Wer bist Du?

 

Ich verbinde mich mit Deinem Horchen
auf die Quelle des Vertrau’ns,
was auch immer uns geschieht,

durch die Zeit hindurch, die auf das einst Gewes’ne zeigt
als der Ursprungsstelle allen Welterbau’ns
und endlos nur der Gegenwart entflieht.

Du bleibst still bei mir und ich versteh‘:
nur an mir liegt, was ich in Dir seh‘.

*

Blätterrauschen

Als sie gestorben war, lagen wir, die wir sie in ihrer letzten Zeit begleitet hatten, vollkommen erschöpft unten im Wohnzimmer auf dem Fußboden – sie, ihren Körper, oben in ihrem Zimmer zurücklassend – mit uns allein …

… allein mit mir … leer … einfach nur leer.

Das Erste, was wiederkam, war das heraufdämmernde Frühlingslicht, welches das Zimmer allmählich erhellte. Ich fühlte das Bedürfnis nach frischer Luft, nach Draußen, nach Weite, stand auf und öffnete die Terrassentür. Unendlich sanfte Luft strömte mir entgegen, als ich hinaustrat ins Freie. Ein leiser Wind bewegte die Blätter der Bäume, sonst nichts, tiefste Ruhe.

Da kam sie wieder zu mir. Aus Allem, den Blättern, dem Wind, den Wolken, dem Gras der Wiese, aus Allem schaute sie mich an und flüsterte mir zu: „Gestorben bin ich, lieber Bruder, aber tot bin ich nicht.“

Irgendwie hob es mir die Arme hoch, ich wollte dieses Flüstern einatmen mit jeder Zelle, es sollte mich anfüllen bis obenhin.

So stand ich da, die Arme erhoben, als wir uns unvermittelt anschauten: in vielleicht dreißig Metern Entfernung stand – wohl schon länger – ein junger Vater auf dem Balkon seines Hauses und hielt einen Säugling im Arm, der selig zu schlafen schien. Alles schwieg eine wortlose Ruhe.

Wir schauten einander an, der Mann schien nicht irritiert zu sein von meinen erhobenen Armen, die ich jetzt langsam herunternahm, tiefe Dankbarkeit empfindend für diesen Vater mit seinem Kind, der mich nicht allein ließ in einem Moment, der mein Leben vollkommen verändert hat. Ich nickte ihm kurz zu und ging wieder hinein.

Wieder hinein.

(  22. Juni 2012 )

Gegenwart

 

In einem Augenblick war alles gut,
Dein Blick mich traf durch Deine Zeilen.
In all den Jahren Angst und Mut
konnt‘ niemals ich derart verweilen

In eines Anderen Wort.
Und alle Lebensungewissheit schwand,
verging in diesen heimatlichen Ort,
wo ich mich Dir in jenem Augenblick verband.

*

Wörter

 

… wie niedergetretenes Gras,
vom Vorwurf unterlaufen
knicken sie ein
und ducken sich vom Licht weg ins Dunkel,
jagen Dich in Schuld und Pflicht,
im Namen dessen, was ist,
was gilt in dieser Welt:
Recht, Ordnung, Normalität, Realität.

Dir geht der Atem aus,
Du kannst nichts gegen ihre Wirklichkeit sagen,
und hörst sie doch
nach Antwort zum Himmel schreien
in ihrer sprachlosen
Niedergetretenheit:
krank, schuld, unheilbar, zu spät,
verspielt, verdammt, verurteilt,
verjagt, vertan, verloren,
gefoltert und gequält,
von allen guten Geistern verlassen.

Klang erstarrt zu Schmerz.

Ihre Spuren, die sie durch den Geist ziehen,
kreuzen sich dort, wo alles ist, was nicht mehr ist:
im Tod.
Und unaufhörlich suchen sie ihr Opfer,
Dich,
um im Namen ihrer Wirklichkeit
den Vorwurf auf Dir abzuladen:
Du bist schuld
an der Zerstörung unserer schönen Welt.

Doch mitten im Lärm
diese stille Lilie,
von der Du spürst, nein: hörst,
dass sie nie einknicken würde,
auch wenn der schwerste Stiefel über sie käme.
Woher kommt dieses Wort?
In wessen Namen vertritt es das, was ist?

Wörter wie Vogelfedern,
getragen von Dankbarkeit,
der Luft und dem Licht sich hingebend,
von der Liebe selbst
zusammengehalten in Leichtigkeit
und mit Sinn erfüllt.

Blütenlicht
winkt die Blume
dem federleichten Vogel zu,
und von der Macht dieses Grußes
richtet sich das Gras ringsumher
wieder auf.

*