Autor: Michael

Hurra, die Sprache lebt! -4-

Einknopf1Sagenhaft! Unglaublich! Das ist die Revolution! Ich werd’s sofort ausprobieren, Ehrensache für einen leidenschaftlichen Kaffeetrinker! Hundertneunundneunzig Euro für diese geniale Maschine sind mir natürlich zu viel, also werde ich die Sache sozusagen in Handarbeit nachempfinden: Erst mal alle vier Herdplatten auf Stufe zwei (meine Frau sagt, das schade den Heizspiralen, aber für die Wissenschaft mussten immer schon Opfer gebracht werden!), dann nacheinander mit aller gebotener Sorgfalt Filterkaffee, Espresso, Cappuccino und Latte Macchiato zubereiten und jeweils warmstellen, die Kaffeekanne von Oma suchen, finden und mangels fünfter Herdplatte mit heißem Wasser anwärmen – und jetzt also der große Moment: alles zusammenschütten (erinnert an die kreative Zeit im Sandkasten!). Wir haben keinen Knopf zum Drücken, aber die nötige Feinmotorik zu bieten – et voilà: tropfenfreie Zusammenführung sämtlicher Ingredienzien! Probieren muss ich das jetzt blöderweise alleine, weil meine Frau Kaffee abscheulich findet und sowieso wegen der Sache mit den Herdplatten noch nicht so recht den Zugang zu meinem Experiment zu finden scheint. Also gut, der erste Schluck, mit äußerster Objektivität verkostet, … – Wow! Das Zeug schmeckt überirdisch gut, fast wie …. Milchkaffee, aber doch deutlich raffinierter!
So viel steht jedenfalls fest: die Zeit war reif für die Entdeckung des Einknopfkaffees, die Zukunft gehört dem  Kaffespressoccinolatte!

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Unzweifelhaft

Spiritualität ist Philosophie, weil sie die Frage nach dem Sinn unseres Hierseins wieder zulässt, sie ist Religiosität, weil sie die Antwort zwar mit Hilfe unserer Erfahrungswelt, aber nicht innerhalb deren Grenzen, sondern im Ursprung, an der Quelle aller Wahrnehmung sucht, sie ist Poesie, weil sie von unserer Sehnsucht nach unkündbarer Liebe spricht, und sie verdient sich ihren eigenen Namen, indem sie nicht außen, sondern innen, im Geist, fündig wird: jenseits der Reichweite des Zweifels – in der Gewissheit; fernab unserer Fragen – in der Antwort; außerhalb der Möglichkeit, anzugreifen – in der Wehrlosigkeit. Nur in Deiner unmittelbaren Nähe finde ich zu mir, jetzt: in der Gegenwart dieses Augenblicks.

Am Elbanleger Teufelsbrück in Hamburg kann man die in Stein gehauene Instanz sehen, die von dieser Gegenwart nichts weiß. In Stein musste man sie hauen, weil sie zuvor als Holzskulptur über viele Jahre hinweg immer wieder nächtens gestohlen worden war von denen, die den Teufel gerne für sich ganz allein haben wollen. Jetzt steht der brave Geselle aber seit einigen Jahren wieder der Allgemeinheit zur Verfügung, überwacht den Strom, der die Stadt mit dem Meer verbindet, und trotzt allein durch seine Schwere allen Versuchen, ihn in Privatbesitz zu entrücken. Teufelsbrück2aklSein Blick bezweifelt blind das Licht, und seine Lippen sind vor Argwohn schmal. Er ist zutiefst unglücklich, weil er aus sich heraus nicht leben kann: er braucht uns, braucht unseren Glauben an ihn, den Negierer, den Bezweifler, den Relativierer und Immerbesserwisser, den wir heute entschrecklicht haben, indem wir ihn harmlos „Ego“ nennen. Aber er lächelt dabei sein uraltes Lächeln der Überlegenheit: er ist sich unserer Treue so sicher! Er weiß, wie gerne wir negativ denken, wie gerne wir mit dem Finger von uns weg auf den Anderen zeigen, wenn es um sein Lieblingsthema „Schuld“ geht, und er weiß, wie viel Angst wir haben vor seinem Trumpf-Ass: der offensichtlich unwiderlegbaren Endlichkeit allen Lebens. Er ist mit der Zeit verbündet und zeigt an der Gegenwart vorbei auf die Vergangenheit der Schuld und des Mangels und auf eine Zukunft unvermeidlicher Zerstörung. Und bleibt dennoch ganz und gar abhängig – von unserem Glauben an ihn. Und wir, die Treuen, sind selbst unglücklich, weil wir in seinem Gefolge das Leben niemals positiv beantworten können, was auch immer wir versuchen, mit ihm, dem Negierer des Geistes, verneinen wir uns selbst.

Wo aber ist der Ort, an dem ich meinen Glauben an diesen unglücklichen Zweifler ablegen kann? Innen im Geist finde ich ihn, und in einer ungetrübten Sicht auf die Welt, einer Sicht, die sich mir unsäglich still anbietet, als würde sie mir zuliebe noch Ewigkeiten warten, bis ich sie vielleicht nur ein einziges Mal annähme, in einem Schauen, das den Meister der täuschenden Schatten aus dem Dienst entlassen hat, sehe ich das Einzige, was unzweifelhaft ist: Dich, gemeinsam mit mir.

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Geburtstag

Kann der Schmerz das Licht besiegen,
Zwingt meine Deutung schlichte Wahrheit in die Knie?
Kann ich endlos selbst mich denn belügen,
Wie lange will ich’s noch verweigern, komm’ ich nie

Zurück – zurück! – zu dem, was treu und wahr,
Still und wesentlich bei mir geblieben,
Als für mein Aug’ und Ohr Entsetzliches geschah,
Als  scheinbar Leben starb, von Schmerzen aufgerieben?

Doch kann der Schmerz das Licht besiegen,
Treibt der Tod das Wahre aus?
Niemals soll mir Wahrheit so genügen,
Wohn’ immer noch mit Dir in ihrem ewig liebevollen Haus.

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Frühlings erster Morgen

Als der Vögel Zwitschern heller wurde,
Und ihr Pfeifen wurd’ zum Lied,
Als des Grases zarte Halme zitternd unter’m Tau sich regten,
Und der Nebel aus den Feldern stieg,
Als das erste Licht die Wolken säumte,
Nicht wissend, was die Dunkelheit denn sei,
Wichen Traumes Truggebilde,
Und das Leben atmet frei.
Und bedeutsam ward auf einmal Alles,
Als vom Selben sprachen Quell und Bach,
Was sich tausendfach verschieden träumte,
Rief das Licht als Eins, als Sein’s nun wach.

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