Das leise Lied des Lebens

 

‚„Du hast Deine Mitte verloren!“, was für ein esoterischer Kitsch!‘ – der Zorn, den er mit der Erinnerung an den gestrigen Abend wieder in sich aufleben lassen wollte, fühlte sich matt und künstlich an, so recht glauben konnte er ihm nicht mehr .

Er stand am Fenster seiner Kanzlei und betrachtete die aufblühende Magnolie im Vorgarten der Stadtvilla, in die er vor etwa einem Jahr mit seinem Büro und seinen acht Angestellten gezogen war. Er war sich nicht sicher, ob er sie jemals zuvor überhaupt wahrgenommen hatte, vielleicht hatte sie damals, als sie eingezogen waren, ihre Blüten bereits wieder abgeworfen. „Du bist schön!“, sagte er laut, die anderen waren schon gegangen, er war ganz allein im Büro: „Du bist wirklich schön!“, wiederholte er, jede Silbe einzeln aussprechend, sich dabei selbst zuhörend, wie seine Stimme klinge, ob sie sich verändert habe, seine Stimme, auf die er ganz besonders stolz war, die ihn immer verlässlich begleitet hatte und stets beteiligt gewesen war an seinen Siegen vor Gericht. Und ja, er fand sie tatsächlich energielos, zweifelnd, ohne diese Entschiedenheit, die sie sonst ausmachte, weit weg von ihrer glasklaren Präsenz, mit der er so überzeugend klingen konnte.

„Meine Mitte!“ er versuchte, das Wort zu verhöhnen. Seine Leidenschaft und sein Sport waren das Boxen und ‚die Mitte‘ war für ihn der Solarplexus, dieses empfindsame Nervengeflecht um die Bauchschlagader herum, das zu schützen er meisterlich gelernt hatte. Mit dieser Art gefühlsduseliger Sensibilität, mit der die ‚Mitte‘ zu irgend einem diffusen Wohnort einer Seele gemacht wurde, den und die man verlor, wenn man pragmatisch dachte und lebte, konnte er nichts anfangen, das hatte er ihr durch sein Verhalten ja wohl auch unmissverständlich zu verstehen gegeben! Sie hatten sich gestern nach zwanzig Jahren wiedergesehen, damals hatten sie gemeinsam studiert, waren auch für kurze Zeit ein Paar gewesen, hatten sich aber nach dem Studium bald wieder aus den Augen verloren. Und jetzt dieses Wiedersehen! „Du bist noch klüger und attraktiver geworden, Klaus!“, hatte sie nach einem aus seiner Sicht recht unterhaltsamen Abend gesagt und die Brust unter seinem blütenweißen Hemd war ihm schon stolz geschwollen, wie er es liebte: bis zu dem Gefühl, dass gleich der erste Hemdknopf abplatzen werde, als sie von unten herauf diesen unseligen Zusatz ausgesprochen hatte, der ja wohl der eigentliche Hauptsatz sein sollte: „Aber Du hast Deine Mitte verloren!“

Charmant und eloquent hatte er sich über die Situation hinweggeredet, das Abendessen für beendet erklärt, sich mit großer Deutlichkeit verabschiedet und keine zehn Minuten nach ihrer Bemerkung tief durchatmend und wieder allein vor seinem heiß geliebten Porsche gestanden.

Aber etwas hatte ihn davon abgehalten, gleich einzusteigen, er kannte diese Art Schwäche nur zu gut, diesen nach einem Lebertreffer sich zeitverzögert einstellenden Eingeweideschmerz, der einem das Mark aus den Knochen zog. Sie hatte ihn erwischt, einfach kalt erwischt mit diesem blödsinnigen Ausdruck!

Er hatte das noch wie ein Wissenschaftler von außen betrachten können, neugierig, fest davon überzeugt, Herr der Lage zu bleiben: es war doch interessant, wie eine Bemerkung, die sein Kopf als vollkommen bedeutungslos ablehnte, von seinem Körper offensichtlich ganz anders eingeordnet wurde! Eine ganze Weile war er noch spazieren gegangen und erst, als er sich beruhigt hatte, nach Hause gefahren.

‚Na gut, vielleicht glaubt man viel öfter, als man meint, die eigene Sichtweise sei die einzig richtige‘, versuchte er jetzt in der Erinnerung an gestern die Situation mit einem Maß an Selbstkritik zu umkreisen, das ihm noch nicht gefährlich werden konnte. Auch diese Magnolie hier hatte er ja offensichtlich bis heute kaum beachtet, obwohl er ein Jahr lang fast jeden Tag ganz nah an  ihr vorbeigegangen war! Das zeigte doch schon, wie sehr man von seinen persönlichen Interessen befangen, wie – unvollständig man wahrnahm! „Sie ist wirklich schön!“, sprach er noch einmal laut, und diesmal meinte er, was er sagte – ging aber, als er einen leichten Schwindel verspürte, sofort wieder dazu über, den  zurückliegenden Tag zu  analysieren.

Heute Morgen hatte er den zweiten Treffer einstecken müssen. Als er ins Büro gekommen war, hatte auf seinem Schreibtisch die Akte Uwe W. gelegen, ein längst abgeschlossener Fall, es hatte nur noch einer Unterschrift bedurft. Mit größtem Widerwillen hatte er die Akte geöffnet, und alles war wieder hochgekommen: der gewonnene Prozess, sein Unwohlsein damit und der Entschluss, den Fall so schnell wie möglich zu vergessen. Moralische Bedenken wie diese hatte er bisher nur aus schlechten Filmen gekannt: Der Verteidiger gewinnt den Prozess, in dessen Verlauf ihm bewusst geworden ist, dass sein Mandant in allen Punkten schuldig ist, und verfällt dadurch in Selbstzweifel. Nein, er hatte nie einen Grund gesehen, an seinem doch klaren Auftrag zu zweifeln, der ihn dazu verpflichtete, die Interessen des Angeklagten zu vertreten und dabei sein ganzes Können und Wissen einzusetzen. Das hatte er auch hier getan, und zwar sehr erfolgreich, alle hatten ihm gratuliert nach dem Prozess! Als dann aber der Kläger an ihm vorbeigekommen war und ihn angeschaut hatte, da hatte er einen Moment nicht aufgepasst, hatte seine Deckung vernachlässigt, war schutzlos gewesen gegen den Blick eines Menschen, der einfach nur gesagt hatte: „Das war Unrecht!“.

Die Schwäche von gestern Abend, die er längst überwunden geglaubt hatte, war wieder in ihm aufgestiegen, von innen heraus, aus den Eingeweiden war sie in seine Muskulatur eingesickert, und ihm war klargeworden, dass er schwerer getroffen war, als er geglaubt hatte, der Boden war unsicher geworden unter seinen Füßen, und er hatte sich energisch zu seinem gewohnten Selbstbewusstsein zurückrufen müssen, um sich nach außen hin nichts anmerken zu lassen.

Der entscheidende Schlag aber hatte ihn eben erst getroffen, vor gerade zehn Minuten, und er hatte sofort gewusst, dass er endgültig sein werde.  Er hatte sich gerade fertig gemacht, um nach Hause zu gehen, als der Anruf von Laura gekommen war. An ihrer Stimme hatte er sofort bemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war und er war vorbereitet gewesen:

Mit allen drei Schwestern war er seit langem gut befreundet, sie kannten sich schon von der Schulzeit her: Laura, die Älteste, Klara, Anwältin wie er, mit der er sich häufig traf, um Berufliches auszutauschen, und dann eben die Jüngste, Sophie, die vor jetzt schon acht Jahren die Diagnose einer Krebserkrankung hatte hinnehmen müssen und die dank ihres unerschütterlichen Lebenswillens immer wieder in die Remission gekommen war, was unter den Ärzten inzwischen schon als ein Wunder galt. Aber man hatte natürlich irgendwo jenseits von Vertrauen und Hoffnung auch immer mit der Möglichkeit rechnen müssen, dass ihr Kampf einmal verloren gehen könne.

Ohne, dass ihm dies bewusst gewesen wäre, lag in ihm alles, was er in diesem Fall hätte sagen können an tröstenden Worten, wie auf Abruf bereit, und als Laura dann tatsächlich gesagt hatte: „Wir haben uns von unserer Schwester verabschieden müssen, Klaus…“ , da hatte er schon Luft geholt, um auszusprechen, was sich in ihm vorbereitet hatte.

Aber da hatte Laura, erschrocken über ihr Versäumnis, etwas Wesentliches nicht erwähnt zu haben, rasch hinzugefügt: „Klaus, es ist nicht die Kleine, nicht die Kleine, es ist Klara! Sie ist… die Kellertreppe … sie ist ganz unglücklich auf den Kopf  … sie war sofort tot.“

Nur ein einziges Mal in seiner Boxerkarriere hatte er einen echten K.O. hinnehmen müssen, das war vor etwa fünf Jahren gewesen, aber die Erinnerung daran war das Erste, was ihm in den Sinn gekommen war, als sich zwischen ihm und Laura dieses uferlose Schweigen ausgebreitet hatte: Damals hatte er noch im Fallen glasklar gedacht, war alle Strategien noch einmal durchgegangen, hatte die Fehler analysiert, für die Zukunft Schlüsse gezogen und die Taktik nachgebessert, blitzartig hatte er einen gedanklichen Kreis gezogen in dem Versuch, etwas auszuschließen, was dennoch als fühlbare Gewissheit unerschütterlich dagestanden hatte, während er zu Boden gegangen war: Es ist zu spät, Du kannst nichts mehr machen. Aus.

Diesmal hatte er dieses „Aus“ als vollkommene Sprachlosigkeit erlebt, während er sich selbst zugehört hatte, wie er in das Schweigen hinein etwas Tröstendes sagte und seine Hilfe anbot, ohne das Schweigen damit auflösen zu können. Er hätte jetzt auch nicht mehr sagen können, wie sie das Gespräch beendet hatten: Eine Art Graben war entstanden zwischen der Nachricht und diesem „Jetzt“, in dem er hier am Fenster stand und die Ereignisse seit gestern Abend noch einmal durchging, in dem ohnmächtigen Versuch, eine Kontinuität zu beschwören, die es nicht mehr gab.
Klara. Morgen hätte man sich wieder treffen wollen. Sie war die andere Art Anwältin gewesen, ja, sicher: menschlicher als er, weiblich eben, dafür nicht ganz so erfolgreich! Oh je, was für ein Unsinn! Weiblich! Nicht so erfolgreich! Himmel! Sie war einfach… sie war eine Freundin! Hatte er nicht immer heimlich gedacht, dass er sich sicher fühlen konnte mit seiner mehr abstrakten, erfolgsorientierten Art, solange sie, Klara, ihm die Freundschaft nicht kündigte? Hatte er nicht immer gewusst, dass ihm etwas bitter fehlte, das er in ihr wie deponiert hatte?

Er ließ nicht zu, dass auch nur ein Bild ihres Sturzes vor sein inneres Auge kam, er ließ es nicht zu! Er wollte das nicht sehen!

Und dann fühlte er, wie er fiel. Er stand aufrecht am Fenster, kein Zweifel, aber er, er!, mein Gott!, trotzdem der Körper stand, er fiel! Er konnte sich die Bilder verbieten zu sehen, aber er ging mit ihr zu Boden, fiel ihr hinterher. Und das konnte er nicht mehr stoppen. Hastig nahm er sein Jackett und verließ die Kanzlei.

Als er ins Freie trat, wehte ihn die laue Frühlingsluft freundlich an, und er blieb stehen, um sich für einen Moment die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen und sein aufgewühltes Inneres zu beruhigen.

Von einem Windstoß aus den Kronen gefegt, wirbelten ein paar vertrocknete Blätter vor ihm durch die Luft, die noch an ihren Bäumen hatten überwintern können, um erst jetzt der nächsten Generation zu weichen. Eins davon flog ihm mitten zwischen die Augen, so dass er sie reflexhaft schließen musste und für einen Moment ohnmächtig dastand wie von Blindheit geschlagen.

‚Das passt ja!‘, dachte er ärgerlich, ‚heute hat sich wohl alles gegen mich verschworen!‘, während er nach dem Blatt greifen wollte. Aber der Wind hatte ihm die Arbeit schon abgenommen und als er die Augen öffnete, tanzte das Blatt vor ihm – wollte es ihn denn verhöhnen?- seinen wilden letzten Tanz.

Dann aber – er stand immer noch ein wenig betäubt da und sein Blick folgte fast willenlos dem Schauspiel – ging der Tanz in ein sanftes Segeln über, das Blatt gab sich ganz dem nachlassenden Wind hin, der es immer wieder auffing und ein kleines Stück hinauftrug, wie um ihm noch einmal zu ermöglichen, Abschied zu nehmen von der Baumkrone, die ein Jahr lang seine Heimat gewesen war, und es dann allmählich näher, näher und immer näher der Erde zu bringen.

Fasziniert waren seine Augen diesem Flug gefolgt, und was er sah, hatte sich zunächst nur mit dem Gefühl seines eigenen Fallens verbunden. Kurz, bevor das Blatt auf dem Boden aufkam, sah er dann aber plötzlich all die Bilder vor sich, die er sich seit dem Anruf Lauras verboten hatte anzuschauen: er sah den Sturz Klaras in allen Details, nichts ließ er aus, was seine Phantasie ihm ausmalen wollte, auch nicht all die Gedanken und Gefühle, die er, ja – die er mit ihr teilte, als er sie, die Freundin, stürzen sah. Er sah einen Film vor sich, der vollständiger nicht hätte sein können … bis auf das letzte Bild, das sich ihm nicht mehr zeigen wollte. Stattdessen sah er vor sich wieder das Blatt, wie es nach einer letzten Drehung um sich selbst mit unendlicher Sanftheit vom Wind, von der Luft, von einem Hauch… auf der Erde abgelegt wurde, so zart, wie eines Menschen Hand es nie vermocht hätte.

Und in dem längsten Augenblick seines Lebens, aus der Tiefe einer uralten, von nichts zu trübenden Freude, die wie ein leises, wohlvertrautes Lied in ihm aufstieg, als dies letzte Bild seinen und den Sturz Klaras in Eins zusammenführte, fiel seine Entscheidung.

( 17.05.2013 )

Grüß‘ Gott

 

„Es ist nicht nur die Frühlingsluft …?“

„Wie bitte?“

„Verzeihen Sie, ich habe Sie beobachtet.“

Oh … – ja, nein, also das ist schon in Ordnung … – was haben Sie denn gesehen beim Beobachten?“

„Sie haben – wie soll ich sagen? –  so tief durchgeatmet.“

„Na ja, nach sechs Monaten Winter!“

„Ha! Da haben Sie recht! – Aber wissen Sie, was ich meine?“

„Hm …“

„Darf ich sagen, was ich gedacht habe?“

„Ja, bitte!“

„Er scheint die Bäume und das Gras und die Vögel irgendwie zu begrüßen, selbst die Luft, die er einatmet …“

„Finden Sie das verrückt?“

„Ich darf nicht drüber nachdenken, dann – vielleicht nicht …“

„Was käme denn dabei heraus, wenn Sie darüber nachdächten?“

„Na ja, eben dass es verrückt ist, die Luft, die man einatmet, zu begrüßen wie … wie man vielleicht einen nahen Verwandten begrüßt, so … vertraut? …“

„Ich finde das offen gestanden auch verrückt! Luft ist Luft. Und ein Baum, auch wenn er sich gerade so schön begrünt wie dieser hier, ist eben trotzdem nur ein Baum, nicht?“

„Ah! – jetzt provozieren Sie mich, Sie finden es eben nicht verrückt!“

„Doch, doch, ganz bestimmt sogar! Verrückt! Aus der normalen Wahrnehmung herausgerückt. Allerdings ist vielleicht die Frage erlaubt, in welche Richtung?“

„Was heißt in welche Richtung?“

„In welche Richtung verrückt.“

„Sie meinen?“

„Na, in Richtung Wahnsinn verrückt oder in Richtung Wahrheit verrückt!“

„Ich glaube, ich hätte Sie doch nicht ansprechen sollen!“

„Oh! – jetzt sind Sie es aber, der mich provoziert! Sie freuen sich ja mit mir!“

„Ja, tatsächlich, ich hab’s auch bemerkt, ich freue mich wirklich mit Ihnen!“

„Seien Sie mir auch begrüßt!“

„Ja, und Sie mir, leben Sie wohl!“

„Auf Wiedersehen!“

( 21.04.2012 )

Hörst Du?

 

Wohin geht die Reise,  Freund,
Kannst Du’s mir sagen?
Was ist unser Ziel,
Ist es erlaubt,  Dich das zu fragen?

Sprich nicht von Aufstieg und Besitz,
Von Abenteuern,  die niemand vor Dir hat gewagt,
Nicht von all den hart erkämpften Siegen,
Was unser Ziel sei, ist gefragt …

*

 

Der Dritte im Bunde

„Ich bin Nihilist!“
Er sagte es mit fester Stimme, und sein Stolz war unüberhörbar, mit dieser Selbsteinschätzung Vernunft und Realität das Wort geredet zu haben, genauso unüberhörbar allerdings wie sein Zweifel an dieser radikalsten aller Absagen an Glaubensbekenntnisse jedweder Art: „Ich bin Nihilist!“
Wir waren uns gestern in einem kleinen Café in Kühlungsborn begegnet. Es war sehr kalt und windig gewesen an diesem Tag und hatte heftig geschneit, so dass sich die wenigen Touristen, die um diese Jahreszeit in den Ort gekommen waren, bevorzugt in den Cafés und Restaurants aufgehalten hatten.
Ich hatte mich an seinen Tisch, an den einzigen noch freien Platz im gesamten Café gesetzt, die winterliche Ostsee im Blick, und so waren wir ins Gespräch gekommen.
Matthis kam wie ich aus Hamburg, aus einem unbestimmten Gefühl der Sympathie heraus hatten wir uns gleich mit dem „Du“ angeredet. Das Gespräch war, nachdem es sich aus den üblichen Wetterbetrachtungen erlöst hatte, eine ganze Weile um unsere Vorliebe für diesen von Hamburg aus leicht erreichbaren Ostseeort gekreist, um die Kraft und die Ruhe, die man hier, umgeben von frei atmender Natur, empfinden konnte, als er unvermittelt die Frage gestellt hatte, ob ich Christ sei.
Ich hatte nicht weiter nachgefragt, wie er zu dieser Vermutung gekommen sei, sie mit einem einfachen ‚ja‘ bestätigt und war froh gewesen, dass er sich mit dieser schlichten Antwort zufriedengegeben zu haben schien.
Jetzt, auf unserem Morgenspaziergang, zu dem wir uns gestern noch verabredet hatten, zeigte sich also, dass ich mich mit dieser Einschätzung geirrt hatte.
„Nihilist, ein großes Wort! „, erwiderte ich, in der Hoffnung, der Kelch einer weltanschaulichen Diskussion könne doch noch an mir vorübergehen. Gespräche dieser Art hatte ich selten als fruchtbar erlebt, allzu oft verirrte man sich dabei in einem Labyrinth aus stillschweigenden, unhinterfragten Voraussetzungen und verfing sich in der Versuchung, mit seinen Definitionen eigene Vorstellungen als Wahrheiten fixieren zu wollen, anstatt sich für etwas zu öffnen, auf das zum Glück kein Eigentumsrecht geltend gemacht werden kann: für die Wahrheit.  Was ist ein „Christ“, was ein „Nihilist“, was heißt „glauben“?
Jedenfalls hatte es mir bisher immer als eine seltene Sternstunde gegolten, wenn ein solches Gespräch gelungen war und alle Beteiligten es als Insoiration erlebt hatten, es war mir dann immer so vorgekommen, als habe in diesen glücklichen Momenten das Leben selbst die eigentlichen Antworten gegeben.
Meine Hoffnungen, doch noch zu einem beschaulichen Spaziergang zu kommen, musste ich endgültig aufgeben, als Matthis, als sei er gut vorbereitet, meinen Einwand sofort mit einem Konter beantwortete:
Mit dem feinen Lächeln eines SChachspielers, der weiß, dass er einen genialen Zug macht, sagte er: Na schön,dann bin ich ein Agnostiker, ja, das ist gut: ich bin ein Agnostiker!“
Agnostizismus – viel hätte ich aus dem Stegreif nicht mehr über diese philosophische Richtung sagen können, meinte jedoch zu erinnern, dass sie vor allem theologische Fragen zwar stellte, sie aber gleichzeitig für prinzipiell unklärbar hielt.
‚Das ist ja pfiffig!‘, dachte ich: ‚aus dem absoluten Nichts des Nihilismus wird plötzlich ein Nichts, das man diskutieren kann, und erst nach genauer Prüfung sämtlicher theoretischer Möglichkeiten, irgend etwas zu erkennen, kommt man zu der Erkenntnis, dass man nichts erkennt, und schließt daraus, dass nichts zu erkennen ist! Jedenfalls keine Zeugen oder gar Beweise einer spirituellen Wahrheit.‘ Da schien mir Sokrates‘ „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ doch entschieden erwartungsvoller auf den Horizont des Erkennbaren zu schauen!
Mit der diskreten Umetikettierung seiner philosophischen Einstellung hatte Matthis allerdings – und wer weiß, vielleicht war das seine Absicht und damit wirklich ein kluger Schachzug von ihm – meine Neugier und Denklust angestachelt. Umso größer war mein Erstaunen, als ich – gerade ausholend zu einer entsprechenden Antwort – bemerkte, dass nun er es war, der an einer Fortsetzung des Gesprächs das Interesse verloren zu haben schien.
Er war stehengeblieben und hob mit großer Geste die Arme, atmete tief die kalte Meeresluft ein und begann, von den Schönheiten der Natur zu schwärmen.
– Wie soll ich es sagen? Von diesem Moment an empfand ich eine Art augenzwinkerndes Einverständnis zwischen uns, … etwas Drittem Raum zu geben.
Wir verließen die befestigte Strandpromenade und gingen hinunter auf den von Schnee überfirnissten Sandstrand, angezogen vom Brandungsrauschen, das in unzähligen sich brechender Wellen von deren Herkunft aus der Urkraft des Meeres sprach.
Eine Weile noch sahen wir  noch dem Tanz der Wellen, dem Formenspiel der Wolken zu, fuhren mit unseren Blicken die fein gezogene, leicht gekrümmte Linie nach, an der sich Himmel und Meer zu treffen und zu trennen schienen.
Schließlich gingen wir weiter, und wunderbarerweise empfand ich, dass sich unser Gespräch, das gestern begonnen hatte und bisher im Kern aus nicht viel mehr als drei Worten bestand, in unserem Schweigen fortsetzte, sich ausweitete und dabei an Tiefe gewann; eine Art Nähe entstand, eine Unmittelbarkeit.
Irgendwann machte mich Matthis mit einer kleinen Kopfbewegung auf etwas aufmerksam:  Etwa zwanzig Meter vor uns, dort, wo der Sandstrand in kleine, grasbewachsene Dünen überging, kauerte ein Mann in höchst eigenartiger Stellung am Boden. Den Kopf zwischen die Knie geklemmt, die Hände hinterm Nacken verschränkt, dadurch das Gesicht nach unten gerichtet, machte er den Eindruck, als wolle er sich in eine möglichst kleine Form zusammenfalten.
„Lass‘ uns lieber hingehen!“, schlug Matthis vor, „vielleicht braucht er Hilfe.“
Der Mann regte sich zunächst nicht, als wir durchaus hörbar auf ihn zugingen. Erst, als Matthis ihn ansprach, löste er seine Hände aus ihrer Verschränkung und hob seinen Kopf.
„Geht es Ihnen gut? Können wir Ihnen helfen?“, fragte Matthis und erschrak im ersten Moment genau wie ich über das Antlitz, in das wir blickten: Die Gesichtszüge des vielleicht fünfunddreißigjährigen Mannes waren mehr als unruhig, kamen sich sozusagen selbst in die Quere, sein Blick schien zu flackern wie ein Kerzenlicht im Wind und sein Mund stand in vollkommener Ausdruckslosigkeit offen, als habe er noch nie ein Wort gesprochen.
Als er dann aber doch antwortete, klang seine Stimme im Kontrast zu dem Anblick, den er bot, ganz arglos, in einem fast zutraulichen Ton sagte er:
„Mir kann man nicht helfen. Die Russen hätten meinen Vater nicht erschießen sollen, er wollte ihnen nichts Böses!“
Bevor noch einer von uns antworten konnte, fuhr er fort:
„Mein Vater hat sich aufgehängt!“
Ein Frösteln ging durch mich hindurch bei dieser den Verstand überfordernden Rede, und aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch Matthis unwillkürlich einen Schritt zurückwich.
Der Mann saß immer noch in der Hocke, die Ellbogen jetzt auf den Knien abgestützt und die Arme nach vorne weggestreckt, so dass die Handflächen nach oben wiesen. Geben- und Habenwollen schienen sich gleichermaßen auszudrücken in dieser Geste, ununterscheidbar.
Als habe er Mitleid mit uns, gab er eine Art Erklärung ab:
„Ich bin geisteskrank, sie haben mich falsch behandelt, ich werde Anzeige erstatten!“
Immer noch sprach er in diesem harmlosen, kindlich-vertrauensvollen Ton. Gleichzeitig aber umgab ihn eine Art Vakuum, ein Niemandsland, und mein Frösteln verdichtete sich zu einer leisen Angst, in diese Aura der Ungewissheit weiter hineingezogen zu werden: da war kein Boden, das war der schiere Abgrund!
Auch bei Matthis sah und spürte ich das Unbehagen vor dieser brückenlosen Schlucht, die uns von diesem vor uns kauernden Menschen trennte.
„Sie haben über Gott gesprochen!“, sagte er jetzt ganz unvermittelt.
„In der Tat, also gewissermaßen!“ antwortete Matthis sichtlich erleichtert über diese zwar überraschende, aber immerhin konkrete Feststellung.
„Fragen Sie sich, woher ich das weiß?“, kam es jetzt von unten herauf, und ich antwortete spontan und aufrichtig: „Ja, das frage ich mich tatsächlich!“
Jetzt aber schien er wie in sich zurückzusinken, sagte nichts mehr, schaute mich zwar irgendwie an, doch stieren Blickes, der mitten durch mich hindurchzugehen schien, ohne noch etwas wahrzunehmen … aber nein, ich täuschte mich, nicht „stier“ war sein Blick, er starrte nicht, nein, jetzt sah ich es anders: es war vielmehr, als ob er wartete, wartete wie seit Ewigkeiten, wartete auf Antwort, Antwort auf sich. Es war wie ein uraltes Horchen, das ich – gewissermaßen sah …
… und da war keine Schlucht mehr, kein Abgrund zwischen uns und diesem Menschen: ich erkannte dies Warten, dieses Horchen als das meine, und ich hatte vor mir keinen Geisteskranken mehr, sondern meinen Bruder, den Bruder, wie er jetzt aufstand, um mir die Hand zu geben:
„Ich muss gehen. Auf Wiedersehen. Ich muss Anzeige erstatten!“
Für einen Moment blickte er mir in die Augen, das Flackern war verschwunden, so, als sei die Kerze erloschen – und gerade dadurch sei es heller geworden!
Ganz behutsam nahm er meine Hand in die seine, drückte sie leicht, wie man es tut, wenn man sich über etwas geeinigt hat, und reichte dann auch Matthis die Hand.
„Alles Gute und auf Wiedersehen!“, sagte Matthis, und ein Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes wie eine ferne Erinnerung, bevor er sich umdrehte und schwerfälligen Schrittes davonging.

Auf dem Weg zurück sprachen Matthis und ich kein weiteres Wort miteinander. Erst als wir uns trennten, verabredeten wir uns für den nächsten Morgen zu einem gemeinsamen Spaziergang.

( 16.03.2013 )