Autor: Michael

Kommunikation oder doch lieber Kommunion?

Wer einen Zugang zu „dementen“ Menschen bekommen will, muss sich mit dem, was zwischen uns als „Kommunikation“ gilt, auseinandersetzen. Und wer sich von diesen Menschen wahrhaft berühren lässt, erfährt von einer Ebene unserer Kommunikation, die immer da ist, aber in der Regel vergessen, agelehnt und tabuisiert wird. Wir übersehen nur zu gern, dass wir uns mit dem Mittel der Kommunikation vor allem auf Distanz voneinander halten.

Hier eine weitere Leseprobe aus dem Buch „Ich hab‘ auf dich gewartet, Bruder“:

Aller Beziehungsstress ist Kommunikationsstörung. Wenn wir uns »nicht mehr verstehen«, wird’s eng. Ein Heer von Psychologen lebt davon, uns zu erklären, wo die Störungen herkommen, wie man sie beheben kann und immer wieder neu: was Kommunikation überhaupt sei. Man musste uns sogar sagen, dass wir auf verschiedenen Ebenen miteinander sprechen – falls wir noch miteinander sprechen! In einem Satz sollen wir angeblich gleichzeitig Information, Selbstdarstellung, Einschätzung des anderen und unser an ihn gerichtetes Ansinnen, was er jetzt gleich tun soll (gemeint ist das Kommunikationsmodell des Friedemann Schulz von Thun) als Wortschwall abliefern: »Der Müll muss runter!«
Also gut, es ist was dran! …

Das erhellt jedenfalls die als Tatsache missverstandene Halbwahrheit, dass Kommunikation komplex und schwierig sei und eine Verständigung, die ihren Namen verdient hätte, letztlich als unmöglich angesehen werden müsse. Die Beziehung zwischen Frau und Mann ist ein gern herangezogenes Beispiel, um diese Annahme zu untermauern.

Um den Fallgruben gegenseitigen »Verstehens« zu entgehen, haben wir neuerdings die Verflachung der Sprache erfunden. Dazu hat die Digitalisierung der Kommunikation die Steilvorlage geliefert: Wenn die SMS abgeschickt ist und zwei Häkchen hinter der Whatsapp-Nachricht erscheinen, gelten sie als verstanden. Eine Grammatik, die – jedenfalls zu Zeiten, an die ich mich noch schemenhaft erinnere – die ganze Vielfalt der Zwischentöne aufgenommen und transportfähig gemacht hat, ist inzwischen unerwünscht. Und schleichend, aber unerbittlich, sind wir voreinander in virtuelle Räume ausgewichen, aus denen heraus wir zuerst festlegen, ob wir den nächsten digital sinnverkürzten Zwitscherer in eine Gruppe schicken, mit der wir sowieso im Konsens sind über Freund und Feind, oder lieber mal zur Abwechslung mit einem kernigen Statement in einen konfrontativen Kreis reinchatten wollen. Das Risiko, auf einen echten Menschen samt seiner spontanen, unvorhersehbaren und damit unberechenbaren Willensäußerungen zu treffen, ist fast auf null gesunken verglichen mit Zeiten, in denen der Bäcker-Azubi mir die Brötchen noch über den Tresen gereicht hat, ohne gleichzeitig seine Mails zu checken.
Die Kassiererin bei Aldi zieht längst die Waren über einen Scanner, was all die kleinen Gespräche über ihre frappierende Leistung, sogar die Nummer der gestern erst ins Sortiment aufgenommenen Dauerwurst auswendig zu wissen, überflüssig gemacht hat … das Fachsimpeln mit dem Automechaniker über das befremdliche Motorgeräusch entfällt, weil der Experte auf die Frage: »Was hat er denn wohl?« nur achselzuckend sein Diagnosegerät anstöpselt … und an der Fußgängerampel ist mal wieder fast eine Vollbremsung nötig, weil der mit seinem Smartphone flirtende Zebrastreifen-User erst im allerletzten Moment – einen Fuß hat er schon mal auf die Straße gesetzt – zu erkennen gibt, dass er genau wie ich weiß, dass ich Grün habe!

Dass in einem solchen Kommunikationsklima Beziehungen genauso sprachlos und austauschbar werden wie die Emojis, mit denen wir unsere Gefühlswelt mittlerweile zu vermitteln gewohnt sind, liegt auf der Hand. Beziehung ist Kommunikation.

Was dennoch inmitten all der hilflosen Versuche, unser Miteinander und Gegeneinander verständlich zu machen und dabei unsere Kommunikationsgewohnheiten einer technikhörigen Welt anzupassen, gelassen Sie Selbst bleibt, ist die Wahrheit, und sie ist unbeirrbar Kommunion. Unsere Verbundenheit in einer Liebe, die alles umfasst, jedem Ding seine eigentliche Bedeutung gibt und eines jeden wahre Identität ist, kann nur vergessen, nicht aber unwahr gemacht werden.

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Wo ist mein Zuhause?

Eine kleine Leseprobe aus dem Buch „Ich hab‘ auf dich gewartet, Bruder“, das ich zusammen mit einem Freund gerade dabei bin zu schreiben und das in etwa einem Monat erscheinen wird. Mein Teil darin ist, mit einer spirituellen Perspektive auf die „Demenz“ zu schauen und dabei dem Gedanken der „Heilung“ nachzugehen.

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Die Heimaten, die wir uns ersinnen in Anpassung an unsere jeweils erlebten Realitäten, sind vielfältig, wechselhaft und stets vorläufig. Der eine findet sein Zuhause in der Familie, ein anderer an einem bestimmten Ort, in der Hierarchie des Berufslebens, in besonderen Fähigkeiten seines Körpers oder in geistigen Inhalten. Das alles aber ist »Heimat auf Zeit« und entbehrt eines Elementes, nach dem wir uns wohl alle zutiefst sehnen: der Gewissheit. Wo bin ich wirklich – oder noch deutlicher gefragt: wahrhaft – geborgen, zu welchem Ort kann ich sagen: Hier bin ich von allem erkannt und hier erkenne ich alles? Wer bin ich … eigentlich?

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Wir können die Beantwortung dieser Frage genauso weit hinausschieben, wie die Elastizität unserer Fähigkeit zur ausgrenzenden Interpretation reicht. Eine selbstdefinierte Heimat braucht die Fremde, gegen die sie sich abheben kann, um »vertraut« zu werden.

Für diejenigen aber unter uns, die »demenzkrank« genannt werden, eben weil diese Fähigkeit – vielleicht nur ein wenig – nachgelassen hat, ist eine solche vorläufige Heimat als Spiegel der eigenen Identität keine zufriedenstellende Option mehr.

Kein Wunder ist es also, wenn »Heimat« zur Kernfrage des Demenzkranken wird, die er mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, subtil oder geradeheraus jedem stellt, der ihm begegnet und die er in seinem gesamten Verhalten zum Ausdruck bringt.

»Wo bitte gehöre ich hin, wo bin ich zu Hause? Kannst du mir da weiterhelfen?«

Die Angebote, die ihm begreiflich machen wollen, dass er im Hier und Jetzt – da, wo er gerade lebt – sein Zuhause gefunden hat, fruchten meist wenig: Zu sehr irritiert die Vergesslichkeit, und zu viel Misstrauen den Auskünften anderer gegenüber hat sich aufgebaut. ›Wie soll ich glauben, an einem Ort zu Hause zu sein, an dem jemand, den ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, behauptet, er kenne mich seit Jahren oder sei sogar mit mir verwandt? Genauso wenig kann ich doch ein Haus meine Heimat nennen, in dem irgendwelche Leute täglich, wahrscheinlich auch nachts, die Möbel gegen andere austauschen, meine besten Hemden klauen und mich zum Zähneputzen zwingen wollen. Sie nennen diesen Ort vielleicht »Seniorenheim«, aber ich habe meine berechtigten Zweifel: Warum zum Beispiel wird hier ständig alles so umgebaut, dass man sich nicht mehr zurechtfindet? Ein »Heim« ist doch wohl etwas ganz anderes! Gerade gestern beispielsweise haben sie die Tür zum Garten einfach zugemauert und mein Zimmer auf eine andere Station verlegt. Natürlich glaubt mir niemand, wenn ich mich beklage. Und diesen Leuten soll ich mein Vertrauen schenken, wenn sie mir sagen wollen, wo ich zu Hause sei? Das Dumme ist nur: Es ist niemand anderer hier, den ich fragen könnte … vielleicht meine Tochter, wenn sie heute Abend kommt …. sie kommt doch heute Abend? … ich habe doch eine Tochter? … wie heißt sie nur? …‹

Vielen Demenzkranken steht die Frage, wohin sie gehören und wer sie sind, den ganzen Tag über stumm flehend ins Gesicht geschrieben – vielleicht fragen sie dich gerade, wie spät es sei oder ob es schon Mittagessen gebe – und ihr Tonfall bezeugt dabei bereits die tausendfach enttäuschte Hoffnung, dass irgendwann einmal die eigentliche Frage beantwortet werden wird. »Es ist zwölf Uhr, Sie können gern schon in den Speisesaal gehen!« Dann hörst du als Antwort auf deine bemühte Auskunft möglicherweise ein artiges »Danke«, welches das Potenzial hat, Herzen zu brechen: ›Nein, du hast es mir wieder nicht sagen können, wo ich hingehöre. Trotzdem danke‹.

Für den demenzkranken Menschen wird die Frage nach seinem Zuhause und seiner Identität unaufschiebbar.

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Der Bruder

Das ist ja das Schöne: dass du mein Bruder bist, da kann ich sicher sein, bei allen anderen Einordnungen des „Du“ muss ich mich fragen, ob wir uns richtig verstanden haben, wie du’s gemeint hast, ob bei dir angekommen ist, was ich gemeint habe, welche Emotionen eine Rolle gespielt haben, ob es eine untergründige Botschaft gegeben hat bei dem, was du mir gesagt hast, was deine Gesten bedeuten, deine Körpersprache und und und. Am Ende kommt ein Häkchen hinter die spezielle Bedeutung, die du für mich hast: Mag ich, brauch ich, mag ich und brauch ich, mag ich nicht aber brauch ich, mag ich nicht und brauch ich nicht, mag ich und brauch ich nicht, ist mir egal.

Wie erholsam ist es, auf dich als meinen Bruder zu blicken: muss ich weder mögen noch nicht mögen, brauch ich nur zur Verstärkung meiner Freude, lieb ich.

Herrlich einfach. Das bist immer du.

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Eben begegnet mir in „meinem“ kleinen Park, den ich fast täglich aus reinem Bewegungsdrang mehrfach umrunde, der ältere Herr, der mir dort oft bis fast immer begegnet und der im Besitze eines Hundes samt Leine und damit einer Legitimation zur Umrundung des Parkes ist. Hundeloses und damit leinenloses Umrunden, wie ich es praktiziere, wird hier geduldet, aber ein leicht beunruhigtes „Warum?“ ist dennoch in den Augen der Hundebesitzer zu sehen, wenn ich sie grüße und dafür ja eigentlich keinen Grund, also keinen Hund vorweisen kann.

„Unermüdlich!“, empfängt mich jetzt der Herr mit Strohhut, „und so vergeht Jahr um Jahr!“

„Ach die Zeit..“ sage ich, „lassen Sie sie doch vergehen, wir haben ja noch was anderes zur Verfügung! Betrachten Sie doch mal diesen Park hier z.B. jeden Tag neu, dann haben Sie gar keine Zeit für die Zeit!“

Er kennt mich ja schon ein bisschen und nickt, als wolle er sagen: Sie mit ihrer Gegenwart, das hört sich ja ganz gut an, aaaaaber…. und sagt:

„Aber die Vergangenheit war auch ganz schön!“

„Na klar“, erwidere ich, „aber auch in der Vergangenheit war es doch immer die Gegenwart, die schön war, oder?“.

Da zieht der Hund energisch an der Leine und der Herr unterm Hut zieht Leine, wenn man das so sagen darf.

Damals, denk ich, da hast du den Bruder getroffen, und das war das einzig Schöne am Damals. Und gerade hast du den selben Bruder wiedergetroffen…. und nicht wirklich erkannt. Das ist das Bedrückende an dem was du deine Gegenwart nennst, in der du dich gealtert siehst im Vergleich zum Damals und deiner Zukunft nur noch ein paar Jahre Zeit gibst, wenigstens ein paar helle Momente zu enthalten, neben dem Schrecken des Sterbens, das sie ja unausweichlich mit sich bringen wird.

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Aber Bruder, wenn das wahr wäre, wie hättest du heute den selben Bruder treffen können, mit dem es in deinem Damals schon so schön war? Und du hast ihn wiedergetroffen, ganz genau den Selben, ich kann es bezeugen!

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Ich.

Gebe mein bedingungsloses Ja
In Dein unsichtbares Sein,
Wortlos mein Gebet,
Ohne Wunsch und Richtung, was ich wähle;
Wie ein Segen
Dehnt sich Frieden aus,
Wie vom Regen
Heilt die Dürre,
Und endlich bleibst Du.
Ich.

 

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