnes und seine wortlose Frage floss widerstandslos als Antwort zu ihm zurück, als sei sie schon immer ebendiese Antwort gewesen.  Rolf merkte, wie ein Lächeln sich in ihm ausbreitete und die Bilder der Ereignisse an diesem Lächeln vorbeizogen, als sei es die notwendige Bedingung für ihr Auftauchen, der einzige Boden, auf dem sie Halt finden konnten.

Eigentlich hatte er selbst die Fahrt mit dem Ferrari gewonnen, auf einer Werbeveranstaltung eines Autohauses, das mit solchen 500-Ps-Autos handelte. Aber als Timmy ihn sehnsüchtig angeschaut hatte, da war er zu dessen Gunsten zurückgetreten und hatte ihn mitfahren lassen. Timmy war außer sich gewesen vor Freude, sie hatten gelacht und triumphierend abgeklatscht, als er eingestiegen war …
Der Geschäftsführer des Autohauses war selbst am Steuer gewesen, er hatte, ebenso wie der Fahrer des entgegenkommenden Kleinwagens, den Unfall nicht überlebt. Drei Stunden lang hatte Timmy neben dem sterbenden Mann liegen müssen, bevor sie ihn hatten aus dem Wrack herausschneiden können, drei Stunden! – und niemand konnte bisher sagen, wie schwer die Last sein würde, die sich da auf seinen Jungen, auf diese zarte Seele gelegt hatte.

Rolf zog behutsam die Bettdecke glatt und dachte an den Moment, als die Unglücksnachricht die Feiernden im Autohaus erreicht hatte: da war zunächst nur der Schock gewesen, Ungewissheit, das Bangen um Timmys Leben.
Ja, es war tatsächlich erst am nächsten Tag gewesen, erst da war der Schrei der Anklage in ihm aufgestiegen und hatte sich Luft machen wollen, rasend war sie gewesen, diese Anklage an das Schicksal, die sich ein Opfer gesucht und es auch schnell gefunden hatte: Der Fahrer, noch keine dreißig Jahre alt, hatte seinem Sohn wohl einfach nur imponieren wollen, war viel zu schnell gefahren, hatte alle Sicherheitssysteme des Wagens ausgeschaltet und war auf regennasser Fahrbahn ins Schleudern geraten. Rolf konnte Timmy nicht anschauen, als die Bilder wieder an ihm vorbeizogen und für einen Moment fühlte er erneut eine wilde Erregung, die sich seiner Emotionen bemächtigen wollte, aber als er jetzt doch wieder die Hand seines Sohnes nahm und ihn anblickte, wie er friedlich dalag und schlief, legte sich der drohende Sturm, bevor er noch richtig aufgekommen war. – Der Schuldige hatte also sofort festgestanden.  Jedenfalls hatten die ersten Ermittlungen in diese Richtung gewiesen und Rolf war nur zu bereit gewesen, dahinter einen Punkt zu machen: so musste es gewesen sein! Zeugen hatten schließlich noch das ohrenbetäubende  Aufheulen des Motors gehört, Sekunden vor dem Knall! Die in ihm immer mächtiger werdende Ohnmacht, diese explosive Mischung aus Angst, Schuld und Zorn, hatte einen Kanal gefunden, durch den sie sich hatte entladen können und Rolf hatte nicht eine Sekunde gezögert, sie sofort auf den Todesfahrer abzufeuern, noch enthemmt davon, ihn  als willenloses Material in den Händen der Gerichtsmediziner zu wissen. Hatte nicht auch das Schicksal beschlossen, den Schuldigen die Rechnung bezahlen zu lassen für das, was er seinem Sohn und seiner Familie angetan hatte? Mit einem leisen Staunen betrachtete Rolf jetzt diesen seinen Gedanken, der ihm noch gestern gerecht erschienen war und der ihm  wieder Stabilität und eine Art Zutrauen verliehen hatte.

Heute Morgen, Timmys Zustand hatte immer noch als lebensbedrohlich gegolten, hatte es diesen einen Moment gegeben, in dem plötzlich alles anders gewesen war. Nicht mehr als ein Tag war vergangen, und schon das war für Rolf unfasslich, nur ein Tag zwischen dieser Rechnung, die er mit dem Schicksal aufgemacht hatte und …
Es war das Gefühl in ihm aufgekommen, eine kurze Auszeit zu brauchen, einen Augenblick des Nachdenkens, und er war zum Fluss gegangen, war schließlich unter seiner vertrauten Birke gestanden und hatte zunächst einfach nur dem Spiel der kleinen Wellen zugeschaut, die sich ineinander brachen, als plötzlich diese Anklage – er war sicher davon ausgegangen, dass sie ihr endgültiges Ziel bereits gefunden hätte, was ihn ja erst in diese Ruhe versetzt hatte, in der er hierher gekommen war – diese Anklage hatte plötzlich und unvermittelt ihre Richtung geändert, wie eine fehlgesteuerte Rakete hatte sie eine Kehrtwende gemacht und war auf eben den zugeflogen, der sie abgefeuert hatte. Und sie war in ihr Ziel eingeschlagen, noch bevor der Gedanke an eine Abwehr überhaupt in ihm hatte aufkommen können.
„Ich hab‘ dich da mitfahren lassen“, nur dieser Satz.
Und die Welt war ihm geborsten. Mit einer Klarheit, die nur der Gewissheit eigen ist, hatte er gesehen, wie all sein Zorn nur eine wirkliche Absicht gehabt hatte: von dieser Selbstanklage abzulenken.: ‚ich hab‘ dich auf dem Gewissen, ich hätte überprüfen müssen, ob der Fahrer reif genug war für eine solche Verantwortung, Timmy, ich hätte … selbst mitfahren sollen, ich … vielleicht‘ – und da war dieser undenkbare Gedanke aufgetaucht und hatte alles, was für ihn bisher gegolten hatte, gesprengt  – ‚vielleicht hab‘ ich dich, oh nein!, vielleicht hab‘ ich gespürt, dass er zu jung war, zu unreif … ich hab’s doch gemerkt, ich hab‘ doch geahnt, dass es gefährlich werden könnte …vielleicht hab‘ ich dich deshalb …‘

Dieser Moment.

Das Gebet war von irgendwoher gekommen, eigentlich war da niemand mehr gewesen, der noch hätte beten können, aber er hatte es wie einen ersterbenden Atem aus sich herausgeflüstert: „Hilf‘ mir, Gott, lass‘ mich da nicht hineinstürzen!“, und war doch gestürzt, kein Gott, der ihn vor diesem Sturz bewahrt hätte, er war …

Zärtlich strich er Timmy über den Arm. Nein, kein Gott, der ihn zurückgehalten hätte, er war … sozusagen durch sich selbst hindurchgefallen, als würde er noch die Wurzeln der Birke sehen, den Grund des Flusses, war er weiter gefallen und weiter, hatte sich verloren, gänzlich verloren und war doch … war aus ungekannten Tiefen wieder aufgetaucht und –  „Wer? Was soll ich hier?“ – hatte unter der Birke gestanden, in den Abendhimmel geschaut und wieder die murmelnden Geräusche des Flusses wahrgenommen.
„Antwortest du so, Leben, Gott, wie soll ich Dich nennen?, antwortest du so, wenn man dich wirklich fragt? Antwortest du immer für alle und alles gleichzeitig?“ Die Frage war in ihm aufgestiegen, ohne dass er das geringste Bedürfnis gehabt hätte, sie zu beantworten, denn die Antwort hatte ihn irgendwie umgeben, stark, unendlich stark hatte er sich gefühlt, aber diese Art Stärke, das war … anders gewesen, nichts Körperliches, nichts … Eigenes … und dennoch seine ureigene Stärke, so war es ihm vorgekommen, etwas Unbekanntes und doch Urvertrautes, seine und die Stärke der Birke, die des Wassers, des Abendhimmels und ja, und da hätte er jubeln können vor Freude: es war auch die Stärke Timmys, gleichermaßen, gleichermaßen! Er würde leben, sein Sohn würde leben! Das hatte er in diesem Moment gewusst. Und es war ihm wie etwas ganz Selbstverständliches, etwas Einfaches, Schlichtes, Normales erschienen, etwas, das zu bezweifeln Wahnsinn gewesen wäre.

Auf dem Weg hierher zurück aber waren seine Gedanken zurückgekehrt zu dem Fahrer, den er als den Schuldigen auserkoren hatte und auch zu seiner Rolle in dieser Tragödie, und die Fragen waren wieder aufgekommen und hatten sich um die eine große Unbeantwortbarkeit des ‘Warum?’ geschart.
Die Antwort, die ihn ganz erfüllt hatte, die größer gewesen war als alle Fragen und in der auch dieses „Warum“ keinen Griff gehabt hatte, nicht einmal einen Boden, auf dem es sich hätte aufrichten können, diese Antwort war wieder blasser geworden, die Fragen hatten wieder die Dunkelheit zurückgebracht, welche ihm, so unglaublich das war, wie sollte er das sagen? – die ihm gerade noch unmöglich, widersinnig, unwirklich erschienen war.
Jetzt, da er seinen Sohn wieder anschaute und dessen Hand hielt, war das „Warum?“ wieder da.
Und dennoch fühlte er so etwas wie einen Entschluss, etwas Existentielles, Unkündbares in sich: er würde diese Antwort nicht vergessen, nie mehr ganz vergessen, diese Art Stärke, dieses Wissen, das nicht aus ihm gekommen war. Vielleicht durch ihn, durch die gesprengten Fugen seiner kleinen Welt, aber nicht von ihm, wie er hier saß und wieder nach einem „Warum“ fragte. Und ja, sie war ja auch noch zu spüren, in der Tiefe der Berührung ihrer Hände, in diesem schweigenden Gespräch mit seinem Sohn, da war sie noch zu spüren, verdammt noch mal!, da war sie noch zu spüren!

 

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