Blätterrauschen

Als sie gestorben war, lagen wir, die wir sie in ihrer letzten Zeit begleitet hatten, vollkommen erschöpft unten im Wohnzimmer auf dem Fußboden – sie, ihren Körper, oben in ihrem Zimmer zurücklassend – mit uns allein …

… allein mit mir … leer … einfach nur leer.

Das Erste, was wiederkam, war das heraufdämmernde Frühlingslicht, welches das Zimmer allmählich erhellte. Ich fühlte das Bedürfnis nach frischer Luft, nach Draußen, nach Weite, stand auf und öffnete die Terrassentür. Unendlich sanfte Luft strömte mir entgegen, als ich hinaustrat ins Freie. Ein leiser Wind bewegte die Blätter der Bäume, sonst nichts, tiefste Ruhe.

Da kam sie wieder zu mir. Aus Allem, den Blättern, dem Wind, den Wolken, dem Gras der Wiese, aus Allem schaute sie mich an und flüsterte mir zu: „Gestorben bin ich, lieber Bruder, aber tot bin ich nicht.“

Irgendwie hob es mir die Arme hoch, ich wollte dieses Flüstern einatmen mit jeder Zelle, es sollte mich anfüllen bis obenhin.

So stand ich da, die Arme erhoben, als wir uns unvermittelt anschauten: in vielleicht dreißig Metern Entfernung stand – wohl schon länger – ein junger Vater auf dem Balkon seines Hauses und hielt einen Säugling im Arm, der selig zu schlafen schien. Alles schwieg eine wortlose Ruhe.

Wir schauten einander an, der Mann schien nicht irritiert zu sein von meinen erhobenen Armen, die ich jetzt langsam herunternahm, tiefe Dankbarkeit empfindend für diesen Vater mit seinem Kind, der mich nicht allein ließ in einem Moment, der mein Leben vollkommen verändert hat. Ich nickte ihm kurz zu und ging wieder hinein.

Wieder hinein.

(  22. Juni 2012 )

Ein Gedanke zu “Blätterrauschen

  1. „Gestorben bin ich, lieber Bruder, aber tot bin ich nicht.“
    Welch eine frohe Botschafft von einem, der aus dem Körper auszog!
    Erhören mag sie allein der Jenige, der schon vor dem Sterben dieses Menschen gelernt hat, ihn als das Gebleibende zu schauen: Als Seele.
    Wer den Körper und das Unwesentliche als unabdingbare Anteile dieses Menschen deutet, der wird ihn nach dessem Sterben als „tot“ erachten, weil der Körper und das Unwesentliche nun leblos geworden sind.
    Liebe aber ist stärker denn der Tod: Dies erkennt, wer schon vor dem Sterben sich in der Tiefe als EINS mit dem Geliebten findet. Zwischen den Seelen ist keine trennende Grenze. Sie sind des Unendlichen Kinder.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s