Der Dritte im Bunde

„Ich bin Nihilist!“
Er sagte es mit fester Stimme, und sein Stolz war unüberhörbar, mit dieser Selbsteinschätzung Vernunft und Realität das Wort geredet zu haben, genauso unüberhörbar allerdings wie sein Zweifel an dieser radikalsten aller Absagen an Glaubensbekenntnisse jedweder Art: „Ich bin Nihilist!“
Wir waren uns gestern in einem kleinen Café in Kühlungsborn begegnet. Es war sehr kalt und windig gewesen an diesem Tag und hatte heftig geschneit, so dass sich die wenigen Touristen, die um diese Jahreszeit in den Ort gekommen waren, bevorzugt in den Cafés und Restaurants aufgehalten hatten.
Ich hatte mich an seinen Tisch, an den einzigen noch freien Platz im gesamten Café gesetzt, die winterliche Ostsee im Blick, und so waren wir ins Gespräch gekommen.
Matthis kam wie ich aus Hamburg, aus einem unbestimmten Gefühl der Sympathie heraus hatten wir uns gleich mit dem „Du“ angeredet. Das Gespräch war, nachdem es sich aus den üblichen Wetterbetrachtungen erlöst hatte, eine ganze Weile um unsere Vorliebe für diesen von Hamburg aus leicht erreichbaren Ostseeort gekreist, um die Kraft und die Ruhe, die man hier, umgeben von frei atmender Natur, empfinden konnte, als er unvermittelt die Frage gestellt hatte, ob ich Christ sei.
Ich hatte nicht weiter nachgefragt, wie er zu dieser Vermutung gekommen sei, sie mit einem einfachen ‚ja‘ bestätigt und war froh gewesen, dass er sich mit dieser schlichten Antwort zufriedengegeben zu haben schien.
Jetzt, auf unserem Morgenspaziergang, zu dem wir uns gestern noch verabredet hatten, zeigte sich also, dass ich mich mit dieser Einschätzung geirrt hatte.
„Nihilist, ein großes Wort! „, erwiderte ich, in der Hoffnung, der Kelch einer weltanschaulichen Diskussion könne doch noch an mir vorübergehen. Gespräche dieser Art hatte ich selten als fruchtbar erlebt, allzu oft verirrte man sich dabei in einem Labyrinth aus stillschweigenden, unhinterfragten Voraussetzungen und verfing sich in der Versuchung, mit seinen Definitionen eigene Vorstellungen als Wahrheiten fixieren zu wollen, anstatt sich für etwas zu öffnen, auf das zum Glück kein Eigentumsrecht geltend gemacht werden kann: für die Wahrheit.  Was ist ein „Christ“, was ein „Nihilist“, was heißt „glauben“?
Jedenfalls hatte es mir bisher immer als eine seltene Sternstunde gegolten, wenn ein solches Gespräch gelungen war und alle Beteiligten es als Insoiration erlebt hatten, es war mir dann immer so vorgekommen, als habe in diesen glücklichen Momenten das Leben selbst die eigentlichen Antworten gegeben.
Meine Hoffnungen, doch noch zu einem beschaulichen Spaziergang zu kommen, musste ich endgültig aufgeben, als Matthis, als sei er gut vorbereitet, meinen Einwand sofort mit einem Konter beantwortete:
Mit dem feinen Lächeln eines SChachspielers, der weiß, dass er einen genialen Zug macht, sagte er: Na schön,dann bin ich ein Agnostiker, ja, das ist gut: ich bin ein Agnostiker!“
Agnostizismus – viel hätte ich aus dem Stegreif nicht mehr über diese philosophische Richtung sagen können, meinte jedoch zu erinnern, dass sie vor allem theologische Fragen zwar stellte, sie aber gleichzeitig für prinzipiell unklärbar hielt.
‚Das ist ja pfiffig!‘, dachte ich: ‚aus dem absoluten Nichts des Nihilismus wird plötzlich ein Nichts, das man diskutieren kann, und erst nach genauer Prüfung sämtlicher theoretischer Möglichkeiten, irgend etwas zu erkennen, kommt man zu der Erkenntnis, dass man nichts erkennt, und schließt daraus, dass nichts zu erkennen ist! Jedenfalls keine Zeugen oder gar Beweise einer spirituellen Wahrheit.‘ Da schien mir Sokrates‘ „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ doch entschieden erwartungsvoller auf den Horizont des Erkennbaren zu schauen!
Mit der diskreten Umetikettierung seiner philosophischen Einstellung hatte Matthis allerdings – und wer weiß, vielleicht war das seine Absicht und damit wirklich ein kluger Schachzug von ihm – meine Neugier und Denklust angestachelt. Umso größer war mein Erstaunen, als ich – gerade ausholend zu einer entsprechenden Antwort – bemerkte, dass nun er es war, der an einer Fortsetzung des Gesprächs das Interesse verloren zu haben schien.
Er war stehengeblieben und hob mit großer Geste die Arme, atmete tief die kalte Meeresluft ein und begann, von den Schönheiten der Natur zu schwärmen.
– Wie soll ich es sagen? Von diesem Moment an empfand ich eine Art augenzwinkerndes Einverständnis zwischen uns, … etwas Drittem Raum zu geben.
Wir verließen die befestigte Strandpromenade und gingen hinunter auf den von Schnee überfirnissten Sandstrand, angezogen vom Brandungsrauschen, das in unzähligen sich brechender Wellen von deren Herkunft aus der Urkraft des Meeres sprach.
Eine Weile noch sahen wir  noch dem Tanz der Wellen, dem Formenspiel der Wolken zu, fuhren mit unseren Blicken die fein gezogene, leicht gekrümmte Linie nach, an der sich Himmel und Meer zu treffen und zu trennen schienen.
Schließlich gingen wir weiter, und wunderbarerweise empfand ich, dass sich unser Gespräch, das gestern begonnen hatte und bisher im Kern aus nicht viel mehr als drei Worten bestand, in unserem Schweigen fortsetzte, sich ausweitete und dabei an Tiefe gewann; eine Art Nähe entstand, eine Unmittelbarkeit.
Irgendwann machte mich Matthis mit einer kleinen Kopfbewegung auf etwas aufmerksam:  Etwa zwanzig Meter vor uns, dort, wo der Sandstrand in kleine, grasbewachsene Dünen überging, kauerte ein Mann in höchst eigenartiger Stellung am Boden. Den Kopf zwischen die Knie geklemmt, die Hände hinterm Nacken verschränkt, dadurch das Gesicht nach unten gerichtet, machte er den Eindruck, als wolle er sich in eine möglichst kleine Form zusammenfalten.
„Lass‘ uns lieber hingehen!“, schlug Matthis vor, „vielleicht braucht er Hilfe.“
Der Mann regte sich zunächst nicht, als wir durchaus hörbar auf ihn zugingen. Erst, als Matthis ihn ansprach, löste er seine Hände aus ihrer Verschränkung und hob seinen Kopf.
„Geht es Ihnen gut? Können wir Ihnen helfen?“, fragte Matthis und erschrak im ersten Moment genau wie ich über das Antlitz, in das wir blickten: Die Gesichtszüge des vielleicht fünfunddreißigjährigen Mannes waren mehr als unruhig, kamen sich sozusagen selbst in die Quere, sein Blick schien zu flackern wie ein Kerzenlicht im Wind und sein Mund stand in vollkommener Ausdruckslosigkeit offen, als habe er noch nie ein Wort gesprochen.
Als er dann aber doch antwortete, klang seine Stimme im Kontrast zu dem Anblick, den er bot, ganz arglos, in einem fast zutraulichen Ton sagte er:
„Mir kann man nicht helfen. Die Russen hätten meinen Vater nicht erschießen sollen, er wollte ihnen nichts Böses!“
Bevor noch einer von uns antworten konnte, fuhr er fort:
„Mein Vater hat sich aufgehängt!“
Ein Frösteln ging durch mich hindurch bei dieser den Verstand überfordernden Rede, und aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch Matthis unwillkürlich einen Schritt zurückwich.
Der Mann saß immer noch in der Hocke, die Ellbogen jetzt auf den Knien abgestützt und die Arme nach vorne weggestreckt, so dass die Handflächen nach oben wiesen. Geben- und Habenwollen schienen sich gleichermaßen auszudrücken in dieser Geste, ununterscheidbar.
Als habe er Mitleid mit uns, gab er eine Art Erklärung ab:
„Ich bin geisteskrank, sie haben mich falsch behandelt, ich werde Anzeige erstatten!“
Immer noch sprach er in diesem harmlosen, kindlich-vertrauensvollen Ton. Gleichzeitig aber umgab ihn eine Art Vakuum, ein Niemandsland, und mein Frösteln verdichtete sich zu einer leisen Angst, in diese Aura der Ungewissheit weiter hineingezogen zu werden: da war kein Boden, das war der schiere Abgrund!
Auch bei Matthis sah und spürte ich das Unbehagen vor dieser brückenlosen Schlucht, die uns von diesem vor uns kauernden Menschen trennte.
„Sie haben über Gott gesprochen!“, sagte er jetzt ganz unvermittelt.
„In der Tat, also gewissermaßen!“ antwortete Matthis sichtlich erleichtert über diese zwar überraschende, aber immerhin konkrete Feststellung.
„Fragen Sie sich, woher ich das weiß?“, kam es jetzt von unten herauf, und ich antwortete spontan und aufrichtig: „Ja, das frage ich mich tatsächlich!“
Jetzt aber schien er wie in sich zurückzusinken, sagte nichts mehr, schaute mich zwar irgendwie an, doch stieren Blickes, der mitten durch mich hindurchzugehen schien, ohne noch etwas wahrzunehmen … aber nein, ich täuschte mich, nicht „stier“ war sein Blick, er starrte nicht, nein, jetzt sah ich es anders: es war vielmehr, als ob er wartete, wartete wie seit Ewigkeiten, wartete auf Antwort, Antwort auf sich. Es war wie ein uraltes Horchen, das ich – gewissermaßen sah …
… und da war keine Schlucht mehr, kein Abgrund zwischen uns und diesem Menschen: ich erkannte dies Warten, dieses Horchen als das meine, und ich hatte vor mir keinen Geisteskranken mehr, sondern meinen Bruder, den Bruder, wie er jetzt aufstand, um mir die Hand zu geben:
„Ich muss gehen. Auf Wiedersehen. Ich muss Anzeige erstatten!“
Für einen Moment blickte er mir in die Augen, das Flackern war verschwunden, so, als sei die Kerze erloschen – und gerade dadurch sei es heller geworden!
Ganz behutsam nahm er meine Hand in die seine, drückte sie leicht, wie man es tut, wenn man sich über etwas geeinigt hat, und reichte dann auch Matthis die Hand.
„Alles Gute und auf Wiedersehen!“, sagte Matthis, und ein Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes wie eine ferne Erinnerung, bevor er sich umdrehte und schwerfälligen Schrittes davonging.

Auf dem Weg zurück sprachen Matthis und ich kein weiteres Wort miteinander. Erst als wir uns trennten, verabredeten wir uns für den nächsten Morgen zu einem gemeinsamen Spaziergang.

( 16.03.2013 )

Freude

 

Nun geb‘ ich all mein Sehnen hin,
Die Hoffnung, die mich führt,
Da ich an’s Meer gekommen bin,
Von einer Ahnung schon berührt.

Streif‘ ab die Fesseln, die mich binden,
An meine traumumstrickte Zeit,
Und lass‘ mich von dem Athem finden,
Der uns’re Freude kennt, und macht mich weit …

*

 

Ganz leicht …

… legte er seine Stirn an die große Fensterscheibe, während er in den Garten hinausschaute, der von einer hauchdünnen Schneeschicht wie verschleiert schien. Eine wunderbare Kühle strömte in ihn ein, beruhigte seine Gedanken, die sich heißgelaufen hatten in den letzten zehn Tagen, Tagen, in denen er allein gewesen war in dem großen Haus und in denen er es einfach nicht geschafft hatte, zu Rande zu kommen mit einem Gedanken, der sich ihm aufgedrängt hatte, kurz, nachdem Paula, seine Frau, zu ihrer erkrankten Mutter abgereist war, welche sie um Hilfe und Beistand gebeten hatte.
Er hatte sich irgendwie gefreut auf diese Zeit mit sich allein, und sich vorgenommen, sie zu nutzen,  seine Gedanken zu ordnen, zu analysieren, warum ein friedliches Miteinander mit Paula immer schwieriger geworden war in den letzten Jahren, war dabei voller Zuversicht gewesen, zu handfesten Ergebnissen zu kommen, und hatte sich zugetraut, eine neue Basis erarbeiten zu können für ihrer beider Zukunft.
Aber dann war er am Morgen nach Paulas Abreise aus einem üblen Traum, dessen Inhalt nach dem Erwachen sofort verschwommen war, hochgeschreckt und hatte nur noch diesen Satz vor sich gesehen wie eine Mauer, die ihn undurchdringlich und dennoch keinen Zweifel daran erlaubend, dass die einzig mögliche Bewegungsrichtung durch sie hindurchgehe, angeschwiegen hatte:
“ Unsere Ehe hat sich zersetzt!“
„Zersetzt“! Was für ein wüstes, seelenloses Wort für den doch schon über dreißig Jahre lang währenden gemeinsamen Weg mit Paula! Er war schockiert gewesen über die Zumutung, einen solchen Ausdruck gewählt haben zu sollen. „Zersetzt!“.
Aber kein Versuch, den gnadenlosen Satz als Traumgespinst abzutun und ihn aus seinem Denken zu verscheuchen, hatte geholfen. „Du hast es gesagt“, hatte er sich immer wieder selbst erinnert, „Du hast es gesagt!“
Und dann hatte ein zehntägiges Martyrium begonnen, das all seine Kräfte herausgefordert hatte bei seinem Versuch, dieses vernichtende Urteil zu verstehen, zu relativieren und wenn möglich aus der Welt zu schaffen.
Er hatte zunächst alles Negative seiner Ehe aufgelistet: die Distanz, die sie plötzlich gespürt hatten, als die Kinder aus dem Haus waren, das Auseinanderdriften ihrer Interessen, die immer kürzer werdenden Zeiten, in denen sie miteinander sprachen, das zunehmend Mechanische in ihren Zärtlichkeiten, die vergeblichen Versuche, mit professioneller Hilfe Lösungen zu finden, und vor allem die gegenseitigen Vorwürfe und die Ermüdung, die beide spürten, ihr erlahmender Wille, einen Ausweg zu finden.
Dann hatte er versucht, das Negative dem Positiven entgegenzuhalten, „das Glas ist entweder halb leer oder halb voll!“, hatte er sich Mut gemacht und war doch immer wieder wie eingebrochen in die Erkenntnis, dass alles, was er an Positivem hätte sagen können, in der Negativliste schon als mangelhaft aufgeführt war.
Gestern Abend dann hatte er sich schließlich eingestehen müssen, dass dieser Satz, der an den Wächtern seines Bewusstseins vorbei in seine Wirklichkeit eingedrungen war, vielleicht zum Ehrlichsten gehörte, was er  jemals gewagt hatte zu denken: „Unsere Ehe hat sich zersetzt!“

Wie eine Ruine hatte das gemeinsame Haus jetzt vor seinem inneren Auge gestanden, an allen Ecken und Kanten bröckelnd, das Dach eingestürzt, die Fenster ohne Scheiben, die Bewohner frierend in ihrer Obdachlosigkeit.
Und voller Traurigkeit hatte er sich schlafen gelegt an diesem letzten Abend vor Paulas Rückkehr: das also war das Ergebnis seines Vorhabens, eine neue Basis präsentieren zu wollen und eine Umkehr zu ermöglichen für ihr Zusammenleben!
Im Traum dieser Nacht hatte er die Ruine noch einmal vor sich gesehen: Fenster- und Türöffnungen waren jetzt zugemauert, und alles zerfiel; er hatte den Weg nicht finden können an einer Wahrheit vorbei, die ihn förmlich erschlagen hatte.

Wie sollte er heute Paula begegnen …
Immer noch kühlte die winterkalte Fensterscheibe seine Stirn, und matt blickte er hinaus in den Garten. Seit Weihnachten hatte es ununterbrochen geregnet, erst heute Morgen war ein wenig Schnee gefallen, der die Dunkelheit unter dem wolkenverhangenen Himmel ein wenig aufhellte. Ein winziger Vogel  kam vom Nachbargarten herübergeflogen und landete auf der Rückenlehne eines der beiden Gartenstühle, die sie im Winter immer draußen stehen ließen, ein kleiner Gartentisch gehörte dazu … alles aus Teakholz, das sah, so hatten Paula und er es immer empfunden, heimelig und einladend aus auch in der kalten Jahreszeit. Nur einen Moment verweilte das Vögelchen, dann flog es wieder davon. Wie gebannt aber blieb sien Blick an der Stelle haften, wo das Holz der Stuhllehne für einen kurzen Augenblick die Ehre gehabt hatte, als fester Boden für diese Körper gewordene Leichtigkeit dienen zu dürfen – denn so kam es ihm vor: wie ein Geschenk, das sich Vogel und Lehne bei dieser leisen Begegnung gemacht hatten.
Er öffnete die Tür zum Garten und ging hinaus, wie magisch angezogen von diesem besonderen Ort, legte sogar kurz seine Hand auf eben jene Stelle der Lehne, ganz behutsam, wie um etwas Lebendiges zu fühlen, und setzte sich schließlich trotz der bitteren Kälte, die er kaum spürte, in den Stuhl.
Aus einem Moment der Ruhe heraus nahmen seine Gedanken eine neue Richtung, als wenn sie sich aus einer anderen, ihm gleichwohl sehr vertrauten Quelle speisten, und er konnte kaum noch verstehen, wie es hatte sein können, dass er sich einem Wort gebeugt hatte, das eine Art Todesurteil über die Gemeinschaft mit Paula war.
Wie die drohenden Schlechtwetterwolken über ihm, so kamen ihm jetzt die Gedanken der letzten Tage vor: düster, beängstigend, wie aufgeladen von einem diffusen, bodenlosen Mangelgefühl, durch das sich ein feines Netz gegenseitiger Vorwürfe zog wie ein mathematisches System, dessen Grundvoraussetzung die wenn auch nur um ein Geringes größere Schuld des Anderen war. Auch seine Negativ – Positiv – Liste hatte letztlich dieser Formel gehorcht.
Jetzt konnte er die Kraft erkennen, die ihr gemeinsames Haus zersetzt hatte in eine Ruine ohne Hoffnung: diese Kraft war der Vorwurf der Schuld, der klammheimlich das Fundament unterwandert hatte.

Was hatte sie denn zusammengeführt, damals? Nein, das war nicht nur Verliebtheit, das war auch ein Gefühl der Zugehörigkeit gewesen, dass sie einander anvertraut seien, darüber hatten sie anfangs auch miteinander gesprochen. Aber war das wirklich ausgelöscht oder nur von dieser Unheil androhenden Wolke verhüllt?
Wie oft hatte er früher dies Gefühl der Ehre empfunden, gemeint zu sein von ihr, beim Namen genannt, erkannt zu sein in seinem Innersten, ganz gleich in welcher Situation, durch Paulas bloße Anwesenheit, so, wie er es eben in der Begegnung zwischen einem kleinen Vogel und, ja: einem Stück Holz … erinnert hatte.
Schützend hielt er eine Hand vor seine Augen, für einen Moment hatte ihn ein Lichtreflex geblendet, der von einem Fenster des gegenüberliegenden Nachbarhauses her gekommen war. Tatsächlich hatte sich eine breite Wolkenlücke aufgetan, und zum ersten Mal seit Wochen konnte er wieder ein Stück blauen Himmels sehen. Dichte Wolkengebilde umgaben diese offene Weite und sprachen von der Quelle des Lichts, das sich ihm – von den Wolkenrändern eingefangen – wie in tausend Formen ausgegossen zeigte, als sei die sich noch im Verborgenen haltende Sonne in Stücke zersprungen. „Zersetzt“, fast lächelte ihn jetzt dies Wort, das ihn so sehr niedergedrückt hatte, an: er wäre ja auch niemals auf den Gedanken gekommen, die Einheit und den Zusammenhalt der alles erhellenden und nährenden Sonne zu bezweifeln, nur weil ihr ein Zerrspiegel vorgehalten wurde!
Und Freude kam in ihm auf und überstieg seine Schmerzen.

 

Sie war etwas früher als angekündigt nach Hause gekommen, leise hatte sie die Haustür aufgeschlossen, um Manfred zu überraschen. In der Zeit, die sie bei ihrer kranken Mutter verbracht hatte, war viel in ihr geschehen. Als sich der Zustand der Mutter von Tag zu Tag verbessert und sich gezeigt hatte, dass sie die schwere Gesundheitskrise überstehen würde, hatte sich in Paula wie aus dem Nichts ein Gefühl ausgebreitet, das sie in dieser Intensität und Tiefe lange nicht mehr – oder vielleicht noch nie – empfunden hatte: Dankbarkeit. Es war für beide, für Mutter und Tochter, eine gute, eine heilsame Zeit gewesen.
Und dann, als sie sich vorhin dem Haus genähert hatte, in dem sie mit Manfred, ihrem Mann, wohnte, mit dem das Zusammenleben so mühsam gewesen war in den letzten Jahren, da war dies Gefühl – nein, das war nicht das richtige Wort – diese Erfülltheit war wieder da gewesen und hatte sich ihr als Vorfreude auf die Wiederbegegnung gezeigt.
Sie hatte schon in allen Zimmern des Hauses nach ihm gesucht und erst, als sie jetzt ein zweites Mal ins Wohnzimmer ging, sah sie ihn viel zu leicht bekleidet draußen in einem der Gartenstühle sitzen.
Ein Lichtreflex, der von einem Fenster des gegenüberliegenden Nachbarhauses her kam, blendete sie, so dass sie ein paar Schritte weiter in den Raum hineingehen musste, um wieder in den Garten hinaussehen zu können. Milde lächelte sie über den kleinen Abdruck auf der Fensterscheibe hinweg, den – „typisch“, dachte sie auch jetzt in einer alten Gewohnheit – Manfreds Stirn hinterlassen hatte.
Und dann sah sie seine Freude, sah seine Träne, ging hinaus, ging zu ihm hin, vergaß alles, was sie hätte sagen wollen und legte einfach nur leise ihre Hand auf seine Schulter, ganz leicht …

( 26.01.2013 )

Des Urknalls stille Quelle

Während in dem kleinen Dorf S. am Fuße der Alpen sich die erste Silvesterrakete ihren Weg durch die enge Zeitspalte zwischen vierundzwanzig Uhr des vergehenden und null Uhr des herannahenden Jahres nach oben in den nachtschwarz alles überwölbenden Himmel bahnt, um dort, sozusagen pünktlich, zu zerbersten und in Tausende farbiger Lichterfunken zu zersprühen, die in vorprogrammierter Choreografie zur Erde zurückregnen werden, während also die Zeit den Sprung macht von der Vergangenheit in die Zukunft und überall in den Häusern die Sektkorken aus den Flaschen knallen, um ebenso pünktlich den Weg freizugeben für den prickelnden Neubeginn,

kracht der 47-jährige Klaus I. auf der Landstraße zwischen L. und V. im Ärger über seine Verspätung, die ihn, wie er fürchtet, um das Vergnügen bringen werde, mit seinen Freunden rechtzeitig auf das Neue Jahr anstoßen zu können, mit seinem nagelneuen Ford Focus frontal in eine Rotbuche, die seit zweihundertfünfzig Jahren Sorge und Eile nicht kennt,

welche den Oberarzt der gynäkologischen Abteilung des Kreiskrankenhauses E. in S. nun doch zu der Entscheidung treiben, die Geburt der kleinen Sabine künstlich zu befördern, wodurch die Lokalzeitung in ihrer nächsten Ausgabe den ersten Geburtsschrei des Jahres als nur Sekunden vom Nullpunkt abweichend wird feiern können,

eine gute Nachricht, welche von Kerstin T., der in der Landmaschinen vertreibenden Firma E. in R. angestellten Noch-Sekretärin, allerdings nur mit melancholischem Desinteresse überflogen werden wird, da sie auf der seit etwa zwei Stunden rauschenden und soeben in die Stunde Null einmündenden Betriebsfeier ihrem Chef als Reaktion auf dessen schwächelndes Distanzgefühl gerade eine schallende Ohrfeige verpasst, was das Ende ihrer innerbetrieblichen Karriere und den Beginn der Aufstiegsmöglichkeiten einer zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten neuen Sekretärin markiert,

ein Silvesterkracher der besonderen Art, den Helga F. aus E. auch dann nicht hören würde, wenn sie direkt neben der Schallquelle stünde, da sie – in ihrer nachträglichen Einschätzung peinlicherweise – vergessen hat, ihre Ohrstöpsel herauszunehmen, als sie nach dem für sie unhörbaren Klingeln beherzt, aber viel zu laut, bei ihrem Hausgenossen Manfred I., mit dem sie nicht nur eine zwanzigjährige Nachbarschaft verbindet, sondern auch die bedauerliche Tatsache, fast ebensolange verwitwet zu sein, anklopft, um endlich einmal mit ihm auf das Neue Jahr anzustoßen, noch nicht ahnend, dass man künftig nur noch eine gemeinsame Wohnung benötigen werde,

eine Fügung des Schicksals, welches Hugo E. aus R. in eine völlig andere Richtung weist, der sich just darüber klar wird, dass der laute Knall in seinen Ohren nicht allein von dem Böller herrührt, den der Junge auf der anderen Straßenseite gezündet hat, sondern – und aus seiner Sicht vor allem – von der Tür, die in seinem Rücken mit solcher Heftigkeit zugeschlagen wird, dass keinerlei Zweifel an der Endgültigkeit des ihm den Rückweg verwehrenden Entschlusses bestehen kann.

Während die Welt also einen Schritt weitergeht und die alten Schalen sprengend überall das Ritual des Neuanfangs gefeiert wird, der lautstark und funkensprühend den vermeintlichen Graben zwischen morgen und gestern überspringt, haben sich die Geschwister Anna und Johannes im Garten des elterlichen Hauses endlich gefunden. Sie stehen einander gegenüber, inmitten krachender Böller, zischender Raketen und klingender Gläser, fassen sich an den Händen und sehen sich in die Augen, sehen den Riss, durch den am Abend auf der Reise hierher – Anna sitzt im Zug, Johannes in seinem Auto –, die Nachricht ihres Bruders Christian, dass er nach Lage der Dinge nicht mehr lange zu leben haben werde und auch nicht zu der gemeinsam geplanten Feier kommen könne, in ihre Wirklichkeit einbricht, sehen diesen Riss im Auge des Anderen weit geworden wie ein offen stehendes Fenster, durch das die Gegenwart ihres Bruders sie schließlich findet …

… und eine Stille, frei von jedem Schrecken, nimmt sie eine ganze Ewigkeit lang zärtlich in den Arm.

( 01.01.2013 )

Zuhause

Die Hände schmerzten schon vor Kälte, aber wenn er stehenbleiben wollte, musste er sich an dem eiskalten Eisengeländer festhalten – und er wollte stehenbleiben!
Sein Blick ging über das abendschwarze Wasser der Binnenalster, weidete sich eine ganze Zeitlang an dem lichterfunkelnden, prächtigen Christbaum inmitten des Sees, wanderte hinüber auf die andere Seite des Wassers zum Ballindamm, der an diesem vorweihnachtlichen Abend in ein besonders festliches Licht getaucht schien, und verweilte schließlich an der Silhouette des Kirchturms von St. Petri:
Dort hatte er vor gut drei Stunden noch gesessen und eine Menge Geld zusammenbekommen, siebenunddreißig Euro in zwei Stunden, das war beachtlich!
Er hatte sich dann aufgemacht, um nach Hause zu gehen. „Zuhause“ sagte er zu dem Ort, wo er schlief und sich mit seinen Freunden traf, Erfahrungen austauschte, Probleme besprach, Rückhalt fand: Auf dem breiten Sockel des Fundaments einer großen Straßenbrücke, die die Seevartenstraße über die Helgoländer Allee führt, auf der täglich tausende von Touristen den Weg von der Reeperbahn hinunter zu den Landungsbrücken finden, dort war sein Zuhause, lange schon, sehr lange.
Er hatte, wie üblich, etwa eine Stunde gebraucht für den Fußweg aus der Stadt hinunter zum Hafen, war seinen vertrauten Weg gegangen: über die Esplanade und den Gorch-Fock-Wall, vorbei an der Musikhalle und dann durch die Wallanlagen bis hin zum Millerntorplatz, hatte erst aufgeschaut, als das gigantische Bismarckdenkmal aufgetaucht war, das ihn zwar immer etwas ängstigte wegen seiner Größe und wegen etwas, für das er längst keine Worte mehr hatte, das ihm gleichzeitig aber auch ein Zeichen war, dass er es bald geschafft haben werde: von einem bestimmten Punkt seiner Strecke aus wies die Spitze des Schwertes, welches der eiserne Kanzler vor sich hält, genau auf sein Zuhause; so jedenfalls kam es ihm immer vor.
Er hatte seine Freunde schon sehen können, als er die Helgoländer Allee hinuntergegangen war, sie hatten sich gerade ein kleines Feuer gemacht, um sich zu wärmen und ihre Sachen zu trocknen, und Vorfreude war in ihm bei diesem Anblick aufgekommen.
Dann aber war er, keine fünfzig Meter entfernt vom Ziel, wie überfallen worden von einer Art Lähmung, er hatte einfach nicht weitergehen können, oder nicht wollen – solche Unterscheidungen traf er längst nicht mehr. Er hatte sich auf das kleine Mäuerchen gesetzt, das den Gehweg zum Alten Elbpark hin begrenzt, und für einen Moment war es ihm vorgekommen, als könne er die Spitze von Bismarcks Schwert im Nacken fühlen.
Zunächst hatte er geglaubt, dass es sein intimster Freund der letzten Jahre sei, der ihn aufhielt, denn es war ihm jetzt plötzlich bewusst geworden, dass er ausgerechnet heute, wo er doch so viel Geld eingenommen hatte, den Alkohol für den Abend und die Nacht vergessen hatte zu besorgen. „Alk“, sagte er nur noch: Alk war der Name seines besten Freundes, den er niemals vergaß! Ärgerlich! Jetzt hätte er die Anderen bitten müssen, ihm auszuhelfen, und das tat er nicht gerne.
Je länger er aber auf dem Mäuerchen gesessen hatte, desto unklarer war ihm geworden, weswegen er die letzten Schritte in die schützende Gemeinschaft nicht gemacht hatte.
Viele Leute waren derweil an ihm vorbeigegangen, die meisten hatten ihn nicht wahrgenommen, was ihm ganz recht gewesen war, einer hatte ihm ein Geldstück hingeworfen, er hatte es nicht beachtet, es war ihm vorgekommen, als habe das mit ihm nichts mehr zu tun.
Irgendwann hatte er nur noch neben sich auf die Wiese, das Gras geschaut und dann, mit einem Mal, ganz plötzlich war das geschehen, hatte er sich … vergessen, er hatte sich einfach vergessen. Die wirbelnden Gedanken, die, seit er damals hinter den Rand der Gesellschaft gestürzt war, nie wieder aufgehört hatten, ihn zu quälen mit unbeantwortbaren Fragen, Erklärungsfetzen, Racheeinflüsterungen, mit Theorien, die immer verwegener geworden waren und vor denen er sich irgendwann begonnen hatte zu fürchten, vor allem aber mit Selbstvorwürfen, immer heftiger werdenden Selbstvorwürfen, dieses Gedankenkarussell, das zusammengehalten war nur durch das einzige stabile Gefühl, das er noch hatte, das Gefühl der Vergeblichkeit, dieser Strom, der zu nichts anderem dazusein schien, als ihn immer tiefer in den Abgrund zu ziehen, … war plötzlich still geworden.
Und da war einfach nichts mehr gewesen, keine Freunde mehr, kein Zuhause, kein Alkohol, keine Leute mehr, die an ihm vorbeikamen und vor allem: er selbst war nicht mehr dagewesen, verschwunden mit den Gedanken.
Nur die Grasbüschel neben sich, die hatte er noch wahrgenommen, wie sie sich leise im Wind bewegt hatten. Sonst nichts.
Ein kleiner, schlanker Grashalm, schonein wenig ausgemergelt vom Winter, hatte etwas abseits gestanden und seinen Blick angezogen: nur ein paar Zentimeter vom nächsten Grasbüschel entfernt, aber dennoch ganz allein.
„Einzeln“, hatte er noch denken müssen. Und dann war da auch kein Wort mehr gewesen, er war wie hineingefallen in diesen Halm und dessen kleine, feine Bewegungen, die gemeinsam mit dem Wind entstanden. Irgendetwas in ihm hatte diese Bewegungen mitgemacht, sie waren tief in ihm zu spüren gewesen, nicht nur mit den Augen zu sehen: dieser Tanz, diese vollkommene Wehrlosigkeit, dieses wortlos-flüsternde Gespräch zwischen Grashalm und Wind, er hatte Teil daran gehabt, sprachlos, gedankenlos.
„Miteinander“ war das erste Wort gewesen, mit dem er wieder aufgetaucht war an die Oberfläche seines Bewusstseins. „Meine Güte“, hatte er sich fast erschrocken gefragt, „kenne ich denn noch solche Wörter?“
Damals, da hatte er freilich die Sprache geliebt, viel gelesen, auch hin und wieder ein Gedicht geschrieben, damals, da hatte er mit solchen Wörtern umgehen können, und das war für ihn wie Trinken aus frischer Quelle gewesen. Aber das war lange vorbei. Seit Alk den Ton angab, war seine Sprache grob und flach geworden und diente mehr dem Verbergen als dem Hervorbringen.
Ein stechender Schmerz hinter dem Brustbein hatte ihn schließlich vollends wieder aufgerüttelt: schon lange hegte er den Verdacht, dass mit seinem Herzen etwas nicht in Ordnung sei, er hatte den Gedanken aber immer wieder verdrängt.
Auch jetzt war er augenblicklich aufgestanden und losgegangen, weg von den Ängsten, die sich da aufdrängen wollten.
Zu seinem eigenen Erstaunen war er aber nicht die letzten Meter zur Brücke und zu seinen Freunden gegangen, sondern zurück in Richtung Innenstadt. Etwas hatte energisch an ihm gezogen, er hatte keinen wirkungsvollen Einwand anführen können: hierher war er zurückgekommen, an die Binnenalster, zu den Lichtern, den Leuten, zu „seiner“ Kirche, die ihm heute so viel Glück gebracht hatte.
Und er wollte stehenbleiben, auch wenn die Hände noch so schmerzten.
Während sein Blick erneut über die Lichter der Stadt hin zum Weihnachtsbaum ging, nannte er sich zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder mit seinem richtigen Namen:
„Es ist nichts verloren, Friedrich“, sagte er zu sich, „gar nichts ist verloren!“
Und dann löste er langsam die Hände vom eisigen Geländer, rieb sie eine Weile aneinander, steckte sie in die Taschen seines zerschlissenen Mantels und machte sich ein drittes Mal auf den Weg.  Nach Hause.

( 17.12.2012 )