Autor: Michael
Kreuzworträtsel
„Wirklich beeindruckend! Sie sind ja perfekt horizontal organisiert! Atmen Sie gelegentlich auch mal vertikal durch?“
Der junge Mann, dem ich diese zugegebenermaßen etwas eigenartige Frage stelle, hat mir gerade Erstaunliches erzählt und blickt mich nun mit seinen pfiffigen Augen an, aus denen Vorfreude auf das Vergnügen blitzt, das er sich wohl vom Anblick meines Gesichtes verspricht, wenn er mir gleich Antwort geben wird.
Zwei Stationen zuvor ist er in den fast leeren Bus eingestiegen, hat sich trotz freier Platzwahl neben mich in die Bank gesetzt und mit sorgenvoller Miene begonnen, sein rechtes Handgelenk zu massieren.
„Sind Sie auf die Hand gefallen? Haben Sie Schmerzen?“, habe ich ihn gefragt, worauf er seine Selbstbehandlung sofort eingestellt, sich aufgerichtet und wortreich erklärt hat, dass es sich lediglich um leichte Gefühlsstörungen in den Fingern handle, verbunden mit mäßigen Schmerzen im Handgelenk. Ursachenforschung hat er nicht betrieben, Ärzte, Diagnostik, Medikamente, das käme alles nicht in Frage, schon deshalb nicht, weil er heute noch nach Hongkong reisen müsse.
Und jetzt, keine drei Minuten später, kenne ich bereits die Eckpunkte des beruflichen Werdeganges sowie die Basiselemente der Weltanschauung dieses mir durchaus nicht unsympathischen Kerls: Abi, Informatikstudium, Firma gegründet („IT, nichts Besonderes, das klingt nur immer so großartig“), Deutschland hinter sich gelassen („der Staat ist ein Dienstleister! wenn er die Verwaltungsstrukturen zu kompliziert und zu teuer macht, muss man gehen“), Lebensmittelpunkt nach Schweden verlegt („ist gar nicht schlecht gelaufen, aber ich löse mich gerade wieder, war noch nicht optimal“), und jetzt die Firma halb in Dubai, halb in Hongkong platziert („die meisten meiner Leute kenn‘ ich gar nicht persönlich, werd‘ ich auch nie kennenlernen, warum auch, wir haben alle einen Laptop!“).
Wie alt er sei, habe ich noch wissen wollen.
„Sechsundzwanzig!“ Und da hat er den Stolz doch nicht ganz verbergen können, der aber schon wieder seiner „Wo sind Ihre Probleme? Wir haben sie schon gelöst! – Coolness“ gewichen ist, als er mir jetzt auf meine Frage, die ich aus einem vagen Bedürfnis gestellt habe, in diesem weltweiten Aktivitätsraum sozusagen eine Dachluke zu öffnen, erwidert:
„Klar, das ist mein liebstes Hobby: Vertikal – Durchatmen!“
Es ist für ihn Ehrensache, auch auf eine solche Frage sportlich zu antworten, Unbeantwortbares gibt es für ihn prinzipiell nicht, und er genießt es, das bei dieser Gelegenheit zu demonstrieren.
„Kennen Sie das Bedürfnis, Wurzeln zu schlagen?“ frage ich weiter, und er zögert auch hier keinen Augenblick mit seiner Reaktion:
„Ach, wissen Sie, unsere Generation schlägt ihre Wurzeln lieber in dem Grund und Boden, den sie selbst programmiert hat“, er lacht auf über seinen Einfall, und fügt dann ernster hinzu:
„Also fester Freundeskreis, Religionen, Ideologien: das ist out, wir sind überall und fragen nur: bist Du mir sympathisch, haben wir ein gemeinsames Ziel, können wir unsere Kräfte zusammenlegen? Und dann tun wir’s. Oder eben nicht. Meine Freundin in Hongkong zum Beispiel lebt noch in ihrem muslimischen Elternhaus, da sind sie sehr streng, und sie muss die Regeln, die in diesem Rahmen gelten, absolut beachten. Aber wenn sie das Haus verlässt, wenn sie mit mir zusammen ist, gelten andere Regeln. Das geht. So machen wir das.“
„Und die Hand?“ frage ich, und weiß selbst noch nicht genau, worauf ich eigentlich hinaus will.
„Was ist mit der Hand?“ jetzt scheint er doch ein wenig ärgerlich zu werden, aber nun bin ich schon mal dabei …
„Was machen wir mit ihr?“
„Was sollen wir schon mit ihr machen? Nichts machen wir. Das trainier‘ ich weg!“
„Hat sich immer alles so wegtrainieren lassen?“
„Ja klar, … na ja, fast alles“, sagt er, leiser geworden jetzt, und fängt dabei wieder an, sein Handgelenk zu massieren, „nicht alles, nein, ich hab‘ gestern hier in Hamburg meinen Bruder im Krankenhaus besucht, er ist Handwerker, also er macht vielmehr ein Praktikum am Bau, will Architektur studieren. Vor einer Woche ist er vom Gerüst gefallen, sie wissen nicht, ob sie ihn wieder hinkriegen. Damit komm‘ ich, ehrlich gesagt, nicht klar. Ich freu‘ mich sonst eher über Probleme, weil ich sie alle lösen kann, früher oder später. Aber das mit meinem Bruder, da kann ich nichts, gar nichts kann ich da lösen!“
„Tut mir leid“, sag‘ ich, fast ein wenig erschrocken über die unerwartete Wendung des Gesprächs, oder vielmehr über den jähen Absturz der Selbstsicherheit dieses jungen Mannes, der jetzt aussieht, als sei er in einen Brunnen gefallen ohne jede Aussicht auf Befreiung.
„Er hat mich nicht mal erkannt!“, fährt er fort, und wirkt immer einsamer, „ich hab‘ dann einfach gehen wollen – das ist jetzt noch wie eine Kette um meine Beine, ich hab‘ sowas noch nie erlebt: gehemmt zu sein, wenn ich mich lösen will, nicht weggehen zu können … – also ich gehe trotzdem, ich muss ja, in drei Stunden ist Abflug, und ich werde dabeisein! … Aber es fühlt sich nicht gut an, verdammt noch mal!“
„Dann bleiben Sie!“, sage ich, und jetzt wird er wirklich zornig:
„Ich sage doch: das geht nicht! Und das würde ihm auch nicht helfen. Ich kann nichts tun!“
„Bleiben Sie innerlich!“
Jetzt schaut er endlich von seinem schmerzenden Handgelenk auf und sieht mich fragend an: „Wie meinen Sie das?“
„Verbinden Sie sich mit ihm, und bleiben Sie bei ihm, während Sie nach Hongkong reisen.“
„Und das soll ihm helfen?“ Es ist kein Spott in seinem Blick, vielleicht eher ein Bemühen, spöttisch zu blicken, das aber nicht ankommt gegen den Hoffnungsschimmer, den ich in seinen Augen sehe.
„Würde es Ihnen denn helfen, wenn Sie in seiner Lage wären und er würde in Hongkong an Sie denken und bei Ihnen sein?“
Jetzt schaut er mich nur noch an, oder vielmehr durch mich hindurch, und wir schweigen. Irgendetwas scheint er zu sehen, sucht es zu fassen wie etwas Vergessenes, das nur schemenhaft wieder auftaucht, und sagt schließlich:
„Vertikal durchatmen, was?“
„Hm …“
„Ich muss hier raus!“ Er springt auf, und als er in Richtung Tür eilt, ist er schon wieder ganz kontrollierter Weltmann, ist schon draußen und dreht sich doch noch mal um:
„Ich versuch’s! Machen Sie’s gut!“
‚Danke‘, sag‘ ich leise, und wünsch‘ ihm ebenfalls von Herzen alles Gute, horizontal wie vertikal.
*
Vergangene Liebe
Auf einmal ist es still.
Aller Lärm, als sei er nie gewesen.
Auch die Bilder treten ruhig zurück,
Geben etwas längst Erahntem Raum,
Das unbegreiflich da,
Wortlos zu mir sprechen will:
Vergangenheit, vergeh‘!
Und ich mit off’nem Sinn und off’ner Hand
Begreif‘, was es mir sagt, versteh‘:
„Bin ewig Deine Gegenwart, doch selbst in Deiner Liebe von Dir unerkannt“.
Auf einmal ist’s ganz still.
Einen Augenblick nur lass‘ ich meine Liebe los,
Und find‘ sie doch gleich wieder:
Vergangen in die Gegenwart – weit und wahr und groß.
*
Zusammenhalt
War ich noch bei Sinnen,
Als ich glaubte, tief von drinnen
Komme dieses Recht,
Auf Dich zu zeigen: Du bist schlecht!
Du bist schuld, weil Du betrogen,
Hier ist der Beweis: Du hast gelogen!
War ich blind, vollkommen taub,
Mein Verstand des Wahnsinns Raub,
Als ich Dich verklagte,
Immer noch auf Dich zu zeigen wagte:
Unerschütterlich darin, zu glauben, die Schuld sei jene Kraft, die uns’re Welt
… im Innersten zusammenhält?
*
Wohin soll’s denn gehen?
Eine Reise ist das Leben,
Zu Fuß zu weit, dann fahr’n wir eben!
*
Das Paradies ist irgendwo da vorne!
Der Alltag ein Kampf, mehr oder weniger: Verteidigung, Rechtfertigung, kleine Erfolge, größere Misserfolge; Nachbessern der Strategien: große Erfolge, kleinere Misserfolge; Klarbleiben. Abgrenzen. Dranbleiben. Hoffen. Was ist die Wahrheit? Die Frage instrumentalisiert, zweckdienlich.
Einmal im Jahr drehen sich alle nach Dir um, alle, die eine Beziehung zu Dir haben, Dich kennen. Kennen sie Dich? Negative, neutrale, positive Beziehungen, die ganze Palette. Nein, nicht alle, die meisten drehen sich nach Dir um, und gratulieren: „Schön, dass Du da bist!“ Das ist mehr als nur eine Geste, da schimmert etwas Wesentliches durch: Einmal im Jahr wirst Du erkannt in Deinem Bedürfnis, Dich mit der Wahrheit zu versöhnen, ganz Du sein zu dürfen. Geburtstag. Ganz Du sein, ganz ich sein: als Gefeierter natürlich, als König. Trotzdem, es ist nicht nur ein leeres Ritual, da klingt was an.
Die Zeit rennt Dir weg, sagt man, und spricht ein weises Wort gelassen aus damit, sofern man’s recht versteht: Lass‘ sie doch wegrennen!
Vor dreißig Jahren war das noch kein Thema, Du hattest gar kein Wort für das Ziel Deines Lebens, Du hast Deine Erfolge, die vielen kleinen und großen Höhepunkte gesammelt und irgendwie hochgerechnet: klar, dass es Dich ganz von selbst irgendwann ins große, eigentliche Ziel führen würde, selbstverständlich sozusagen. Du hattest kein Wort dafür, wolltest gar keins haben, es hätte das ständig laufende Hochrechnen nur gestört. Es würde sich ergeben. Abwarten. Zeit genug. Und hast weiter aufgebaut, umgebaut, neu organisiert, frischen Anlauf genommen, tief durchgeatmet, trainiert: beim nächsten Mal zehn Zentimeter weiter!, hast weiter hochgerechnet: das Paradies ist irgendwo da vorne.
Später sind dann einige Bastionen weggebrochen, da hat’s dann schon mal heftig an den Fundamenten gerüttelt. Und irgendwann hast Du endlich überlegt, was wohl das Wort sei für das Ziel Deines Lebens, und da kamst Du erst drauf: „Ich will mich mit der Wahrheit versöhnen!“ Das war Dein Wort, und es gefunden zu haben, hatte etwas sehr Erleichterndes für Dich: endlich raus aus dem Fischen im Trüben!
Und jetzt nur: wie?
Die Zeit, sie ist Dir nicht treu, sie läuft Dir weg: an jedem Geburtstag – dieser ist der …, ha! ich verrat’s nicht!, immerhin noch „Uhu“ (unter Hundert) – an jedem Geburtstag merkst Du, dass die Zeit zwar nach wie vor unter den Gästen ist und Dir gratulieren will, aber dabei zunehmend ein schiefes Lächeln ins Gesicht bekommt: sie grinst.
Vielleicht muss man sich das nur einmal mit offenem Visier anschauen: die Zeit, wie sie Dich angrinst, um endlich auf die richtige Idee zu kommen: ohne sie zu feiern!
Und genau das mach‘ ich heute wieder! Ich geh‘ raus, raus zu Euch, und gratulier‘ Euch allen ganz herzlich zum Geburtstag! Dir, der du das gerade liest, alles, alles Gute!, Dir, der Du mir zu meinem Geburtstag geschrieben hast, und dann doch eher in so eine Art egomanische Selbstbeweihräucherungsepik übergegangen bist: Wir haben alle Geburtstag heute! Herzlichen Glückwunsch!, Dir, die Du mir am Telefon ein Liedchen gesungen hast, alles Liebe wünsch‘ ich Dir! Und dann geh‘ ich durchs Gras und fühl‘ mich ihm nah, schau‘ in den Himmel und bring‘ den Wolken ein Geburtstagsständchen, und denk‘ an meine Lieben, die mit mir dieses Lied jetzt singen. JETZT.
Und dann erst, dann erst lass‘ ich mich feiern. Nicht als Kleinkönig der Besonderheit, sondern meine Freude lass‘ ich feiern, dem Ziel wieder einen gr0ßen Schritt näher gekommen zu sein: mich mit der Wahrheit zu versöhnen.
Und die Zeit? Bisher ist sie nicht aufgetaucht, die alte Grinsekatze. Ach was, ich gratulier‘ ihr auch! Herzlichen Glückwunsch!
*